CFP 23.03.2025

NATURA & ceTERRA (Tübingen, 20-21 Nov 25)

Tübingen, 20.–21.11.2025
Eingabeschluss : 25.05.2025

Dr. Jan Stellmann

31. Jahrestagung des Brackweder Arbeitskreises für Mittelalterforschung, in Kooperation mit dem SFB 1391 Andere Ästhetik, Teilprojekt B7 „Natur/lehren. Ästhetische Strategien der Wissensvermittlung in transkultureller Perspektive“

NATURA & ceTERRA. Zur Ästhetik von Naturorten im Mittelalter.

Organisation: Jan Stellmann und Rike Szill, Universität Tübingen

Spätestens mit der Debatte um das Anthropozän scheint der Mensch endgültig zum Nabel der Welt geworden zu sein: Er formt, interpretiert und ordnet seine natürliche (Um-)Welt – und hat sein Verhältnis zu ihr grundlegend und zu seinen Gunsten verändert. Dabei lässt sich auch mit Blick auf vormoderne Kontexte über die Auffassung einer damit einhergehenden menschlichen Superiorität einerseits sowie einer daraus abgeleiteten Dichotomie zwischen menschlich gestalteter Kultur und der unberührten – eben: naturbelassenen – Umwelt andererseits trefflich streiten (etwa im Blick auf die Spannung zwischen natura und ars oder die theologische Debatte, ob sich der Mensch die Natur untertan machen soll). Immerhin war die Natur sowie das menschliche Wirken in und mit ihr auch im Mittelalter omnipräsent: in den vier Elementen, den Säften und Jahreszeiten, den dadurch bedingten menschlichen (Über-)Lebensformen sowie als ganz unterschiedlich vermittelter Gegenstand kultureller Weltaneignung. Vor diesem Hintergrund erscheint auch das Verhältnis zwischen Kultur- und Naturraum ambivalent und deren Grenze unscharf: Denn die Natur lässt sich nicht ohne den Menschen als kulturellen Gestalter, der Mensch aber auch nicht ohne die Aktivität der Natur denken. Als eine, wenn nicht gar die wesentliche Bezugsgröße für die Begründung und Normierung menschlicher Verhaltensweisen ist die Natur somit nicht nur eine ontologische, sondern auch eine soziale Kategorie, die u.a. (inter-)subjektiv konstruiert, religiös konnotiert und medial kommuniziert wird und selbst in menschliche (Be-)Deutungszusammenhänge zurückwirkt: Die Natur gibt und nimmt – und fasziniert und erschreckt gleichermaßen.

Das heißt: Auch in der Vormoderne fungiert die Natur weithin als Topos. Indes lassen sich topische Ausdrücke von Natur weder im Singular denken noch auf ein deklaratives Stereotyp bzw. einen positivistisch zu verzeichnenden Gemeinplatz reduzieren. Naturtopoi im Plural stellen vielmehr flexible und funktionsträchtige Aspekte dar, in denen sozial anerkanntes und habitualisiertes (Allgemein-)Wissen symbolisch gebündelt ist. Sie sind damit ästhetische Formulare von erheblicher Potenzialität und Kreativität, indem sie eine Rückbindung an die gesellschaftliche Einbildungskraft gewährleisten. Aus einer derart im vollen Sinn verstandenen Topik lassen sich nicht nur Argumente für Diskurse und Medialisierungen unterschiedlichster Art generieren; Topoi der Natur können auch strategisch-intentionale, kommunikativ-soziale und kreativ-materiale Funktionen übernehmen. Auch in ihren metaphorisch-allegorischen und anthropo- wie zoomorphen Formationen stellen Naturtopoi somit keineswegs nur passive Kulissen menschlichen Handelns dar, sondern erweisen sich als dynamische Räume von Aushandlung und Aneignung sowie Wandel und Zuschreibung. Sie sind folglich ambivalente Orte, die zwischen lebensspendender und chaotisch-unberechenbarer Kraft changieren, aber auch mit ihren gesetzmäßigen Abläufen und ihrer schöpfungstheologisch fundierten Ordnung eine unwiderstehliche Geltung und Verbindlichkeit erzeugen. Die topisch modellierte Natur wird also nicht nur von Blumen und Vögeln, sondern auch von Absichten, Erfindungen, Gründen, Intersektionen, Ursachen und miteinander agierenden Menschen bevölkert.

Diese und weitere an Orte und Räume der Natur gebundenen Interaktionen als Ästhetik von Naturorten zu entdecken, zu beschreiben und in ihrer facettenreichen Bedingtheit zu verstehen, ist das Ziel der Tagung. Unter Ästhetik verstehen wir in Anlehnung an den SFB 1391 die dynamische, spannungsvolle Relation von gesellschaftlich-pragmatischen (‚heterologischen‘) und technisch-artistischen (‚autologischen‘) Dimensionen in einem konkreten historischen Akt, einer Quelle oder einem Artefakt (vgl. https://uni-tuebingen.de/de/160699). Die Tagung nimmt somit anhand von soziokulturell bedingten Naturorten und den mit ihnen verbundenen Praktiken ganz grundsätzliche Fragen mittelalterlicher Gesellschaftskonfigurationen in ihren Relationen zur Natur in den Blick: Wie werden abstrakte Konzepte von Natur (wie z.B. Heimat, Herkunft, Geschlecht) in Rückbindung an konkrete Orte in der Natur räumlich anschaulich gemacht? Wie werden Naturorte (wie z.B. der Wald, die Wüste, das Meer) argumentativ genutzt? Wie werden Diskurse und Themen als Naturorte imaginiert, visualisiert, metaphorisiert, narrativiert und verkörpert (z.B. das Herz, der Schoß, die Aventiure, aber auch das Paradies) – und wie werden diese Transformationen im historischen Material realisiert?

