Nachruf auf Ivan Nagel (28. Juni 1931 - 9. April 2012)
Am Ostermontag ist im Alter von 80 Jahren Ivan Nagel in Berlin
verstorben, einer der renommiertesten kritischen Intellektuellen und
anregendsten und brillantesten Gelehrten in Deutschland. Kein
Wissenschaftler im engeren, akademischen Sinn, vielmehr ein
Privatgelehrter, den immer die Leidenschaft zur Sache beflügelt und zu
einem Experten und großartigen Autor auf zahlreichen Gebieten hat werden
lassen, darunter vornehmlich das Theater, die Musik und die bildende
Kunst. In seinem letzten großen Buch, das unter dem Titel "Gemälde und
Drama. Giotto, Masaccio, Leonardo" vor drei Jahren im Suhrkamp Verlag
erschienen ist, ist Nagel nach einigen ersten bemerkenswerten Schritten
in Richtung bildender Kunst und ihrer Geschichte - neben allen anderen
Fachqualifikationen - zuletzt auch noch zu einem bedeutenden
Kunsthistoriker geworden.
Ein Lebenslauf, sofern er nicht schlicht plan, folglich nach einem
geläufigen Schema verläuft, repräsentiert zugleich nicht nur eine
Lebensgeschichte, sondern auch Geschichte, zumal wenn er unter
Bedingungen seinen Ausgang nimmt, die von politisch-ideologischen
Machtverhältnissen derart dominiert werden, daß die freie Entfaltung
der Persönlichkeit nur in der Überwindung heftigster äußerer Widerstände
möglich ist. Und wenn sich dann die Vita - zum Glück - doch noch
vielgestaltig ausfaltet, dann gibt eine Biographie, in kurzen Zügen in
Erinnerung gerufen, immer wieder auch über die Zeitläufte und die Rolle
des Individuums darin zu denken.
Und der Lebensweg von Ivan Nagel regt mit seinen zahlreichen Facetten in
besagtem Sinn zur Reflexion an. Seinen Ausgangspunkt hat dieses
Curriculum vitae in Budapest, Anfang der dreißiger Jahre genommen, wo
von Haus aus alles zum Besten stand, wäre da nicht der heraufziehende
Nationalsozialismus und in seiner Folge der verheerende Krieg gewesen,
an den sich in Ungarn ein kommunistisches Regime anschloß, das nochmals
Freiheiten, darunter jene des Zugangs zum Studium so arg beschnitt, daß
der junge Mann außer Landes gehen mußte, zunächst in die Schweiz/Zürich
und nach Frankreich/Paris, um jetzt als "Staatenloser" das Abitur zu
machen, im Ausland seinen Bildungshunger zu stillen und das Theater
lieben zu lernen und schließlich das Studium der Philosophie und
Soziologie zu beginnen, das bald in Deutschland/Frankfurt/M.,
insbesondere bei Theodor W. Adorno fortgesetzt wurde, einem Lehrer, der
im übrigen auch half, die drohende Abschiebung des Studierenden als
"unerwünschtem Asylanten" zu verhindern, ein Studium, das rund sechs
Jahre gedauert und durch ein Stipendium der Studienstiftung des
Deutschen Volkes gefördert worden war.
Es folgen einige Jahre als Theater- und Musikkritiker, schließlich die
Arbeit als Chef-dramaturg an den Münchner Kammerspielen. 1972 schloß
sich die Intendanz am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg an, eine Zeit
des Wirkens, die unter anderem mit aufsehenerregenden Inszenierungen
Peter Zadeks längst legendär ist, sprich Epoche gemacht hat. 1981
wechselte Ivan Nagel für zwei Jahre als Kulturkorrespondent der
Frankfurter Allgemeinen Zeitung nach New York, übernahm anschließend
die Leitung des Stuttgarter Staatsschauspiels, gründete das Festival
"Theater der Nationen" und wechselte 1989, im Jahr der Wende, nach
Berlin, um an der heutigen Universität der Künste, bis zu seiner
Emeritierung eine Professur für Theorie und Geschichte der darstellenden
Künste zu bekleiden.
