[English version below]
Barock: Religion – Konfessionen.
25. Internationaler Barocksommerkurs der Stiftung Bibliothek Werner Oechslin.
Das Kolloquium findet vom Sonntag 21. bis Donnerstag 25. Juni 2026 statt.
Zum Thema:
Alles nicht neu!? Der Abbau von Religion und noch deutlicher von ‘religiösen Praktiken’ ist längst Geschichte. Man hat sich in dem eingerichtet, was man gerne im nur oberflächlichsten Sinne als «Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft» las. Da fiel schon mal alles ab an Mystik und ‘barockem Kitsch’ und sollte dem Platz machen, was sich ‘vernünftig’ als ethisch-moralische Grundeinstellung und vielleicht noch Einverständnis in die Notwendigkeit einer Gottesidee darstellte. Im Zuge der zeitweilig betriebenen systematischen Austreibung des Religiösen aus allen vernunftgetriebenen (sich selbst genügenden) Lebensbereichen hat in der Gegenwart auch eine Kategorie massiv an Bedeutung verloren, die in den christlichen Gesellschaften Europas jahrhundertelang zu den wichtigsten und unerbittlichsten Differenzmarkern überhaupt zählte: die Konfession.
Beschäftigt man sich hingegen mit den Künsten und anderen kulturellen Erscheinungsformen der Barockzeit, so kommt man um Konfession bzw. um Konfessionskulturen als Formationen, in denen bekenntnisgebundene Zugänge zum christlichen Glauben die gesellschaftliche und kulturelle Lebenswelt (mit-) prägten, nicht herum. Bilder und ihr Gebrauch sind vielleicht das markanteste Beispiel dafür: Auf protestantischer wie katholischer Seite Gegenstand der Regulierung durch Theologen, reicht das Spektrum des Umgangs mit ihnen von scharfer Ablehnung samt Säkularisierung oder gar physischer Vernichtung über die Indifferenz des Adiaphorons bis hin zur Bestätigung und Aufwertung ihrer angestammten Aufgabe als Medium von Schmuck und Instruktion. Neue Formen von Bekenntnisbildern, die Nutzung markanter Bildthemen sowie eine Intensivierung und gleichzeitige Einhegung von Formen des Bildkultes suchen konfessioneller Spezifik bildliche Evidenz zu verleihen. Auch in der Architektur lässt sich, freilich erst seit etwa 1650/1700, die Herausbildung konfessionsspezifischer Traditionen beobachten, wie etwa die Entstehung und Verbreitung der sog. Querkirchen in einigen protestantischen Territorien des Reiches zeigt. Entsprechend tadelt Leonhard Christoph Sturm 1718 den von ihm verehrten Goldmann dafür, «den Unterschied unter den Kirchen vor das Pabsthum / und denn vor diejenige Religionen / die von der Römischen Kirche ausgegangen sind», nicht berücksichtigt zu haben und stellt erstmals in aller Deutlichkeit Entwürfe für «päbstische» und protestantische Kirchen einander gegenüber. Die Frage, wie sich denn konfessionelle Überzeugungen konkret und im Einzelfall in künstlerische Form und – noch mehr – in ‘barocke Inszenierung’ übersetzen liessen, ist nach wie vor relevant und nie ganz zu erschöpfen.
