Movens Bild

eikones Basel, October 26 - 28, 2006

Report by: Martina Sauer, Bühl

„Movens Bild. Zwischen Evidenz und Affekt“ 1. Jahrestagung des nationalen Forschungsschwerpunktes „Bildkritik. Macht und Bedeutung der Bilder“, 26.10.-28.10.2006 Basel

Haben Bilder Macht? Welche Bedeutung kommt dem Bild zu? Angesichts der Bilderflut, die inzwischen täglich nicht nur über Zeitungen, Fernsehen, Video und Film, sondern verstärkt über das Internet auf uns einstürmt, gewinnen diese Fragen an zentraler Bedeutung. In der öffentlichen Diskussion und den häuslichen Auseinandersetzungen dazu, wann und wie viel Zeit wir mit den neuen Medien verbringen und welchen Einfluss sie auf uns haben, spiegelt sich die Dringlichkeit, darauf Antworten zu finden, wieder. Insbesondere im deutschsprachigen Raum wird diesen Fragen in unterschiedlichen Forschungsgruppen und -zentren nachgegangen, wie etwa in Berlin und Karlsruhe [1] und dem nun mit einer Tagung in Basel feierlich eröffneten NFS (Nationaler Forschungsschwerpunkt) „eikones - Bildkritik ? Macht und Bedeutung der Bilder“.[2]

Die Frage nach dem Bewegendem wie auch dem Bewegten des Bildes bzw. der Wirkung des Ikonischen bildete den zentralen Ansatzpunkt der zweitägigen Tagung „Movens Bild“, zu der Forscherinnen und Forscher aus unterschiedlichen Disziplinen, neben der Kunstwissenschaft aus der Philosophie, Psychologie, Theologie, der Literatur- und Medienwissenschaft und der Afrikanistik, eingeladen wurden. Deren Überlegungen zu dem Thema sollen hier in einer Auswahl vorgestellt werden. [3] Ausgangspunkt für alle Referenten war - das Bild bewegt, berührt bzw. wirkt. Doch was macht das Bild aus, dass es Affekte auslösen kann? Diese Frage scheint immer noch diejenige zu sein, die am schwersten zu beantworten ist. Begreift man das Bild als ein Ereignis, wie es die meisten Referenten vorschlugen, so lässt sich dieses Phänomen wohl am ehesten beschreiben.

Der Philosoph Bernhard Waldenfels (Bochum), unterschied in seinem Referat zwischen Pathos und Response. Demnach ginge der Antwort auf ein Bild ein Ereignis voraus, von dem wir getroffen werden und auf das wir antworten. Etwas falle auf, woraufhin wir aufmerken. Die Antwort könne als das gesehene Bild begriffen werden, als Bildgestalt, eidos oder Evidenz. Auf dieser Grundlage definierte Waldenfels das Bild als „Ikonopathie“, die im Gegensatz zur Ikonologie nicht vom Logos, sondern vom Pathos bestimmt sei. Auf die entscheidende Frage, wie dieser Pathos ausgelöst werde, verwies Waldenfels auf die Bildstruktur, auf Linien, Farben und das Figur- Grundverhältnis.

Der Psychologe Klaus Scherer, (Genf), setzte das Ereignis als auslösendes Moment für Emotionen voraus, um dann in einem Modell nacheinander den Bewertungsablauf des Erfahrenen aufzuzeigen. Als Ausdruck bzw. Symptom, das einem ins Gesicht geschrieben sein kann, stehe etwa eine fallende Kinnlade für Staunen oder hochgezogene Augenbrauen für das Bemühen, eine erhöhte Sehschärfe herbeizuführen. An einen Anderen gerichtet, könne der Emotionsausdruck als Signal mit Zielabsicht betrachtet werden, während dieser kulturell betrachtet einen Symbol- bzw. Repräsentationswert habe. Aufmerken ließ in diesem Referat, die mehr beiläufige Feststellung, dass diese Formen emotionaler Ausdrücke von denen ästhetischer Emotionen zu unterscheiden seien, die medial vermittelt ein ästhetisches Wohlgefallen ohne Affekte darstellen. Wenn der Literatur- und Medienwissenschaftler Michael Wetzel, (Bonn) dann von „da ist keine Stelle, die dich nicht sieht“ spricht, scheint er auf diese offene Frage nach der Wirkungsform von Bildern eine Antwort zu geben. Im Blick bzw. in der Anschauung (Perzeption), so Wetzel, würde das zunächst unaufmerksame Sehen sich scharf stellen (Apperzeption). Eine „visuell undefinierte Überfülle“ würde zum Gebilde. Auf die Frage wie dies zustande komme, verwies Wetzel auf die Bildstrukturen, die einen Effekt auslösen, der zum Affekt umschlage und ein „Glühen des Schauens“ auslöse.

