Bericht im Auftrag der Veranstalter:innen
Der „Digital Turn“ wird in den Geisteswissenschaften nun schon seit einigen Jahren ausgerufen, aber seit im Herbst 2022 KI-Tools wie ChatGPT die breite Öffentlichkeit erreichten, hat sich die Geschwindigkeit des Turns deutlich erhöht. Gerade Sammlungs-, Provenienz- und Kunstmarktforschung werden durch Big Data, KI und andere digitale Tools erheblich beeinflusst. Neben den klassischen historischen, kultur- und kunsthistorischen Kompetenzen sind dafür vor allem umfangreiche, differenzierte Datenkompetenzen nötig. Aus der Sicht der älteren Generation (zu der sich die Rezensentin zählt) war es höchst erfreulich, zu sehen, dass die nächste Generation die nötigen technischen Tools mittlerweile völlig selbstverständlich beherrscht – auch hier findet also gerade ein „Turn“ statt.
Ziel der Tagung war, für die Sammlungs-, Provenienz- und Kunstmarktforschung die Charakteristika, Methoden, Herausforderungen und Potentiale der digitalen Forschungsansätze aufzuzeigen, zu diskutieren und weiterzudenken.[1] Das Tagungsthema erfuhr bereits im Vorfeld einen überwältigenden Zuspruch, rund 150 internationale Teilnehmer:innen fanden sich schließlich zusammen: Vertreter:innen von Museen und Sammlungen, Forscher:innen aus Hochschulen, Universitäten und Instituten, Fachleute aus dem Kunsthandel, Provenienzforscher:innen: das Feld war breit, die Diskussionen entsprechend lebhaft. Der folgende Bericht kann aus Platzgründen nicht alle Beiträge würdigen und konzentriert sich deshalb auf prägnante Punkte.
In ihrer Einführung erläuterte Gabriele Zöllner (SODa), dass es nicht reicht, Datenbanken und digitale Methoden zu kennen und zu nutzen. Objektdaten sind Forschungsdaten und enthalten unter anderem Ungenauigkeiten, mit denen es offensiv und produktiv umzugehen gilt. Zudem ist Sammlungsforschung immer interdisziplinär angelegt. Das wurde gleich in der ersten Sektion deutlich, die sich Provenienz- und Marktdaten und dem Finden, Modellieren und Analysieren widmete. Stefanie Schneider (LMU München) und Elisa Ludwig (Museum Ulm) stellten die Ergebnisse einer interdisziplinären Analyse öffentlich zugänglicher Museumswebseiten in Deutschland und den USA vor, deren Provenienzangaben sie mittels Web Scraping extrahiert hatten. Dabei zeigte sich (wenig verwunderlich), dass die Angaben trotz aller Bemühungen um Normierung und Standardisierung höchst inkonsistent sind, also für vergleichende Forschung nur wenig nutzbar. Dies zu verbessern erfordert technische, strukturelle und organisatorische Reformen.
Ein schönes Beispiel für die praktische Anwendung digitaler Werkzeuge lieferte Johanna Stauber (Brandenburgisches Landeshauptarchiv Potsdam), die das hausintern entwickelte Provenance Interface live demonstrierte. Ziel war es, die aus Akten extrahierten Angaben zu Objekten und Eigentümern für die Rekonstruktion von Erwerbungs- und Entzugskontexten nutzbar zu machen. Wichtig war dabei, dass auch fragmentarische und unsichere Daten verarbeitet und abgebildet werden. Wegen der projektgebundenen Finanzierung ist allerdings die mögliche Nachnutzung und Weiterentwicklung fraglich – dieses bekannte strukturelle Problem zeigte sich auf der Tagung an vielen Beispielen.
In der anschließenden Postersektion präsentierten sich insgesamt zehn laufende Forschungsprojekte und Case Studies mit vielfältigen Themen: von der 3D-Digitalisierung und Kontextualisierung von Kaurischnecken (Oldenburg) über die digitale Erschließung und Vermittlung der Direktionsakten (1933-1945) des Museum Ulm bis hin zur KI-basierten Erschließung der bislang nicht ausgewerteten Briefkorrespondenz des Numismatikers Arthur Löbbecke (1850-1932) im Berliner Münzkabinett. Diese fachlich wie methodisch beeindruckende Bandbreite kennzeichnete die Tagung insgesamt.
