CFP 01.07.2009

Modern Times - Zeiten der Stadt (Berlin, 25-27 Feb 10)

Sabine Fastert

DFG-Forschergruppe: Kulturen des Wahnsinns (1870-1930).
Schwellenphänomene der urbanen Moderne, Berlin
Deadline: 31.08.2009

Call for Papers

Workshop "Modern Times / Zeiten der Stadt" (25.-27.2.2010)

Die entstehende Großstadt gilt als "Labor der Moderne" - eine Metapher,
die die Zeit zwischen 1870 und 1930 in Europa als Epoche der offenen
Möglichkeiten kennzeichnet, die Stadt als einen Schwellenraum. Die
urbane Topographie charakterisiert sich zunächst durch neue Räume: die
Passage, der Boulevard, das Cafe, die Fabrikhalle, der Krankensaal, das
Ambulatorium, aber auch das Labor selbst, das Kino und der Hörsaal. Sie
sind zugleich die Bühne für eine Vielfalt neuer Akteure wie den Flaneur,
die Bohemienne oder den Maschinenarbeiter, die - teils miteinander,
teils nebeneinander - die Stadt hervorbringen, beleben und dort sehr
unterschiedliche Lebensweisen kultivieren. Mit der Großstadt entstehen
zugleich neue Kommunikations- und Ausdruckformen, deren ungeregelte
Vielfalt und kreative Buntheit überraschte, faszinierte und erschreckte
- und in verschiedener Weise neu als grenzgängig oder wahnsinnig
markiert wurden. Mit der Perspektive des Wahnsinns wollen wir gerade die
Verschränkungen der scheinbaren Anachronismen, Verwerfungen und
Paradoxien, die diese Übergangsphase hervorbringen und von ihr
hervorgebracht werden, in den Blick nehmen.

Im Workshop "Modern Times - Zeiten der Stadt" sollen die
widersprüchlichen Wahrnehmungs- wie Lebensweisen der Großstadt zu
einander in Beziehung gesetzt werden. Im Mittelpunkt steht das
Spannungsverhältnis divergierender Diskussions- und Wahrnehmungsweisen
der Großstadt. Denn diese ist einerseits im Topos der "krankmachenden
Stadt" ein Ort der Wiederholung, Standardisierung und Normierung, der
Hast und Eile, der Zeittaktung und des fremden Zeitregimes. In der
Kultur- und Medizingeschichte wird dieses Bild oft bemüht, für das
paradigmatisch die neuen Verkehrs- und Kommunikationstechniken und deren
negative Folgen für den Körper und die Seele ihrer Bewohner/innen
stehen. Tempo und Beschleunigung gelten andererseits im Topos der
"kreativen Metropole" als Quelle von Lebendigkeit, Dynamik,
Ideenreichtum und Innovation, die aus der Größe, Dichte und
Heterogenität des Stadtraumes erwachsen. Zugleich wird - insbesondere
von Seiten der sozial- und kulturwissenschaftlichen Stadtforschung - die
enge Verbindung von Stadt und Kreativität, die Produktivität von
Künstlermilieus und Wissenskulturen, betont.

Die Stadt als Brutofen und Sündenpfuhl einerseits, andererseits als
Rationalität, deren Weite und Transparenz neue Horizonte öffnet: in
diesem Spannungsverhältnis soll die Stadt als liminaler Raum erkundet
werden. Um die Geschichte des Wahnsinns als Teil moderner Urbanität um
1900 differenziert zu betrachten, will der Workshop diese beiden
zentralen Vorstellungen von der Stadt in ihrer gegenseitigen
Verschränkung fruchtbar machen. In der Doppelperspektive von
historischen Subjekten, realen Orten und städtischen Praktiken auf der
einen, und imaginären bzw. medialen Figuren, Topographien und Theorien
auf der anderen Seite sollen die Logiken und Praktiken symbolischer
Sinngenerierung (und Sinngenerierungssysteme) in den Blick genommen
werden, die den Konstitutionsprozess der modernen Stadt zwischen 1870
und 1930 bestimmen.

Wir verfolgen hierbei drei thematische Schwerpunkte:

1. Akteure - Figuren
Welche Akteure gestalten die Stadt (in) der Moderne? Wie eignen sich die
(neuen) sozialen Gruppen die Stadt und ihre Räume an? Welche
(imaginären) Figuren bestimmen das Bild der Stadt und in welchem
Wechselverhältnis stehen Stadtbewohner/innen und Stadtvorstellungen?

2. Institutionen - Topographien
Wie verhalten sich die alten Institutionen zum entstehenden städtischen
Raum? Wie werden durch sie städtische Lebenswelten segregiert,
organisiert und verwaltet? Und wie bricht vice versa die Heterogenität
des städtischen Raumes die traditionelle Einheit der Institution auf? Zu
welchen Topographien ordnen sich städtische Räume?

3. Praktiken - Kognitionen
Wie zeigen sich die Widersprüchlichkeiten und Ambivalenzen der neuen
Urbanität im Alltagsleben, in künstlerischen Ausdrucksformen und
Selbstinszenierungen? Welche Rolle spielen sie in den neuen
Kommunikationsformen? Wie werden sie in den medizinischen und
kulturellen Wissenschaften wahrgenommen und konzeptualisiert?

Der interdisziplinäre Workshop soll die entstehende Großstadt als
Darstellungsraum und Konfiguration für die modernen Formen der Alterität
jenseits eines Normalisierungsdispositivs beschreiben.

Beitragsvorschläge mit einer Kurzdarstellung (max. 400 Wörter) richten
Sie bitte bis zum 31. August 2009 an: benjamin.marcuscharite.de

Veranstalter:
DFG-Forschergruppe "Kulturen des Wahnsinns",
http://www.kulturen-des-wahnsinns.de

Planung:
Beate Binder, Sabine Fastert, Volker Hess

In Kooperation mit:
Institut für Europäische Ethnologie, Humboldt-Universität zu Berlin
Georg-Simmel-Zentrum für Metropolenforschung, Humboldt-Universität zu
Berlin
Institut für Geschichte und Kunstgeschichte, Technische Universität
Berlin
Institut für Geschichte der Medizin, Charité - Universitätsmedizin
Berlin
Center for Metropolitan Studies, Technische Universität Berlin

Datum, Ort:
25.02.2010 - 27.02.2010, Berlin

Deadline:
31.08.2009

Quellennachweis:
CFP: Modern Times - Zeiten der Stadt (Berlin, 25-27 Feb 10). In: ArtHist.net, 01.07.2009. Letzter Zugriff 09.03.2026. <https://arthist.net/archive/31700>.

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