REV-CONF 19.07.2004

Pilgrimage in European Cultur

Pribram, 26.–30.05.2004

Bericht von Mateusz Kapustka
Redaktion: Livia Cárdenas

Zbozné putováni v evropské kulture - Wallfahrten in der europäischen Kultur - Pilgrimage in European Cultur

Die Wallfahrt mit ihren visuellen Ausprägungen bildete als ein Kulturphänomen ein natürliches fachliches Interesse der Kunstgeschichte fast seit den Anfängen dieser historischen Disziplin. Die in den 80-er Jahren des 20. Jh. zum Thema Wallfahrt organisierten Ausstellungen, z.B. die des Bayerischen Nationalmuseums in München 1984 unter dem Titel „Wallfahrt kennt keine Grenzen“ mit ihrem ertragreichen Katalog, die in dieser Zeit erschienenen Sammelbände, wie auch die weiterführenden Regionalforschungen, haben die grundlegenden Themen entwickelt und eine interdisziplinäre Forschungsbasis geschaffen. Besonders nach dem politischen Wechsel der 90-er Jahre des 20. Jh. in Mittelosteuropa konnte das Thema neubearbeitet werden, ohne ideologische Begrenzungen, entlang der Titelaussage des oben zitierten Ausstellungskatalogs. Die hier zu besprechende Tagung, mit ca. 50 Referaten, wurde dementsprechend einem breiten Themenkreis gewidmet, im Hintergrund stand aber immer die Frage, wie man das Phänomen Wallfahrt nach so vielen Jahren der Forschung neu definieren kann.

Die Konferenz wurde als ein gemeinsames tschechisch-deutsches Projekt in Pribram bei dem Heiligen Berg in Tschechien u.a. durch das Zentrum für Mediävistischen Studien der Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik, der Abteilung der Geschichtshilfswissenschaften und Archivstudien an der Karls-Universität in Prag und der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin organisiert.

Das reiche Programm wurde in verschiedene Themenblöcke gegliedert. Der erste Tag war vor allem den Reisen ins Heilige Land, nach Rom und zu anderen fernen Zielen gewidmet, wobei neben den Motiven und dem Verlauf der Wallfahrten auch andere Faktoren und Wallfahrtsrealien dargestellt wurden, wie z.B. Pilgerkarten, Pilgerführer und Pilgerzeichen. Auch die Organisation von Wallfahrten im 19.-20. Jh. wurde behandelt, diesmal vorwiegend auf böhmische Beispiele beschränkt. Weitere Schwerpunkte im Verlauf der Tagung waren Analysen der regionalen Wallfahrten und Pilgerreisen u.a. in Böhmen, Österreich, Slowakei, Bayern oder Estland wie auch die Verbindungen zwischen den Wallfahrten und dem Reliquiensammeln. Einen wichtigen Ansatz bildeten auch die Beiträge über Kalvarienberge in Böhmen, Polen, Schlesien und in der ehemaligen Grafschaft Glatz. Nach der Darstellung einiger bemerkenswerter und manchmal heute schon vergessener Wallfahrtsstätten in Böhmen, Mähren und Schlesien wurde auch die Thematik der Wunder und der Votivgaben wie auch der mittelalterlichen und neuzeitlichen Mirakelbücher berührt - diskutiert wurden verschiedene Aspekte ihrer Geschichte, ihrer Quellen und der wissenschaftlichen Systematik. Die abschließende Sektion behandelte Beiträge zur Rolle der geistlichen Orden und Bruderschaften in der Geschichte der Wallfahrtskultur. Das gesamte Programm der Tagung wurde auf der Internetseite www.poutnictvi.cz veröffentlicht.

