Stephan Albrecht: Die Inszenierung der Vergangenheit im Mittelalter

Reviewed by: Markus Späth

Wieso basierten frühgotische Kirchen auf den für sie anachronistischen Grundrißdispositionen ihrer Vorgängerbauten? Stephan Albrecht untersucht am Beispiel der Klöster Glastonbury und Saint-Denis die Bedeutung der monastischen Bautätigkeit und Bildproduktion für die historische Erinnerung von Institutionen während des Hoch- und beginnenden Spätmittelalters. Durch sein Erkenntnisinteresse jenseits der Gattungs- und Epochenkategorien der Kunstgeschichte vermag er vielfältige konzeptionelle Sinnbezüge zwischen den unterschiedlichsten dort geschaffenen Zeugnissen offenzulegen. Gerade durch den Vergleich zweier so weit voneinander entfernter Klöster wie Saint-Denis und Glastonbury kann der Verfasser überzeugend aufzeigen, daß in unterschiedlichen Regionen des hochmittelalterlichen Europas monastische Gemeinschaften vergleichbare Strategien anwandten, um nicht nur mit Texten, sondern auch mit künstlerischen Mitteln ihr kollektives Gedächtnis der besonders wertgeschätzten Vergangenheit visuell wahrnehmbar zu gestalten. Dieser Ansatz sensibilisiert für ein differenzierteres Verständnis der künstlerischen Innovationen der Frühgotik. Daß der Verfasser dabei die „Inszenierung“ nicht als statischen Zustand auffaßt, sondern deren prozeßhafte Entwicklung über mehrere Jahrhunderte aufzeigen kann, macht diese Studie methodisch besonders überzeugend. Dazu zieht Stephan Albrecht die umfangreiche historiographische und hagiographische Textproduktion beider Klöster im 12. und 13. Jahrhundert heran, um sowohl für die Bau- als auch für die Ausstattungskampagnen variierende inhaltliche Gewichtungen im Vergangenheitsbild der Mönche nachzuweisen.

Die gut lesbare Studie gliedert sich nach einer kurzen Einleitung (S. 9- 17) in drei umfangreiche Kapitel: Glastonbury (S. 19-122) und Saint-Denis (S. 123-182) ist jeweils ein eigenes Kapitel gewidmet, ehe die Befunde aus den beiden Abteien miteinander verglichen werden (S. 183-264). In beiden monographischen Kapiteln bereitet der Verfasser zunächst jeweils das über Texte der Eigengeschichtsschreibung transportierte Vergangenheitsbild auf. Dieses vergleicht er dann mit den Bau- und Bildwerken, die im jeweiligen Kloster während des Hoch- und Spätmittelalters zur Inszenierung der Vergangenheit geschaffen wurden. Dabei steht die Architektur im Mittelpunkt, die sich - auch im nur ruinös überkommenen Glastonbury - am besten von allen untersuchten Zeugnissen erhalten hat. Daneben stellt er die Ausstattung der Klöster und insbesondere die ihrer Kirchen als Teil der Gesamtinszenierung vor. Diese methodische Stärke hat zugleich eine argumentative Schwäche der Arbeit zur Folge: Während in Saint-Denis die Ausstattung immerhin noch fragmentarisch erhalten ist, ist jene in Glastonbury vollständig verloren. Daher muß der Verfasser für beide Klöster vor allem auf frühneuzeitliche Beschreibungen und Abbildungen zurückgreifen. Dabei irritiert der unkritische Umgang mit der frühneuzeitlichen Überlieferung, die in der Untersuchung als vermeintlich authentische Wiedergabe des mittelalterlichen Bestandes erscheint und nicht nach ihrem Quellenwert hinterfragt wird. Wesentlich überzeugender ist Albrechts Umgang mit der mittelalterlichen Klosterhistoriographie. Dabei beleuchtet der Verfasser auf textkritische Weise die Wahrnehmung der aus der Vergangenheitüberkommenen Architektur und Ausstattung der Klöster durch ihre mittelalterlichen Geschichtsschreiber.

