CFP 27.04.2026

kunsttexte 1/2027: Künstlerische Habitate

Eingabeschluss : 29.05.2026

Silke Förschler, Hochschule für BIldende Künste Dresden

Mit Habitaten, abgeleitet vom lateinischen Verb ,habitare‘ für (be-)wohnen, werden Räume bezeichnet, in denen eine Art lebt bzw. sich aufhält. Diese Räume sind durch spezifische biotische oder abiotische Faktoren bestimmt und damit Teil eines größeren räumlichen Multispezies-Gefüges (Biotops). In der jüngeren Vergangenheit hat die Auseinandersetzung mit dem in der Biologie, insbesondere der Biodiversitätsforschung verwendeten und spezifizierten Begriff des Habitats vielfach Eingang auch in den Kunst- und Kulturbetrieb sowie die kunst- und architekturhistorische Theoriebildung gefunden. So hat das Department für Architektur der TU Braunschweig für den Planungsbereich den Begriff der Habitecture, zusammengesetzt aus den beiden Substantiven Habitat und Architektur, geprägt. Betont wird damit, dass sowohl (natur-)wissenschaftliche Erkenntnisse über Habitatsansprüche unterschiedlicher Tier- und Pflanzenarten als auch (menschliche) architektonisch-ästhetische Ansprüche bei der Planung von Gebäuden zusammengedacht werden sollten.

Konzeptuell wird sich mit dem Habitat-Begriff vor allem auch im künstlerisch-kuratorischen Bereich auseinandergesetzt. Erwähnt seien Ausstellungen wie die 16. Triennale Kleinplastik in Fellbach, die 2025 unter dem Motto „Habitate. Über_Lebensräume“ stand, oder die Schau „habitat. künstlerische Perspektiven auf Leben und Raum“ (2024) am Landesmuseum Natur und Mensch Oldenburg. Ausstellungsräume können – ebenso wie abjekte Orte oder Un-Orte (z.B. verlassene Gebäude oder unwirtliche, durch den Menschen zerstörte oder kontaminierte Landschaftsareale) – aber auch selbst zu Habitaten und somit zu Orten für (neue) Multispezies-Beziehungen werden.

Um die Auseinandersetzung bzw. künstlerische, teils zerstörerische Um- oder Überformung von (Landschafts-)Habitaten ging es auch den Vertreter:innen der Land Art. Protagonist:innen dieser Kunstrichtung griffen in den 1960er und 1970er Jahren radikal in Landschaftsformationen ein, um dreidimensionale, ortsspezifische Environments, oftmals unter Einsatz vorgefundener Materialien wie Erde, Steinen oder Algen anzulegen. Während für Robert Smithson der ästhetische Eigenwert der Projekte, insbesondere deren Potential, den traditionellen Kunstbegriff zu überwinden, im Mittelpunkt stand, war für die Multimediakünstlerin Nancy Holt eher die durch den künstlerischen Eingriff ausgelöste Wahrnehmungsveränderung, bewirkt durch ein Sich-Einlassen auf die Strukturen des jeweiligen Ortes, seine klimatischen Phänomene und seine Materialitäten, ausschlaggebend. Die kubanische, transkulturell arbeitende Künstlerin Ana Mendieta setzte bei ihren ortsbezogenen Projekten hingegen den eigenen Körper als Arbeitsmaterial ein. In ihren Erdkörperarbeiten, bei denen sie den direkten körperlichen Kontakt mit der Erde herstellte, setzte sie sich mit Fragen von Sexualität und Identität, kulturelle Entwurzelung und Transformation auseinander.