Ausgehend von der Untersuchung konkreter Naturorte und abstrakter Naturkonzepte in einem generisch wie medial, geographisch wie chronologisch möglichst breit und vielfältig angelegten Quellenkorpus wollen wir ein besseres Verständnis mittelalterlicher Gesellschaften gewinnen. Dazu scheint uns ein Bezug auf unter anderem die folgenden methodischen Ansätze besonders gut geeignet:

Konzepte von Natur(orten): Welche räumlichen Vorstellungen von Natur prägen mittelalterliche Texte? Wie werden Naturorte im (nicht nur lateinischen) Mittelalter konzeptualisiert? Wie sind Vorstellungen über die traditionelle Dichotomie zwischen Natur und Kultur und den damit verbundenen Grenzziehungen zu dekonstruieren bzw. anhand der Quellen zu rekonstruieren? Wie lassen sich lokale Naturen demgegenüber mit (post-)modernen Ansätzen historisieren und konzeptualisieren – z.B. aus der Umwelt- und Klimageschichte, mit Ansätzen des ecocriticism und ecofeminism, der neueren Topos-Forschung, aber auch mit neueren Erträgen aus der vormodernen Heimatforschung, den human animal studies oder der history of emotions?

Im Rahmen der komplexen Beziehungsgeschichte von Mensch und Natur lohnt sich zudem ein Perspektivwechsel hin zu nicht-menschlichen Akteur*innen und Formationen an den „Grenzen des Sozialen“ (Pohlig/Schlieben 2022, Mersch 2016).

Argumente und Normen aus der Natur: Inwiefern wird die Natur als Modell für gesellschaftliche Ordnungen und Hierarchien oder aber zu deren Destabilisierung und Infragestellung herangezogen? Wann und wo erscheint die Natur eines Ortes oder Raumes als aktiv handelnde Größe – und mit welchen Zuschreibungen wird sie dabei inszeniert und assoziiert? In welchen Kontexten wird Natur als bedrohte oder schützenswerte Instanz dargestellt? Welche (gegenderten) Aspekte von Natur spielen dabei eine Rolle? Und inwiefern bleibt der anthropozentrische Blick trotz eines Perspektivwechsels auf die agency der Natur stabil – und warum?

Materialität und Medialität von Naturorten: Wie wird das Verhältnis von Natur als Raum und Materie gedacht oder verbildlicht? Welche Bedeutungen werden Naturorten in mittelalterlichen Zeugnissen zugewiesen und wie werden sie repräsentiert? In welchen Formen manifestiert und materialisiert sich Natur als Ort oder Raum in Handschriften und Dingen? Wie beeinflussen natürliche Materialien wie Pergament, Farben oder Baumaterialien die Bedeutung von Natur in mittelalterlichen Texten und Bildern? Welche agency hat die Materialität von Natur? Welche Rolle spielt die Natur in performativen Akten, wie z.B. Prozessionen und Riten? Und gibt es Hinweise auf eine ‚Materialästhetik‘ der Natur im Mittelalter, die über deren bloße Repräsentation hinausgeht?

Solche und ähnliche Fragen möchten wir auf unserer interdisziplinären Tagung, die am 20. und 21. November 2025 an der Universität Tübingen stattfindet, diskutieren. Die Tagung ist fachöffentlich. Der Call richtet sich an Wissenschaftler*innen aller mediävistisch arbeitenden Disziplinen (Anglistik, Archäologie, Byzantinistik, Germanistik, Geschichte, Islamwissenschaft, Jüdische Studien, Kunstgeschichte, Mittellatein, Musikwissenschaft, Philosophie, Rechtsgeschichte, Romanistik, Skandinavistik, Theologie usw.) in allen Karrierestufen.
Für Vortragende werden Übernachtungs- und Reisekosten übernommen. Bei Interesse senden Sie bitte ein Abstract (ca. 300 Wörter, deutsch oder englisch) für einen 30-minütigen Vortrag (mit anschließender Diskussion) mit einer kurzen biographischen Skizze als eine PDF-Datei an die Tagungsorganisation.

Einsendeschluss ist der 25. Mai 2025.

Vortragsvorschläge und Rückfragen senden Sie bitte an:
jan.stellmannuni-tuebingen.de und rike.szillgeschichte.uni-tuebingen.de.

Quellennachweis:
CFP: NATURA & ceTERRA (Tübingen, 20-21 Nov 25). In: ArtHist.net, 23.03.2025. Letzter Zugriff 03.04.2025. <https://arthist.net/archive/44886>.

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