CFP Apr 1, 2026

Das Mittelalter, Themenheft 2027/2: Die Neun Helden und Heldinnen

Deadline: May 15, 2026

Malena Ratzke, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Die Neun Helden und Heldinnen: Interdisziplinäre Perspektiven.

„Ich weiß, wer ich bin“, antwortete Don Quixote, „und weiß auch, daß ich nicht nur was ich sagte sein kann, sondern auch alle zwölf Pairs von Frankreich und noch dazu alle neun Helden; denn alle ihre Taten, die sie alle zusammen und jeder einzeln für sich getan haben, vergleichen sich nicht mit den meinigen.“

(Cervantes Saavedra, Miguel de: Leben und Taten des scharfsinnigen Edlen Don Quixote von la Mancha: Roman. Ungekürzte Ausg., Frankfurt a. M. 2008 (Fischer 90007: Fischer Klassik), S. 58.)

Das paradoxe Eigenlob des selbsternannten Ritters Don Quixote, der seine Welt im Wahn nach den Mustern höfischer Literatur wahrnimmt, bezeugt die langanhaltende Suggestionskraft der sogenannten Neun Helden und Heldinnen – Reihen vorbildlicher Figuren aus der Antike, dem alttestamentlichen Judentum und der christlichen Geschichte. Das geplante Themenheft widmet sich der immensen Popularität dieser Figurenreihen in der Literatur, Kunst und politischen Kultur des 14. bis 17. Jahrhunderts. Es geht bewusst über die geläufige motivgeschichtliche Forschung hinaus, indem es aktuelle historisch-narratologische, kulturwissenschaftliche, intersektionale oder praxeologische Ansätze für die Erschließung dieser Figurenreihen fruchtbar macht.

Zunächst erscheinen neun männliche Helden in Jacques Longuyons Alexanderroman Les Vœux du paon von 1312/13: Judas Makkabäus, König David und der Prophet Josua vertreten das Alte Testament; Hektor von Troja, Alexander der Große und Julius Caesar repräsentieren die heidnische Antike, und für die nachbiblische Geschichte stehen König Artus, Karl der Große und der Kreuzzugsheld Gottfried von Bouillon. Von hier verbreitet sich die Gruppe (auch als Neuf Preux oder Nine Worthies) in der Literatur und Kunst des west- und mitteleuropäischen Raumes und darüber hinaus (Krieger 2020; Niedermeier 2024). Die Reihe wird bald erweitert um Neun Heldinnen, deren Personenauswahl regional variiert und neben Herrscherinnen wie Kaiserin Helena auch Heilige wie Elisabeth von Thüringen umfassen kann. Die Helden und Heldinnen treten in einer Vielfalt von Genres, Medien und sozialen Zusammenhängen auf: Ihre literarische Tradition reicht von Jacques Longuyon über Sebastian Brant bis zu William Shakespeare und Miguel de Cervantes. In der visuellen Kultur erscheinen die Neun Helden und Heldinnen an adligen Höfen, in der urbanen Öffentlichkeit an Rat- und Zunfthäusern, in der Buchkultur, als Wandteppiche, Ofenkacheln und Spielkartenmotive.

Die bisherige Forschung hat sich stark auf die Neun Helden als Bildtopos konzentriert. Das Gros der Arbeiten stammt daher aus der Kunstgeschichte (Wyss 1957; Egorov 2018, s. die Auswahlbibliografie im CfP auf der Website); es wird flankiert von geschichtswissenschaftlichen und philologischen Beiträgen aus der Romanistik und Anglistik (monografisch Schroeder 1971; Anrooij 1997; Sedlacek 1997; Fallstudien Bouwmeester 2013; Karras 2020; Landgrebe 2022; Salamon 2025; eine Auswahlbibliografie findet sich im CfP auf der angegebenen Verbandswebsite). Insbesondere die Neun Heldinnen und Fragen der gender politics blieben lange im Schatten der Forschung (das Desiderat unterstreicht Niedermeier 2024), so dass sich gerade hier neue Impulse für ein vertieftes interdisziplinäres und intersektionales Verständnis der Figurenreihe setzen lassen. Gegenwärtig ist ein neu erwachendes Interesse an den Neun Helden und Heldinnen an verschiedenen Standorten innerhalb und außerhalb des deutschen Sprachraums zu beobachten.

Obwohl die meisten Beiträge auf die transkulturelle Dimension des Phänomens verweisen, fehlt es bislang an genuin interdisziplinären Perspektiven. Das Themenheft der Zeitschrift Das Mittelalter antwortet auf dieses Desiderat mit multiperspektivischen, theoretisch fundierten Beiträgen. Das Heft bietet eine Plattform, um die aktuelle Forschung an einem Ort zu bündeln, in einen Dialog zu bringen und der Forschung neue Wege zu bahnen.

