Dal Giglio al David. Arte civica a Firenze fra medioevo e rinascimento (Firenze)

Galleria dell'Academia, Florenz, 14.05. - 18.12.2013

Rezensiert von: Carolin Behrmann, Kunsthistorisches Institut in Florenz, Max-Planck-Institut

Rote Wappenlilien sind seit dem letzten Jahr auf jeder der massiven, standardisierten Restaurantterrassen angebracht, die das Stadtbild von Florenz durchgreifend verändert haben. In der politischen Krise wird die „identità civica“ hochgehalten und der öffentliche Raum zunehmend heraldisch markiert.[1] Durch die ubiquitäre Anbringung des Stadtwappens scheint der Florentiner Bürgermeister Matteo Renzi, der das Amt des italienischen Ministerpräsidenten anstrebt, bereits am kommunalen Modell die „große“ Politik zu erproben. Die nun überall im Stadtraum an die politische Entscheidungsgewalt der Kommune erinnernde Lilie ist Teil der gleichen Strategie wie die spektakulären Pläne zur Umgestaltung städtischer Architekturen, z.B. der umstrittene Masterplan der Fassaden-Realisierung San Lorenzos nach den Plänen Michelangelos. Seit Mai hat nun in der Galleria dell’Accademia eine Ausstellung eröffnet, die sich der bis heute aktuellen Florentiner Symbolpolitik vom Mittelalter bis in die Renaissance widmet, wobei die Lilie und die Figur des David den symbolischen Rahmen bilden.

Kuratiert von der Vize-Direktorin der Accademia Daniela Parenti und Maria Monica Donato, Mittelalterexpertin der Scuola Normale Superiore in Pisa, richtet die Ausstellung mit knapp 90 Exponaten ihr Augenmerk sowohl auf das offensichtlich Repräsentative, als auch das unscheinbare Administrative. Auffällig ist die Varietät der ausgestellten Exponate, die einen übersichtlichen Gesamteindruck der Florentiner Konstruktion städtischer Identität schaffen indem sie Repräsentation und Handlungsebene miteinander verzahnen. Obwohl die meisten Ausstattungen öffentlicher Gebäude über die Jahrhunderte verloren gegangen sind, ist es den Kuratorinnen gelungen, auf die Präsenz der Objekte zu setzen. Wo es nicht möglich war, die Dekorationen öffentlicher Palazzi in die Ausstellung zu transferieren, wurde auf Zeichnungen, Fragmente, Siegel oder Archivalien der Stadtarchive zurückgegriffen, deren Symbolsprache ähnlich ist. Wie Donato in ihrem einführenden Artikel herausstellt, richtet sich die Auswahl der gezeigten Kunstwerke und Objekte an drei zentralen Themen-Achsen aus. Zuerst sind die Orte des städtischen Lebens bedeutsam, wobei nicht zwischen religiösen und säkularen Bereichen unterschieden, sondern deren Verschränkung betont wird. Mit „städtisch“ („civica“) sei nicht ausschließlich der weltliche („secolare“) Bereich angesprochen und neben den Bildprogrammen der offiziellen städtischen Verwaltungssitze interessieren genauso die Bauplätze des Florentiner Domes und Orsanmichele. Zum Zweiten sind es thematische Fragen etwa zum zentralen Anspruch der „romanitas“, mit dessen historischem Erbe und souveränem Vorbild Florenz sich lange identifizierte. Ein drittes Thema ist die Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Bild und Schrift: In welchen Symbolen und Zeichen, so wird übergreifend gefragt, manifestiert sich eine Konstante der von den städtischen Institutionen über Jahrhunderte verfolgten Identitätspolitik?

