REV 28.06.2022

Tönnies, Moya: Marix und die Bildtapete "La prise de la smala d'Abd el-Kader"

Rezensiert von Silke Göttsch-Elten, Kiel
Redaktion: Livia Cárdenas
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Ende der 1990er Jahre legte die Restauratorin und Kunsthistorikerin Moya Tönnies in im schleswigschen Herrenhaus Ludwigsburg bei Eckernförde eine Bildtapete frei, von deren Existenz damals niemand mehr wusste. Die Bildtapete zeigt den Überfall französischer Truppen auf die Smala (Lager) des Abd el-Kader, eines algerischen Gelehrten und Heerführers, im Mai 1843 in Algerien. Dieses Ereignis sollte sowohl für die französische Kolonialgeschichte wie auch die spätere nationale Identitätsfindung Algeriens von großer Bedeutung werden. Bereits im September 1843 wurde der französische Maler Horace Vernet, der auf Initiative des französischen Königs Louis-Philippe I. die französischen Truppen nach Algerien begleitet hatte, von diesem beauftragt, ein Gemälde von der Schlacht für einen bislang leeren Saal in Versailles anzufertigen. Er begann im Mai 1844 mit den Arbeiten an dem 21,39 Meter langen und 4,89 Meter hohen Gemälde, das bereits zehn Monate später fertiggestellt war. Popularisiert wurde diese imposante Schlachtendarstellung durch eine zeitgleich hergestellte leporelloartig faltbare Lithografie im Format 21x100 cm, die zur Attraktion des Pariser Salons 1845 wurde. Es ist anzunehmen, so mutmaßt die Autorin, dass der Ludwigsburger Gutsherr Hermann von Ahlefeld und seine spätere Ehefrau Marix den Salon besucht und danach die Umsetzung in eine Bildtapete in Auftrag gegeben haben, die 1849 im Herrenhaus Ludwigsburg angebracht wurde. Über ihre tatsächliche Motivation lässt sich angesichts fehlender Quellen nur spekulieren. Allerdings verschwand die Bildtapete bereits wenige Jahre später unter einer neuen Wandverkleidung, bis sie bei besagten Restaurierungsarbeiten freigelegt wurde.

Das ist eine allemal komplexe und reizvolle Geschichte, die sehr unterschiedliche Perspektiven eröffnet, die Moya Tönnies bereits in ihrer Einführung skizziert. Die Autorin spannt dabei einen Bogen über gut 150 Jahre und nimmt die Leser:innen mit in sehr unterschiedliche soziale Milieus und Regionen. Da ist zunächst einmal das historische Ereignis selbst, die Eroberung der Smala des Abd el-Kaders, das uns nach Algerien führt und einen Blick auf die französische Kolonialpolitik in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eröffnet sowie dessen Bearbeitung zu einem Kunstwerk durch Horace Vernet. Die Verknüpfung mit der Biografie einer für das 19. Jahrhundert bemerkenswerten Frau, eben jener Marix, die als Ehefrau des Ludwigsburger Gutsherrn von Ahlefeld ein Leben zwischen Paris und Schleswig-Holstein führte, ermöglicht einen Einblick in soziale Milieus und kulturelle Transferprozesse. Die Entdeckung der Tapete bei Restaurierungsarbeiten hat die Autorin zu einer detektivischen Suche nach den Fäden, die all diese Stränge zusammenhalten, angeregt und es ist ein Vergnügen, ihr bei dieser akribischen Recherche zu folgen.

Der Fund und seine historische Rahmung ist der doppelten Expertise der Autorin zu verdanken. Als Restauratorin hat Moya Tönnies Ende der 1990er Jahre im schleswigschen Herrenhaus Ludwigsburg die Bildtapete freigelegt und untersucht, um sich dann mit ihrem Wissen und ihrer Expertise als Kunsthistorikerin auf Spurensuche zu begeben. Sie stellt zunächst die historischen Ereignisse in Algerien 1843 dar und fragt quellenkritisch nach der künstlerischen Bearbeitung durch Vernet. Denn bei aller historischen Treue von Uniformen und Bekleidung, Gerätschaften und Schmuck diente das Bild ideologischen Zwecken, sollte der Verherrlichung französischer Kolonialpolitik dienen. So zeigt das zentrale Motiv den Überfall durch die Franzosen auf die wehrlosen Bewohner:innen der Smala, der dadurch verklärt wird, dass der Anführer des französischen Truppen, der Herzog Aumale im Gemälde nicht kämpfend, sondern in der friedlichen Geste der Gnade gezeigt“ wird. (S. 26) Wie wenig das der historischen Realität entsprach, belegt Moya Tönnies mit dem Verweis auf die Gräuel der kolonialen Eroberungspolitik: „Algerien schreibt zurück“ (S. 45 – 47).