Umgekehrt ist inzwischen vielfach aufgewiesen worden, dass die Konfessionen selbst keineswegs als monolithische Blöcke zu verstehen sind und die vermeintlich unverrückbar gezogenen Grenzen zwischen ihnen alles andere als undurchlässig waren. So hat die Forschung zur lutherischen Konfessionskultur die breite Rezeption nicht-lutherischer Erbauungsliteratur – darunter ausgerechnet solcher des Ignatius von Loyola – aufzeigen können. In Berlin praktizierten Lutheraner lange eine Liturgie, die sich in ihren äusseren Formen kaum von der katholischen unterschied – und verteidigten sie gegen den reformierten Landesherrn als Bestandteil ihrer konfessionellen Identität! Mehrfach wurden Versuche einer Einigung der christlichen Konfessionen unternommen, die allerdings durchgehend scheiterten. Auch in den Künsten lassen sich solche unscharfen Grenzen beobachten. So fand Sturm die Londoner Paulskathedrale zwar «herrlich», konnte aber nicht begreifen, «warumb eine solche Form zu einem reformirten Gottesdienst erwählet worden». Dass opulent ausgestattete, bilderreiche Kirchen kein rein katholisches Phänomen sind, sondern im Luthertum vorkommen – in Umkehrung einer jahrzehntelangen Forschungsmeinung wurde es kürzlich gar als «magnificent faith» (B. Heal) apostrophiert –, ist als Einsicht inzwischen so verbreitet, dass diese wiederum den Blick auf gegenläufige Phänomene zu verstellen droht – wie umgekehrt selbst das Reformiertentum unter bestimmten Umständen Bilder, selbst Gottesbilder, am Kirchenbau geduldet hat oder dulden musste. Konfessionelle ‘Identität’, so zeigt sich hier, ist in Kunstwerken meist nur eine Facette, ihre Überlagerung mit anderen Bereichen der Bedeutungsstiftung ist ein wichtiges Thema, deren Berücksichtigung oft erst genauere Aussagen über den konfessionellen Gehalt zulässt.
Momente des Konfessionellen wie seiner Überwindung sind also zusammenzudenken oder wenigstens zu -untersuchen: «refertur ad prototypa», es gibt immer passende Bezüge. Durch äussere Zeichen sah sich Karl Wilhelm Ferdinand Solger auf die tieferen Fragen religiöser Kunst verwiesen; bei seinem Besuch in Einsiedeln beeindruckten ihn die lebendigen Formen der Frömmigkeit, und er gelangte zur Einsicht: «Wer Gott in seinem Geiste nicht erreichen kann, der suche ihn in Bildern, er irrt nicht.» «Ihn in seine Sphäre herabzuziehen» ist die Losung, um jener unsichtbaren Kirche die Vorteile der sichtbaren Kirche entgegenzuhalten – sie kehrt eines der Kernargumente um, mit denen die Reformierten jede Form der bildlichen Darstellung Gottes bekämpft hatten. Schelling hat solche Fragen in seiner Vorlesung «Über die historische Construction des Christenthums» vertieft. Er weiss, dass auch in Wissenschaft und Kunst das Einzelne und Besondere nur dann einen Wert besitzt, wenn es das Allgemeine und Absolute in sich aufnimmt. So schliesst sich ein Kreis, und für Schelling gilt dann bezogen auf diese sinnlich erfahrbare (katholische) Kunst: «Diese symbolische Anschauung ist die Kirche als lebendiges Kunstwerk.»
Ganz vertreiben lässt sich Religion nicht. Die Kunstgeschichte konnte am wenigsten das Thema der Religion ausklammern. Schließlich gehört zu Religion und Konfession in den Künsten, wenn man so will als Kehrseite, die ‘Musealisierung’. Sie hat kulturgeschichtliche Auffangbecken geschaffen und der «unsichtbaren» Kirche sichtbare Reservate zugeordnet, die gerade heute überfüllt sind. Die «Verkunstgeschichtlichung» hat diesen Prozess beschleunigt, ‘religiöse’ Kunstwerke in rein ästhetische Gegenstände verwandelt und darüber ein «Connaisseur-tum» gebildet. Doch liegt zumindest eine seiner Wurzeln wiederum im Konfessionellen – paradoxerweise gerade im Bilderverbot der Reformierten, das die Überführung als wertvoll anerkannter Bilder in fürstliche Sammlungen zur Folge hatte, die in ihrem ursprünglichen kirchlichen Kontext keine Duldung mehr fanden.