In der ständigen Sammlung der Galleria dell’Academia befindet sich eine Gruppe von Werken mit sakralen Szenen, deren gemeinsamer Kontext bislang nicht ausreichend erkannt wurde. Da sie für die Ausstattung der Räume der Florentiner Verwaltung bestimmt waren, sind sie nicht einfach als „pittura sacra“ zu klassifizieren, sondern erhalten in den Räumen der städtischen Verwaltung und der Zünfte eine besondere Funktion. Parentis Rekonstruktion der außerordentlichen Sammlungsgeschichte dieser Gruppe von Kunstwerken seit dem 18. Jahrhundert macht deutlich, dass vor allem die Klassifikation dieser Werke als historisch-künstlerische „zweite Garde“ bisher verhindert hat, nach ihren gemeinsamen funktionalen Aspekten und ursprünglichen Kontexten zu fragen: den justizialen und administrativen Räumen wie denen des Prokonsuls (Proconsolo), der Münzanstalt (Zecca), dem obersten Gerichtshof (Supremo Tribunale di Giustizia), der Staatskasse (Ufficio del Fisco), oder der Zollämter (Gabella dei Contratti, Gabella del Sale e Dogana) . Die Bedeutung der Werke in ihrem Ausstattungszusammenhang lässt sich nicht zuletzt an den Reaktionen der zuständigen Beamten ablesen, die oft im Gegenzug zur Musealisierung ihrer Kunstwerke originalgetreue Kopien einforderten, um diese am ursprünglichen Ort zu platzieren. Parentis Verweis auf andere Werke namhafter Künstler, die für diese Institutionen gearbeitet haben und sich heute in Kunstmuseen befinden, ohne dass der Entstehungskontext erwähnt wird, lässt die weitreichenden Dimensionen dieses Themas erahnen.

Der 350 Seiten starke Katalog vertieft und erweitert das Spektrum der Ausstellungsthemen um zahlreiche Aspekte. Hier sei nur auf einige der Beiträge verwiesen: So zeichnet der Beitrag von Andrea Zorzi die politische Geschichte von Florenz nach, wobei die Frage nach der Konstruktion einer städtischen „Identität“ bedauerlicherweise kaum thematisiert wird. Hingegen berührt der Artikel von Francesca Klein über die Florentiner Verfassung in zentralen Punkten das Kernanliegen der Ausstellung, indem sie auf den Zusammenhang zwischen juridischer Norm und städtischer Symbol- und Objektgeschichte verweist. Der Kunsthistoriker Matteo Ferrari und der Historiker Giuliano Milani stellen in einem gemeinsamen Beitrag die Funktion von öffentlichen Bildprogrammen in den nördlichen Stadtgemeinden Italiens heraus, und konzentrieren sich hierbei auf die Freskenausstattungen kommunaler Gebäude wie des Broletto in Brescia oder dem Palazzo della Ragione in Mantua. In einem kürzeren Aufsatz wird die zentrale Funktion der heraldischen Symbole von Alessandro Savorelli vorgestellt, doch auch hier wäre ein engerer Bezug auf die Objekte der Ausstellung wünschenswert gewesen.

Ausgangspunkt des Ausstellungskonzeptes sind jüngere Studien zur Kunst der italienischen Kommunen, von denen Maria Monica Donatos Forschungen selbst einen zentralen Baustein bilden.[2] Der Parcours beginnt bei den Formen der städtischen Protektion an den Stadtmauern von Florenz. Seit Anfang des 14. Jahrhunderts bildete die Stadtmauer die scharfe Grenze zwischen Stadt und Provinz und umschloss eine limitierte Anzahl von „cittadini“ mit besonderem Rechtschutz. Bicci di Lorenzos Lünetten-Fresko für die Porta San Giorgio (Kat. 1) führt dem das Stadttor Passierenden eine von zwei Heiligen flankierte, thronende Maria mit Kind vor Augen, die städtische Protektion verspricht. Diese Vermittlung zwischen thronender Madonna und der „Civitas Florentiae“ zeigt auch Giottos berühmtes Fresko aus dem Bargello (nur im Kat.), in dem nahezu das gesamte städtische Symbolrepertoire vor Augen geführt wird (Kat. 7). Weiße und rote Lilien werden Maria von der in den gleichen Farben gekleideten Figur der „Comune“ gereicht, während das Christuskind ein Herz, das Symbol der „Amor Dei“, aus den Händen der Caritas entgegennimmt. Die Florentiner Stadtattribute werden von Kinderfiguren getragen, so z.B. das Rad des Heiligen Pier Scheraggio, das Modell des dem Heiligen Giovanni Battista gewidmeten Baptisteriums oder die Schlüssel von San Pier Maggiore. Neben figurativen Bildprogrammen wie diesen fiel vor allem Inschriften und Registern die Aufgabe zu, die städtischen Ordnungsstrukturen und Regulierungsformen des öffentlichen Lebens in funktionale Identitätsmuster übersetzen. So verweist etwa eine Steintafel aus dem Museo di San Marco (Kat. 2) auf einen anderen Aspekt der städtischen Befestigungsmauer: Die nur mit zwei schlichten Wappen der Comune und des Popolo verzierte „lapicidia“ hält die genauen Maßangaben der Mauer fest, die beibehalten werden sollen, um zu verhindern, dass durch den Anbau von weiteren Gebäuden ihre Verteidigungsfunktion geschwächt wird. Für die Kontrolle zwischen Außen- und Innenraum steht auch der illustrierte Kodex der Torsteuer („gabella delle porti“) aus der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts, der die Importe und Exporte in die Stadt reguliert (Kat. 4). Die Listen der ein- und ausgeführten Güter werden begleitet von jeweils einem Bild, auf dem die Händler mit ihren Waren dargestellt werden. Diese „gabella“ steht exemplarisch für ein bedeutendes Konvolut reich bebilderter wirtschafts- und rechtshistorischer Quellen, die von ihrem künstlerischen Kontext gewöhnlich getrennt werden, wie der illustrierte „Specchio umano“ Domenico Benzis (1335-1347) (Kat. 5), in der die Florentiner Preise für Weizen und anderen Getreidesorten fixiert und mit moralisch-belehrenden Bilderzählungen aus dem Alltag ergänzt werden.

