REV-CONF Apr 14, 2026

Art History Loves Wiki 2026 | digital / local. collection loves wiki

Köln, Museum Schnütgen, Mar 27–29, 2026

Report by kuwiki. AG Kunstwissenschaften & Wikipedia
Editor: Livia Cárdenas

Bericht der Veranstalter:innen

Zum mittlerweile dritten Mal haben Kunsthistoriker:innen und an kunstwissenschaftlichen Themen interessierte Wikipedianer:innen unter dem Titel „Art History Loves Wiki“ eine Tagung organisiert. Ging es 2024 in Berlin um die Möglichkeiten, die Wikipedia und ihre Schwesterprojekte für die Provenienzforschung bietet[1] und lag 2025 in München der Fokus auf Wikidata und Forschungsdaten[2], so standen in diesem Jahr die Potentiale des Wikiversums für Museen und Sammlungen im Fokus[3]. An drei Tagen bot das Kölner Museum Schnütgen Raum, um best practice-Beispiele kennenzulernen, die Erweiterungsmöglichkeiten lokaler Sammlungsräume durch digitale Wiki-tools zu diskutieren und über neue Formen der Vermittlung und Sichtbarmachung in Wikimedia Commons, Wikidata, Wikipedia uvm. zu sprechen. Die Tagung bestätigte, wie vielschichtig, kreativ und ertragreich die Zusammenarbeit der citizen sciences, des ehrenamtlichen Engagements für ein gemeinsames kulturelles Erbe und der kunstwissenschaftlichen Forschung ist. Organisiert wurde die Veranstaltung gemeinsam von kuwiki. AG Kunstwissenschaften+Wikipedia und dem Kölner Museum Schnütgen; Fördermittel stellten dankenswerterweise Wikimedia Deutschland (WMDE) bereit.

Den Programmauftakt bildete die Vorstellung des Projektes „Das virtuelle Museum Schnütgen: Einblicke in den 360°-Rundgang & darüber hinaus“ durch Kim Mildebrath und Christina Clever-Kümper (beide Museum Schnütgen) sowie eine Diskussion darüber, welche Besucher:innengruppen sich durch digitale Angebote erreichen lassen und angesprochen fühlen. Gerade mit Blick auf die Themenfelder Partizipation und Barrierefreiheit zeigte sich, welche Bedeutung digitale Vermittlungsangebote haben, die nicht in Konkurrenz zum realen Raum, sondern als dessen Erweiterung gedacht werden. Grundlegende Fragen – beispielsweise nach den finanziellen und personellen Möglichkeiten auch von kleineren und mittleren Museen, nach dem Unterschied zwischen „immersiv“ und „digital“, nach Nachhaltigkeit, Speicherung und FAIR-Prinzipien sowie der Umsetzung und den unterschiedlichen Formaten, in denen bürgerschaftliches Engagement einbezogen werden kann, wurden hier von Anfang an mit Blick auf die Angebote und Möglichkeiten des Wikiversums debattiert.

Hieran anschließend stellte Miriam Siebert, Mitarbeiterin des ERC-Projekts ARCHIATER – Heritage of Disease (https://archiater.hypotheses.org) unter dem Titel „Das erweiterte Museum: Praxis und Projekte“ die Arbeit mit kuratierten Daten unter Nutzung von Wikidata vor, um so Netzwerke von „Spitälern als Orten der Kultur“ abzubilden. Elise Paschal diskutierte unter dem Titel „Das Unsichtbare sichtbar machen“ die Chancen, aus der Museumsarbeit heraus und über einen Editathon (= Veranstaltung für Interessierte zur gemeinsamen Arbeit an Wikipedia-Artikeln) Leer- und Fehlstellen der eigenen Sammlungs- und Ausstellungsarbeit in der Online-Enzyklopädie sichtbar zu machen und zu schließen. Ihre feministischen Interventionen verband sie mit dem Aufbau einer Wiki-Community in Saarbrücken – und unterstrich damit die Bedeutung, die lokale Gruppen von Ehrenamtlichen für kulturelle Themen im Online-Lexikon haben. Den Abschluss bildete Lozana Rossenovas Beitrag „Optimierte Linked Open Data-Tools für das kulturelle Erbe in Europa“, mit dem sie in das EU-Projekt ECHOLOT (https://echolot-eccch.eu) einführte. Dessen Ziel ist es, ein einfaches, u.a. mit Wikidata und dem Portal Europeana (https://www.europeana.eu/de) verbundenes Werkzeug zum Datenaustausch zur Verfügung zu stellen.