Mögliche Themenfelder und Zugriffe

Das geplante Themenheft setzt an den genannten Desideraten an, indem es erstmals die regionen- und disziplinübergreifende Bedeutung der Neun Helden und Heldinnen in den Blick nimmt. Wir gehen aus von der These, dass die Neun Helden und Heldinnen ihre Durchschlagskraft entwickeln, weil sie die Kompaktheit der Reihenbildung mit dem Potenzial verbinden, eine Vielfalt von Narrativen und Sinnbezügen zu entfalten. An den Praktiken im Umfeld der Figurenreihen lassen sich sowohl Stabilisierungen als auch Dynamisierungen in den social imaginaries der jeweiligen Eliten beobachten, so im niederländischen und deutschsprachigen Raum (Baisch/Ratzke/Toepfer 2023) oder in Schottland (Purdie/Wingfield 2018). Dabei wird deutlich, wie eng die Zeitgenossen die Neun Helden und Heldinnen mit historischen und aktuellen politischen Entwicklungen vor Ort verknüpfen. Zugleich entwickeln die Helden und Heldinnen ein narratives Eigenleben; sie werden in ganz unterschiedliche Erzählkontexte inkorporiert und weisen damit eine Beweglichkeit sowohl in ihrer Gesamtheit als auch als Einzelpersonen mit individuellen Geschichten auf (von Contzen 2025).

Durch die inter- und transmediale sowie die transkulturelle Dimension des Gegenstands ist das Thema für eine interdisziplinäre und komparatistische Bearbeitung prädestiniert. Wir erhoffen uns explizit Beiträge aus den Bereichen Buchwissenschaft, Byzantinistik, Kunstgeschichte, Architekturgeschichte und Denkmalpflege und darüber hinaus. Nachdrücklich erwünscht sind Beiträge zu außereuropäischen Traditionen und zu Verflechtungsprozessen, etwa zwischen jüdischer und christlicher Kultur oder im Mittelmeerraum.

Wir laden zu Beiträgen ein, die sowohl synchron als auch diachron angelegt sein können, Fallstudien und komparatistische Untersuchungen präsentieren oder bislang unbeachtetes Material bekannt machen. Mögliche Themenfelder und Zugänge (weitere Hinweise im CfP auf der Website):

Material-, quellen- und kontextbezogen
- Genre- und medienübergreifende Dimension
- Politik und Recht: Imaginationen von Herrschaft
- Vergleich mit / Relation zu anderen Reihen (z.B. die sieben Kurfürsten, Fürsten- und Herrscherdarstellungen in Rathäusern)
- Identität und Gemeinschaft
- Konzepte von Geschichte und Erinnerung
- Kulturhistorische Kontexte
- ‚Karrieren‘ einzelner Figuren des Kanons (z. B. Artus, Alexander, Esther, Penthesilea)
- Topografie und Topologie
- Diachroner Wandel
- Akteure und Akteurinnen (Adel, städtische Eliten, Maximilian-Verehrung, humanistische Rezeption)

Theoretisch-methodisch
- Intersektionale Perspektiven
- Materialbezogen
- Praxeologie
- Relation zu verwandten Reihenmodellen in Literatur und Kunst, z. B. De viris illustribus, De mulieribus claris (Boccaccio, Christine de Pizan), Triaden (Burg Runkelstein), Zwölferreihen antiker bzw. alttestamentlicher Herrscher und Herrscherinnen (Hans Sachs, Ausstattung Lüneburger Patrizierhäuser)
- Globale Perspektive und kulturelle Verflechtung: Vorbilder- und Helden-Reihen abseits der christlichen Kulturen West- und Mitteleuropas

Wir bitten um Abstracts von etwa 300–500 Wörtern für Beiträge in englischer oder deutscher Sprache bis zum 15. Mai 2026 an die Mailadressen der beiden Herausgeberinnen:

Prof. Dr. Eva von Contzen, Universität Freiburg (eva.voncontzenanglistik.uni-freiburg.de)
Dr. Malena Ratzke, Friedrich-Schiller-Universität Jena (alena.ratzkeuni-jena.de)

Zeitlicher Ablauf
15. Mai 2026: Einsendung von Abstracts
Ende Juni 2026: Zusage an die Autorinnen und Autoren
Mitte November 2026: Einsendung der Beiträge; Weitergabe der Beiträge in die Begutachtung
02.-03. März 2027: Workshop (2 Tage) in Form einer Autorenkonferenz: Diskussion der Beiträge
Anfang Mai 2027: Abgabe der auf der Grundlage der Gutachten und der Workshopdiskussion überarbeiteten Beiträge, Lektorat
Ende August 2027: Versand der lektorierten Texte zur letzten Prüfung
Oktober 2027: Versand der Druckfahnen
Dezember 2027: Erscheinungstermin online und im Buchhandel

Weitere Hinweise und eine Auswahlbibliografie finden sich im Call for Papers auf der Website: https://www.mediaevistikverband.eu/2026/03/call-for-papers-fuer-die-zeitschrift-das-mittelalter-4/

Das Themenheft wird peer-reviewed und erscheint bei Heidelberg University Publishing im Open Access unter der Lizenz CC-BY-SA 4.0.

Reference:
CFP: Das Mittelalter, Themenheft 2027/2: Die Neun Helden und Heldinnen. In: ArtHist.net, Apr 1, 2026 (accessed Apr 2, 2026), <https://arthist.net/archive/52118>.

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