REV-CONF Sep 22, 2010

et in arcadia ego - Grab und Memoria im frühen Landschaftsgarten

Berlin, Schloss Charlottenburg, May 7–08, 2010

Report by Steffen Zarutzki, Berlin
Editor: Rainer Donandt

ET IN ARCADIA EGO. Grab und Memoria im frühen Landschaftsgarten.

Das Teilprojekt B4/1 "Angestammte Antiken: Die Erfindung des ‚englischen‘ Gartens und seine Voraussetzungen" des Sonderforschungsbereiches 644 "Transformationen der Antike“ an der Humboldt-Universität, lud im Mai 2010 in Zusammenarbeit mit der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten ins Schloß Charlottenburg zu einer Tagung ein. Die Vorträge gingen dabei der Frage nach, welche Faktoren bewirkten, daß die bei der christlichen Bestattung ad sanctos verloren gegangene alte Verbindung zwischen Grab und Garten der frühen Hochkulturen im Zuge frühneuzeitlicher Antiketransformation revitalisiert werden konnte.

In einem Einleitungsstatement skizzierte Michael Niedermeier den Frageansatz des Teilprojektes. Es geht davon aus, daß die Entwicklung des Landschaftsgartens, die bisher vornehmlich vom englischem Blickwinkel aus untersucht wurde, von ihren europäischen Wurzeln her zu verstehen sei - einem Ursachenbündel von politischen, ökonomischen und ästhetischen Neuorientierungen. Der "Geschmackswandel" in der Gartenkunst – so die Kernthese – müsse als ein Codesystem verstanden werden, in dem Transformationen antiker Wissensbestände bei der Herausbildung einer neuen politischen Balance in Europa eine zentrale Rolle spielten. Mit dem Blick auf die intensiven, dynastisch motivierten Wechselbeziehungen zwischen deutschen Fürstenhäusern und England wird versucht, auch die Herausbildung des ‚englischen‘ Gartens verständlich werden zu lassen. Die mit der Übernahme des englischen Throns durch die Hannoveraner gewünschte Rückbindung der Herrschergenealogien der deutschen Häuser Hannover, Hessen, Sachsen-Gotha, Anhalt oder Mecklenburg an trojanisch-römische, germanisch-sächsische oder vandalisch-wendische Anciennitätsmuster wurde zur Behauptung einer Kontinuität von Herrschaft und Landschaft gartengestalterisch inszeniert. Dem herrschaftlichen Grab kam bei den Versuchen, Stammesherrschaften oder Dynastien zu gründen oder zu befestigen, seit jeher eine grundlegende Funktion zu. Die in den letzten Jahren stark herausgestellten prospektiv gerichteten Informationsstrategien von Grabmälern, die die Memoria des Verstorbenen für die Hinterbliebenen funktional „zukunftsfähig“ visualisierten, fanden im Landschaftsgarten einen - aus dem Kirchenraum bewußt heraustretenden - dynamischen Neuansatz.

Der Garten wurde, wie Annette Dorgerloh in ihrem einführenden Beitrag zum Thema „Trost in der Natur“ darstellte, ebenso wie der Friedhof zum Experimentierfeld für die Inszenierung und Etablierung sozialer, politischer und ästhetischer Normen, zum fiktionalen Spielraum, in dem unter Aufbietung aller Künste eine neue Vermittlung des Todes mit dem Leben als Garant für ein Überdauern gesucht wurde. Der Landschaftsgarten mit seinen irregulären Formen und seiner variationsreichen Abfolge stimmungshafter Bilder erwies sich hierbei als ein besonders geeignetes Medium der Erinnerung und des Gedenkens. Was in der Malerei seit der Renaissance entwickelt wurde und in den arkadisch-klassischen Landschaften Lorrains, Poussins und Watteaus wie vorweggenommen wirkt, setzte die aufgeklärte Generation im 18. Jahrhundert in die Dreidimensionalität der Landschaftsgärten in nicht gekannter Totalität um.

Horst Bredekamp machte in seinem Beitrag "Bomarzo – Neues vom ältesten Landschaftsgarten" das Argument stark, daß es in jedem Garten einen Bereich gebe, der im Kern ein Landschaftsgarten sei. Vicino Orsini habe seinen Garten bewußt "Sacro Bosco", das Heilige Wäldchen, genannt und ihn in die hügelige Landschaft hineingestaltet. Bredekamp zeigte auf, daß die epikureischen Grundlagen, daß Sexualität und Tod als Merkmale des arkadischen Landschaftsgarten bereits für Bomarzo als grundlegende Kraftzentren belegbar sind. Vicino Orsini entwarf in seinem Garten ein zyklisches Geschichtsbild, wobei er – vergleichbar Michelangelo in bezug auf die Vorgeschichte von Florenz – nicht auf die gängige Großerzählung einer römisch-antiken Vorgeschichte der eigenen Herkunft rekurrierte, sondern über die im Garten inszenierten Ensembles einen etruskisch-vorrömischen Blick auf die Historie verankerte.