So wie die Stadtmauer Schutz verspricht, wird sie auch zur Metapher des Ausschlusses und der Verteidigung gegen äußere Feinde. Das aus dem Palazzo Vecchio stammende Fresko der Vertreibung des Herzogs von Athen aus den Jahren 1344-45 (Kat. 48), das Orcagna zugeschrieben wird, bildet den Auftakt für den Bereich der Ausstellung, der sich dem politischen Raum widmet. Der hier präsentierte Tondo der schmachvollen Vertreibung des Walter VI. de Brienne, der sich bei den Florentinern durch eine despotische und harte Zäsuren mit sich bringende ruinöse Wirtschaftspolitik unbeliebt gemacht hatte, knüpft wiederum zahlreiche Querverweise zu anderen Ausstellungskapiteln. Die Figur der thronenden Heiligen Anna überreicht in dieser Darstellung den militärischen Vertretern der Stadt die rot-weiße Standarte und deutet mit der anderen Hand auf den Palazzo dei Priori, den Amtssitz der städtischen Regierung, der zum Symbol der Befreiung wird. Zertreten und zerschlagen liegen vor dem fliehenden Herzog die Attribute von Gerechtigkeit und politischer Stärke: ein zerbrochenes Schwert, eine in drei Einzelteile zerlegte Waage und ein Gesetzbuch. Die so ins Bild gesetzte Vertreibung eines Usurpators, setzt die antityrannische Regierungsform der Comune ins Bild, die für die städtische Identität zentrale Bedeutung erhält. Analoge Formen des kommunalen Ausschlusses und der Schändung jener, die den ökonomischen und politischen Zusammenhalt der Stadt gefährden, findet sich auch im Medium der „pittura infamante“, jenen ephemeren Schandbildern, die als Strafmaß verhängt wurden, um den gesellschaftlichen und rechtlichen Status der Inkriminierten zu verletzen.[3] Die zerbrochenen Attribute schaffen eine Verbindung zu jenem Bereich der Ausstellung, der sich mit unterschiedlichen Gerechtigkeitsbildern auseinandersetzt, die von Rechtsobjekten wie der Waage bis hin zu Heiligendarstellungen reichen, letzteren eine Vorbildfunktion für die Richter zukam. Giovanni di Francesco Toscanis Werk des „Ungläubigen Thomas mit den Propheten Jeremias und Jesaja“ (ca. 1420, Kat. 41) stellt hier ein besonders beeindruckendes Beispiel dar. Es entstammt den Räumen der „Mercanzia“, jenen Gerichtsort der fünf größten Zünfte (Calimala, Lana, Cambio, Por Santa Maria, Medici e Speziali), in dem über Handelsstreitigkeiten entschieden wurde. Das „toccar con mano“ des Heiligen Thomas, versinnbildlicht das richterliche Ideal, der Wahrheit so nah wie möglich zu kommen, um eine gerechte Entscheidung fällen zu können. Solche Darstellungen waren zuvor nur in den Zivilgerichten, wie im Audienzsaal des Palazzo della Signoria zu finden. Ihre Übertragung in die Rechtsräume der Zunft, deutet auf deren gesteigertes Selbstbewusstsein hin. Um diese Souveränität zu verdeutlichen, stellt der letzte Teil des Ausstellungsparcours anhand ausgewählter Heiligendarstellungen, die Bedeutung der Zünfte als künstlerische Auftraggeber eindrucksvoll vor Augen. Der Parcours endet im Hauptsaal der Galleria, direkt vor den Füssen der monumentalen Figur des von Michelangelo geschaffenen David, der als Symbolfigur für die Stadt Florenz bis heute magischer Anziehungspunkt geblieben ist.

