[English version below]
Ackerlandschaften. Felder terrestrischer Kräfte.
Der Acker ist ein zentraler Schauplatz der ökologischen Krise unserer Gegenwart: Zur Steigerung landwirtschaftlicher Produktivität werden Wälder gerodet, Feuchtgebiete trockengelegt und gewachsene Landschaftsstrukturen umgeformt. Andernorts werden Nutzflächen renaturiert, Düngevorschriften verschärft und ökologische Alternativen zu intensiv bewirtschafteten Monokulturen gefördert. An diesen und verwandten Phänomenen zeigt sich der Acker als ein Knotenpunkt ökologischer, ökonomischer und kultureller Kräfte. Für Ernährung, Gesundheit und gesellschaftliche Ordnungen, aber auch für Ökosysteme, Biodiversität und Klima ist von unmittelbarer Relevanz, wie sich auf dem Acker das Miteinander biologischer Prozesse, menschlicher Arbeit und sozialer Machtverhältnisse gestaltet.
Der Workshop nimmt diese aktuellen Debatten zum Anlass, künstlerische und kulturelle Auseinandersetzungen mit dem Acker zwischen Vormoderne und Gegenwart zu untersuchen. Kunst, Literatur und andere kulturelle Zeugnisse bieten ein besonders aufschlussreiches Archiv dafür, wie der Acker als Gefüge unterschiedlicher – menschlicher und mehr-als-menschlicher – Kräfte verstanden wurde. Sie zeigen, dass Ackerlandschaften nicht nur Produktionsräume sind, sondern auch Orte symbolischer Ordnung, sozialer Imagination und ökologischer Reflexion.
Historisch gilt der Acker als paradigmatischer Ort der Kultivierung von Natur. Die Furche, die der Pflug durch das Feld zieht, wurde vielfach als Sinnbild rationaler Ordnung, technischer Aneignung und politischer Durchdringung der Erde verstanden. In globalen Umweltgeschichten erscheint Landwirtschaft daher häufig als Ausdruck eines menschlichen Anspruchs auf Kontrolle über die Natur. Gleichzeitig verweisen viele historische Darstellungen des Ackerbaus auf etwas anderes: auf die grundlegende Abhängigkeit menschlichen Handelns von komplexen ökologischen Beziehungen. In frühneuzeitlichen Naturphilosophien wird etwa eine universelle Lebenskraft beschrieben, die das Wachstum in Pflanzen, Tieren und Mineralien hervorbringt. Agrarische Reformprojekte versuchten, solche Kräfte durch chemische Experimente, Saatgutbehandlungen oder Düngemittel praktisch nutzbar zu machen. In diesem Kontext erscheinen Äcker als Umschlagplätze ineinandergreifender Energie- und Stoffkreisläufe, deren Fruchtbarkeit durch menschliche Praktiken sowohl erschöpft als auch regeneriert werden kann. Der Acker wird so zu einem Ort, an dem anorganische, pflanzliche, tierische und soziale Kräfte nicht nur nebeneinander existieren, sondern sich gegenseitig beeinflussen, verstärken oder erschöpfen.
Gesucht sind Beiträge aus u.a. Kunstgeschichte, Literaturwissenschaft, Umweltgeschichte, Agrarwissenschaft, Kulturanthropologie, Landschaftsgeschichte, Philosophie und Theologiegeschichte, die diese sozioökologischen Kraftfelder des Ackers untersuchen und folgende oder andere Fragen adressieren:
Naturkultur
Bei agrarischen Realitäten und Imaginarien greift eine simple Dichotomie von Kultur und Natur regelmäßig zu kurz: Was erzählt die Rezeptionsgeschichte antiker Mythen und christlicher Legenden über das sich wandelnde Verständnis von Kultivierung? Wie befragen Kunstwerke das komplexe Miteinander menschlicher und mehr-als-menschlicher Kräfte im Acker? In welchen materiellen und textlichen Zeugnissen der Vormoderne wurzeln permakulturelle Praktiken?
