15.09.2006

FORUM: St. Haas: Designing a Virtual Habitat - Toronto

Stefan Haas

Forum:
Designing a Virtual Habitat. Sinngenerierung in posturbanen
Migrantenstädten am Beispiel Torontos

Von Stefan Haas, Faculty of Arts and Science, University of Toronto
E-Mail: <stefan.haasutoronto.ca>

Der vorliegende Beitrag, der ein laufendes Forschungsvorhaben an der
University of Toronto umschreibt, zielt auf die Frage, wie Menschen sich
städtischen Raum aneignen und ihm individuellen wie sozialen Sinn
verleihen. Paradigmatisches Feld sind dabei die Migranten/innen, da sie
aufgrund ihrer Situation in einen dialogischen Prozess zwischen
herkommender und aufnehmender Kultur eingebunden sind. Dass sich dieser
Prozess der Signifikation entscheidend wandelt im Übergang von moderner
zu postmoderner Metropolenbildung, stellt die These des Beitrags dar.
Die Beschreibung dieses Übergangs von einer ethnischen Refugialität zu
einer medial konstituierten Hybridität des Alltagslebens von
Migranten/innen in nordamerikanischen Großstädten ist dabei, der Kürze
der Sache geschuldet, zugespitzt.

Migration and the "End of Suburbia"
Im 19. Jahrhundert erreichten vor allem Schotten/innen, Deutsche und
Ukrainer/innen Kanada und besiedelten die ländlichen Regionen im Norden
Ontarios und in den Prärien. In den ersten Jahrzehnten des 20.
Jahrhunderts kamen Süd- und Osteuropäer/innen und ließen sich in Toronto
nieder, wo die Viertel Greektown, Little Italy und Little Portugal noch
heute von dieser Zeit erzählen. Nach dem Krieg waren es vielfach die
Immigranten/innen aus den Ostblockstaaten, die nach Kanada kamen. Seit
den 1990er Jahren sind es zunehmend Muslime, Sikhs oder Buddhisten, die
in die kanadischen Städte kommen und die das traditionelle
Religionsgefüge verändern. Nach der Bevölkerungszählung von 2001 war
Toronto mit 43,7 Prozent die Stadt Nordamerikas mit der höchsten Anzahl
von im Ausland geborenen Einwohnern/innen, gefolgt von dem bei
Exilkubanern/innen beliebten Miami mit 40 Prozent, Vancouver kam noch
auf 37,5 Prozent, erst dahinter rangierten im mittleren Feld die beiden
US-amerikanischen Städte Los Angeles und New York mit 31 bzw. 24
Prozent. Das Resultat migrationsbedingter Umschichtung war eine
Bedrohung der Städte: Eine 2000 durchgeführte Studie des Canadian
Council for Social Development konstatierte, dass ein Fünftel der vor
1986 nach Kanada eingereisten Immigranten/innen in Armut lebten, von
jenen, die nach 1991 kamen waren es die Hälfte.

Bild:
<http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/daten/2006/urban_haas_abb1.jpg>
Abb. 1: Straßenszene aus Torontos Chinatown (Fotografie: Judith Bus)

Aber zu diesem Zeitpunkt hatten nicht nur die sich verändernden
Migrantenströme die Städte in ihrer Struktur verändert. Gleichzeitig
begannen die suburbs, jene am Rand der unwirklich werdenden Metropolen
gelegenen Retortensiedlungen mit ihren konzentrierten
Einkaufsmöglichkeiten in Malls zu zerfallen. Die Menschen fühlten sich
zunehmend unwohl in diesen abgeschotteten Wohngegenden, und auch die
Stadtplaner/innen konnten keine Zukunft mehr in einer Planungsform
sehen, die das Auto als notwendigen Bestandteil der Existenz
voraussetzte. Die suburbs waren der Inbegriff der – gleichwohl vom
europäischen Funktionalismus beeinflussten – amerikanischen Strategie
gewesen, den Städten als bewohntem Raum Sinn zu verleihen. Die
aufgereihten typisierten Einfamilienhäuser der suburbs hatten als
Lebensform für mehrere Dekaden gut funktioniert. Die innerstädtischen
Migrantenviertel – und "Ghettos" – hielten sich an dieses Konzept aber
nie. Und so waren nordamerikanische Innenstädte auch das nie, was die
suburbs sein sollten: melting pots.