Von den Preisen, mit denen Ivan Nagel ausgezeichnet wurde, seien hier
nur der Johann-Heinrich-Merck-Preis 1988 (verliehen im Blick auf seine
auch sprachlich herausragenden Essays), der Fritz Kortner-Preis 1999
(im Blick auf seine Theaterarbeit), der Moses-Mendelssohn-Preis 2000
(in Bezug auf sein kritisch-intellektuelles Engagement) und der
Ernst-Bloch-Preis 2003 (als philosophischer Kopf) erwähnt.
Im Laufe all dieser Jahre hat Ivan Nagel vor allem über die
Angelegenheiten seiner Brotberufe hinaus regelmäßig geschrieben -
Artikel, Aufsätze, Essays und Polemiken und schließlich Bücher, über
die zentralen Themen, die diese intellektuelle Biographie im Lauf der
Jahrzehnte berührt hat: das Theater und die Musik/Oper/Mozart, die
Literatur, Geschichte und die Politik. Neben der eigenen Gegenwart hat
dabei das Zeitalter der Französischen Revolution einen zentralen
Brennpunkt des Interesses dargestellt, eine Epoche des politischen und
intellektuellen Aufbruchs, die auch für die Künste, ihre Bestimmung und
Wahrnehmung, neue Rahmenbedingungen geschaffen hat.
Das Faible für die bildende Kunst hat sich allmählich herausgebildet:
Zunächst erscheint in den späten siebziger Jahren ein Aufsatz über
Piranesi, dann in der Reihe "kunststück" ein Buch über Danneckers
klassizistische Skulptur "Ariadne auf dem Panther" und bald darauf eine
Untersuchung über Goya und seinen berühmten Gemäldezwilling mit der
Darstellung der bekleideten und unbekleideten Maja. Die "Kunst um 1800"
hat es Ivan Nagel in besonderer Weise "angetan" und ihn schließlich
über David und Goya zu dem eingangs erwähnten Großprojekt geführt, eine
Geschichte der Historienmalerei seit Giotto, demnach ausgespannt über
fünf Jahrhunderte, betrachtet aus dem Blickwinkel der Bühne und des
Theaters. Nagels Untersuchung fragt danach, inwieweit es eigentlich
berechtigt ist, Historienbilder als eine Gattung der Erzählung zu
betrachten. Stellen die Bilder, indem sie etwas zeigen, nicht vielmehr
etwas vor Augen und dar, was sich eher dem szenischen Geschehen auf
einer Bühne und somit dem Akt des Theaters vergleichen läßt? Entlang dem
Aufstieg des neuen Historienbildes von 1300 bis 1500 und den
prominentesten Bildern der Epoche diskutiert der Autor die These von der
Verwandtschaft von Gemälde und Drama, von Bild und Akt.
Das letzte Projekt, mit dem der Gelehrte befaßt war, war ein Buch über
Shakespeares "Kaufmann von Venedig". Es sollte ein Abschied von vielen
Klischees werden, die sich um das Stück und insbesondere die Rolle des
Shylock gerankt haben, die kritische Aufklärung eines Themas, das auf
mehreren Ebenen mit der eigenen Biographie verknüpft war, weil sich die
Welt, wenn überhaupt, nur sehr allmählich von all jenen Vorurteilen
befreit hat, von denen bereits Shakespeare in unvergleichlicher, das
Nachdenken und die Stellungnahme herausfordernder Weise gehandelt hat.
Michael Diers
Hinweis:
Deutschlandradio Kultur sendet zur Zeit, jeweils um 00.05 Uhr, ein
sechsteiliges Radiogespräch, in dem Ivan Nagel sein Leben erzählt; noch
bis zum 13. April.
Quellennachweis:
Ivan Nagel (1931-2012). In: ArtHist.net, 12.04.2012. Letzter Zugriff 06.04.2025. <https://arthist.net/archive/3071>.