In seinem Beitrag über die „Materialisierungsgeschichte einer poetischen Erinnerung“ zeigte Salvatore Pisani (Paris), wie die Neapolitanische Stadtverwaltung mit dem klassischen Erbe des sogenannten Vergil-Grabes umging. Der ehemalige Landsitz des Dichters wurde, ebenso wie das Grab, bereits in der Antike zu einem Wallfahrtsort. Seit der Renaissance erfuhr diese Verehrung immer neue Schübe, auf die die Stadt Neapel entsprechend reagierte, indem sie daraus auch politischen Nutzen zog. Grand-Tour-Reisende des 18. Jahrhunderts besichtigten den vermeintlichen Grabbau nicht nur, sondern bauten ihn auch in ihren Landschaftsgärten, z.B. in Kassel-Wilhelmshöhe, nach.

Auch nördlich der Alpen hatte sich, wie Sascha Winter (Heidelberg) in seinem Beitrag über das Totengedenken im Irrhain des Pegnesischen Blumenordens in Nürnberg zeigen konnte, bereits um 1700 eine naturreligiöse Strömung entwickelt, die auf eine arkadische Memoria abzielte, ohne daß es sich um Gartenbegräbnisse im eigentlichen Sinne handelte. Nach dem Vorbild der Fruchtbringenden Gesellschaft wurde der Orden der Pegnitz-Schäfer 1644 als Sprach- und Literaturgesellschaft gegründet. In einem abgetrennten Gedenkbezirk des Irrhains sollten Bäume mit Namensschildern an die verstorbenen Ordensmitglieder erinnern.
Michael Niedermeier suchte in seinem Beitrag zu belegen, wie über die Tradierung des olympischen Pelops-Grab-Mythos die Anverwandlung der literarischen Vorbilder bei Homer und Vergil sowie die Neubesetzung von vorhandenen frühgeschichtlichen Trojaburgen und Wunderkreisen im 18. Jh. die Landschaft durch die Neuinszenierung der alten Totenspiele neu semantisiert wurde. Durch die Verbindung von fürstlichem Grabmal und Sportwettkämpfen versuchte Fürst Franz von Anhalt-Dessau seit 1777 die Revitalisierung eines Ahnenkultes in Gang zu setzten, der sich etwa an die trojanischen genealogischen Abstammungslinien anschloß. Mit der Neubesetzung der historischen Landschaft durch die Grablege des Fürsten und ihre Integration in die Gartenlandschaft sollte das Überdauern des fürstlichen Stammes sowohl rückwirkend behauptet als auch prospektiv gesichert werden.

Michael G. Lee (Dumbarton Oaks, Washington, D.C.) zeigte, wie sich die Grabsetzung für den ersten Präsidenten der USA, George Washington, auf seinem Landsitz Mount Vernon in Virginia zum Ausgangspunkt einer neuen Erinnerungsstrategie der jungen Vereinigten Staaten entwickelte. Der Landsitz, den Washington 1754 erworben hatte, wurde von ihm selbst seiner über die Jahrzehnte immer exponierteren öffentlichen Position angepaßt und bis ins Detail geplant und gestaltet. Washington, der sich in der Tradition der europäischen Husbandry-Tradition neben seinem politischen Amt auf Zeit in erster Linie als Landwirt und Gutsbesitzer verstand, hatte in seinem Testament verfügt, auf seinem Landsitz begraben zu werden. Der Tod, die Totenprozession und die Beisetzung gestalteten sich – vor allem in der nachträglichen medialen Aufbereitung durch Druckgraphik - zu einem "nationalen" Gründungsereignis.

In seiner Einleitung zu dem Abendvortrag verwies Hartmut Dorgerloh, Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, auf den Fakt, daß das preußische Königshaus keiner einheitlichen Bestattungstradition folgte, obwohl es mit der Gruft im Berliner Dominikanerkloster und deren Nachfolgerin im Berliner Dom – seit 1904 in der Hohenzollerngruft des Raschdorf-Domneubaus - durchaus über eine zentrale Begräbnisstätte verfügte. Ausnahmen wurden hier offenbar zur Regel, beginnend mit der Grablegung des Soldatenkönigs in der Potsdamer Garnisonkirche über das Mausoleum der Königin Luise im Schloßpark Charlottenburg bis hin zu den Grabstätten in und an der Potsdamer Friedenskirche. In seinem anschließenden Beitrag stellte der Musikwissenschaftler Joachim Kremer (Stuttgart) verschiedene Varianten der musikalischen Memoria vor. Mit Musikbeispielen aus der Zeit von ca. 1500 bis 1800 wurden Funeral- und Gedenkmusiken gegeneinander abgegrenzt und musikalische und literarische Topoi der letzteren beschrieben. Sie lassen mit anderen Formen der Musikerehrung, etwa Epitaphien für Guillaume Dufay (gest. 1474) und Conrad Paumann (gest. 1473) oder mit dem in einem Hamburger Park vor 1783 aufgestellten Denkmal für Telemann („ganz im alten römischen Geschmack“) erkennen, daß die Konstruktion von Nachruhm mit unterschiedlichen, sich aber aufeinander beziehenden künstlerischen Medien erfolgen konnte.