Wolfgang Brückner (Würzburg) behandelte in seinem Eröffnungsvortrag die lange Tradition und methodische Systematik der bisherigen Wallfahrtsforschungen. Als erstes wurde von ihm der theologische Ansatz am Beispiel der bekannten Arbeit über die Wilsnack-Wallfahrten von Hartmut Boockmann vorgestellt. Der Referent betonte, daß die Forschungen zu diesem Thema nicht auf dem Niveau der reinen Quellenarbeit verbleiben sollten, und daß hier auch die lokale Wallfahrtstopographie methodisch miteinbezogen werden muß. Brückner erwähnte auch die wichtigen Ergebnisse der kunsthistorischen Wallfahrtsforschung, z.B. im Bereich der Kopien, der Kultbilder usw. Jedoch ist die Kunstgeschichte, seiner Meinung nach, in diesem Kontext oft zu sehr in der Suche nach einer hohen künstlerischen Qualität der Werke befangen. Die von Brückner erläuterte Frage der Methodik führte zu dem Schluß, daß die moderne Wallfahrtsforschung ohne solch vereinfachende Gemeingüter der bisherigen kulturwissenschaftlichen Forschung, wie a priori als glaubwürdig angenommene historische Prozesse, z.B. der natürliche Übergang des Reliquienkultes von der Antike zum Christentum, auskommen muß. Nicht also die falsch gestellten Ursprungsfragen, sondern hermeneutisch und anthropologisch geprägte Analysen der einzelnen Formen können das Wesen der modernen Religions- und darin Wallfahrtsforschung bilden.

Das Referat von Josef Zemlicka (Prag) widmete sich dem mittelalterlichen Reisen in das Heilige Land. Der Autor skizzierte die drei wichtigsten Ziele der Wallfahrer im 11. und 12. Jh. - Konstantinopel, Jerusalem und Santiago de Compostela - wie auch die Wege dorthin. Nicht nur Fragen nach dem religiösen Wesen dieser Expeditionen wurden hier gestellt, sondern ebenso nach der Erweiterung des geographischen Horizonts ihrer Teilnehmer, die nach der Rückkehr in die Heimatländer ihre Abenteuer und Kontakte mit den fremden Völkern erzählten. Dieser Zug der „Entsakralisierung“ der Pilgerfahrten konnte auch auf amtlicher Seite aufgezeigt werden, wie am Beispiel der für die in Jerusalem einreisenden Pilger festgesetzten Einzugssteuer.

Zdenek Hojda (Prag) führte mit seinem leicht provokanten Vortragstitel „Wallfahrt oder Touristik?“ die oben erwähnte Frage weiter, sich nun bereits auf das 17. Jahrhundert beziehend. In seinem Beitrag über die Motive und Ziele der böhmischen Kavalierstouren und über die auf deren Routen befindlichen Wallfahrtsstätten fragte er, inwiefern z.B. die neuzeitlichen Besuche der Wallfahrtsstätten als eine bloße Besichtigung der Sehenswürdigkeiten betrachtet werden können. Funktionierten die während der Fahrt angekauften Devotionalien eher als eine schöne Erinnerung an die Reise? Wieweit gingen die Tourenprogramme auf die persönlichen Wünschen des Reisenden ein? Hojda entdeckte auch ein „zweites Gesicht“ solcher Reisen: aus den Reisetagebüchern ist nämlich zu entnehmen, daß es manchmal den Reisenden überhaupt nicht um Frömmigkeit ging, sondern darum sich bei den „alten Sehenswürdigkeiten“ zu zeigen, wie auch in entsprechenden Momenten (z.B. Papstmesse oder Audienz) sichtbar für andere zu sein. In der Diskussion nach diesem Beitrag wurde von dem Referent betont, daß diese Reisen auch als ein fortgeschrittenes amtliches Phänomen funktionierten, was u.a. die für die nach Loreto reisenden Böhmen ausgestellten Reisepässe und Gesundheitszeugnisse deutlich bezeugen.

