ANN 25.02.2026

Studienkurs "Il tempo a Venezia" (Venedig, 27 Sep-4 Oct 26)

Venezia, 27.09.–04.10.2026
Deadline/Anmeldeschluss: 15.04.2026

Deutsches Studienzentrum in Venedig

Il tempo a Venezia: Zeitbilder und Zeitordnungen im frühneuzeitlichen Venedig.

Das Deutsche Studienzentrum in Venedig veranstaltet vom 27.09.-4.10. 2026 (An- und Abreisetag) einen interdisziplinären Studienkurs. Er wird geleitet von Prof. Dr. Daniela Bohde (Kunstgeschichte, Universität Stuttgart) und Prof. Dr. Anja Wolkenhauer (Latinistik, Eberhard-Karls-Universität Tübingen).

Zeit ist mehr als Uhrzeit. Zeit kann man nicht sehen, nicht hören, nicht riechen. Trotzdem beziehen sich Menschen darauf, um ihr Leben zu organisieren, während die grundlegende Unfassbarkeit der Zeit ihr einen festen Platz in Philosophie und Theologie verschafft hat. Es gibt Praktiken und Instrumente der Zeitordnung, soziale Normen, visuelle Repräsentationen, Utopien der Zeitlosigkeit, Konzepte von Geschichte und Ewigkeit. Im Studienkurs wollen wir in die kulturhistorische Zeitforschung einführen und am Beispiel des frühneuzeitlichen Venedig die Nutzung und Veranschaulichung von Zeit diskutieren.

Wir fragen im Studienkurs danach, welche Zeit wann und wo für wen in Venedig galt – auf dem Markusplatz, im Ghetto, im Arsenale, in den Kirchen und Klöstern und in den privaten Räumen der Stadt, vermittelt durch Uhren, Kalender, Alltagspraktiken, Geschichtsbilder, eschatologische Erwartungen etc. Wir wollen verstehen, wie Zeitstrukturen kulturelle Normen prägen und wo die Berührungszonen zwischen Alltagspraxis und zeitphilosophischem Denken liegen. Gemeinsam werden wir uns Grundlagentexte der historischen Zeitforschung (Elias, Le Goff, Borst, Levine, Dohrn-van Rossum etc.) und Vorbilder (wie z.B. das antike Rom) erschließen. Wir werden unseren Fragen in den Räumen des Centro Tedesco di Studi Veneziani am Canal Grande nachgehen, aber auch auf vielen Exkursionen im Stadtraum, die uns u.a. in die Biblioteca Marciana und ins Archivio di Stato, in den Markusdom und auf den Uhrturm bringen werden. Eine Stadttour per Ruderboot ist ebenfalls vorgesehen.

Das frühneuzeitliche Venedig war ein Ort, an dem der Zeit in all ihren Facetten große Aufmerksamkeit geschenkt wurde: Die Mosaiken von San Marco bezeugten die Dauer und die Geschichte der Stadt, die sich bis in die Neuzeit eine eigene Zeitrechnung leistete. Spolien schufen Verbindungen zwischen Venedig und der Welt und hielten ferne Zeiten im Alltag präsent. Die Torre dell’Orologio verknüpfte astronomische, zivile und religiöse Zeiten miteinander. Noch heute bietet sie ihren BetrachterInnen zwei Gesichter: Eine große, repräsentative, von Automaten flankierte astronomische Uhr, die zum Meer und hinaus und in die Welt schaut, und eine schlichte und unauffällige Anzeige auf der Rückseite des Turmes, die der Stadt und ihren Bewohnern zugewandt ist. Im frühneuzeitlichen Venedig riefen Glocken zur Arbeit, zur Versammlung und zum Gebet; Chronographen und gedruckte Kalender vermittelten Orientierung im Alltag, Stundenbücher wie das berühmte Breviario Grimani begleiteten das Nachdenken über Zeit und Endlichkeit.

Der Kurs ist interdisziplinär ausgerichtet und lädt fortgeschrittene Studierende und DoktorandInnen aus den historisch orientierten Text- und Bildwissenschaften herzlich zur Bewerbung ein. Wenn Sie etwas Anderes studieren bzw. studiert haben, aber begründen können, weshalb dieses Thema auch Ihr Thema ist, bewerben Sie sich gerne ebenfalls. Wir erwarten von allen Teilnehmenden, dass sie sich mit engagierter Neugier auf die disziplinübergreifende Diskussion einlassen; dazu gehört auch die Übernahme eines Referats und die Vorbereitung der gemeinsamen Quellenlektüre. Die umfassende finanzielle Unterstützung durch die Fritz Thyssen Stiftung ermöglicht es uns, den Eigenanteil der Teilnehmenden gering zu halten. Der Studienkurs wird in deutscher Sprache stattfinden; für die Arbeit mit den Quellen und vor Ort sollten Sie entweder Italienisch- oder Lateinkenntnisse mitbringen.

