CFP 13.01.2026

Verletzliche Landschaften? (Im Tal, 19-20 Jun 26)

Skulpturenpark im Tal, Westerwald, 19.–20.06.2026
Eingabeschluss : 16.02.2026

Franca Buss, Hamburg

Verletzliche Landschaften? Empfindlichkeit als ökologische und ästhetische Kategorie. Veranstaltet von der DFG Kolleg-Forschungsgruppe Imaginarien der Kraft, Forum "Energiewende GESTALTEN".

Landschaften verändern sich – nicht nur durch klimatische oder geologische Prozesse, sondern auch durch menschliche Eingriffe und kulturelle Überformungen, die zuletzt insbesondere im Zuge der Energiewende neue Fragen nach der „Empfindlichkeit” und Gestaltbarkeit von Landschaften aufgeworfen haben.

In der Landschaftsplanung und im Naturschutz wird mit dem Konzept der landschaftlichen Empfindlichkeit (landscape sensitivity) traditionell versucht zu erfassen, in welchem Maß und auf welche Weise Landschaften auf äußere Einflüsse reagieren. Während Resilienz auf die Fähigkeit verweist, Veränderungen zu absorbieren oder sich ihnen anzupassen, rückt Empfindlichkeit die Verletzlichkeit und die Grenzen solcher Anpassungsleistungen in den Fokus. Ursprünglich als ökologische Orientierungsgröße entwickelt, wird Empfindlichkeit im Zuge des Ausbaus erneuerbarer Energien zunehmend auf die ästhetische Dimension des Landschaftsbildes bezogen, insbesondere im Zusammenhang mit technischen Infrastrukturen der Energiewende.

Der Begriff besitzt somit das Potential, ökologische und ästhetische Aspekte gleichermaßen mitzudenken. Dabei zeigt sich jedoch, dass landschaftliche Empfindlichkeit häufig implizit als visuelle Störanfälligkeit verstanden wird und vor allem dazu dient, technische Infrastrukturen als Beeinträchtigung bestehender Landschaftsbilder zu bewerten. Der Workshop setzt hier kritisch an. Er fragt danach, wie Empfindlichkeit nicht nur als Schutz- und Abwehrkategorie, sondern auch als kulturell und ästhetisch geprägte Deutungsfigur verstanden werden kann, die bestimmt, welche Formen von Landschaftswandel in konkreten Einzelfällen als legitim, störend oder gestaltbar gelten. Die Idee einer empfindlichen Landschaft ist deshalb interessant, weil sie der Landschaft einen quasi subjektiven Status zuschreibt und den Blick für atmosphärische, relationale, symbolische und affektive Resonanzen schärft – Qualitäten, die sich quantitativen Bewertungsverfahren häufig entziehen, aber dennoch prägend für das Erleben von Landschaft sind. Die Vorstellung von der Empfindlichkeit der Landschaft kann insofern einen dritten Weg jenseits der dichotomen Gegenüberstellung konstruktivistischer Zuschreibung und positivistischer Objektivität eröffnen, als sie Landschaft als relationales und resonanzfähiges Gefüge begreift.

Der Workshop möchte diese unterschiedlichen Perspektiven zusammenführen und fragt: Wie ließe sich die Empfindlichkeit einer Landschaft zwischen materieller Struktur, ästhetischer Erscheinung und kulturellen Zuschreibungen genauer fassen? Welche Landschaften scheinen ein höheres Maß an gestalterischem Engagement zu verlangen als andere? Wie verändert sich unser Verständnis von Landschaft, wenn wir ihre Verletzlichkeit als ökologische, kulturelle und ästhetische Kategorie zugleich betrachten? Und welche Konsequenzen könnten sich daraus für Landschaftsgestaltung, -planung und -recht ergeben?

Die Veranstaltung findet vom 18.– 20. Juni 2026 im Skulpturenpark im Tal im Westerwald statt. Der auf Initiative des Bildhauers Erwin Wortelkamp angelegte Park wurde im Lauf seines vierzigjährigen Bestehens von mehr als 40 Künstlern, Landschaftsarchitekten, Schriftstellern und Musikern mitgestaltet. Als von Beginn an auf Wahrnehmung und Resonanz angelegter Ort bietet das Tal den idealen Rahmen, um über die Empfindlichkeit von Landschaft und achtsame Formen der Gestaltung nachzudenken.

Willkommen sind Beiträge aus der Landschaftsplanung, der Philosophie, der Kunst, der Kunstgeschichte, der Rechtstheorie oder der Umweltpsychologie ebenso wie künstlerische Interventionen oder ortsbezogene Praktiken. Wir bitten um die Einreichung eines Abstracts von maximal 300 Wörtern bis zum 16. Februar 2026 an Franca.bussuni-hamburg.de

Die Veranstaltung ist Teil des transdisziplinären Forums Energiewende GESTALTEN, das Fragen nach den gestalterischen und den naturästhetischen Dimensionen der Energiewende in den Mittelpunkt der aktuellen Debatte stellt. Ziel ist es, über die primär ökologischen, ingenieurtechnischen bzw. ökonomischen Auseinandersetzungen hinaus unterschiedliche Blickweisen auf Energielandschaften zu eröffnen und Möglichkeiten ästhetisch gelungener Transformationen im Zuge der Energiewende auszuloten.
Konzeption und Organisation: Dr. Franca Buss (DFG-Kolleg-Forschungsgruppe „Imaginarien der Kraft“, Universität Hamburg), Prof. Dr. Frank Fehrenbach (DFG-Kolleg-Forschungsgruppe „Imaginarien der Kraft“, Universität Hamburg), Prof. Dr. Lutz Hengst (Hochschule Fresenius, Geschichte und Theorie des Designs, der Kunst und Ästhetik), PD Dr. Georg Toepfer (Leibniz-Zentrum für Literatur- und Kulturforschung)

Literatur:
Arnold Berleant: Living in the Landscape. Towards an Aesthetics of Environment, Kansas 1997.
Gernot Böhme: Atmosphäre. Essays zur neuen Ästhetik, Frankfurt am Main 1995.
D. Brunsden und J. B. Thornes: Landscape Sensitivity and Change, in: Transactions of the Institute of British Geographers 4, 1979, S. 463–484.
Caroline Fischer und Michael Roth: Empfindlichkeit des Landschaftsbildes. Bewertung durch großräumige Einsehbarkeitsanalysen, in: Naturschutz und Landschaftsplanung 6, 2020, 280–287.
Michael Roth und Elke Bruns: Landschaftsbildbewertung in Deutschland. Stand von Wissenschaft und Praxis, BfN 439, 2016.
Crawford Stanley Holling: Resilience and Stability of Ecological Systems, in: Annual Review of Ecology and Systematics 4, 1973, S. 1–23.
Michael F. Thomas: Landscape Sensitivity and Timescales of Landscape Change, in: Issues and Perspectives in Landscape Ecology, Cambridge 2005.
Michael B. Usher: Landscape Sensitivity: from Theory to Practice, in: Catena 42, 2002, S. 375–383.
Andreas J. Wulf: Die Eignung landschaftsökologischer Bewertungskriterien für die raumbezogene Umweltplanung, BoD 2001.

Quellennachweis:
CFP: Verletzliche Landschaften? (Im Tal, 19-20 Jun 26). In: ArtHist.net, 13.01.2026. Letzter Zugriff 13.01.2026. <https://arthist.net/archive/51461>.

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