In dem Referat von Ralf Lützelschwab (Berlin) wurde die Frage nach der Rolle der Herrschaftslegitimation und des Frömmigkeitsexempels im Bezug auf den Status der Reliquiensammlung behandelt. Die Geschichte des Erwerbs der Passionsreliquien 1346 durch Kaiser Karl IV., ein Thema, das in letzter Zeit immer mehr die Aufmerksamkeit des Faches auf sich zog, wurde hier in Hinsicht auf die Rolle des Königs Ludwig IX. von Frankreich betrachtet. Karl, der in Paris seine Jugend verbrachte, knüpfte mit der Erbauung der Reliquienkapelle auf der Burg Karlstein an die Passionsreliquien vor allem die Dornenkrone Christi) beherbergende Sainte-Chapelle in Paris an. Die späteren Wallfahrten nach Prag, zusammen mit der sich auf das Pariser Vorbild beziehenden kaiserlichen Einsetzung des Festes der Heiligen Lanze 1354, sollten die Idee der „Herrschaftsreliquien“ untermauern. Die von Karl erworbenen Heiligtümer dienten also nicht nur der privaten Frömmigkeit, sondern, wie auch die dem Volk zu zeigenden Reichskleinodien, zugleich derjenigen „ad regem“ und „ad regnum“.

Das Problem des für die Pilger zur Verfügung gestellten architektonischen Raumes wurde von Jana Otmarova (München) berührt. Anhand der Analyse der barocken Ambitusanlagen im habsburgischen Böhmen und Mähren, stellte sie eine Systematik solcher Wallfahrtsanlagen vor, die von der Bauform her den Kreuzgängen ähnlich sind und die Kirchen umgeben. Die entscheidendste Frage, die um deren historische Funktion, provozierte nach dem Vortrag eine sehr ergiebige Diskussion, wobei außer den praktischen Gründen der Entstehung der Ambiten, wie Schutz vor Regen und Kälte, deren symbolisch- religiöse Rolle hervorgehoben wurde. Die Diskussion über das Problem der Fresken der Ambiten, die manchmal die Anrufungen der Loretanischen Litanei oder Wallfahrtsstätten im habsburgischen Böhmen, Mähren und Schlesien (z.B. Weißer Berg bei Prag) abbildeten, führten zu der Feststellung, daß Ambiten eine Rolle bei der individuellen und der sog. kollektiven Wallfahrt spielten.

Der Beitrag von Petr Hlavácek (Zlín) hat die Wege der Pilger aus einer entscheidend neuen Perspektive gezeigt, übrigens eine freudevolle Reaktion des Publikums provozierend. Das Hauptziel des Referenten war nämlich zu zeigen, welche Rolle Schuhe bei einer Wallfahrt spielten; ihre Qualität, Maße, Festigkeit der Sohlen usw. Die statistischen Vergleiche der Bedingungen heutiger Schuhe zu den extremen Distanzen, welche die mittelalterlichen Pilger zu Fuß bewältigen mußten, zeigten deutlich die Bedeutung der technischen „Realien“ der Wallfahrtskultur, die in der historischen Forschung oft vernachlässigt werden.

In diesem Kontext bewegte sich auch Thomas T. Müller (Heilbad Heiligenstadt), der einen anderen wichtigen, meist übersehenen Wallfahrtsfaktor analysierte, nämlich das Bier. Anhand der Quellen zum Verbrauch des neben Wasser und Obstmosten populärsten mittelalterlichen Getränkes und zu den Rechten des Biervertriebs zeigte der Referent, wieweit solche Angaben als Hilfsmittel der Begriffsbestimmung und der Rekonstruktion des Wallfahrtsverlaufes in den gegebenen Kultzentren funktionieren können.