Dieses „ça me regarde“ im Sinn von „das geht mich etwas an“ interpretierte Wetzel jedoch - und das überraschte doch sehr - nicht in Abhängigkeit von den jeweiligen kulturellen Voraussetzungen des Betrachters, sondern zwingend eindimensional.[4] So vermittele die Konzentration auf den Phallus eines archaischen Torso Apollos im Louvre, wie ihn Rilke 1908 in einem Gedicht beschrieb [5], im Mann eine „Habensempfehlung“, während er in der Frau das Gefühl einer „Seinsverfehlung“ auslöse. Der Philosoph Andreas Cremonini (Basel) lenkte sein Augenmerk auf ein Bildphänomen bzw. Ereignis, das den Blick wie ein Blitz anzuziehen vermag: den Glanz. Er löse ein visuelles Begehren aus, einen „Glanz der Faszination“. Darin äußere sich die Erfahrung des Angeblicktwerdens. Hierin vermittele sich schließlich nicht die Begegnung mit dem Anderen, sondern mit sich selbst. Doch diese Möglichkeit liegt wohl nicht nur in dem Sonderphänomen des Glanzes, sondern im Bild als solchem. Darauf machte der Theologe Philipp Stoellger von der Universität Zürich aufmerksam, in dem er den Affekt als die Evidenz des Bildes herausstellte. Nur das Bild, so Stoellger, vermag die „com-passio“ auszulösen. Darin liege sein Sinn. Werde diese Möglichkeit des Bildes gezielt für „passende Effekte“ eingesetzt, könne das Bild für Propagandazwecke missbraucht werden. Doch im Gegensatz zu den auf diese Weise beherrschten Bildern sperren sich die „unbeherrschten Bilder“ gegen diese Zweckdienlichkeit. Auch sie betreffen, lösen jedoch gemischte Gefühle aus und veranlassen auf diesem Weg den Betrachter, sein Betroffensein zu verarbeiten. Hierin liege deren ikonische Energie. Bilder, die derart blicken, lassen uns sehen - und darin zeigt sich die theologische Auslegung - wie wir gesehen werden. In ihnen äußere sich die „Sorge des Blickenden“, die Sorge Gottes. Der Theologe Christoph Markschies (Berlin) verwies in seinem Beitrag auf die ikonische Differenz zwischen Bild und Realität. Das Bild vermittle eine Totalität des Kosmos. Als Interpretation von Welt mache es diese verfügbar. Diese Möglichkeit des Bildes kann zugleich Auslöser von Konflikten und Missverständnissen sein, wie Markschies am Beispiel des Ophitendiagramms aus dem 2.Jh. n.Chr. und dem Modell des Indienfahrers Kosmos von 547-549 n.Chr. aufzeigte. Demnach lasse sich kein einheitliches antikes Weltbild herausstellen. Der Status des Bildes müsse vielmehr immer wieder neu hinterfragt werden, da dieses weniger zur Abbildung der Realität als zur Weltorientierung diene.

In der Formel des „gespaltenen Blicks“ verdichtete die Kunsthistorikerin Silke Tammen (Gießen) ihren Ansatz am Beispiel von Passionsreliquien. Dabei erstaunte, dass Tammen die ureigene ikonische Qualität in der abbildlichen Darstellung herausstellte, während sie die Bildornamente und die Reliquien selbst als die an-ikonischen Elemente definierte. In letzteren drücke sich das „Angeblickt-Werden durch Christus“ aus. Gerade der Entzug des Ikonischen, d.h. des Abbildlichen könne als ein Reflexionsangebot gewertet werden. Hierin liege die Evidenz, die den Kontakt zur Transzendenz über das Sehen ermögliche.

Zum Abschluss der Tagung brachte der Chicagoer Kunsthistoriker William T. Mitchell, der parallel zum „iconic turn“, wie ihn Gottfried Boehm prägte, Anfang der 1990er Jahre den „pictural turn“ herausstellte, seinen Beitrag zur Frage nach dem „Bewegenden“ des Bildes ein. Er konnte nicht erscheinen, so dass er seinen Vortrag per Videokonferenz vortrug. Auslöser für die Wirkkraft von Bildern, bzw. konkret von analoger und digitaler Fotografie sei, so Mitchell, weniger die Art und Weise, wie diese geschaffen seien, als deren unterschiedliche Verarbeitungs- und Verbreitungsmöglichkeiten. Beide Verfahren können gleichermaßen als „Material sozialer Praktiken“ angesehen werden, in denen sich die Wünsche der Gesellschaft widerspiegeln. Doch nach dem Gehörten bleibt an dieser letzten Aussage ein leichter Zweifel hängen. Denn ist es nicht das Wie, das entscheidend auf das Was Einfluss nimmt?

Anmerkungen

[1] Interdisziplinäre Arbeitsgruppe: „Die Welt als Bild“ an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften und das „Technische Bild“ an der Humboldt-Universität zu Berlin. „Bild-Körper-Medium. Eine anthropologische Perspektive“ an der HfG Karlsruhe.
[2] Für die Konzeption der Tagung zeichnen verantwortlich Gottfried Boehm, Birgit Mersmann und Christian Spies.
[3] Hier nicht eigens besprochene Beiträge stammen von Heike Behrend (Köln), To make strange things possible“. Die Foto-Collagen des Bakor Studios in Kenia und von Thomas Y. Levin (Princeton), Anxieties of Reference: Surveillance as Narrative Form.
[4] Vgl. hierzu die Untersuchung von Martina Sauer: Faszination und Schrecken. Wahrnehmungsvorgang und Entscheidungsprozeß im Werk Anselm Kiefers, in: Zeitschrift für Ästhetik und Allgemeine Kunstwissenschaft, 51/2, S. 183-210, (November 2006).
[5] Rainer Maria Rilke, Archaischer Torso Apollos, aus: Rainer Maria Rilke, Der Neuen Gedichte anderer Teil (1908) - i: R.M. Rilke, Sämtliche Werke, hg. v. Ernst Zinn und Ruth Sieber-Rilke, Frankfurt a.M. 1987, Bd. 1, S. 557.

Recommended Citation:
Martina Sauer: [Conference Report of:] Movens Bild (eikones Basel, October 26 - 28, 2006). In: ArtHist.net, Nov 14, 2006 (accessed Apr 6, 2020), <https://arthist.net/reviews/392>.

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Report published: Nov 14, 2006

Editor: Livia Cárdenas

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