Bild:
<http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/daten/2006/urban_haas_abb2.jpg>
Abb. 2: Die Häufung nationaler Symbole im Stadtbild Torontos gestaltet
einen interkulturellen Konnotationsraum. Beispiel eines Hauses im
chinesischen Stil (Fotografie: Nadja Ibener)

Die postmodernen Migrantenstädte
Die führenden neuen Städtebau- und Architekturbewegungen in Nordamerika
haben sich insbesondere der suburbs angenommen. Mitte der 1990er Jahre
entstand eine Bewegung, die als New Urbanism tituliert wird. Sie
formulierte nicht mehr die suburbs als Antistadt, sondern trug
städtische Strukturen in diese hinein. In einem Fernsehbericht des
kanadischen Senders CBC hieß es 1997: "With garages at the backs of
houses and secondary suites above garages, architects are catering less
to cars and more to people. Suburbia's architects originally devised
communities for easy automobile access in a time when car ownership had
sharply increased. The focus has now shifted to parks and
neighborhoods.”[1]

Dieser New Urbanism ist eine Reaktion auf den Niedergang der suburbs.
Seine Vertreter/innen sind bemüht, den sozialreformerischen Kern des
modernen Bauens in die globalisierte Postmoderne zu retten, indem sie
ihn transformieren. Ziel des New Urbanism ist die Schaffung neuer oder
die Regenerierung bestehender Stadtviertel, so dass die Bewohner/innen
eine Mischung unterschiedlicher Einkommen, Ethnizität und Alter
darstellen. Sie wollen die Verbindung zwischen Stadtraum und ihren
Bewohnern stärken, dadurch das Verantwortungsbewusstsein erhöhen. Die
Betonung ökologischer Kriterien ist ein wichtiger Grundsatz. Hinter all
diesen Ansätzen steckt eine Idee, die sich auch besonders in der
Aneignung von Stadträumen durch Migrantengruppen abzeichnete, die
Schaffung von Identität. New Urbanism scheut die physische
Fragmentarisierung der modernen Stadt und die funktionale Aufteilung des
modernen Lebens und versucht stattdessen, eine Verbindung herzustellen
zwischen "knowledge and feeling, between what people believe and do in
public and what obsesses them in private."[2].

Damit steht der New Urbanism noch mit einem Fuß tief in der Moderne: der
Überzeugung, dass der physische Raum, seine architektonische und
städteplanerische Beschaffenheit, soziales Verhalten direkt beeinflussen
oder zumindest widerspiegeln und damit befördern kann. Noch radikaler in
dieser Richtung, aber gleichzeitig näher an den Menschen ist der so
genannte Everyday Urbanism. Eine vom klassischen architektonischen
Standpunkt aus gesehen chaotisch wirkende Planungsform. Sie ist
eklektisch, heterogen, ambivalent, indem sie als wesentlichen Grundsatz
das Eingehen auf die lokalen Bedingungen und die Bedürfnisse der
Menschen hat. Diese Form des postmodernen Urbanismus' ist weniger
sozialutopisch, sondern eher an den Bedürfnissen konkreter Menschen in
konkreten Lebenssituationen interessiert.

