Call for Papers für die Tagung "Klasse/n & Geschlecht/er. Queer*ing und soziale Ungerechtigkeiten in Kunst und visueller Kultur".
Klassenfragen sind weithin präsent und zugleich unsichtbar (gemacht worden) – im Leben wie auch in Kunst und Kultur. Als Krisenanzeiger von Ungleichheits- und Ungerechtigkeitsverhältnissen fungiert das Thema soziale Klasse/n oft als Teil von Konflikten, Spaltungen und Dynamiken im Kontext von Bildung, Wohnen, Mobilität, Ökonomie, Migration, Klimagerechtigkeit, Digitalisierung u.a.m. Klassendifferenzen und klassenbedingte Gewalt sind dabei gesellschaftlich äußerst wirkmächtig. In diese Prozesse sind Kunst und visuelle Kultur historisch und gegenwärtig massiv verstrickt: durch Bilder, Comics, Filme, Installationen (im öffentlichen Raum), Social Media usw. ebenso wie durch die Wissenschaften selbst. Darüber hinaus sind Klassenfragen per se intersektional aufzufassen, da diese aufs engste mit Fragen von Geschlecht/ern, race, Befähigung, Religion, Territorium, Alter etc. verknüpft sind.
Komplexe (Infra-)Strukturen und die zunehmende Verschärfung sozialer Ungerechtigkeiten haben zu unterschiedlichen Konnotationen des Klassenbegriffs geführt, oft auch zu starken Vereinfachungen, Vorurteilen und Vorteilnahmen. So wird Klasse etwa oft verallgemeinernd mit der Arbeiter(innen)klasse assoziiert, um etwa Bildungsprivilegien aufrecht zu erhalten. Dies ist ein Beispiel von vielen, welches stellvertretend für problematische Umgangsweisen angeführt sei. Zudem werden Klassenfragen häufig unsichtbar gemacht, verschwiegen oder verdrängt. Aus soziologischer Sicht arbeitet Bettina Heintz heraus, dass im Alltag die Erkennbarkeit von Klassen oft fehle, da es durch die „Auflösung distinkter Klassenkulturen“ für ein „‚doing class‘“ kein „selbstverständliches Darstellungsrepertoire mehr“ gebe (2017: 102). Auch in intersektional angelegten kulturwissenschaftlichen Forschungsprofilen wird gender, öfters auch race und queer sowie mitunter trans zur Befragung von Produktions- und Rezeptionsdimensionen sowie Wissensproduktion und -vermittlung untersucht. Die Kategorie Klasse fällt hingegen oft noch immer aus dem analytischen Raster heraus – gerade auch in Kunstgeschichte/-wissenschaft bzw. in benachbarten Disziplinen und von wichtigen Ausnahmen abgesehen, wie etwa hooks 2000, Bergermann/Seier 2018, Robnik (Hg.) 2021, Bull/Galimberti 2022, Becker/Beyer/Pühl (Hg.) 2024, der Summer School „Kunstgeschichte x Klassismus“ 2023 und jüngst dem Workshop „Klasse anerkennen“ 2025. An diesem Forschungsdesiderat setzt die Tagung an.
Die Tagung beabsichtigt, das Thema Klasse/n und soziale Ungerechtigkeiten, wie im Titel formuliert, in der Verflechtung mit der Differenzkategorie Geschlecht/er und hierbei wiederum schwerpunktmäßig aus der Perspektive eines queering zu erörtern (und je nach Problemstellung auch in Verknüpfung mit weiteren Kategorien). Queering, hier als machtkritische Aushandlungsprozesse konzeptualisiert, meint querstrebige, transversale Modi der Transformation normativer soziokultureller Verhältnisse und deren Implikationen für Geschlecht, Sexualität und Begehren sowie in ihren Intersektionen zu race, Befähigung, Alter usw. Queer*ing befragt dabei eine vor allem bislang vertikal aufgefasste Klassenlogik, unterstreicht die Heterogenität von Klassen und operiert in Zonen von Klassenübergängen.