Seither haben sich, wenn auch unter anderen gesellschaftspolitischen oder theoretischen Vorzeichen, zahlreiche Künstler:innen mit Fragen rund um das Habitat auseinandergesetzt. Ökofeministische Positionen betonen beispielsweise den Zusammenhang zwischen Umweltzerstörung und geschlechterbezogenen Ungleichheiten, sprich deuten die Zerstörung einzelner Habitate oder ganzer Ökosysteme als Teil patriarchaler, nicht selten durch Klassismus oder Rassismus geprägter Machtstrukturen. Umgekehrt heben sie die Bedeutung von (weiblicher) Care-Arbeit innerhalb solcher Lebensräume hervor.
Die nigerianisch-amerikanische Künstler:in, Lyriker:in und Köch:in Precious Okoyomon stellt Installationen her, die unterschiedliche Materialien wie den Erdboden mit Pflanzen und nicht-menschlichen Tieren in Beziehung setzen. Beim Projekt To See the Earth Before the End of the World für den nigerianischen Pavillon auf der Venedig Biennale 2022 konzipierte Okoyomon ein künstlerisches Habitat in Form einer gärtnerischen Anlage mit Wegeführungen, Felsformationen und Pflanzenbewuchs, ‚bewohnt‘ sowohl von gesichtslosen Plüschtieren wie von Schmetterlingsschwärmen. Während die Plüschtiere autobiografische wie kollektive Kindheitserinnerungen aufrufen sollten, erinnerte Okoyomon mit der Wahl der Vegetation – hier dominierte die wuchernde Kudzu-Pflanze ostasiatischen Ursprungs, die in die USA importiert worden war, um der Bodenerosion auf Zuckerrohrplantagen entgegenzuwirken – an die Auswirkungen von Kolonisation und Sklaverei auf ökologische Wechselbeziehungen in einem globalen Kontext. In Okoyomons Projekt überkreuzten sich so die politische Dimension von Nutzpflanzen mit dem Biotop als Aufenthalts- und Fortpflanzungsort von nicht-menschlichen Tieren und der kulturell überformten Vorstellung des Hortus conclusus als spirituellem Gegenort.

Auch in Bildräumen der Malerei finden sich, nicht erst in der Gegenwart, Auseinandersetzungen mit Habitaten. So wird beispielsweise auf barocken Sottobosco-Gemälden das ‚Multispecies-Gefüge Waldboden‘ imaginiert und in der romantischen Landschaftsmalerei wird eine Vorstellung von den Relationen zwischen Naturräumen und Betrachtenden vermittelt.

Ausgehend von den genannten Positionen lädt die geplante kunsttexte-Ausgabe zum Thema „künstlerische Habitate“ zu einer Auseinandersetzung mit dem Diskursfeld Habitat in den Künsten ein. Mögliche Fragestellen können dabei sein: Wie werden Habitate in der Kunst imaginiert, inszeniert, erzeugt oder abgebildet? Wie unterscheiden sich die künstlerischen Positionen voneinander? Welche Rollen spielen post-/dekoloniale, ökofeministische oder andere intersektionale Ansätze in diesem Kontext? Wie werden künstlerische Projekte gegebenenfalls in theoretische Diskurse eingebunden bzw. welche Diskurspositionen werden aufgegriffen und ggf. neu perspektiviert bzw. ästhetisch transformiert? Welche Rolle spielt der Einsatz oder Verweis auf unterschiedliche (nicht-)künstlerische Materialien und Materialitäten? Zeitgenössische Positionen können dabei ebenso in den Fokus gerückt werden wie historische Kunstwerke, in denen das Diskursfeld Habitat künstlerisch verhandelt wird.

Artikelvorschläge (ca. 1.000 Zeichen) sowie einen Kurz-CV senden Sie bitte bis zum 29. Mai 2026 an das Redaktionsteam dieser Ausgabe (Christiane Keim, Silke Förschler und Astrid Silvia Schönhagen, E-Mail: oekologienkunsttexte.de). Die Deadline für die fertigen Beiträge mit einer maximalen Länge von 22.000 Zeichen (inklusive Lehrzeichen und Fußnoten) ist der 15. September. Erscheinungsdatum der geplanten kunsttexte-Ausgabe ist Februar/März 2027.

Quellennachweis:
CFP: kunsttexte 1/2027: Künstlerische Habitate. In: ArtHist.net, 27.04.2026. Letzter Zugriff 27.04.2026. <https://arthist.net/archive/52319>.

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