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Der 2025 in der American University in Cairo Press erschienene und von Sami Luigu de Giosa und Nikolaos Vryzidis herausgegebene Sammelband vereint internationale Beiträge interdisziplinär Forschender. Thematischer Schwerpunkt sind materiellen Kulturen in islamischen und christlichen Kontexten. Gewidmet ist der Band Doris Behrens-Abouseif, die ihr Lebenswerk besonders der Architekturgeschichte des islamischen Kairo widmete und für viele, die sich mit diesem Feld beschäftigen, eine Referenz und Basis bildet. Sicher ist es kein Zufall, dass einige im Band versammelte Studien besonders die Geschichte materieller Kultur dieser Stadt beleuchten, weil dort seit Langem ein besonders ausgewiesener Forschungsschwerpunkt zu Architektur- und Kunstgeschichte besteht.
Gleichzeitig ordnen sich die Herausgeber von Beginn an dem gegenwärtigen, breiten Diskurs um die Erforschung von materieller Kultur zu: Es geht um die vieldimensionale Eingebundenheit von Gegenständen in soziale Praktiken, ebenso wie um Verhältnisbestimmungen zwischen vermeintlich kulturellen Zentren und Translokalität. Dies umreißt zunächst Mariam Rosser-Owen, Kuratorin der Islamabteilung des British Museum in London, in ihrem Vorwort.
Im Hintergrund steht, laut Einführung der Herausgeber (1), eine Debatte um die Einheitlichkeit des Mittelmeerraums, zurückgehend auf eine These des französischen Historikers Fernand Braudel.[1] Der Band versteht sich als Beitrag zu einer fortgesetzten Debatte um einen Charakter des Mittelmeerraum als entweder kulturell eigenständig oder kulturell vernetzt, samt der Möglichkeit lokaler Kontinuitäten oder Diskontinuitäten. Dem wird nun mit Blick auf materielle Kulturen in mikrohistorischen Studien zu größeren Verflechtungsgeschichten nachgegangen. Die Label einer christlichen oder islamischen Einbindung werden mit Blick auf einen breiten Religionsbegriff anhand konkreter Fallstudien akzentuiert. Die geschieht in dem Bewusstsein, dass „Islamische“ oder „Christliche oder „Jüdische Kunst“ als Kategorien nicht mehr haltbar sind, wobei die Verweise auf spezifische, religiös geprägte Gesellschaften aber dennoch heuristischen Wert haben können. Die Herausgeber gehen dabei von eigentümlichen „ästhetischen Räumen“ aus (4).
Die Stärke der Beiträge und Intention des Bandes liegt darin, in diesem Sinne noch wenig beleuchteten Feldern von Objekten ganz unterschiedlicher Materialität nachzugehen. Die einzelnen Beiträge sind sorgfältig bearbeitet und belegt und verbinden Arbeit an den Dingen oder Bauten mit historisch kontextualisierenden Textquellen und Archivalien. Die Beiträge sind in unterschiedlichem Maße illustriert, wobei die Qualität der Abbildungen leicht variiert. Im Mittelteil findet sich ein die Beiträge verbindender, farbiger Bildteil.Die Untersuchungen sind in die drei Felder Wirtschaft, Ritual und Architektur gegliedert. Sie reichen im ersten Teil von bacini, Keramikgefäßen im venezianisch beherrschten Kreta, die auf dessen Handelsbeziehungen mit Spanien und den Mamluken verweisen, wie Maria Bormpoudaki erläutert. Beleuchtet werden „andalusische“ Textilien und ihre Zuschreibungen als Teil des Warenverkehrs bis nach Zentralasien im Aufsatz von Ana Cabrera Lafuente. Es geht um die Produktion christlich konnotierten Balsam-Öls in Matariya bei Kairo mit Blick auf mamlukische wirtschaftliche Kontrolle dieses sehr exquisiten Produkts, was Hani Hamza in seinem Beitrag darstellt. Bucheinbände mit geometrischen und floralen Dekors werden bezogen auf Austausch sowohl von Techniken der Buchherstellung und Gestaltung als auch von Buchhandel zwischen Europa und dem südlichen Mittelmeerraum behandelt, wie im Beitrag von Alison Ohta deutlich wird.