Jan Royt (Prag) fügte einen wichtigen kunsthistorischen Beitrag zu der Thematik Wallfahrt in bezug auf den Heiligen Berg bei Pribram bei. Ausgehend von dem Begriff „mater domus“ als eine Bezeichnung der in den neuzeitlichen böhmischen Wallfahrtszentren oft aufbewahrten marianischen Gnadenfiguren, u.a. Stará Boleslav (Altbunzlau), Bílá Hora (Weißer Berg bei Prag), hat er die Ikonographie des charakteristischen Typus des architektonischen Ambitus analysiert. Ihn interessierte dabei auch der Typus des Altaraufsatzes, der vor allem der Zurschaustellung der öfters zentral auf dem Tabernakel aufgesetzten Kultfigur diente. Die Symbolik der Krone im Altar, ihre Beziehung auf die symbolische und reale Krönung der Figur, wie auch die Ikonographie der Äste im Altar - diese Themen dienten dem Referenten als eine systematische Grundlage der Interpretation der Ausschmückung der Jesuitenkirche am Heiligen Berg. Die dortige Marienfigur, die einer alten Überlieferung zufolge, von dem ersten Prager Erzbischof Ernst von Pardubitz selbst geschnitzt worden sein soll, wurde in der Zeit der Niederlassung der Jesuiten an diesem Ort im 17. Jh. ein bedeutendes Kultobjekt in Böhmen. In einer interessanten Analyse der sich an der Fassade und im Ambitus der Kirche am Heiligen Berg befindenden Figuren zeigte Royt auch, wie außer der Habsburger- und Ordenssymbolik (Darstellungen der Heiligen Könige und der jesuitischen Heiligen), eine Anknüpfung an die mittelalterlichen Darstellungsschemata erfolgte (z.B. die Figuren der Verkündigung an beiden Seiten des Treppeneinganges, die an die Gestalten an den geschlossenen Flügeln des mittelalterlichen Altares erinnern).

Obwohl die Konferenz als eine Fortsetzung der schon seit längerer Zeit diffenenziert gepflegten Wallfahrtsforschung organisiert wurde, betrafen die meisten Diskussionsfragen doch die Problematik der Grundbegriffe. Was ist eigentlich eine Wallfahrt? Wie unterscheidet sich strukturell eine zu den lokalen Heiligtümern ziehende Wallfahrt von den Pilgerfernreisen und von dem Amtsbesuch? Inwieweit kann man die mit der Idee des Heiligen Krieges und des exercitus Domini verbundenen Kreuzzüge und die Wallfahrten in Verbindung bringen? Die von Wolfgang Brückner mehrmals gestellten Fragen zum historischen Strukturwandel der Wallfahrten, u.a. zu den Unterschieden zwischen der Einzelpilgerschaft und der Gemeinwallfahrt, dominierten oft die Diskussion. Brückner betonte zudem die Begriffsunterschiede zwischen der Pilgerschaft und den prozessionalen Formen der Frömmigkeit, wie Pflichtprozession und Geläuf. Maja Gassowska unterstrich dabei auch die Unklarheit der Beschreibungen solcher Formen selbst in den mittelalterlichen Quellen (13. Jh.), wo es sogar problematisch ist zwischen dem Handelszug und dem Kreuzzug zu unterscheiden. Dazu kann man das schon oben erwähnte Problem der „Kommerzialisierung“ der Wallfahrten in der Neuzeit hinzufügen, das im Rahmen der Diskussion auch von Zdenek Hojda berührt wurde.

Die von den Organisatoren als eine Fortsetzung geplante Konferenz „Wallfahrt und Reformation“ in Heilbad Heiligenstadt 2005 wird ein profiliertes Forum bilden, wo die hier signalisierten Begriffs- und Interpretationsfragen wahrscheinlich erneut in der Diskussion aufkommen werden. Das Thema der zukünftigen Tagung provoziert zumindest schon jetzt dazu, die bisherigen Denkschemata und die traditionelle Quellenlektüre nochmals umzuwerten.

Empfohlene Zitation:
Mateusz Kapustka: [Tagungsbericht zu:] Pilgrimage in European Cultur (Pribram, 26.–30.05.2004). In: ArtHist.net, 19.07.2004. Letzter Zugriff 25.09.2022. <https://arthist.net/reviews/447>.

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