Let’s see action! Spielarten performativer Kritik in epochenübergreifender Perspektive.
Jahrestagung des Forschungsschwerpunkts „Aufklärung – Religion – Wissen“ der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.
Kritik erscheint in vielerlei Gestalt und geht oft über rein sprachliche Formen hinaus. Sie wird geübt und eingefordert, manchmal aber auch zurückgehalten oder nur indirekt geäußert. Sie schafft, abhängig von Zeit und Raum, eigene Formen des Auftritts und spezifische Modi der Erscheinung – etwa signalhaft eröffnend oder ritualhaft erstarrt. Sie besitzt einen gestaltenden, praktischen und performativen Charakter, der sich in konkreten, etwa abweichenden oder übertriebenen Handlungen äußert. Kritik hat auch eine temporale Dimension: Sie entsteht, bringt gegenwärtige normative Vorstellungen zum Ausdruck und verweist visionär auf Zukünftiges. Sie kann verebben und wiederkehren, sie braucht Zeit, sich zu artikulieren und zu entfalten. Und nicht zuletzt: Kritik konfrontiert ein Gegenüber und wirkt besonders vor Publikum.
Prädestiniert für die Auseinandersetzung mit performativen Aspekten der Kritik erscheinen die Kunst- und Medienwissenschaften. Sie interessieren sich für Kritik in Form künstlerischer Handlungen oder Reaktionen und in Form von Manifesten, Demonstrationen und Aktionen – etwa in Institutionen (Akademie, Galerie, Museum), Medien oder Räumen (in der Zeitung, in der digitalen Welt oder direkt auf der Straße). Flugblätter können aus dem Flugzeug abgeworfen, Statements vorgelesen und Vorträge gehalten werden, Kunst kann im Museum beschädigt, Straßen und Plätze können genutzt, besetzt oder blockiert werden. Kritik kann sich gegen andere Künstler:innen und Kunstrichtungen, konkrete Personen (Sponsoren oder Politiker:innen) oder auch gegen Institutionen, Regeln, Unternehmen und schließlich gegen sich selbst richten. Die Frage nach der Performativität und den Inszenierungsformen nähert die Kritik dem künstlerischen Akt an – mit dem oft erhobenen Anspruch auf Irritation und Überraschung, Virtuosität und Innovation.
Diese Beispiele bieten auch für die Geschichtswissenschaft zahlreiche Anknüpfungspunkte. Seitdem die hartnäckige Skepsis gegenüber der Analyse von Körperlichem und Bildlichem unter Historiker:innen Fragen nach Symbolik, Ritual und Ästhetik gewichen ist, spielen performative Aspekte in der historischen Erforschung von Politik, Recht und anderen gesellschaftlichen Feldern eine immer wichtigere Rolle. Der Blick richtet sich also auf historische Formen der Kritik, die in ihrer Performativität weit über das Textuelle hinausreichen. Ein klassisches Medium ist die Karikatur, in der oft ein Spannungsverhältnis zwischen Text und Bild erzeugt wird. Doch Kritik funktioniert bei klarer Referenz auch ganz ohne Wort – wo käme dies deutlicher zum Ausdruck als im Schweigemarsch? Das historische Reservoir der performativen Kritik formiert sich ständig neu: Sie kann sich durch Ironie und Parodie schützen, in provokativer Kleidung oder nonkonformem Verhalten stecken, durch Collage oder Montage ästhetisch verfasst sein und schockieren, massenmedial multipliziert werden, durch Körperkollektive wirken, in Schauprozessen pervertiert werden, durch Flash-Mobs oder Shitstorms blitzschnell Massen mobilisieren etc.
Gegenstand unserer Tagung sind die differenzierten Praktiken, Spielarten und Kipppunkte performativer Kritik, die den Körper und alle Sinne umfasst. Im Mittelpunkt stehen ihre unterschiedlichen geplanten oder auch spontanen Ausdrucksformen: Wie werden Kritik und Protest bildlich und körperlich geäußert? Welche Öffentlichkeit adressiert sie? Gegen welche Institutionen und Routinen wendet sie sich? Welche Form der Autorität beansprucht sie und welche stellt sie in Frage? Wie unterscheiden sich ihre Formen abhängig vom zeitlichen und räumlichen Kontext? Wie variiert sie abhängig von den jeweiligen soziopolitischen Bedingungen? Welche Symbole und Codes verwenden ihre Akteur:innen, und wie weit reicht ihre Verständlichkeit? Um welche Dimensionen erweitert Performativität die textuelle Kritik und inwieweit besteht ein Spannungsverhältnis zwischen ihnen?
Unser Anliegen ist es, einen fächerübergreifenden Austausch zu initiieren, der neben der Kunstgeschichte und Geschichtswissenschaft unterschiedliche Philologien, die Medienwissenschaften, die Ethnologie, Politikwissenschaft, Soziologie, Philosophie, Islamwissenschaft, Judaistik und andere Disziplinen umfasst. Tagungssprache ist Deutsch; englische Vorträge sind willkommen.
Bitte senden Sie ihre Themenvorschläge und einen kurzen CV (beides zusammen max. eine Seite) bis zum 20. Mai 2026 an:
yvonne.kleinmanngeschichte.uni-halle.de
und olaf.peterskunstgesch.uni-halle.de
Quellennachweis:
CFP: Spielarten performativer Kritik (Halle, 19-21 Nov 26). In: ArtHist.net, 12.04.2026. Letzter Zugriff 14.04.2026. <https://arthist.net/archive/52199>.