Im Kontext der Tagung ist es aus unserer Sicht wichtig, das Thema Klasse/n und seine Visualitäten wie Medialitäten entlang zumindest folgender fünf Gesichtspunkte zu diskutieren und gemäß detaillierten Analysen neu zu konturieren: Klasse ist (1) im Plural als Klassen und diversifiziert in Hinblick auf Interrelationen zu denken. Zugleich begreifen wir Klasse/n (2) stets performativ und nicht identitätsstiftend festgezurrt. Dabei ist grundsätzlich zwischen klassenspezifischen Fremdzuschreibungen und Selbsterfahrungen wie -bezeichnungen im Sinne von Betroffenheiten zu unterscheiden. Der Begriff der Klasse dient (3) nicht nur dazu, soziale Ungleichheiten zu kennzeichnen, sondern ermöglicht vielmehr eine Politisierung, beispielsweise durch die Problematisierung von Selbstverhältnissen und als Werkzeug von Subjektivierungsprozessen (Paul/Seier 2024). Eine wichtige Prämisse ist hierbei das Gemacht-Werden von Klassenverhältnissen und sozialen Hierarchien, kurz: das Geworden-Sein von Klassenregimen. Insofern spielen vor allem auch kulturelle Praktiken diskursiv und für die Politisierbarkeit eine wichtige Rolle. Dazu zählen visuelle Repräsentationen und Imaginationen jeglicher Art, somit konkret mediale Praktiken des Zeigens, Diskutierens und Wahrnehmens (Seier 2024). Die Herangehensweise ist (4) grundsätzlich intersektional auszurichten, da Klassismus nur in der Verflechtung mit anderen infrastrukturellen, sozialen, kulturellen und individuellen Diskriminierungsachsen wie Rassismus, Sexismus, Queer-, Trans*InterNon-binär-Feindlichkeit analysiert und kommentiert werden kann. Insofern ist es unserer Auffassung nach (5) sinnvoll, Klasse/n vor allem als Konzept (Bal) zu denken und, mikropolitisch betrachtet, die Interdependenzen von Klasse/n, Geschlecht/er, Körperlichkeiten und Affekten sowie übergeordnet Wissen(sproduktion) zu untersuchen. Anliegen der Tagung ist, für die Kunstgeschichte und visuelle Kulturwissenschaften – und darüber hinaus – einen Beitrag zur politischen (Neu-)Konturierung des Konzepts Klasse/n zu diskutieren.
Mögliche (aber nicht ausschließliche) Fragestellungen und Themenfelder für Beiträge sind (wobei die Reihenfolge nicht hierarchisierend gemeint ist):
- Klasse/n, Klassismus und Kunstgeschichte/-wissenschaft –aus historischer, theoretischer und/oder methodologischer Perspektive
- Repräsentationen, Materialitäten und Medialisierungen von Klasse/n, auch Klassenübergängen (Jaquet), Geschlecht/ern und queer*ing (auch in Verbindung mit weiteren methodologischem und/oder theoretischen Fragen)
- Klasse/n, Kapitalismus, Ökonomie, De/Growth
- Klasse/n und Affekte: Scham (inklusive Be-/Entschämung), Wut, Trauer, Verletzlichkeit, Melancholie, Widerstand und anderes mehr
- Klasse/n und Rechtspopulismus/-extremismus sowie Autoritarismus
- Klasse/n, Geschlecht/er, queer*ing und weitere Differenzkategorien: auch hierzu sind Beiträge sehr willkommen.
Die Ausschreibung richtet sich an alle interessierten Forscherinnen (und damit insbesondere an Doktorandinnen, Postdocs, Seniors etc.), die ihre aktuellen Projekte diskutieren möchten. Die Tagung findet vom 14. bis 16. Januar 2027 in Präsenz am Institut für Kunst und visuelle Kultur der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg statt. Voraussichtlich können Reise- und Übernachtungskosten übernommen werden. Es ist eine Publikation zur Tagung geplant.
Wir bitten Interessierte um die Einsendung deutschsprachiger Abstracts mit einem Umfang von max. 300 Wörtern für einen 20-minütigen Beitrag und einem kurzen CV von max. 150 Wörtern in einer pdf-Datei an folgende E-Mailadressen:
friederike.nastold@uol.de und barbara.paul@uol.de; Einsendeschluss ist der 19.04.2026. Teilnehmer*innen werden bis spätestens Ende Mai benachrichtigt.
Konzeption und Organisation: Friederike Nastold und Barbara Paul (Institut für Kunst und visuelle Kultur an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg).
Quellennachweis:
CFP: Klasse/n & Geschlecht/er (Oldenburg, 14-16 Jan 27). In: ArtHist.net, 27.03.2026. Letzter Zugriff 28.03.2026. <https://arthist.net/archive/52079>.