Virtualität der postmodernen Städte
Die genannten Subbewegungen der postmodernen Architektur und
Städteplanung versuchen, einen Stadtraum zu entwerfen, den sich die
Menschen aneignen können. Damit bleibt Raum für die kleinen Zeichen und
Symbole, für das performative Verhalten im Umgang mit städtischem Raum.
Im Gegensatz zur Stadt der Moderne, die durch die national und ethnisch
getrennte Migrantenviertel geprägt wurde, in der Ethnizität also eine
Strategie des Ausschließens war, charakterisiert die postmoderne Stadt
einen integrativen Ansatz. In Toronto wie in anderen nordamerikanischen
Großstädten lässt sich seit einiger Zeit feststellen, dass die
ethnischen Viertel nicht nur eine Touristenattraktion sind, die für
Ausflüge zum Flanieren und Dinieren genutzt werden, sondern auch als
Wohnraum attraktiv werden. Das Ethnische wird dabei als Element
spielerisch in die Konstruktion von Identität aufgenommen. Dies zeigt
sich sowohl an der Vorgarten- und Fassadengestaltung als auch im
Ernährungsverhalten. Zwar schafft auch dieser Prozess neue
Ausgrenzungen, da nun noch deutlicher die Grenzen zwischen europa- und
asienstämmigen Kanadiern/innen betont werden, doch zeigt sich ein
geänderter Umgang mit ethnischen und nationalen Symbolen, dessen
spielerischer Charakter für die Postmoderne typisch ist.

Dieses Spiel sucht sich neue Mittel, um zu kommunizieren und Aussagen zu
repräsentieren, und findet sie in den neuen Medien. Digitale
Kommunikation vereinigt die Auflösung von Zeit und Raum mit einem
relativ hohen Maß an gestalterischer Autonomie. Wo in den Städten die
individuelle und gruppenspezifische Aneignung des Raums sich über
Bekleidung, Ernährungsstile, über Symbole an Häusern und Zeichen in den
Räumen niederschlug, wird das Internet zunehmend zu einem Medium, neue
soziale Formationen zu bilden, die die Städte um ein virtuelles Double
erweitern. Immigranten/innen definieren sich nicht mehr allein über ihre
real-räumliche neighborhood, sondern zunehmend auch über eine virtuelle
Gemeinschaft.

Die Auflösung traditioneller sozialer Formen in den Prozessen der
Digitalisierung und Globalisierung hat in Nordamerika zu einer
intensiven Suche nach neuen Begriffen sozialer Formationsbildung
geführt. Vor einiger Zeit spülte dies den von dem amerikanischen
Journalisten Ethan Watters geprägten Begriff des urban tribes an die
Oberfläche der öffentlichen Diskurse.[3] Watters sah in den zufällig
entstandenen Gruppierungen von Freunden/innen die soziale Heimat der
Post-Generation-X 20- and 30somethings. An die Stelle der traditionellen
Familien waren Gruppen ähnlich gesinnter Menschen getreten, die Rituale
entwickelten und Traditionen bildeten, um den inneren Zusammenhalt zu
gewährleisten und dem Individuum einen Ort im gemeinschaftlichen Gefüge
zu geben. Das soziale Haus ist ein selbst gebildetes, in das Zufälle des
eigenen Lebenswegs hineinspielen. Vorherbestimmt ist es nicht mehr, und
es gibt keine Bluts- oder Naturbanden, um den tribe aufrechtzuerhalten,
er muss durch Aktivität und Kommunikation bewahrt werden. In der
öffentlichen Reaktion in Nordamerika zeigte sich, wie sehr die
Lebenswirklichkeit dieser Generation von dem Begriff umschrieben werden
konnte. Was sich wie eine Realität gewordene amerikanische Fernsehserie
im Stil von "Friends" ausnimmt, ist vielmehr ein neuer Lebensstil, der
sich von demjenigen der Großväter und Urgroßväter, die besonders in
Migrantenmilieus das "stay with your own people" und die Großfamilie als
sozialen Kitt angesehen hatten, unterscheidet.