Marcus Becker (SFB 644) befaßte sich mit Beisetzung, Grabmal und gartenkenotaph- gestützter Memoria der Julie von Voß, der 1789 verstorbenen Mätresse des preußischen Königs Friedrich Wilhelms II. Die Angst der zur Gräfin Ingenheim Erhobenen vor einer präsumtiven Mumifizierung in der dafür berüchtigten Familiengruft der Schloßkirche in Buch bei Berlin und die geradezu bis zum Verschwinden unostentative Grabbereitung im Kircheninneren veranlaßten den Bruder Otto von Voß, dessen Karriere sich nicht unwesentlich der seiner Schwester verdankte, das aktuelle Medium eines Garten(schein)grabs zu wählen, um das Gedenken an die Verschiedene mit Blick auf das Machtgefüge bei Hofe in prospektiv produktive Bahnen zu lenken.

Das Problem der Strukturierung von Kommunikation stand auch im Mittelpunkt der Überlegungen Anna Ananievas (Mainz) zum Temple funéraire für den 1801 ermordeten Zaren Paul I. in Pawlowsk. Ihr Beitrag verfolgte die Wandlung von Memorialinszenierungen innerhalb der Transformationen Pawlowsks vom Park des Großfürsten über die kaiserliche Sommerresidenz bis zum Witwensitz der Gemahlin. Weit entfernt davon, eine damnatio memoriae des Verfemten zu akzeptieren, entwickelte die Witwe Maria Fedorowna im öffentlich zugänglichen Pawlowsk Konzepte der Gedächtnisstiftung, die das Gedenken an den Ermordeten in allgemein akzeptierte Prinzipien und Mechanismen der Memoriallandschaft eines Gartens einbettete.

Detailliert untersuchte Clemens Alexander Wimmer (Potsdam-Bornim) die Kontinuitäten und Veränderungen in der Geschichte der sechs Beisetzungen (oder sieben, zählt man die Bestattung des Herzens Friedrich Wilhelms IV. mit) im Charlottenburger Mausoleum. Von der Beerdigung der Königin Luise, 1810, bis zu der Kaiserin Augustas, 1890, läßt sich dabei im Rahmen des allgemein kirchlich wie auch hofzeremoniell regulierten Ablaufs eine voranschreitende Partizipation der Öffentlichkeit beobachten, die zuletzt bis zur unmittelbaren Beisetzung reichte. Wie die Diskussion zeigte, bieten Wimmers Studien Material und Ansatzpunkt für eine wünschenswerte umfassendere Betrachtung zur Sepulkralpraxis des preußischen Herrscherhauses, dessen Desinteresse (?) an einer dynastischen Grablege ebenso Bedingung war für die seit der ersten Hälfte des 18. Jh. individualisierten Bestattungsorte und Grabmalformen der preußischen Könige, wie die Wahl des Gartens als Ort differenzierter funeraler Gedächtnisstiftung für Paul I. ihre Voraussetzung in der traditionell schlichten und invariablen Beisetzung und Grabgestaltung der russischen Zaren im Sakralraum hatte.

Eine Publikation der Beiträge ist in Vorbereitung.

Programm :
Freitag, 7. Mai 2010
Begrüßung
Horst Bredekamp: Bomarzo – Neues vom ältesten Landschaftsgarten
Salvatore Pisani: Qui cineres? Über die Materialisierungsgeschichte einer poetischen Erinnerung oder: Vergils Grab am Posillip
Sascha Winter: Arkadische Memoria um 1700. Totengedenken im Irrhain des Pegnesischen Blumenordens zu Nürnberg
Annette Dorgerloh: Trost in der Natur: Die Entwicklung von Gartengräbern im aufgeklärten Zeitalter
Michael Niedermeier: Sport und Tod. Die Bedeutung des Totenagons für die Gartengrabentwicklung
Michael Lee: The Democratization of Death: Presidential Gravesites and Pilgrimage in the early American Republic
Abendvortrag:
Grußwort: Hartmut Dorgerloh, Generaldirektor der SPSG
Joachim Kremer: Trauer, Erinnerung und Trost - Funktionen der Funeralkomposition in der Neuzeit

Sa., 8. Mai 2010
Marcus Becker: Nicht in die Mumiengruft! Kein Grabmal und zwei Kenotaphe für Julie von Voß
Anna Ananieva: Mausoleum ohne Körper. Zur gartenarchitektonischen und gartenliterarischen Inszenierung des Gedenkens an einen ermordeten Imperator
Clemens Alexander Wimmer: Der Wandel des Beisetzungsrituals am Beispiel des Charlottenburger Mausoleums

Recommended Citation:
Steffen Zarutzki: [Conference Report of:] et in arcadia ego - Grab und Memoria im frühen Landschaftsgarten (Berlin, Schloss Charlottenburg, May 7–08, 2010). In: ArtHist.net, Sep 22, 2010 (accessed May 16, 2021), <https://arthist.net/reviews/362>.

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