Im zweiten Teil mit Fokus auf rituelle Dimensionen ist die Marmorverkleidung des Mausoleums Süleymans des Prächtigen Thema. Sie verwendete Teile der Marmorverkleidung der Hagia Sophie und war mit sakralmagischen, christlichen Inschriften versehenen. Dies lässt auf Mechanismen herrschaftlicher Machtausübung schließen, legt der Beitrag von Faruk Bilici und Hélène Fragaki nahe. Komposit-Objekte wie ein Kerzenständer mit seldschukischem Fuß und griechisch-orthodoxem Kreuz zeugen umgekehrt von einer auch für byzantinische Eliten anschlussfähigen imperialen Symbolik arabischer Dynastien, so der Aufsatz von Nikolaos Vryzidis und Paschalis Androudis. Vor dem Hintergrund islamisch-ägyptischer tiraz-Textilien mit arabischen Schriftbändern als Gunsterweise der Herrschenden an Untergebene untersucht Arielle Winnik Textilien, deren koptische Schrift auf eine andersartige soziale Praxis und christliche Identität verweisen. Darin wurden sogar Hinweise auf individuelle Träger und Trägerinnen eingeschrieben.
Im Teil drei werden zunächst Architekturgeschichten um Spolien in Kairo erzählt, die von der altägyptischen Zeit über christliche hin zu islamischen Bauten wieder verwendet wurden. Dies erhellt überraschende Perspektiven auf Vorläuferkulturen, wenn Mamluken sich zu altägyptisch-hermetischen Zeichen in einem Bauelement affin zeigten. Das stellt Sami Luigi de Giosa heraus. Das Bildprogramm und herrschaftliche Repräsentation einer Kirche in Georgien erweisen sich laut Nino Simonishvili als vielschichtige und religiös plurale Bezugssysteme, die Aushandlungsprozesse zwischen Georgien, den Sassaniden und der islamischen Welt greifen lassen. Zum Schluss untersucht Richard Piran McClary das gewöhnlich mit „islamischer“ Architektur verbundene Element des muqarnas auf dessen Vorkommen in Kirchen in Anatolien und dem Irak und zwingt die Forschung so zu einer Weiterung der Perspektive über eine gängige Erzählung von Architekturgeschichte hinaus.
Meist noch gar nicht oder wenig beleuchtete Felder geben über die umrissenen Mikrostudien und sehr unterschiedlicher Arten der kulturellen Verflechtung wichtige Impulse: Diese Interdependenzen können so in ihrem ganzen Variationsreichtum gegenüber früheren Annahmen – wie z.B. der Verwendung architektonischer Spolien aus pragmatischen Gründen – überhaupt erst einmal herausgestellt werden. Objektgruppen im Sinne materialbezogener sozialer Praxis zu untersuchen, erlaubt neue Schlüsse: Wir lernen, dass das große Interesse Bibliophiler an Büchern aus fernen Regionen zur Übernahme leicht transportierbarer Buchdeckel samt ihrer Dekors veranlasste. Und es wird erkennbar, dass Herrscher mit Blick auf die eigene machtvolle Inszenierung kein Problem hatten, Baumaterialien früherer Dynastien auch samt deren sichtbarer Zeichenhaftigkeit zu integrieren. Dies kann zu weiterführenden sozialhistorischen Fragen führen, wie die nach dem Umgang unterschiedlicher Milieus mit Dingen „anderer“ Provenienz oder Motivation, gegebenenfalls zeichenhaft eine eigene „Religion“ zu betonen. Im nächsten Schritt könnte es nun auch möglich sein, einen Katalog der vielen in Austausch befindlicher Materialien und Objekte mit Übersichten über die Intentionen der wechselseitigen Rezeption oder Adaption noch strukturierter zu betrachten. Die Gruppierung der Beiträge in die drei großen Teile Wirtschaft, Ritual und Architektur legen hier erste Spuren.
Die Beispiele zeigen sich als eingebunden in geografisch weit größere Netzwerke und gleichzeitig als Teil von Verflechtungsgeschichten plural bevölkerter Regionen. Dies ist fachfremden Betrachtern nicht immer geläufig: In der islamisch regierten Welt des Mittelalters haben stets umfangreiche christliche und deutlich erkennbare jüdische Minderheiten gelebt. Hier wäre eine Erweiterung der vorliegenden Untersuchung denkbar, und jüdische Beteiligung an den genannten materiellen Kulturen wird in ähnlichen Kontexten bearbeitet.[2]
Die Grundidee der Einleitung wird dahingehend gespiegelt, dass sich im Mittelmeerraum nicht einfach eine Mischkultur befand. Ebenso wenig übte im behandelten Zeitraum wesentlich „der Islam“ einen großen Einfluss aus. Stattdessen finden sich je nachdem Verflechtungen sozialer Praktiken von Kunst und Religionen. Religion kann allerdings eine Rolle spielen, wenn es die Schärfung spezifischer Identität konkret intendiert ist:
Der Vorteil einer solchen Betrachtung liegt nicht zuletzt darin, mit der Fiktion zu brechen, es gäbe in sich geschlossene Gesellschaften mit fester religiöser Identität. Die Dinge in Nutzung zeigen das Gegenteil, sie können nicht mehr als wesenhaft „islamisch“ oder „christlich“ benannt werden. Von Produktion bis Handel bis Nutzung sind sie Teil sehr vielschichtiger, und über die Dinge selbst verbundener Bezugssysteme. Und dies macht der vorliegende Band deutlich und bietet zu weiteren ähnlich differenzierenden Studien Anregung.
