OFFENER BRIEF: Architekturgeschichte an den kunsthistorischen Instituten Berlins in ihrer Existenz bedroht.
[Anm. der Redaktion: Wir dokumentieren diesen offenen Brief aus den kunsthistorischen Instituten der Berliner Universitäten, der auf den drohenden Verzicht auf die Wiederbesetzung der Professuren für Architekturgeschichte aufmerksam macht.]
Nach derzeitigem Stand droht, dass es Anfang 2029 an den kunsthistorischen Instituten der Berliner Universitäten keine Professuren für Architekturgeschichte mehr geben wird. Die Stelle an der Freien Universität ist faktisch bereits unbesetzt, jene an der Humboldt-Universität soll ab April 2028 nicht mehr wiederbesetzt werden, und im Januar 2029 läuft die derzeitige apl.-Professur an der Technischen Universität aus.
Wesentlicher Grund hierfür sind die wiederholten, 2026 besonders drastisch ausfallenden Sparvorgaben des Berliner Senats. Was bisher von den mit der Umsetzung betrauten Hochschulleitungen und Dekanaten noch als ‚Strukturplanung‘ bezeichnet wurde, führt nun zu einem rigorosen und unverantwortlichen Kahlschlag. Steuerungsinstrumente wie die Berlin University Alliance, auch für eine sinnvolle Clusterbildung zwischen den Berliner Universitäten gedacht, spielen angesichts der finanziellen Zwänge offenkundig keine Rolle.
Dabei geht es um bemerkenswert viel: Wie können Universitäten unter diesen Bedingungen Orte gelebter kultureller Vielfalt bleiben? Wie steht es um die Relevanz der Geistes- und Kulturwissenschaften (universitätsintern wie in einer breiteren Öffentlichkeit)? Vor allem aber: Warum wird ein substanzieller Bereich der Fachkultur derartig gravierend beschädigt? Im deutschsprachigen Bereich ist die Architekturgeschichte seit dem Beginn der wissenschaftlichen Kunstgeschichte selbstverständlicher Teil hiervon. Bilder und Artefakte stehen seit jeher im engsten Zusammenhang mit architektonisch gestalteten Räumen, auch gibt es in den jeweiligen Theoriebildungen viele Übereinstimmungen. Gleichwohl haben die meisten Gegenstände der Architekturgeschichte eine eigene, auch methodologisch sich niederschlagende Spezifik (als Stichworte genannt seien Terminologie, Material und Konstruktion). Aus Gründen dieser Komplementarität ist Architekturgeschichte an praktisch allen größeren Instituten für Kunstgeschichte vertreten; auch sind die Curricula republikweit in ähnlicher Weise darauf eingestellt. Kunsthistorische Architekturgeschichte ist nicht identisch mit der Architektur- und Baugeschichte an Architekturfakultäten, denn sie hat andere methodische Zugriffe, vor allem aufgrund einer tief reichenden historischen Perspektivierung und der daraus erwachsenen Analysekompetenz.
In den aktuellen interdisziplinären Diskursen um die Geschichte, Gegenwart und Zukunft der gebauten Umwelt ist das Fach Kunstgeschichte gerade durch seine Kompetenz im Umgang mit dem architektonisch und gartenkünstlerisch definierten Raum sowie im Hinblick auf ökologische Krisenbewältigung gefragt. Kunsthistorische Architekturgeschichte vermittelt baukulturelles Wissen von der Spätantike bis zur Gegenwart. Hervorzuheben ist dabei die Beschäftigung mit Bauten als Ausdruck von Herrschaft und Repräsentation, mit sozialen und gesellschaftspolitischen Kontexten, den multisensorischen Qualitäten und transkulturellen Aspekten von Räumen, den Strategien bildmedialer Vermittlung von Architektur, den Formen der Erinnerungs- und Gedenkkultur oder aber der Geschichte und Gestalt von Bibliotheken und Museen, die derzeit gesellschaftlich einen hochdynamischen Prozess durchlaufen. Ein weiterer wichtiger Aspekt: Denkmalfachbehörden setzen weiterhin auf Absolvent:innen mit architekturhistorischem Schwerpunkt.
Die Abschaffung der Architekturgeschichte an den Berliner Instituten für Kunstgeschichte trifft eine der zentralen und besonders öffentlichkeitswirksamen Sparten unseres Fachs. Wenn wir hier nachdrücklich für deren Erhalt votieren, geht es nicht um das Festhalten an Traditionen um ihrer selbst willen, sondern um die Sicherung der beschriebenen analytischen Kompetenz. Diese ist heute mehr denn je gefragt, um die Transformation unserer Städte, wenn nicht unserer Gesellschaft, intellektuell zu begleiten und baukulturelles Erbe zu bewahren und vermittelbar zu machen.
Christian Freigang | Kai Kappel | Kerstin Wittmann-Englert
Quellennachweis:
ANN: Offener Brief: Architekturgeschichte an kunsthist. Instituten Berlins bedroht. In: ArtHist.net, 29.04.2026. Letzter Zugriff 30.04.2026. <https://arthist.net/archive/52313>.