Folgende Themenblöcke sind geplant (individuelle Ergänzungen sind möglich):
Schwerpunkt 1: Göttliche und menschliche Zeit: grundlegende Texte & Themen
‚Zeit‘ kann aus verschiedenen Perspektiven beschrieben werden. In der literarischen Tradition stehen neben philosophischen Studien (Platon, Augustinus) kulturhistorische (Plinius d.Ä., Censorinus) und literarische Werke (Ovid, Prudentius), die die Zeitordnung als Rahmen und Struktur nutzen, dabei aber auch stets reflektieren.
Mögliche Referatsthemen:
1. Censorinus, De die natali: Die Zeiten des Menschen
2. Augustinus von Hippo, Confessiones: Göttliche und menschliche Zeiten
3. Christliche Tagesordnungen (Regula Benedicti, Prudentius՚ Kathemerinon)
4. Zeitrechnung, Komputistik; Kalenderreformen (Dionysios Exiguus)

Schwerpunkt 2: Instrumente und Orte der Zeitordnung
Bis weit in die Neuzeit hinein hatten die organisatorischen, und das heißt auch: die zeitlichen Strukturen des römischen Imperiums Modellcharakter in Europa. Viele Städte rechneten ausgehend vom römischen Vorbild nach Regenten- oder Stadtjahren (ab urbe condita), und fast alle nutzten den julianischen Kalender, während Sonnen- und Wasseruhren neben den modernen Räderuhren fortbestanden. Sie entwickelten im Stadtraum Orte hoher ‚Zeitdichte‘, an denen sich differente Chronotope vielfach überlagerten.
Mögliche Referatsthemen:
1. Der venezianische Kalender
2. Die Torre dell’Orologio am Markusplatz mit ihren beiden Uhren und dem Läutwerk
3. Die akustische Zeitordnung der venezianischen Glocken (Marangona, Trottiera etc.)
4. Die ‚Marktuhr‘ von San Giacomo di Rialto

Schwerpunkt 3: San Marco als Ort der Überblendung von Zeitentwürfen
San Marco leistet durch seine Funktion als Palastkirche eine paradigmatische Verschmelzung von politischer und religiöser Sphäre. Die Ausstattung von San Marco referiert einerseits auf die Schöpfung und die Geschichte der Menschheit, andererseits auf die Geschichte Venedigs und die ihres legendären Heiligen, dem schon prophezeit worden war, in Venedig zu ‚ruhen‘ bevor seine Gebeine in Alexandria geraubt und in San Marco beigesetzt wurden.
Mögliche Referatsthemen:
1. Die Narthexmosaike, insbesondere die Genesiskuppel
2. Die Fassade mit ihren Spolien und vermeintlichen Spolien
3. Die Markuslegende in den Mosaiken von San Marco und auf der Pala d’Oro.
4. Gentile Bellini: Prozession auf dem Markusplatz.

Schwerpunkt 4: Zeit der Erinnerung, Vergegenwärtigung, Erlösungshoffnung
Christliches Zeitverständnis ist stark von der Erinnerung und Vergegenwärtigung von Heilsereignissen geprägt. Die Messliturgie ist als unblutige Wiederholung der Selbstopferung Christi konzipiert, die Heiligentage dienen vor allem der Erinnerung der Martyrien der Heiliggesprochenen. Die religiöse Andacht bot eine besondere Gelegenheit über Zeit zu reflektieren.
1. Vittore Carpaccio: Grabbereitung Christi (Berlin, Gemäldegalerie)
2. Vittore Carpaccio: Meditation über die Passion (New York, Metropolitan Museum)
3. Breviario Grimani (Biblioteca Marciana)

Praktische Hinweise
Am Studienkurs können 15 Masterstudierende und DoktorandInnen aus allen historisch orientierten Bild- und Textwissenschaften teilnehmen; individuelle Ausnahmen sind mit spezifischer Begründung möglich. Internationale Bewerbungen sind herzlich willkommen. Der Kurs findet in deutscher Sprache statt; darüber hinaus sollten Sie für die Lektüre der Quellentexte und der Forschungsliteratur Italienisch- oder Lateinkenntnisse mitbringen.

Die Bewerbung sollte folgende Unterlagen enthalten:
- Anschreiben (mit Benennung dreier Referatsinteressen)
- Tabellarischer Lebenslauf
- Immatrikulationsbescheinigung
- Eine Publikation oder Hausarbeit eigener Wahl (ca. 20 Seiten)
- Ggf. eine Zusammenfassung Ihres Master- oder Promotionsprojekts (1-2 Seiten)
- Ein kurzes Empfehlungsschreiben eines Hochschullehrers/einer Hochschullehrerin

Bitte schicken Sie Ihre Bewerbung in einer zusammenhängenden PDF-Datei an die Koordinatorin dott.ssa Michaela Böhringer (m.boehringerdszv.it). Bewerbungsschluss ist der 15.04.2026. Die ausgewählten Teilnehmenden werden im Mai 2026 per E-Mail benachrichtigt. Für die Unterkunft in gemeinschaftlichen Ferienwohnungen in Venedig (7 Nächte) kommt das Studienzentrum auf; ebenso für Exkursionen, Eintritte, eine Wochenkarte für die venezianischen Vaporetti, Begrüßungsempfang und Abschlussessen. Darüber hinausgehende Reise- und Verpflegungskosten tragen die Teilnehmenden selbst.

Wir danken der Fritz Thyssen Stiftung für die freundliche Unterstützung.

Deutsches Studienzentrum in Venedig
PD Dr. Richard Erkens, Direktor DSZV
Palazzo Barbarigo della Terrazza, S. Polo 2765/A, Calle Corner, 30125 Venezia, T. 0039-041-5206355, www.dszv.it

Quellennachweis:
ANN: Studienkurs "Il tempo a Venezia" (Venedig, 27 Sep-4 Oct 26). In: ArtHist.net, 25.02.2026. Letzter Zugriff 25.02.2026. <https://arthist.net/archive/51829>.

^