Fußnoten:
[1] Fernand Braudel: The Mediterranean and the Mediterranean World in the Age of Philip II. 2 Bde., New Edition, Berkeley: University of California Press 1995/1996 (Französisches Original 1949).
[2] Zum Beispiel Miriam Frenkel, “Material Culture in the Jewish Medieval World of Islam: Books, Clothing and Houses,” in: Oliver Leaman (Ed.), Routledge Handbook of Jewish Ritual and Practice, London and New York: Routledge, 2022, 125-136; Bar Kribus, Zaraoui Pogossian, Alexandra Cuffel (Ed.) Material Encounters between Jews and Christians. From the Silk and Spice Routes to the Highlands of Ethiopia, Leeds: Arc Humanities Press 2024.
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Published in 2025 by the American University in Cairo Press and edited by Sami Luigi de Giosa and Nikolaos Vryzidis, this anthology brings together international contributions from interdisciplinary researchers. The thematic focus is on material cultures in Islamic and Christian contexts. The volume is dedicated to Doris Behrens-Abouseif, who devoted her life’s work particularly to the architectural history of Islamic Cairo, and it serves as a reference and foundation for many engaged in this field. It is certainly no coincidence that some of the studies collected in the volume shed light specifically on the history of material culture in this city, as there has long been a particularly established research focus on architectural and art history there.
At the same time, the editors align themselves from the outset with the current, broad discourse on the study of material culture: it concerns the multidimensional embeddedness of objects in social practices, as well as the definition of relationships between supposed cultural centers and translocality. This is outlined first by Mariam Rosser-Owen, curator of the Islamic Department at the British Museum in London, in her foreword.
According to the editors’ introduction (1), the backdrop is a debate regarding the unity of the Mediterranean region, tracing back to a thesis by the French historian Fernand Braudel.[1] The volume is intended as a contribution to an ongoing debate regarding the character of the Mediterranean region as either culturally autonomous or culturally interconnected, including the possibility of local continuities or discontinuities. This is now explored through microhistorical studies of material cultures in the context of broader histories of interconnection. The labels of Christian or Islamic integration are examined through the lens of a broad concept of religion, using concrete case studies. This is done with the awareness that “Islamic,” “Christian,” or “Jewish art” are no longer tenable as categories, although references to specific, religiously shaped societies can nevertheless have heuristic value. The editors proceed from the premise of distinctive “aesthetic spaces” (4).
The strength of the contributions and the intent of this volume lie in exploring, in this sense, as yet little-examined areas of objects of very different materiality. The individual contributions are carefully edited and documented, combining research on objects or structures with historical contextualizing text sources and archival materials. The contributions are illustrated to varying degrees, though the quality of the images varies slightly. In the middle section, there is a color image section that ties the contributions together.The studies are divided into three fields: economy, ritual, and architecture. In the first section, they range from bacini—ceramic vessels from Venetian-ruled Crete—which point to its trade relations with Spain and the Mamluks, as Maria Bormpoudaki explains. Ana Cabrera Lafuente’s essay examines “Andalusian” textiles and their role in trade routes extending as far as Central Asia. Hani Hamza’s contribution focuses on the production of balsam oil with Christian connotations in Matariya near Cairo, with particular attention to Mamluk economic control over this highly exquisite product. Book bindings with geometric and floral decorations are examined in relation to the exchange of both book production and design techniques as well as book trade between Europe and the southern Mediterranean region, as Alison Ohta’s contribution makes clear.
The second section, which focuses on ritual dimensions, examines the marble cladding of Suleiman the Magnificent’s mausoleum. It incorporated sections of the marble cladding from the Hagia Sophia and was adorned with sacred-magical, Christian inscriptions. This suggests mechanisms of the exercise of sovereign power, as the article by Faruk Bilici and Hélène Fragaki argues. Conversely, composite objects such as a candlestick with a Seljuk base and a Greek Orthodox cross attest to an imperial symbolism of Arab dynasties that was also accessible to Byzantine elites, according to the essay by Nikolaos Vryzidis and Paschalis Androudis. Against the backdrop of Islamic-Egyptian tiraz textiles featuring bands of Arabic script as tokens of favor from rulers to subjects, Arielle Winnik examines textiles whose Coptic script points to a different social practice and Christian identity. These even bore inscriptions referencing individual wearers.
