Nachleben der Religionen. De- und Resakralisierungen in den Literaturen und Künsten.
Summer School Literatur und Religion, Workshop für Nachwuchsforschende.
Literatur und Kunst sind offensichtlich auch in der Moderne voll von Religion. Moderne Bilder und Texte kreisen oft um religiöse Fragen, enthalten religiöse Motive oder rekurrieren auf Bildtraditionen und Textgattungen religiösen Ursprungs. Was tun diese Elemente in profanen Texten oder Bildern, wie sind sie in diese hineingekommen und wie können wir sie lesen und sehen? Wir schlagen vor, solche Phänomene als „Nachleben“ zu beschreiben, in denen religiöse Bedeutung weiterwirkt oder zitiert wird; Bilder und Texte erscheinen aus dieser Perspektive als Gedächtnis des Religiösen, aber auch als Schauplatz von Verhandlungen darüber, was Kunst, Literatur und Religion jeweils ist und wie sie sich zueinander verhalten. Die diesjährige Summerschool beschäftigt sich daher mit Echos und Wiederaufnahmen, mit unbewussten Kontinuitäten und bewussten Zitaten religiöser Semantiken, Symboliken und Praktiken im Feld der Künste jenseits der lange dominierenden Theorien der Säkularisierung. Explizit wird dabei die Diskussion ausgeweitet und die ohnehin interdisziplinäre Ausrichtung des Forums verstärkt, weil dieses Jahr neben Literatur- und Kulturwissenschaft und Theologie bzw. Religionswissenschaft auch die Kunstgeschichte explizit einbezogen wird. Wir laden daher junge ForscherInnen aus diesen Bereichen ein, ihre Projekte – Dissertationsvorhaben, Postdoc-Projekte, weitere Ideen – aus diesem Themenfeld gemeinsam zu diskutieren.
In der Philosophie und Soziologie ist seit einigen Jahrzehnten die Vorstellung der modernen ‚Säkularisierung‘ fragwürdig geworden. Zumindest global ist die Religion keinesfalls verschwunden, und auch die Idee einer sauberen Trennung zwischen Religion und anderen Sphären wird zunehmend als eurozentrische Ideologie kritisiert. Die Rede vom „Nachleben der Religionen“ ist demgegenüber bewusst mehrdeutig. Angelehnt an Sigmund Freud, Aby Warburg und Walter Benjamin beschreibt sie sowohl das Fortwirken, die anhaltende Bedeutung und die Wiederkehr der Religionen wie auch ihre Ausstrahlung in andere Bereiche, inklusive der Echos und schwachen Assoziationen religiöser Bilder und Narrative in profanen Kontexten. Die Idee des Nachlebens steht quer zur Unterscheidung zwischen Religion und ‚Quasi-, ‚Ersatz-‚ oder ‚Pseudoreligionen‘ und umfasst sowohl ‚genuin‘ religiöse wie auch ’religioide‘ und ‚religionsaffine‘ Phänomene. Sie vermeidet es, eine scharfe Grenze zwischen Religion und Moderne zu ziehen, sondern interessiert sich vielmehr für das Moderne in der Religion und das Religiöse in der Moderne. Und sie betont, dass die Religion selbst in säkularen Kontexten weder verschwindet noch als klar abgegrenzter Bereich neben anderen ‚Funktionssystemen‘ existiert, sondern sich hybride mit anderen Diskursen und Praktiken vermischt, etwa wenn die Menschenrechte sakralisiert oder Konflikte als Glaubenskriege beschrieben werden.
Diese Vermischung manifestiert sich gerade in den Künsten. Literatur und Kunst haben immer schon auf religiöse Formen und Inhalte zurückgegriffen, sei es in religiöser Funktion als geistliche Literatur und die Liturgie unterstützende Artefakte wie dem sakralen Historienbild, sei es in parodistischer oder blasphemischer Absicht, sei es als Nobilitierungsstrategie in profanen Kontexten wie beispielsweise im Porträt oder der Genremalerei, sei es als kultureller Resonanzraum. Die Rede vom Nachleben erlaubt es, die vielfältigen Bezugnahmen zu untersuchen: Vom Zitat über die Anspielung zur Post- oder Transfiguration, vom Einzelmotiv über die Bildformel zu komplexen Stofftraditionen bis zu Gattungszitaten, von der Metapher über die Allegorie zum Paradox oder zur Doppelreferenz, von der bewussten Kontrafaktur zur Übersetzung oder Remediatisierung. Alle diese Formen produktiver Rezeption lassen sich als Teil des „Nachlebens der Werke“ (Walter Benjamin) beschreiben und stellen vor jeweils verschiedene methodische und hermeneutische Fragen, die wir explizit diskutieren wollen.