Wer würde – noch einen Schritt weitergedacht – behaupten, dass sich religiöse Praxis und dass sich insbesondere religiöse ‘Gefühle’ nicht auch ausserhalb konfessioneller Bindung entfalten liessen? Ernest Renan hat in seiner «Prière sur l’Acropole» eine solche Wirkung beschworen, und niemand wird ihm die Einsicht in die Tiefe seiner Gedanken verweigern. Nach allen Reisen, dem Aufenthalt in Syrien, findet er endlich auf der Akropolis in Athen die langersehnte Erfüllung: «L’impression que me fit Athènes est de beaucoup la plus forte que j’aie jamais ressentie.»
Bedingungen:
Wie üblich soll der Diskurs fächerübergreifend angelegt sein. Wir erhoffen uns eine rege Teilnahme von Wissenschaftlern und Promovierenden aus den Disziplinen Architektur- und Kunstgeschichte, Geschichte, Theologie, Theaterwissenschaften etc.
Da dem Gespräch, gemeinsamen Diskussionen, grosses Gewicht zugemessen wird, sollten die Beiträge nicht länger als 20 Minuten dauern. Die Referate können in deutscher, englischer, französischer und italienischer Sprache vorgetragen werden. Passive Deutschkenntnisse werden vorausgesetzt.
Bedingungen: Die Stiftung übernimmt die Kosten für die Übernachtungen und die gemeinsamen Abendessen. Reisespesen können leider nicht erstattet werden.
Wir bitten um Bewerbungen mit kurzen Exposé und CV bis spätestens 23. Februar 2026 per e-mail an: anja.buschowbibliothek-oechslin.ch
Konzeption / Organisation: Dr. Anja Buschow Oechslin (Einsiedeln), Prof. Dr. Jens Niebaum (Universität Münster), Prof. Dr. Werner Oechslin (Einsiedeln).
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BAROQUE: Religion – Confessions.
Twenty-fifth International Baroque Summer Course of the Werner Oechslin Library.
The colloquium will take place from June 21 – 25, 2026.
Concerning the topic:
Nothing new!? The decline of religion and, even more clearly, of “religious practices” is well behind us. People have settled into what is often referred to in the most superficial sense as “religion within the boundaries of pure reason.” Everything mystical and the “baroque kitsch” has been discarded to make way for what is considered “reasonable” as a basic ethical and moral attitude and perhaps even acceptance of the necessity of the concept of God. In the course of the sporadically pursued systematic expulsion of religion from all rational (self-sufficient) areas of life, a category that for centuries had been one of the most important and adamant markers of difference in the Christian societies of Europe has now lost much of its significance: confession (that is, religious denomination).
When examining the arts and other cultural manifestations of the baroque period, however, it is impossible to get around religious denominations and confessional cultures as formations in which creed-based approaches to the Christian faith (with other factors) leave their mark on the social and cultural environment. Images and their use are perhaps the most striking example of this: subject to regulation by theologians on both the Protestant and Catholic sides, the spectrum of how they were dealt with ranged from decisive rejection, including secularization or even physical destruction, to the indifference of adiaphora, to the confirmation and upgrading of their traditional role as a medium of decoration and instruction. New forms of confessional images, the use of striking pictorial themes, and an intensification and simultaneous containment of forms of image cults seek to lend pictorial evidence to confessional specificity. In architecture, too, the development of denomination-specific traditions can be observed, albeit only from around 1650/1700, as evidenced by the emergence and spread of so-called transverse churches (“Querkirchen”) in some Protestant territories of the empire. Accordingly, in 1718 Leonhard Christoph Sturm reproached Goldmann, whom he admired, for not taking into account “the difference between the churches for the papacy and then for those religions that originated from the Roman Church”, and for the first time clearly contrasted designs for “papist” and Protestant churches. The question of how confessional convictions could be translated concretely and in individual cases into artistic form and—even more so—into “baroque theatrical staging” remains relevant and can never be fully exhausted.
Conversely, it has now been demonstrated many times that the confessions themselves should by no means be understood as monolithic blocks and that the supposedly fixed boundaries between them were anything but impermeable. Research into Lutheran denominational culture has revealed the widespread reception of non-Lutheran devotional literature, including, ironically, that of Ignatius of Loyola. In Berlin, Lutherans long practiced a liturgy that differed little in its outward forms from the Catholic liturgy – and defended it against the Reformed sovereign as part of their confessional identity! Several attempts were made to unite the Christian denominations, but they all failed. Such blurred boundaries can also be observed in the arts. Sturm found St. Paul's Cathedral in London “magnificent” but could not understand “why such a form had been chosen for a reformed church service”.