Den inspirierenden Abschluss des ersten Tages bildete die Keynote von Meike Hopp (die nur wenige Tage später ihr Amt als neue Vorständin des Deutschen Zentrums Kulturgutverluste antrat, zeitgleich mit einer Professur für digitale Praktiken in den Kultur- und Geisteswissenschaften an der Universität zu Köln). Sie zeigte anhand dreier Provenienzangaben aus verschiedenen Häusern, wie groß die Unterschiede bezüglich Inhaltstiefe und Verfügbarkeit sind, und knüpfte damit an den ersten Vortrag des Tages an. Auch sie plädierte eindringlich dafür, Sammlungsdaten nicht als objektiv zu begreifen, sondern sensibel und kritisch mit deren Entstehungsbedingungen wie auch mit der Sichtbarkeit umzugehen.
Am zweiten Tag betonte Dorothee Wimmer (Forum Kunst und Markt, TU Berlin) in ihrer Begrüßung, dass Provenienzforschung immer auch Kunstmarktforschung ist – ein Fakt, der seit Jahren unterschätzt und entsprechend nur spärlich gefördert wird. Um ethische Fragen im Umgang mit sensiblen Daten ging es dann in der Sektion FAIR, CARE & Beyond. Die FAIR-Prinzipien (Findable, Accessible, Interoperable, Reusable) sind inzwischen ein anerkannter Standard für Datenaustausch und Forschungsdatenmanagement. Dagegen haben sich die CARE-Prinzipien (Collective Benefit, Authority to Control, Responsibility, Ethics) noch nicht in gleichem Maße etabliert. Sie stehen für einen ethisch angemessenen, sensiblen Umgang mit Daten aus indigenen Kontexten. Katharina Leyrer (Universität Erlangen-Nürnberg) zeigte mit dem Value Sensitive Design ein interessantes Konzept zum Umgang mit ethischen Fragen beim Forschungsdatenmanagement. Konkretes Beispiel waren Daten aus kolonialen Kontexten wie auch Daten mit NS-Unrechtskontext. Das Vorgehen ist aufwendig, erfordert viel Recherche und ist deshalb – das zeigte sich in der Diskussion – in der Museums- und Sammlungspraxis mangels der nötigen Ressourcen nur schwer umzusetzen. Hier kollidierten die Forderungen der in der Theorie bewanderten Wissenschaftler:innen mit den Limitierungen im Alltag der Praktiker:innen – ein Konflikt, der zeigte, wie weit der Weg von den berechtigten Forderungen der Grundlagenforschung hin zur praktischen Umsetzung ist. Die Lösung liegt unter anderem darin, zumindest erste Schritte zu unternehmen. Wichtig ist außerdem, wenn möglich, die entsprechenden Communities einzubinden.
Stella Barsch (Sammlung Kulturen der Welt Lübeck) und Deborah Ehlers (Universität Lübeck) zeigten in ihrem Beitrag über Visualisierungsstrategien von Unsicherheiten in kolonialen Sammlungskontexten einen ähnlichen Ansatz. Am Beispiel historischer, heute als diskriminierend empfundener Ortsbezeichnungen, die als Fundortangabe in Sammlungsdatenbanken verwendet werden, verdeutlichten sie, welche vielfältigen Problematiken damit verknüpft sind. Lösen lässt sich das nicht durch die Referenz auf etablierte Normdaten, nötig sind stattdessen mehrdeutige, entsprechend kommentierte Angaben. Jamie Dau und Leslie Zimmermann (Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim) veranschaulichten schließlich das Problem der Übernahme diskriminierender Beschreibungen in Online-Ressourcen durch Web-Crawler und LLMs, die eine kritische Kontextualisierung der Daten erforderlich macht. Sie plädierten deshalb für eine enge Zusammenarbeit von Provenienzforschung, IT und Dokumentation.