Dabei sind schon die Religionen selbst mit dem Nachleben engstens verflochten. Nicht nur sind sie traditionell für das Nachleben der Toten zuständig und greifen in der Sepulkralkultur immer wieder auf künstlerische und literarische Formen zurück, die gerade für die Moderne noch keinesfalls ausreichend untersucht worden sind. Religiöse Traditionen basieren auch allgemein auf der beständigen Aneignung von kulturellen Symbolen, narrativen Bildern, in denen durch „Nachträglichkeit“ religiöse „Urszenen“ (Sigmund Freud) wie die jeweiligen Offenbarungsszenarios immer wieder bearbeitet werden, ohne ihre jeweilige Prägnanz zu verlieren. Wie diese Prozesse organisiert werden, wie sich ihre Latenzen auf die jeweilig darin verhandelten Texte und Praktiken auswirken, wie sie künstlerisch und literarisch adaptiert und weiterentwickelt werden und was das für die Arbeit am religiösen und profanen kulturellen Gedächtnis bedeutet, stellt höchst fruchtbare Fragen für konkrete Einzelstudien.
Die Idee des Nachlebens impliziert eine unsichere Differenz, weil sie sowohl Kontinuität wie auch Bruch oder Pendelbewegung bedeuten kann. Gerade deshalb erweist sie sich dafür, das Verhältnis von Kunst und Literatur zu verstehen. Schon die religiöse Praxis selbst ist oft plurimedial und nutzt das Zusammenspiel der Künste, um - etwa in der Emblematik oder anderen Formen der Inter- und Transmedialität - ihre so schwer sag- und sichtbaren geistlichen Gehalte zu artikulieren. Auch ästhetische Bezugnahmen auf religiöse Gehalte arbeiten oft an der Grenze der Künste und lassen die Sprache der Bilder und Bilder der Sprache einander durchdringen, wechselseitig erhellen oder auch in Frage stellen. Die Diskussion über die Ästhetisierung des Sakralen und die Sakralisierung der Ästhetik muss daher interdisziplinär geführt werden und die Summerschool soll insbesondere dazu Gelegenheit bieten, Kunst- und Literaturwissenschaften in Bezug auf das Religiöse ins Gespräch zu bringen.
Nachleben folgt nicht der linearen Zeit einer teleologischen Geschichtsschreibung, sondern derjenigen des Gedächtnisses mit seinen Latenzen, Reprisen, Einfällen und Deckerinnerungen. Das stellt auch methodische Fragen an die Kunst- und Literaturgeschichte, die sich heute ohnehin nicht mehr als die organische Entwicklung ‚der‘ Kunst oder Literatur nach ihren natürlichen Epochen mit festgelegtem Kanon versteht, sondern Brüche ebenso wie Ungleichzeitigkeiten, das Vergessene und Verdrängte ebenso wie die unscharfen Grenzen thematisiert, die schon durch das „Nachleben der Antike“ (Aby Warburg) überschritten werden. Wie lassen sich solche entgrenzten Geschichten mit Religionsgeschichten verknüpfen oder wie lässt sich umgekehrt die Geschichte der Religion von ihrer ästhetischen Repräsentation her denken? Gibt es Alternativen zur Geschichte der ‚Emanzipation‘ der Kunst von der Religion, und wenn ja, welche Figuren, AkteurInnen und Konstellationen rücken in solchen alternativen Geschichten plötzlich ins Zentrum? Was würde etwa passieren, wenn man die Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts vom Kulturkampf aus konzipiert oder die Kunstgeschichte als Geschichte von Devotionalien erzählt?
In der Summerschool werden wir zwei Tage gemeinsam in intensiver Diskussion verbringen. Wir lesen einige vorher zirkulierte Texte von Freud, Warburg, Benjamin u.a. zum Konzept des Nachlebens; der Schwerpunkt soll jedoch auf der Diskussion der eingereichten Forschungsprojekte in einer kritischen, aber wertschätzenden und konstruktiven Atmosphäre liegen.
Interessierte junge ForscherInnen sind eingeladen, Exposés ihrer Forschungsprojekte (ca. 5 Seiten) und/oder ein Vortragsabstract (ca. 2 Seiten) einzureichen. Bitte schicken Sie Ihr Exposé oder Abstract sowie ein CV oder ein paar Zeilen zu Ihrem akademischen Werdegang bis zum 7.6. an anna.naumenkogermanistik.uni-halle.de. Die Auswahl der TeilnehmerInnen erfolgt bis Mitte Juni.
Die Kosten für die (innerdeutsche) Reise sowie den Aufenthalt werden erstattet. Bei Interesse vermitteln wir eine Veröffentlichung des ausgearbeiteten Beitrags.
Organisiert von Daniel Weidner und Wiebke Windorf (beide Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg)
Reference:
CFP: Nachleben der Religionen in Literatur und Kunst (Wittenberg, 30 Sep-1 Oct 26). In: ArtHist.net, May 4, 2026 (accessed May 5, 2026), <https://arthist.net/archive/52369>.