REV-CONF 23.06.2004

Experiment Leben

Darmstadt, 19.01.2002

Bericht von Ulrich Pfarr

Experiment Leben. Die Permanenz der Lebensreform
„Experiment Leben“ geglückt?

„Vier große Illusionen“, die Dietrich Brants mit den Stichworten Natur, Schönheit, gutes Leben und Sinnstiftung umriss, hatte man sich in Darmstadt vorgenommen. Der Aktualität dieser Verheißungen der deutschen Reformbewegung um 1900 galt ein Gesprächsforum des Instituts Mathildenhöhe zur gegenwärtigen Ausstellung „Die Lebensreform“

Im letzten Referat wurde das gesamte Anliegen verworfen: Gentests und Präimplantationsdiagnostik veranlassten Barbara Duden zu dem Postulat eines radikalen Schnitts, der uns heute vom Optimismus der Reformer vor 100 Jahren trenne. Bereits das ungeborene Leben sei keine Angelegenheit des Hoffens mehr, sondern werde als „risikobehafteter genetischer Anlageträger“ betrachtet. Peter Weingart wies dies als „antizivilisatorischen“ Impuls zurück. Ein konturiertes Bild der Auswirkungen moderner Eugenik blieb sein Plädoyer schuldig.

Joachim Radkau und Uwe Fritsch resümierten, erst die Verwissenschaftlichung der Ökologiebewegung habe messbaren Nutzen für Ökosysteme und Lebensqualität erbracht. Artenschutz sei keine „Frage der Liebe“ mehr, sondern Gegenstand nüchterner Verwaltungsvorgänge. Die Sorge um Umweltprobleme denunzierte Radkau als Produkt einer im alternativen Milieu grassierenden Angst vor dem Älterwerden. Dagegen verwies eine Hörerin auf das sinnliche Erleben, das die fachkundige Sensibilisierung für ökologische Merkmale des heimischen Waldes eröffnen könne. Martin Dinges hob die Aktualität ethischer Begründungen des Vegetarismus hervor, stellte allerdings die Naturheilkunde unter den Verdacht des Irrationalen, da sie in Reinheitsvorstellungen und romantischen Gleichgewichtslehren wurzele. Die Diskussion um Bilder leidender Natur, die in der Öffentlichkeit Emotionen weckten, ohne damit schon Einsicht in globale Probleme zu fördern, offenbarte ein Manko: zwischen Philosophen, Soziologen und Wissenschaftshistorikern blieb die Kunstwissenschaft unbesetzt. Nicht erst mit dem Vorschlag Wilhelm Schmids, schön sei, was bejaht werden könne, geriet die Ästhetik zum Absorptionsraum ungelöster Fragen. Aus dem Publikum wurde an die Bedeutung der Ökologie für Künstler wie Joseph Beuys und James Turrell erinnert.

Gernot Boehme bestritt die wirksame Kompensation von Modernitätsverlusten im Angesicht ständigen Wirtschaftswachstums. Dessen mangelnde Umweltverträglichkeit werde durch das Konzept der „Nachhaltigkeit“ verschleiert. Hier wird man fragen müssen, ob Entlastungsfunktionen eher einer Ästhetisierung des Alltags durch Designerprodukte, oder vielmehr der Virtualisierung von Wirtschaft und Politik zugetraut werden können. Schmid erklärte denn auch die „Sonntagsreden“ vom Gemeinwohl zur Heuchelei; nur dem eigenen Leben könne man Form und Sinn verleihen. Freilich konstatierte Boehme, viele Errungenschaften der Reformbewegung seien in die heutige Lebenswirklichkeit eingegangen. Fritsche betonte die Chancen, die von der Integration der Ökologie in sämtliche Politikfelder ausgingen. Mit dem Tutzinger Manifest werde eine neue Verbindung von Ökologie und Ästhetik eingefordert. http://www.kupoge.de/ifk/tutzinger-manifest/index.html

Empfohlene Zitation:
Ulrich Pfarr: [Tagungsbericht zu:] Experiment Leben (Darmstadt, 19.01.2002). In: ArtHist.net, 23.06.2004. Letzter Zugriff 21.05.2022. <https://arthist.net/reviews/397>.

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