Wie bedeutsam das Gemälde allerdings – über die kolonialpolitische Wertschätzung durch den König hinaus – für die französische Gesellschaft war, zeigen die populärkulturellen Adaptionen wie die erwähnte Lithografie, aber auch ein Panorama bzw. Spielzeug. Die hohe Aufmerksamkeit mag ein Grund gewesen sein, warum das Motiv für die 1849 in Ludwigsburg angebrachte Bildtapete ausgewählt wurde. Die Frage nach dem damit verbundenen Kulturtransfer führt direkt hinein in das sozial- und kulturhistorisch spannende Milieu der Pariser Bohème und des schleswigschen Adels im 19. Jahrhundert. Der Ludwigsburger Gutsbesitzer Hermann von Ahlefeld hielt sich vor Antritt seines Gutes 1849 als Attaché der dänischen Gesandtschaft in Paris auf und lernte dort Joséphine Bloch, genannt Marix, kennen, die als Künstlermodell Teil der Pariser Bohème war. Er setzte sich über die Konventionen seiner Zeit hinweg und heiratete sie. Es ist davon auszugehen, dass beide das Gemälde Vernets, das damals für viel Aufsehen in Paris sorgte, kannten. Die Bildtapete, die, so Tönnies, wohl in Paris gefertigt wurde, war nicht wie damals üblich gedruckt, sondern zeigt eine selten angewendete, weil teure Technik, nämlich einer Mischung von Schablonenmalerei und Malerei aus freier Hand. Als Symbol von Prestige und Wohlstand wurde sie im Festsaal des Herrenhauses angebracht. Hermann von Ahlefeld allerdings starb bereits 1855 und hinterließ seine erst 31-jährige Frau mit vier kleinen Kindern. Vermutlich verschwand die Bildtapete nur kurze Zeit später unter einer neuen Wandverkleidung, denn in einer Reisebeschreibung von 1858 anlässlich eines Besuchs des französischen Schriftsteller Théophile Gautier, den Marix aus Paris kannte, erwähnt sie dieser nicht mehr. Und erst die Restaurierungsarbeiten 1997 legen sie wieder frei und machten sie zum Ausgangspunkt einer spannenden Reise durch die Kunst-, Sozial- und Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts. Der Reisebericht Théophile Gautiers (1858) über seine Erlebnisse in Ludwigsburg ist in einer erstmaligen, einfühlsamen Übersetzung durch Dieter Lohmeier dem Band als Anhang beigegeben.

Moya Tönnies ist es in ihrem schmalen, aber inhaltsreichen Buch gelungen, ein ganzes Panorama zu eröffnen, das weit über den lokalen Horizont eines Bildtapetenfundes in einem schleswigschen Gutshaus hinausweist. Dabei kommen der Aufarbeitung dieses Fundes die vielfältigen Expertisen der Autorin zugute. Die Restauratorin versteht es, den Befund zu deuten und die Kunsthistorikerin weiß um die künstlerischen, ästhetischen und historischen Zusammenhänge. So zeigt sie, wie ein historisches Ereignis zu einem Kunstwerk verdichtet wird, in dem es allerdings nicht mehr um historische Authentizität, sondern um die Legitimierung und Ästhetisierung kolonialpolitischer Interessen geht. Seine bildästhetischen Qualitäten aber auch die politische Botschaft machten das Gemälde genauso für die Bildungseliten jener Zeit attraktiv und spiegeln die Geschmackspräferenzen dieses Milieus wider. Mit ihrer genauen und einfühlsamen Recherche gelingt es Moya Tönnies, die Komplexität dieser Konstellationen sichtbar zu machen. Ihren exemplarischen Charakter erhält die Mikrostudie durch die differenzierte Darstellung des sozialen und gesellschaftlichen Milieus, in das die Bildtapete wie auch ihre Geschichte eingebettet ist. So wird der Blick auf die vielfältigen kulturellen Verflechtungen eröffnet, die weit über die Beziehungen zwischen Paris und dem norddeutschen Schleswig hinausgehen.

Angesichts der vielen Zugänge, die für die Bewertung und Einordnung der Bildtapete aufgemacht werden, wäre es wünschenswert gewesen, wenn die Autorin ihre Fragestellung expliziter gemacht hätte, die die eher deskriptiv aufgemachten Felder verbindet. Ihre Faszination bezieht die Studie deshalb mehr aus der Dichte des herangezogenen Materials als aus einer kulturtheoretisch fundierten Analyse.

Insgesamt hat Moya Tönnies eine Studie vorgelegt, die zeigt, was gewonnen werden kann, wenn unterschiedliche Quellen und Zugänge aus Kunst-, Kultur- und Sozialgeschichte genutzt werden, um einen (Be-)Fund von zunächst einmal regionaler Bedeutung in einen größeren Horizont einzuordnen und dass solche Zufallsfunde wichtige Bausteine sind, um den Verflechtungen unterschiedlicher Lebenswelten im 19. Jahrhundert auf die Spur zu kommen.[1]

[1] Das Buch als Online-Edition auf OpenEdition Books https://books.openedition.org/editionsmsh/24392

Tönnies, Moya: Marix und die Bildtapete "La prise de la smala d'Abd el-Kader". Mit Théophile Gautiers Bericht über seinen Besuch im Herrenhaus Ludwigsburg 1858 (= Passerelles), Zürich: Diaphanes 2020
ISBN-13: 978-3-0358-0351-8, 133 S., 15.00 EUR, Inhaltsverzeichnis

Empfohlene Zitation:
Silke Göttsch-Elten: [Rezension zu:] Tönnies, Moya: Marix und die Bildtapete "La prise de la smala d'Abd el-Kader". Mit Théophile Gautiers Bericht über seinen Besuch im Herrenhaus Ludwigsburg 1858 (= Passerelles), Zürich 2020. In: ArtHist.net, 28.06.2022. Letzter Zugriff 14.08.2022. <https://arthist.net/reviews/37025>.

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