Neue soziale Formationen wie die als urban tribes bezeichneten
Gruppierungen junger urban professionals zeigen auch ein anderes
Kommunikationsverhalten, ein anderes Wohnverhalten und eine andere
Strategie, dem bewohnten urbanen Raum Sinn und Bedeutung zu verleihen.
Sie verwenden SMS und E-Mails und lesen dabei Metropolen nicht als Raum
mit Distanzen und abgegrenzten Stadtvierteln. Internetforen für reale
Migranten/innen und bloße 'digital natives' bieten raum- und zeitlose
Optionen der Kommunikation. Der Einwanderer neuen Typs findet so nicht,
wie die Immigranten/innen der Großeltern- und Urgroßelterngeneration,
seinen Platz in einem Refugium nationaler Identität, die auf einem
kanadischen Unterbau aufgesetzt ist. Über das Internet hat er Kontakt zu
vielen Immigranten/innen seines Herkunftslandes in den verschiedensten
nordamerikanischen Städten. Sein Leben vor Ort aber ist geprägt von dem
Zufall der Bekanntschaft am Arbeitsplatz und in den mehr und mehr
gemischt ethnischen Wohnvierteln. Die Identität, die er sich dabei
gebildet hat, ist wie die von vielen Migranten/innen im frühen 21.
Jahrhundert eine hybride, gemischt aus den Konnotationen, die die
Massenmedien transportieren, den Dialogen zwischen Herkunft und neuer
Heimat und den Zufällen des Migrantenlebens.

Wenn Nigel Coates über die "sensuelle Seite des urbanen Raums" spricht,
ist genau das gemeint. Seine hybride Stadt "Ecstacity" ist genau das
"half-real and half imaginary. Ecstacity builds on the increasingly
global outlook of existing cities. It partners a fluid architecture of
hybrids with the information world we already inhabit. It invests the
everyday with conflations of scale, of story, of emotion, replacing
institutional power with shared grounds of identity and desire”.[4]

Diese Prozesse zeigen sich nur versteckt, manchmal gar verborgen. Doch
in ihnen zeigt sich das Weiterleben der vielfach tot gesagten Stadt als
Lebensform. Und vielleicht hängt, das lässt sich vorsichtig nach den
jüngsten gewaltsamen Ausschreitungen in südamerikanischen Städten sagen,
auch das Weiterbestehen gewohnter urbaner Wohn- und Lebensqualität von
dem Gelingen eines postmodernen Stadtkonzepts ab.

Stefan Haas, Dr. phil. habil., arbeitet als Associate Professor für
Moderne Geschichte und German Studies an der University of Toronto und
ist Direktor des Information Centre des DAAD in Kanada. Seine
Arbeitsschwerpunkte sind Politik- und Kulturgeschichte sowie Stadt- und
Mediengeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. E-Mail:
stefan.haasutoronto.ca

Literaturempfehlungen:

Videoquelle
The End of Suburbia. Oil Depletion and the Collapse of the American
Dream. Dokumentation, Regie: Gregory Greene, Canada 2004

Literatur
Anisef, Paul; Lanphier, Michael (Hgg.), The World in a City, Toronto
2003
Chase, John u.a. (Hgg.), Everyday Urbanism, New York 1999
Coates, Nigel, Guide to Ecstacity, New York 2003
Duany, Andres u.a. (Hgg.), Suburban Nation. The Rise of Sprawl and the
Decline of the American Dream, New York 2000
Garreau, Joel, Edge City. Life on the New Frontier, New York 1991
Jacobs, Jane, The Death and Live of Great American Cities, New York
1961
Johnson, Walter, The Challenge of Diversity, Montreal 2006
Kelbaugh, Dough, Common Place. Toward Neighborhood and Regional Design,
Washington 1997.
Lorinc, John, The New City. How the Crisis in Canada's Urban Centres Is
Reshaping the Nation, Toronto 2006
Lynch, Kevin, The Image of the City, Boston 1960
Watters, Ethan, Urban Tribes. Are Friends the New Family?, New York
2003

Anmerkungen:
[1] Diese Fensehdokumentation kann im Netzarchiv von CBC abgerufen
werden unter:
<http://archives.cbc.ca/IDC-1-69-1464-9757/life_society/suburbs/clip9>
(18.07.2006).
[2] Kelbaugh, Dough, Common Place. Toward Neighborhood and Regional
Design, Washington 1997.
[3] Watters, Ethan, Urban Tribes. Are Friends the New Family?, New York
2003
[4] Coates, Nigel, Guide to Ecstacity, New York 2003

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Quellennachweis:
FORUM: St. Haas: Designing a Virtual Habitat - Toronto. In: ArtHist.net, 15.09.2006. Letzter Zugriff 31.03.2026. <https://arthist.net/archive/28514>.

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