Die Florentiner Ausstellung ist ein gelungener Versuch, die Bild- und Objektwelt der städtischen Verwaltung, des Rechtswesens und der Politik nicht nur über ihre symbolischen Bedeutungen, sondern auch über ihre Funktionalität und Wirkung für administrative Abläufe zu bestimmen. Eine derart anregende Kombination von Artefakt und Archivalien, die sich dem Wert des Objekts in seiner Fähigkeit zum „acte“, der materialisierten Bestimmung von Autorität widmet, ist zur Zeit auch in der Ausstellung „Le pouvoir en actes“ in den Pariser Archives Nationales zu sehen.[4] Die besondere Vielseitigkeit der Florentiner Ausstellung wird durch die große Anzahl unterschiedlicher Objekte erreicht, was bedauerlicherweise zu einer sehr dichten Hängung führt und der Übersichtlichkeit nicht gerade zugutekommt. Hierdurch gehen ebenfalls einige medienspezifische Komponenten der Objekte zugunsten ihrer historischen Kontextualisierung verloren. Trotzdem wird die Ausstellung ihrem Anspruch überaus gerecht, die bis heute präsente Florentiner Identitätspolitik anschaulich darzustellen.

Anmerkungen:

[1] Zum “restyling” des “Giglio” siehe das von der Comune di Firenze veröffentlichte “Handbuch”: http://www.comune.fi.it/opencms/export/sites/retecivica/materiali/stemma/manualegiglio.pdf
[2] So z.B. Maria Monica Donato: Per una tradizione d'arte cívica, dal Medioevo all'età moderna, in: Angela Guidotti; Massimiliano Rossi (Hg.): Percorsi tra parole e immagini: 1400-1600. Lucca 2000, S. 51-74. Siehe auch die Beiträge in Hans Belting; Dieter Blume (Hg.): Malerei und Stadtkultur der Dantezeit. Die Argumentaion der Bilder, München 1989. Giuliano Milani: I comuni italiani, Roma-Bari 2005; Mario Ascheri, Le città-Stato, Bologna, Il Mulino, 2006. Zuletzt Brendan Cassidy: Politics, civic ideals and sculpture in Italy c. 1240-1400, London 2007.
[3] Zuletzt ausführlich Giuliano Milani: L’esclusione dal comune. Conflitti e bandi politici a Bologna e in altre città italiane tra XII e XIV secolo, Roma 2003.
[4] Siehe den Ausstellungskat. « Le pouvoir en actes. Fonder, dire, montrer, contrefaire l’autorité », 27.3.-24.6.2013, Archives Nationales, Paris, hg. von Elsa Marguin-Hamon, Paris : Somogy Éditions d’art 2013.

Empfohlene Zitation:
Carolin Behrmann: [Rezension zu:] Dal Giglio al David. Arte civica a Firenze fra medioevo e rinascimento (Firenze) (Galleria dell'Academia, Florenz, 14.05. - 18.12.2013). In: ArtHist.net, 21.06.2013. Letzter Zugriff 16.02.2019. <https://arthist.net/reviews/5632>.

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Maria Monica Donato, Daniela Parenti (Hrsg.): Dal Giglio al David. Arte civica a Firenze fra Medioevo e Rinascimento. Catalogo della mostra (Firenze, 14 maggio-8 dicembre 2013), Firenze: Giunti Editore 2013
ISBN-13: 978-88-09-78499-4, 352 S., 42,00 EUR

Rezension veröffentlicht am: 21.06.2013

Redaktion: Philipp Zitzlsperger

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