Mutterboden
Der Säman ist typischerweise männlich, während Mutter Natur Feldfrüchte trägt: Wie beförderten derartige binäre Geschlechtervorstellungen landwirtschaftliche Ordnungsmodelle? Was erzählt das wechselseitige Befruchten menschlicher und pflanzlicher Sexualmetaphorik über die Fluidität von Seinsgrenzen? Wie bestärkten oder verkomplizierten Mythen, Legenden und Ackererfahrungen hierarchische Männlichkeits- und Weiblichkeitsbilder?
Landnahme
Die Geschichte des Ackerbaus ist eng mit kolonialen und extraktivistischen Praktiken verknüpft: Wessen Körper und Kraft werden für die Feldarbeit mit welchen Mitteln mobilisiert? Wie reflektieren, verstärken oder konterkarieren seit den vormodernen Anfängen der Globalisierung künstlerische Praktiken die Logiken landwirtschaftlicher Aneignung (wie Rodung, Monokulturen oder Neophyten-Handel)? Wie können Kunstwerke helfen, Landwirtschaft anders zu denken und der Privilegierung ‚moderner‘ Agrarwirtschaft wie der Delegitimierung vormoderner, indigener wie alternativer Bodenpraktiken entgegenzuwirken?
Provinzialismus
Bukolisch ist der Hirtenstab, nicht die Sense; und während der Garten Rückzugsort des Gelehrten ist, gilt der ackernde Bauer als sprichwörtlich dumm: Mit welchen Metaphern, Sehnsuchtsbildern und Morallehren sind der Acker und seine Bearbeitung belegt? Welche Eigendynamik entwickelt der Acker zwischen den Topoi ‚unberührter Wildnis‘ und ‚dekadenter Stadtkultur‘? Ist die geringe Erforschung landwirtschaftlicher Dimensionen der Kunst- und Kulturgeschichte Zeichen eines urbanen Provinzialismus, der stereotype Asymmetrien reproduziert?
Energielandschaft
Das Urbarmachen von Anbauflächen ging häufig mit der Gewinnung fossiler Energieträger wie Holz und Torf einher: Wie wurde dieser Zusammenhang reflektiert? Welche narrative Verschiebung bedeutete es dagegen, wenn Äcker in Polderlandschaften einen hohen Energieeinsatz voraussetzten? Und in welchen Kontexten wurden Felder, Wiesen und Flure selbst als Energielandschaften dargestellt, die Menschen und Tieren Lebenskräfte zuführen?
Konvivialität
Der Acker ist ein ‚Co-Working-Space‘: Wie wurde das notwendige Miteinander von Tieren und Menschen bei der Feldarbeit bewertet? Was erzählen dagegen Narrative, Metaphern und Bilder, die der Kräftekonkurrenz bzw. der Ertragsminderung durch ‚Wildtiere‘ entspringen, über das Verhältnis zwischen Menschen und anderen Tieren? Welche Artefakte erzählen von einem ökologischen Bewusstsein (avant la lettre) für die positiven und negativen Auswirkungen der Landwirtschaft auf unterschiedliche Tierpopulationen?
Der Workshop findet am 28.–29.01.2026 bei der DFG-Kolleg-Forschungsgruppe „Imaginarien der Kraft“ der Universität Hamburg statt. Reisekosten können in angemessenem Umfang erstattet werden. Wir bitten um deutsche oder englische Abstracts von nicht mehr als 300 Wörtern für wahlweise einen 30- oder 20-minütigen Vortrag zu oben genannten und anderen anschlussfähigen Themen bis zum 01.07.2026 an folgende Adresse: franca.bussuni-hamburg.de
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Agrarian Landscapes: Fields of Terrestrial Forces.
The arable field is at the heart of the ecological crisis of our time. To increase agricultural productivity, forests are cleared, wetlands are drained, and established landscape structures are transformed. Elsewhere, however, agricultural land has been renaturalized, fertilization regulations have tightened, and ecological alternatives to intensively managed monocultures have been promoted. These and related phenomena reveal the field as a nexus of ecological, economic, and cultural forces. The interplay of biological processes, human labor, and social power relations on the field is of immediate relevance to not only food systems, health, and social orders, but also to ecosystems, biodiversity, and the climate.
Taking these current debates as a starting point, the workshop will examine artistic and cultural engagements with the arable field from the premodern period to the present. Art, literature, and other cultural artifacts offer a particularly revealing archive of how the field has been understood as an intersection of diverse forces – human and more-than-human forces. They demonstrate that arable landscapes are not merely sites of production, but also spaces of symbolic order, social imagination, and ecological reflection.