Der Samstag begann mit der Präsentation zweier Projekte aus Köln: Nina Trompetter und Adam Stead (beide Museum Schnütgen) stellten die digitalisierten Inventarbücher des Museums Schnütgen vor (https://digi.ub.uni-heidelberg.de/hai/sammlungen/koeln/ms.html) und zeigten anhand der Kategorien Provenienz, Tausch und Kriegsverlust die Potentiale auf, die in der freien Zugänglichkeit vergleichbarer Daten für die Rekonstruktion von Sammlungshistorien vorliegen. Lisa Dieckmann sprach anschließend unter dem Titel „Bilder verknüpfen“ über die Arbeit an dem wie die Wikipedia vor 25 Jahren gegründeten Bildarchiv prometheus (https://prometheus-bildarchiv.de/de/index) und dessen Nutzung von Normdaten. Sie konnte zeigen, dass die bei Wikidata hinterlegten Datenmodelle für die Verbesserung und Anreicherung bestehender Bilddatenbanken nutzbar sind. Am Nachmittag folgte dann der zweite Teil der Projektvorstellungen zum Themenfeld „Das erweiterte Museum: Praxis und Projekte“. Fulminant starteten Judith Baumbach und Susanne Opfermann („Aus dem Museum ins Wikiversum: Lessons Learned mit Kleinen Museen”) mit der Frage, was das Wikiversum Museen eigentlich bieten kann. Ihr Ausgangspunkt waren die 1.200 Museen in Baden-Württemberg, zu denen neben zwölf Landesmuseen auch um die 700 Museen zählen, die ganz oder teilweise ehrenamtlich getragen und betrieben werden. Das Projekt bezeugt eindrücklich, wie über sehr unterschiedliche Formate erfolgreich community building gelingen kann. Deutlich wurde auch, in welch hohem Maße das Wikiversum hierzu eine nachhaltige Infrastruktur für die Datenpublikation und -sicherung unter den FAIR-Prinzipien und den gemeinnützigen Creative Commons-Lizenzen (CC) insbesondere für finanziell und personell nicht gut ausgestattete Gedächtnisinstitutionen bietet. Maximilian Westphal, der sich schon seit vielen Jahren als Museumsmitarbeiter für open access und niedrigschwellige Zugänge einsetzt, widmete sich in seinem Beitrag („Baustellenbesichtigung“) den Bildern aus den Sammlungen des LVR-Industriemuseums im Wikiversum. Diskutiert wurden hier nicht allein rechtliche Fragen (mit Blick auf externe Stakeholder, wie Fotograf:innen, Urheber:innen, Leihgeber:innen und Nutzer:innen), sondern auch sinnvolle und nachhaltige Formate der Bereitstellung von Daten beispielsweise in Verbindung mit der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit im Museum. Der Vortrag von Rainer Halama und Volker Lässing führte die fruchtbare Zusammenarbeit zwischen einem Lokalhistoriker und einem engagierten Wikipedianer vor Augen. Sie beruht auf einem gemeinsamen Interesse an der Geschichte ihrer Heimatregion: Nach anfänglicher Irritation darüber, sein Buchprojekt in der Wikipedia gespiegelt zu sehen, war Lässing davon angetan, dass die Aufbereitung der von ihm freigelegten Informationen in Wikidata und der Verknüpfung mit Commons seinen Wunsch nach einer virtuellen Rekonstruktion des Depotbestandes und einer daraus entstandenen Kunstausstellung im Jahr 1946 in Tübingen erfüllte. (https://de.wikipedia.org/wiki/Kunstdepot_Hohenzollern und https://www.volker-laessing.de). Hierauf folgte der Beitrag von Ruth von dem Bussche, die aus ihrer Arbeit mit der Digitalisierung von ca. 400.000 Inventarkarten aus dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte (ZI) in München ein „probabilistisches Verfahren zur automatisierten Erschließung historischer Künstlernamen in einem KI-gestützten Abgleich“ vorstellte und demonstrierte, auf welcher Normdateninfrastruktur (darunter Wikidata) das KI-gestützte reconcile-Verfahren aufbaut. Hier, wie auch in der nachfolgenden Präsentation von Lucy Patterson und Lukas Fuchsgruber, ging es um die Frage, welche Vorurteile tradierte und nicht mehr zeitgemäße Wertungen und Zuschreibungen in der Übernahme von Daten bzw. in den Datenstrukturen als hidden narratives des Faches weiterleben. In ihrem Vortrag zur „Kritischen Arbeit mit Sammlungsdaten auf Wikidata“ diskutierten Patterson und Fuchsgruber die Übernahme des kolonialen Bias in der Übertragung aus dem Inventar bzw. von der Karteikarte in die Datenbank und damit die Praxis der Digitalisierung als eine viel zu selten hinterfragte Reproduktion überkommener Wissensbestände. Sie betonten die Notwendigkeit einer kritischen Arbeit mit Datenbanken – und die Möglichkeiten, die hierbei gerade Wikidata bietet. Als Beispiel nannten sie das Wikiprojekt „Restitution of Knowledge“ (https://www.wikidata.org/wiki/Wikidata:WikiProject_TheRoK). In Vertretung des kurzfristig erkrankten Roeland Paardekooper, der bereits seit 2024 in engem Austausch mit kuwiki. AG Kunstwissenschaften+Wikipedia steht, berichteten Heidrun Rosenberg und Rainer Halama von seiner Tätigkeit als Projektleiter von Gotha transdigital 2027 (https://www.friedensteine.de/gotha-transdigital). In den seit 350 Jahren kontinuierlich an einem Ort – dem Gothaer Schloss Friedenstein – gewachsenen heterogenen Sammlungsbeständen spiegeln und überlagern sich unterschiedliche Wissenskulturen und Ordnungssysteme. In Kooperation mit der Friedenstein Stiftung sowie im Verbund mit weiteren Einrichtungen wie „Schlösser und Gärten Thüringen“ und der Forschungsbibliothek Gotha (Universität Erfurt) gilt es, die Bestände im Kontext des einzigartigen Bau-, Garten- und Sammlungsensembles nachhaltig digital zu erschließen, über das Wikiversum zu vernetzen sowie leicht auffindbar und zugänglich zu halten. Den Tag schloss Max Kristen mit der Vorstellung von „usefulQueries“ ab, einem von ihm selbst entwickelten tool, das die unkomplizierte Erkundung von kunstwissenschaftlichen Inhalten in Wikidata ermöglichen soll.

Die gut besuchte und abwechslungsreiche Tagung bot auf verschiedenen Ebenen Anregungen für Wissenschaftler:innen aus Museen und Universitäten, für kulturinteressierte Wikipedianer:innen und für Kolleg:innen aus den Digital Humanities.[4] Den Abschluss bildeten mehrere Barcamp-Sessions, in denen nicht allein die vorhandenen tools für digitale Sammlungen, Nutzen und Herausforderungen durch Linked Open Data, die Unterstützung von digitalen Ausstellungsformaten in kleineren Museen sowie – ein nie endendes Thema – feministische Perspektiven in der Wikipedia in den Fokus genommen wurden.

Recommended Citation:
kuwiki. AG Kunstwissenschaften & Wikipedia: [Conference Report of:] Art History Loves Wiki 2026 | digital / local. collection loves wiki (Köln, Museum Schnütgen, Mar 27–29, 2026). In: ArtHist.net, Apr 14, 2026 (accessed Apr 15, 2026), <https://arthist.net/reviews/52225>.

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