CONF 08.10.2005

Raum und Kino (Berlin, 10./22./24-25 Oct 05)

Stefanie Schmidt

Raum und Kino ­ Baustellen der Faszination

Symposium Sonnabend, 22.10.2005

Filmlectures 11.10., 24./25.10.

Eine Veranstaltung der Akademie der Künste Berlin

Ort: Akademie der Künste, Hanseatenweg 10, Studio, 10557 Berlin
Internet: www.adk.de/raum
Kontakt: Ulrike Roesen, roesenadk.de

Raum ist seit Einstein ohne Zeit nicht zu denken. Der Film ist die
populärste Wahrnehmungsform des neuen Weltbildes geworden. Film findet als
Lichtereignis auf einer Fläche statt, öffnet jedoch ungeahnte Fenster. Mehr
noch: Seitdem die Kamera die Perspektive der Guckkastenbühne überwunden hat,
bewegt und verändert sich der Raum im Bildausschnitt, produzieren die Bilder
in der multiperspektivischen Komposition ihrer Montage Zeitraum und Raumzeit
in einem. Die sichtbaren Elemente des Kinematografischen verweisen auf die
unsichtbaren jenseits des Bildausschnitts und regen die Konstruktion des
filmischen Raums in der interagierenden Phantasie der Zuschauer an.
Erzählter Raum verwandelt sich in Erzählraum.

Doch man muß wissen, wo man ist. Die Komplexität filmischer
Raumkonstruktionen hat ihre Grenze in der Wahrscheinlichkeit des Erzählten.
Nur wenn die Logik des Sehens stimmt, folgen wir der Argumentation der
Handlung. Massenmedien und digitale Bildtechnik attackieren heute den
Orientierungssinn. Fragmentarisierung und Beschleunigung des filmischen
Raum-Zeit-Kontinuums greifen in die Wahrnehmung ein. Was tritt an die Stelle
der Erkundung des Realen?

Filmemacher, die eine eigene Handschrift ausgeprägt haben, wählen ihre
Mittel ­ nicht nur im Reflex auf die mediale Bilderflut ­ nach
wohlüberlegten Konzeptionen aus. Wie fusionieren sie Licht, Kamerabewegung,
Produktionsdesign und Musik, um unverwechselbare filmische Räume und die
magische Interaktion mit dem Raumgefühl des Publikums zu kreieren? Welche
nationalen und internationalen kulturellen Einflüsse, welche Vorbilder
zeichnen sich in ihren Filmen ab?

Im Drehbuch eines Films sind die Räume bloße Phantasie. Erst wenn die
ästhetischen Kriterien der Regie mit denen der zuarbeitenden Departments
zusammentreffen, wenn Drehorte ausgewählt, Settings konzipiert, Bauten
ausgeführt und Kamera-Operationen festgelegt sind, wird konkret, was Räume
zu filmischen Räumen macht, wie dieser Prozeß sich vollzieht und wie sich
Orte zu Schauplätzen verdichten. Christian Petzold aus Deutschland und
Yousry Nasrallah aus Ägypten reflektieren charakteristische Topoi
zeitgenössischer filmischer Raumkonstruktion. Die Beiträge des Symposiums
untersuchen neue Ästhetiken der Soundgestaltung und Montage, diskutieren die
Expansion filmischer Techniken in den begehbaren Raum und setzen sich mit
Leitmotiven exemplarischer Raumimaginationen im modernen Kino auseinander.

Konzeption: Claudia Lenssen

Filmlectures:

Dienstag, 11.10.

18 Uhr Film
"Gespenster", Regie: Christian Petzold, D 2005, 85 Min.

20 Uhr Lecture
Christian Petzold: "Vom Schreiben zum Sehen"

Christian Petzold, geboren 1960, studierte Germanistik und
Theaterwissenschaften in Berlin und absolvierte die Deutsche Film- und
Fernsehakademie. Filme: "Pilotinnen" (1995), "Cuba Libre" (1996), "Die
Innere Sicherheit" (2001, Deutscher Filmpreis), "Toter Mann" (2002),
"Wolfsburg" (2003), "Gespenster" (2005).

Montag, 24.10.

18 Uhr Film
"Das Tor zur Sonne (Bab El Chams)"
Regie: Yousry Nasrallah, Ägypten 2004, 278 Min., OmeU

Dienstag, 25.10.

20 Uhr Vortrag
Yousry Nasrallah, Ägypten: "The Making of Cinematic Space" (in deutscher
Sprache)

Yousry Nasrallah, geboren 1952 in Kairo, besuchte eine deutsche Schule,
studierte politische Ökonomie, arbeitete als Journalist im Libanon und war
dort 1980 Volker Schlöndorffs Assistent bei den Dreharbeiten zu "Die
Fälschung". Seine Filmkarriere begann in enger Zusammenarbeit mit Youssef
Cahine und gilt als zentraler Beitrag zum neuen ägyptischen Kino. Filme:
"Sommerdiebe" (1987), "Mercedes" (1993), "Über Jungen, Mädchen und den
Schleier" (1995), "El Medina" (1999). "Bab El Chams", die Geschichte der
Bewohner eines palästinensischen Dorfes auf der Flucht, eine Adaption des
gleichnamigen Romans von Elias Khoury, war 2004 in Cannes zu sehen.

Symposium (22.10.):

14 Uhr
Claudia Lenssen: Einführung

14.15 Uhr
Matthias Lempert, Berlin: Räume komponieren. Soundgestaltung und
Raumwahrnehmung

15 Uhr
Gerhard Schumm, Berlin: Der filmische Raum. Imagination / Irritation

15.45 Uhr
Angela Zumpe, Berlin, Dessau: Transitions. Veränderung des filmischen Raums
durch die Technik?

Pause

17.15 Uhr
Johannes Binotto, Winterthur: Tat / Ort ­ Das Kino von Dario Argento

18.30 Uhr
Ute Holl, Hamburg, Weimar: Die Produktion des Privaten. Das Kino und seine
Küchen

19.15 Uhr
Elisabeth Bronfen, Zürich: Nachträume des zeitgenössischen Kinos

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Dienstag, 11.10., 18 Uhr Film, 20 Uhr Vortrag
Eintritt je ¤ 6,- / ermäßigt ¤ 4,-; Doppelprogramm ¤ 8,- / ermäßigt ¤ 6,-

Sonnabend, 22.10., 14-20 Uhr Symposium
Eintritt frei

Montag, 24.10., 18 Uhr Film
Eintritt ¤ 7,50 / ermäßigt ¤ 5,-
Dienstag, 25.10., 20 Uhr Vortrag
Eintritt ¤ 5,- / ermäßigt ¤ 3,-

Die Tagung und die Filmlectures finden statt im Rahmen des
interdisziplinären Veranstaltungsprogramms RAUM. Orte der Kunst, das der
Frage nach dem Verhältnis von Raum und Ort in den Künsten nachgeht. Als
inhaltlicher Schwerpunkt der Akademie der Künste widmen sich in diesem
Herbst ganz unterschiedliche Veranstaltungsformen diesem Thema. Mehr dazu
erfahren Sie unter: www.adk.de/raum

Quellennachweis:
CONF: Raum und Kino (Berlin, 10./22./24-25 Oct 05). In: ArtHist.net, 08.10.2005. Letzter Zugriff 28.05.2024. <https://arthist.net/archive/27586>.

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