Historically, the field has been regarded as a paradigmatic site of the cultivation of nature. The furrow drawn by the plow is often interpreted as a symbol of rational order, technological appropriation, and the political stewardship of the land. In global environmental histories, agriculture thus frequently appears as an expression of a human claim to control and conquer nature. However, many historical representations of agriculture point to something else: the fundamental dependence of human action on complex ecological relations. Likewise, early modern natural philosophies posited a universal life force responsible for growth in plants, animals, and minerals. Meanwhile, agrarian reform projects sought to render such forces usable through chemical experimentation, seed treatment, and fertilization techniques. Fields therefore emerge as sites where cycles of energy and matter intersect. Their fertility arises from the interaction of microbial activity, animal organisms, and plant metabolic processes, which can be both depleted and regenerated through human practices. The field thus becomes a place where inorganic, vegetal, animal, and social forces not only coexist, but mutually influence, amplify, or exhaust one another.
We invite scholars from various disciplines, including art history, literary studies, environmental history, agricultural science, cultural anthropology, landscape history, philosophy, and the history of theology. Contributions should investigate the socio-ecological forces of arable land and address the following questions, or related ones:
Nature/Culture
In both agrarian realities and imaginaries, the simple dichotomy of culture and nature often proves inadequate: What does the reception history of ancient myths and Christian legends reveal about changing understandings of cultivation? How do artworks explore the complex interplay of human and more-than-human forces in agriculture? What material and textual sources from the premodern period are permaculture practices rooted in?
Mother Earth
The sower is typically male, while Mother Nature bears the crops: How have these binary gender conceptions informed models of agricultural order? What insights does the interplay of human and vegetal sexual metaphors offer into the fluidity of ontological boundaries? And how have myths, legends, and agricultural experience both reinforced and complicated hierarchical constructions of masculinity and femininity?
Land Appropriation
The history of agriculture is closely intertwined with colonial and extractivist practices: Whose bodies and labor are mobilized for fieldwork, and by what means? Since the premodern beginnings of globalization, how have artistic practices reflected, reinforced, or subverted the logics of agricultural appropriation (such as deforestation, monocultures, and the trade of neophytes)? How can artworks help us to rethink agriculture, countering the privileging of ‘modern‘ agrarian systems and the delegitimization of premodern, Indigenous, and alternative soil practices?
Provincialism
The pastoral is associated with the shepherd’s staff rather than the scythe. While the garden is a place of scholarly retreat, the plowing peasant is proverbially considered foolish. What metaphors, nostalgia, and moral lessons are associated with the field and its cultivation? How does the field relate to the topoi of ‘untouched wilderness‘ and ‘decadent urban culture‘? Does the relative neglect of agricultural dimensions in art and cultural history signal an urban provincialism that reproduces stereotypical asymmetries?
Energy Landscapes
The conversion of land into arable fields has often been accompanied by the extraction of fossil energy sources such as wood and peat. How has this relationship been reflected? What difference did it make when landscapes required a high energy input to be cultivated, as in polder landscapes? In what contexts have fields, meadows, and farmland themselves been depicted as energy landscapes providing vital resources to human and non-human animals?
Conviviality
The field is a ‘co-working space‘: How has the necessary cooperation between humans and animals in fieldwork been evaluated? Conversely, what can narratives, metaphors, and images arising from competition for resources or crop loss due to ‚wild‘ animals tell us about multi-species relations? Which artifacts demonstrate an ecological awareness of the positive and negative impacts of agriculture on different animal populations?
The workshop will take place on January 28–29, 2027, at the DFG Centre for Advanced Studies „Imaginaria of Force“ at the University of Hamburg. Travel expenses will be reimbursed within reasonable limits. We invite submissions of abstracts in German or English (max. 300 words) for 30- or 20-minute presentations on the above or related topics by July 1, 2026 to the following address: franca.bussuni-hamburg.de
Quellennachweis:
CFP: Ackerlandschaften. Felder terrestrischer Kräfte (Hamburg, 28-29 Jan 27). In: ArtHist.net, 14.04.2026. Letzter Zugriff 15.04.2026. <https://arthist.net/archive/52214>.