Der unterschiedliche Erhaltungszustand von Bauten und Ausstattung in beiden Klöstern hat zur Folge, daß Albrecht im monographischen Kapitel zu Glastonbury den Wandel des Vergangenheitsbildes im Verlauf der Jahrhunderte analysiert, während er für Saint-Denis den Zeugnisbestand und dessen Veränderungen zur Amtszeit Sugers systematisch aufbereitet. Um die mediale Vielfältigkeit und Komplexität visueller monastischer Vergangenheitsinszenierung Rechnung tragen zu können, hat Albrecht sowohl die architektonischen wie auch die bildkünstlerischen Zeugnisse in drei Kategorien unterteilt (S. 14-16): So wurden einmal alte und in der mittelalterlichen Deutung vermeintlich originale Artefakte als„Erinnerungsstücke“ onserviert und in Szene gesetzt. Da der Untersuchungszeitraum sich durch die Dichotomie zwischen einem „Zwang zur Erinnerung“ und den „repräsentativen Bauzwang“ in Klöstern auszeichnete, ersetzte man gerade damals alte Objekte durch „Kopien“: Deren Formen wurden in neuen Bild- und Bauzeugnissen aufgegriffen, um die Zeiten zu vergegenwärtigen, aus denen die zugrundeliegenden Originale stammten. Als dritte Kategorie definiert Albrecht „Memorialbilder“, also in der (hoch- und spätmittelalterlichen) Gegenwart geschaffene Zeugnisse, die über ihren Inhalt und nicht über ihre Form an Personen, Ereignisse oder Gegebenheiten aus der Vergangenheit erinnerten. Mit diesem begrifflichen Gerüst kann die Studie besonders bei der Architekturanalyse überzeugen: Für die grundlegende Neugestaltung Saint-Denis' durch Suger kann gezeigt werden, daß hier als Reaktion auf eine tiefe Existenzkrise alte Bauteile als „Erinnerungsstücke“ und Architekturzitate als „Kopien“ in den modernen frühgotischen Bau integriert wurden (S. 132-157 und S. 233-254). Bei der Neuerrichtung Glastonburys Ende des 12. Jahrhunderts vermag der Verfasser für die moderne Architekturgeschichte die als überkommen eingestuften Stilelemente als bewußte Inszenierung zu deuten: So kann er die Marienkapelle der Klosterkirche als Kopie des 1184 zerstörten Baus der vetusta ecclesia interpretieren, welche als Ursprungsbau verehrt wurde (S. 73-85). Es gelingt damit zu belegen, daß die Stilkategorien von ‚alt‘ und ‚modern‘ im Hoch- und Spätmittelalter komplementär die Architektur einer Klosterkirche prägten.

Trotz der schlechten Überlieferungslage gelingt es Albrecht, auch die Ausstattung der im Hochmittelalter baulich erneuerten Kirchen als integralen Teil einer auf historischer Erinnerung zielenden Ästhetik in den Klöstern zu rekonstruieren. Er stellt dabei die Inszenierung alter Gegenstände als „Erinnerungsstücke“ und die Aufstellung von„Memorialbildern“ als entscheidend angesehener Gründer- und Stifterfiguren im Kirchenraum in den Mittelpunkt. Diese manifestierte sich insbesondere in Grabfiguren, die seit dem Hochmittelalter zu Bestandteilen umfassender königlicher Grablegen wurden. Am Beispiel Saint- Denis' kann der Verfasser aufzeigen, daß von den dort seit Suger nachweisbar verehrten und in der Kirche inszenierten Gegenständen die meisten auf Stiftungen Dagoberts und Karls des Kahlen zurückzuführen sind. Die besondere Vergegenwärtigung dieser fränkischen Herrscher wurde in Saint-Denis nicht nur über diese Gegenstände praktiziert, sondern auch über deren dortige Grabstätten. Vergleichbare Memorialstrukturen kann Albrecht für die Verehrung des legendarischen Britenköngs Artus in Glastonbury nach der Entdeckung seines vermeintlichen Grabes im Jahr 1191 aufzeigen (S. 90-102). Aufgrund des weitgehenden Verlustes der „Erinnerungsstücke“ und „Memorialbilder“ in beiden Klöstern ist es nicht mehr möglich, deren innerbildliche und mediale Strategien zu untersuchen. So bleibt es letztlich bei einer rekonstruktiven Aufarbeitung ihrer vormaligen Ausstattungen.