The fact that opulently decorated churches rich in imagery are not a purely Catholic phenomenon, but also occur in Lutheranism is now widely accepted – in a reversal of the opinion of decades of research this was recently even described as a “magnificent faith” (B. Heal). This broad acceptance threatens to obscure the view of opposing phenomena – such as the fact that, conversely, even the Reformed Church tolerated or had to tolerate images, even images of God, in church buildings under certain circumstances. Confessional “identity,” as can be seen here, is usually only one facet of works of art; its overlap with other factors that bestow meaning is an important topic, the consideration of which often allows for more precise statements about confessional content.
Moments of denominationalism and the overcoming of it must therefore be considered together, or at least examined together: “refertur ad prototypa”—there are always appropriate references. External evidence led Karl Wilhelm Ferdinand Solger to reflect on the deeper questions of religious art; during his visit to Einsiedeln, he was impressed by the lively forms of piety and came to the conclusion: “Those who cannot reach God in their spirit should seek him in images; they will not err.” “Pulling him down into his realm” is the motto for countering the invisible church with the advantages of the visible church – it reverses one of the core arguments with which members of the Reformed Church had fought against any form of pictorial representation of God. Schelling explored such questions in depth in his lecture “On the Historical Construction of Christianity” (“Über die historische Construction des Christenthums”). He knows that even in science and art, the individual and the particular only have value if they incorporate the general and the absolute. Thus, a circle is closed, and for Schelling, the following holds regarding this sensually perceptible (Catholic) art: “This symbolic view is the church as a living work of art.”
Religion cannot be completely eradicated. Art history has been least able to exclude the subject of religion. After all, religion and its denominations in the arts are, if you will, the flip side of “musealization”. It has created cultural-historical repositories and assigned visible cultural refuges to the “invisible” church, refuges that are particularly overfilled today. The “art-historification” of religion has accelerated this process, transforming “religious” works of art into purely aesthetic objects and creating a connoisseurship of them. But at least one of its roots lies in the denominational — paradoxically, precisely in the Reformed Church's prohibition of images, which resulted in the transfer of images recognized as valuable to princely collections when they were no longer tolerated in their original ecclesiastical context.
Taking this idea one step further, who would claim that religious practice, and religious “feelings” in particular, cannot also develop outside of confessional bonds? Ernest Renan evoked such an effect in his “Prière sur l'Acropole,” and no one would deny him insight into the depth of his thoughts. After all his travels and his stay in Syria, he finally finds the long-awaited fulfillment on the Acropolis in Athens: “L'impression que me fit Athènes est de beaucoup la plus forte que j'aie jamais ressentie.”
Terms and conditions:
The course is open to doctoral candidates as well as junior and senior scholars who wish to address the topic with short papers (20 minutes) and through mutual conversation. As usual, the course has an interdisciplinary orientation. We hope for lively participation from the disciplines of art and architectural history, but also from scholars of history, theology, theatre and other relevant fields. Papers may be presented in German, French, Italian or English; at least a passive knowledge of German is a requirement for participation.
Conditions: The Foundation assumes the hotel costs for course participants, as well as several group dinners. Travel costs cannot be reimbursed.
Please send applications with brief abstracts and brief CVs by e-mail to:
anja.buschowbibliothek-oechslin.ch
The CFP deadline is 23 February 2026.
Concept / Organization: Dr. Anja Buschow Oechslin (Einsiedeln), Prof. Dr. Jens Niebaum (Universität Münster), Prof. Dr. Werner Oechslin (Einsiedeln)
Quellennachweis:
CFP: 25. Internationaler Barocksommerkurs (Einsiedeln, 21-25 Jun 26). In: ArtHist.net, 25.01.2026. Letzter Zugriff 27.01.2026. <https://arthist.net/archive/51569>.