Ob Rankings, Scores oder KI-generierte Bilder – Zahlen gehören heute zu den wirkmächtigsten epistemischen Formen. In datengetriebenen, algorithmisch strukturierten Gesellschaften organisieren sie Wahrnehmung, Wissen und Entscheidungsprozesse: Rankings regulieren Sichtbarkeit, Scores strukturieren soziale Teilhabe, Diagramme erzeugen Evidenz und KI-Systeme generieren Bilder auf Grundlage statistischer Wahrscheinlichkeiten. Zahlen erscheinen dabei häufig als neutrale, objektive Instanzen. Doch ihre Wirksamkeit beruht wesentlich auf ästhetischen, medialen und kulturellen Bedingungen. Zahlen sind nicht nur Instrumente der Rationalisierung, sondern zugleich symbolische, affektive und visuelle Instanzen: Sie fungieren als ästhetische Ordnungsprinzipien, als kulturell codierte Zeichen und als operative Elemente bildlicher Evidenzproduktion.
Während Soziologie, Wissenschafts- und Technikforschung, Medien- und Datenwissenschaften die Prozesse von Quantifizierung, Datafizierung und algorithmischer Governance intensiv untersucht haben, fehlt bislang eine systematische kunst- und bildwissenschaftliche Perspektive auf Zahlen als ästhetische Phänomene. Diagramme, Visualisierungen, Interfaces oder numerische Bildpraktiken werden meist funktional oder symbolisch interpretiert – jedoch selten als eigenständige visuelle und epistemische Praktiken analysiert.
Der geplante Sammelband „Zahlen von Gewicht – Ästhetiken, Epistemologien und Politiken der Quantifizierung“ setzt genau hier an. Im Zentrum steht die Frage, wie Zahlen „Gewicht“ erzeugen – d. h. Sichtbarkeit, Bedeutung, Autorität und Evidenz. Der Band versteht Zahlen demzufolge als ästhetisch-mediale Operatoren, die Wahrnehmung strukturieren, Ordnungen hervorbringen und epistemische Geltung stabilisieren. Ein besonderes Augenmerk liegt auf der Visualisierung und Materialisierung von Zahlen (z. B. Diagramme, Karten, Interfaces), ihrer ästhetischen Gestaltung und Performativität sowie den künstlerischen und kritischen Praktiken, die alternative Zahlbilder, Gegen-Visualisierungen und kritische Diagrammatiken entwickeln.
Der Band ist primär in der Kunst- und Bildwissenschaft verortet, versteht sich jedoch ausdrücklich als interdisziplinäres Projekt und lädt Beiträge aus folgenden Disziplinen ein, visuelle Phänomene aus unterschiedlichen theoretischen und methodischen Perspektiven zu untersuchen:
- Kunstgeschichte und Bildwissenschaft
- Medienwissenschaft und Visual Culture Studies
- Philosophie und Ästhetik
- Wissenschafts- und Technikforschung (STS)
- Kulturwissenschaft und Anthropologie
- Digital Humanities und Critical Data Studies
Wir freuen uns über Beitragsvorschläge zu folgenden Themenfeldern:
Historische Bildregime der Zahl
- Mess- und Zählpraktiken von der Antike bis zur Moderne
- Diagramme, Tabellen, Kartografien
- Perspektive, Proportion und mathematische Ordnungen
- Zahlen in religiösen, wissenschaftlichen und künstlerischen Kontexten
Digitale Zahlenästhetiken und algorithmische Bildkulturen
- Datenvisualisierung und visuelle Analytics
- KI-generierte Bilder und statistische Bildproduktion
- Plattformmetriken, Dashboards und Interfaces
- Ästhetiken des Quantifizierten im digitalen Raum
Zahlen als epistemische Autoritäten
- Zahlen als Evidenz- und Wahrheitsformen
- Visualisierung als epistemische Praxis
- Objektivität und Neutralität von Zahlen sowie ihre Kritik
- Zahlen in Wissenschaft, Politik und Öffentlichkeit
Politiken und Ökonomien der Quantifizierung
- Rankings, Ratings, Scores und algorithmische Bewertungssysteme
- Plattformökonomien und quantifizierte Öffentlichkeiten
- Gouvernementalität und Data Governance
- Künstlerische und aktivistische (Gegen-)Praktiken
Magisch-mystische und biografische Zahlenpraktiken
- Numerologie, heilige Zahlen, symbolische Ordnungen
- Zahlen als narrative und künstlerische Strukturprinzipien
- Serielle und systemische Kunstpraktiken
- Biografische Zahlensysteme und Obsessionen
Einreichungsmodalitäten
Abstracts (ca. 2.500 Zeichen inkl. Leerzeichen) sowie eine Kurzbiografie (max. 100 Wörter) bitte senden an: Nina-Marie Schüchter (nina-marie.schuechterhhu.de) und Svetlana Chernyshova (svetlana.chernyshovahhu.de).
Frist für Abstracts: 15.05.2026 (Eine Rückmeldung erfolgt bis zum 15.06.2026.)
Umfang der Beiträge: 20.000-25.000 Zeichen inkl. Leerzeichen
Sprache: Deutsch
Abgabe der fertigen Beiträge: 07.12.2026
Die Publikation des Sammelbandes ist für den Herbst 2027 beim transcript Verlag geplant.
Wir freuen uns über Beiträge von Wissenschaftler:innen, Künstler:innen sowie Forscher:innen aus unterschiedlichen institutionellen und disziplinären Kontexten aller Qualifikationsstufen und Karrierephasen.
Quellennachweis:
CFP: Sammelband: Zahlen von Gewicht. In: ArtHist.net, 03.04.2026. Letzter Zugriff 04.04.2026. <https://arthist.net/archive/52148>.