Die letzte Sektion widmete sich der Nutzung KI-basierter Tools in der Datenerschließung und unterstrich erneut die Relevanz der kritischen Einordnung technologischer Möglichkeiten und der Kontrolle der Resultate durch die Wissenschaftler:innen. Ruth von dem Bussche (freiberufliche Beraterin, Düsseldorf) und Georg Schelbert (Zentralinstitut für Kunstgeschichte München, Photothek) demonstrierten eindrucksvoll den Einsatz kombinierter Methoden der Computer Vision zur Extraktion strukturierter Daten aus komplexen Layouts. Ihr Fallbeispiel waren historische Fotos mit maschinenschriftlichen Inventarangaben aus der Photothek. Carolin Faude-Nagel (Ketterer Kunst München) erläuterte anhand der Rekonstruktion der Kunstsammlung Walther Rathenaus, wie eine KI-basierte visuelle Recherche bei der Suche nach konkreten Objekten unterstützen kann.
Die Abschlussdiskussion mit Ruth von dem Bussche, Sarah Fründt (Deutsches Zentrum Kulturgutverluste) und Martin Stricker (SODa / HU Berlin) vertiefte noch einmal die besprochenen Themen und Aspekte der Tagung. Durch die am 01.12.2025 eingerichtete Schiedsgerichtsbarkeit NS-Raubkunst, die die Beratende Kommission ablöste, ist zum Beispiel das Interesse an Auktions- und Preisdaten erheblich gestiegen, umso dringender sind deren bessere Erschließung und Zugänglichkeit. Die inhaltsreiche, klug konzipierte Tagung zeigte mehrfach, wie notwendig es ist, eigene Methoden und Tools für die Fragestellungen zu entwickeln, diese technologischen Möglichkeiten aber sensibel und bewusst einzusetzen und außerdem die Ergebnisse kritisch zu hinterfragen. Deutlich wurde einmal mehr, dass Museen und Sammlungen mit ihren Objekten und den damit verbundenen Daten relevante, unschätzbare Wissensspeicher sind und dieses Wissen zugänglich machen sollten. Gleichzeitig wird die Verwendung dieser Daten, gerade durch automatisierte Web-Crawler, unkontrollierbarer, was die Gefahr des ökonomischen und politischen Missbrauchs birgt. Damit stellen sich ethische und moralische Ansprüche an die Narrative, die immer mitgedacht werden müssen. Entscheidend bleibt also die Kombination von maschinellen Tools sowie deren Reflexion und Kontrolle durch Menschen.[2]
[1] Veranstaltet durch: SODa –- Sammlungen, Objekte, Datenkompetenzen / Humboldt-Universität zu Berlin, Forum Kunst und Markt | Centre for Art Market Studies / Technische Universität Berlin, Fachgebiet Digitale Provenienzforschung / Technische Universität Berlin, Konzeption: Gabriele Zöllner, Dorothee Wimmer, Meike Hopp. Das Programm und Material zur Tagung bei zenodo: https://zenodo.org/communities/digital-turn/records?q=&l=list&p=1&s=10&sort=newest (Zugriff 31.01.2026). Die Publikation ist auf https://sammeln.hypotheses.org geplant.
[2] Für den Umgang mit Forschungsdaten in der Kunstgeschichte sei noch auf das „Münchner Memorandum“ verwiesen, das im Anschluss an eine entsprechende Tagung vom Juli 2024 im Münchner Zentralinstitut für Kunstgeschichte veröffentlicht wurde. Forschungsdaten in der Kunstgeschichte: 10 Thesen - Münchner Memorandum 2024, https://doi.org/10.11588/artdok.00009194. (Zugriff 31.01.2026)
Empfohlene Zitation:
Dorothee Haffner: [Tagungsbericht zu:] Digital Turn. Sammlungen – Provenienzen – Märkte (Berlin, Auditorium des Jakob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum der Humboldt-Universität zu Berlin, 27.–28.11.2025). In: ArtHist.net, 06.02.2026. Letzter Zugriff 06.02.2026. <https://arthist.net/reviews/51685>.
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