Part three begins by recounting architectural histories of spolia in Cairo, which were reused from ancient Egyptian times through Christian to Islamic buildings. This sheds surprising light on precursor cultures when Mamluks showed an affinity for ancient Egyptian-hermetic symbols in a building element. Sami Luigi de Giosa highlights this. According to Nino Simonishvili, the iconography and stately representation of a church in Georgia reveal themselves to be multifaceted and religiously pluralistic reference systems that allow for the negotiation processes between Georgia, the Sassanids, and the Islamic world. Finally, Richard Piran McClary examines the element of muqarnas—commonly associated with “Islamic” architecture—for its occurrence in churches in Anatolia and Iraq, thereby compelling research to broaden its perspective beyond a conventional narrative of architectural history.
Areas that have been largely or entirely unexplored provide important insights through the outlined micro-studies and the diverse forms of cultural interconnection: Only in this way can these interdependencies—in all their rich variety—be highlighted at all, challenging earlier assumptions, such as the use of architectural spolia for pragmatic reasons. Examining groups of objects in terms of material-based social practice allows for new conclusions: We learn that bibliophiles’ keen interest in books from distant regions led to the adoption of easily transportable book covers, along with their decorative elements. And it becomes apparent that rulers, with an eye toward their own powerful self-presentation, had no problem integrating building materials from earlier dynasties, including their visible symbolic significance. This can lead to further socio-historical questions, such as how different social circles dealt with objects of “other” provenance or motivation, or, where applicable, symbolically emphasized their own “religion.” As a next step, it might now also be possible to examine a catalog of the many materials and objects in circulation—along with overviews of the intentions behind their mutual reception or adaptation—in an even more structured manner. The grouping of the contributions into the three major sections of economy, ritual, and architecture provides initial insights here.
The examples reveal themselves to be embedded in geographically much larger networks and, at the same time, as part of the intertwined histories of regions with diverse populations. This is not always apparent to observers outside the field: In the Islamic-ruled world of the Middle Ages, there were always substantial Christian and clearly recognizable Jewish minorities. An expansion of the present study would be conceivable here, and Jewish participation in the material cultures mentioned is addressed in similar contexts.[2]
The basic idea of the introduction is reflected in the fact that there was not simply a mixed culture in the Mediterranean region. Nor did “Islam” as such exert a major influence during the period under consideration. Instead, depending on the context, there are interconnections between the social practices of art and religions. Religion can, however, play a role when the specific intention is to sharpen a particular identity:
The advantage of such an approach lies not least in dispelling the fiction that there are self-contained societies with a fixed religious identity. The objects in use demonstrate the opposite; they can no longer be described as essentially “Islamic” or “Christian.” From production to trade to use, they are part of highly complex reference systems that are interconnected beyond the objects themselves. This volume makes this point clear and offers inspiration for further, similarly nuanced studies.
Footnotes:
[1] Fernand Braudel: The Mediterranean and the Mediterranean World in the Age of Philip II. 2 vols., New Edition, Berkeley: University of California Press 1995/1996 (French original 1949).
[2] For example, Miriam Frenkel, “Material Culture in the Jewish Medieval World of Islam: Books, Clothing and Houses,” in: Oliver Leaman (ed.), Routledge Handbook of Jewish Ritual and Practice, London and New York: Routledge, 2022, 125–136; Bar Kribus, Zaraoui Pogossian, Alexandra Cuffel (eds.) Material Encounters between Jews and Christians. From the Silk and Spice Routes to the Highlands of Ethiopia, Leeds: Arc Humanities Press 2024.
Giosa, Sami Luigi de; Vryzidis, Nikolaos: The Medieval Mediterranean between Islam and Christianity. Cross-pollinations in art, architecture, and material culture, Kairo: The American University in Cairo Press 2025
ISBN-13: 978-1-64903-337-6, 342, 79 Euro, Inhaltsverzeichnis
Empfohlene Zitation:
Bärbel Beinhauer-Köhler: [Rezension zu:] Giosa, Sami Luigi de; Vryzidis, Nikolaos: The Medieval Mediterranean between Islam and Christianity. Cross-pollinations in art, architecture, and material culture, Kairo 2025. In: ArtHist.net, 04.04.2026. Letzter Zugriff 04.04.2026. <https://arthist.net/reviews/51996>.
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