Um zumindest eine Vorstellung entsprechender Visualisierungsstrategien zu vermitteln, vergleicht Albrecht im dritten Kapitel der Arbeit die in Glastonbury und Saint-Denis erhobenen Befunde zu den „Memorialbildern“, den Ursprungsbauten und den dort als „Erinnerungsstücken“ inszenierten alten Gegenständen sehr umfassend mit erhaltenen Objekten vergleichbarer englischer und französischer Institutionen (S. 183-264). Sein Titel, „Die Inszenierung der Vergangenheit: Glastonbury und Saint-Denis im Vergleich“, hätte eine unmittelbare Zusammenschau beider Klöster erwarten lassen. Doch vielmehr werden beispielsweise die Grabmonumente als „Memorialbilder“ jeweils ausführlich im nationalen Kontext erörtert (Glastonbury und England S. 190-201; Saint-Denis und Frankreich S. 201- 222), wohingegen dem direkten Vergleich der Klöster nur drei Seiten gewidmet wird (S. 222-224). Da etwa die „Memorialbilder“ aus Saint-Denis bereits im unmittelbar vorangegangenen monographischen Kapitel besprochen worden waren (S. 175-182), führt dieser für Leser sehr übersichtliche und didaktische Aufbau der Untersuchung immer wieder zu Redundanzen. Ein argumentativer wie analytischer Fortschritt vollzieht sich hier wie an anderen Stellen des Buches nur langsam.

Für Albrechts innovative Fragestellung ist es paradigmatisch, daß er sich nicht nur auf kunst- und baugeschichtliche Forschungsliteratur beschränkt, sondern für seine beiden Fallstudien umfassend bauarchäologische sowie historische Studien rezipiert. Es ist dagegen schade, daß er jüngere Untersuchungen US-amerikanischer Provenienz zum kulturellen Gedächtnis hochmittelalterlicher Institutionen unberücksichtigt läßt: Sowohl Linda Seidels Versuch, die Architektur und Bauplastik von Saint-Lazare in Autun als Erinnerungsraum zu deuten (1), als auch Robert Maxwells Studie zur Visualisierung historischer Kontinuität in der klösterlichen Buchillustration (2) hätten das Profil von Albrechts anregender Untersuchung ebenso schärfen können wie die Arbeiten Amy Remensynders und Patrick Gearys zur Vergangenheitskonstruktion hochmittelalterlicher Klöster durch die Verschränkung legendarischer, historiographischer und kopialer Überlieferung (3). Dadurch hätte auch für Saint-Denis die Funktion der Kunst bei der Rekonstruktion einer durch tiefgreifende Umbrüche im 10. und 11. Jahrhundert verlorenen Erinnerung stärker herausgearbeitet werden können, die Albrecht so überzeugend für Glastonbury aufzeigen kann: Da er Formen und Inhalte der Bau- und Bildproduktion immer wieder an der zeitgenössischen Wahrnehmung historischer Wendepunkte spiegelt, insbesondere den der normannischen Invasion des Jahres 1066, schafft er für die Forschung einen neuen Zugang für Historismen und spezifische Erscheinungsformen der englischen Architektur und Kunst des Hoch- und Spätmittelalters. Es ist dieser Arbeit, die ausgetretene methodische Pfade verläßt um nach neuen Wegen zu suchen, sehr zu wünschen, daß sie eine breite Rezeption finden wird.

(1) Linda Seidel, Legends in Limestone: Lazarus, Gislebertus, and the Cathedral of Autun (Chicago & London, 1999).

(2) Robert A. Maxwell, „Sealing Signs and the Art of Transcribing in the Vierzon Cartulary,“ The Art Bulletin, 81 (1999), S. 576-593.

(3) Amy G. Remensnyder, Remembering Kings Past: Monastic Foundation Legends in Medieval Southern France (Ithaca & London, 1995); Patrick J. Geary, Phantoms of Rememberance: Memory and Oblivion at the End of the First Millenium (Princeton, 1994).

Recommended Citation:
Markus Späth: [Review of:] Albrecht, Stephan: Die Inszenierung der Vergangenheit im Mittelalter. die Klöster von Glastonbury und Saint-Denis (= Kunstwissenschaftliche Studien), München [u.a.] 2003. In: ArtHist.net, Jul 13, 2004 (accessed Nov 12, 2019), <https://arthist.net/reviews/63>.

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Albrecht, Stephan: Die Inszenierung der Vergangenheit im Mittelalter. die Klöster von Glastonbury und Saint-Denis (= Kunstwissenschaftliche Studien), München [u.a.]: Deutscher Kunstverlag 2003
ISBN-10: 3-422-06394-3, 304 S.

Review published: Jul 13, 2004

Editor: Achim Timmermann

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