Interdisziplinäre Tagung: Dissonanzen. Unbequeme Potenziale, harmonische Widersprüche?
Wo Dissonanzen sind, entsteht Reibung. Sie erscheinen zunächst disparat oder sogar verstörend. Jedoch entfalten Dissonanzen bei genauerer Betrachtung in verschiedenen Bereichen ein kreatives Potenzial, das über eine Irritation hinausgeht. Sie generieren einen Mehrwert, der Innovation, Reflexion und Neubewertung ermöglicht.
In der Musik erzeugen Dissonanzen einen Missklang, können aber bewusst eingesetzt zur Harmonie hinführen. Zwischen Konsonanz und Dissonanz entsteht ein Spannungsfeld, das sich auch in anderen künstlerischen und wissenschaftlichen Feldern beobachten lässt. Denn Widersprüche und Brüche können Aussagen schärfen, indem sie Wahrnehmungsmuster irritieren und neue Perspektiven eröffnen. Dabei ist die Einordnung eines Phänomens als dissonant immer kulturell geprägt und historisch veränderlich.
Dissonanzen prägen nicht nur das individuelle Empfinden (kognitive Dissonanz), sondern auch gesellschaftliche Prozesse. Sie können das Verlangen nach harmonischer Auflösung wachrufen oder zu einem produktiven Austausch unterschiedlicher Positionen führen.
Besondere Potenziale liegen gerade dort, wo die Dissonanz bewusst kreiert oder aufrechterhalten wird. Statt eine Synthese anzustreben, kann es reizvoll sein, in der Spannung zu verharren und einen Moment des Oszillierens zu schaffen. Dies gilt gleichermaßen für die ästhetische Wahrnehmung.
Die Tagung wird den Potenzialen, aber auch Gefahren und Konflikten von Dissonanzen nachgehen. Welche Bedingungen müssen erfüllt sein, damit Dissonanzen wahrgenommen werden und Möglichkeitsräume entfaltet werden können? Welche sinnlich erfahrbaren Strategien führen zu dissonanten Eindrücken und inwiefern können sie für bestimmte Aussagen nutzbar gemacht werden?
Leitung und Kontakt: Laura-Maxine Kalbow, Sonja Kerkloh, Lisa Thumm (laura.kalbowuni-hamburg.de, sonja.kerklohuni-hamburg.de, lisa.thummuni-hamburg.de)
Die Tagung wird im Rahmen des Forschungsprojekts Dissonanzen der Isa Lohmann-Siems Stiftung Hamburg abgehalten.
Anmeldung: Die Anmeldung zur Tagung erfolgt über die Homepage der Stiftung: https://ils-stiftung.de/aktuell/tagung/
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PROGRAMM
Freitag, 20. Februar 2026
9.00 Ankunft und Kaffee
9.30 Begrüßung und Einführung (Laura-Maxine Kalbow, Sonja Kerkloh, Lisa Thumm)
DISSONANZ, MACHT UND ERKENNTNIS
10.00 Martin Ebeling (Dortmund): Physiologische Ursachen des Konsonanz- und Dissonanzempfindens bei simultanen Tönen
10.45 Lars Schmitt (Düsseldorf): Dissonanz Macht Resonanz: Habitus-Struktur-Reflexivität zwischen Schmerz, Widerstand und Emanzipation
11.30 Kaffeepause
12.00 Friederike Vinzenz (Zürich/Lenzberg): Zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Dissonanzen in der Nachhaltigkeitskommunikation als Spiegel gesellschaftlicher Widersprüche
12.45 Laura-Maxine Kalbow (Hamburg): Musik als Zeitzeugin dissonanter Kolonialrealitäten in Kanada im 17. Jahrhundert
13.30 Mittagspause (mit Führung durchs Warburg-Haus)
DISSONANZ, ÄSTHETIK UND INSPIRATION
14.30 Gesine Born (Berlin): Versäumte Bilder – Frauen in der Wissenschaft sichtbar machen
15.15 Sonja Kerkloh (Hamburg): Zwischen Dissonanz und Harmonie? Der Tod als musikalischer Akteur im Bild
16.00 Kaffeepause
16.30 Georges Felten (Genf): Auflösung. Zum ambivalenten Status der Dissonanz im deutschsprachigen Realismus (Meyer, Fontane, Busch)
17.15 Arvid Ong (Hamburg): Claude Debussy: Drei Stücke aus dem impressionistischen Varieté (mit Konzert)
18.15 Apéro
Samstag, 21. Februar 2026
DISSONANZ UND TRANSFORMATION
9.00 Anna Maria Becker (Leipzig): Kognitive Dissonanz – Geschichte und Gegenwart einer psychologischen Theorie
9.45 Miriam Löhr (Bern): Berggebiete im Umbruch. Praktisch-theologische Beobachtungen
10.30 Imbiss
11.00 Tristan Spillmann (Bonn/Zürich/St Andrews): Intellektuelle Dissonanzreduktionen im humanistischen Agon. Die imitatio-Debatten des Quattrocentos als Ausdruck produktiver Spannungen
11.45 Lisa Thumm (Hamburg): König David mit Medusenhaupt? Zur mittelalterlichen Verwendung antiker Spolien und ihrer Rezeption
12.30 Astrid Hansen (Hamburg): Was schützen, wie erhalten?
13.15 Kaffeepause
13.30 Fazit und Abschluss mit Hanna Wimmer (Hamburg)
Die Tagung wird im Rahmen des Forschungsprojekts Dissonanzen der Isa Lohmann-Siems Stiftung Hamburg abgehalten.
Anmeldung: Die Anmeldung zur Tagung erfolgt über die Homepage der Stiftung: https://ils-stiftung.de/aktuell/tagung/
Quellennachweis:
CONF: Dissonanzen (Hamburg, 20-21 Feb 26). In: ArtHist.net, 12.01.2026. Letzter Zugriff 13.01.2026. <https://arthist.net/archive/51459>.