REV-CONF Jul 10, 2006

Welche Antike?

May 4–Aug 4, 2006

Report by Ulrich Heinen
Editor: Livia Cárdenas

Welche Antike? - Konkurrierende Rezeptionen des Altertums im Barock
12. Jahrestreffen des Wolfenbütteler Arbeitskreises für Barockforschung,
Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, 5.-8. April 2006

Tagungsbericht für H-ArtHist von Kirsten Lee Bierbaum, Christof Ginzel,
Johanna Beate Lohff, Hanns-Peter Neumann, Kornee van der Haven und Annett
Volmer, Schlußredaktion Ulrich Heinen

Mit konkurrierenden Rezeptionen des Altertums im Barock befaßte sich das 12.
Jahrestreffen des Wolfenbütteler Arbeitskreises für Barockforschung an der
Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel. [1] Aus interdisziplinärer
Perspektive entwickelten die meisten Beiträge grundlegende Aspekte der
übergreifenden Fragestellung an oft neuem oder wenig beachtetem Material.

Im 17. Jahrhundert trat mehr und mehr das Bild eines in sich heterogenen
Altertums zutage. Die neue Fülle und wachsende Inhomogenität der verfügbaren
antiken Dokumente verband sich mit einer zunehmend vernetzten
antikenkundlichen Durchdringung. Zum Teil angetrieben von politischen und
konfessionellen Interessen, sprengte das Interesse am Altertum die bisherigen
Raum- und Epochengrenzen. Der Fokus des Interesses verlagerte sich in die
silberne Latinität, in die neronische Zeit, ins Frühchristentum, in die
Patristik und deren Rezeption des jüdischen Altertums. Im 16. und 17.
Jahrhundert traten auch die antiken, vor- und frühgeschichtlichen Zeugnisse
Nord-, Mittel-, Ost- und Südosteuropas stärker in den Blick. Insbesondere die
Realien und Gebräuche des Alltags, aber auch das Rohe, Alltägliche, Banale und
"Barbarische" antiker Kunst- und Textproduktion wurden nun rezeptions- und
forschungswürdig. Zudem trug die ständig anwachsende Vielfalt von
Antikenrezeptionen dazu bei, durch die Vermittlung älterer Rezeptionen
wiederum eine andere Antike wahrzunehmen. So konzentrierte sich der Kongreß
auf die Heterogenität der Rezeption eines in sich heterogenen Altertums als
Signum einer in dieser Zuspitzung möglicherweise spezifisch barocken
Antikenrezeption.

Vier Plenarvorträge versuchten übergreifende Skizzen der Entwicklung einer
Antikenrezeption im 17. Jahrhundert. Gerrit Walther (Wuppertal) konzentrierte
sich dabei auf die Bedeutung der Antikenrezeption für Politikauffassungen im
Barock. Prägend war die bis in die Mitte des 17. Jahrhunderts andauernde
konfessionelle Krise, der ein eher "unklassisches" Antikenkonzept entspricht.
Auf der Basis humanistischer Gelehrsamkeit konkurrierten weitgefaßte,
pluralistische, teils kritische und sogar ironische Antikenbegriffe. Die
andauernde Rivalität zwischen Herrschern und Adel machte den Antikenbezug zum
Medium politischer Konkurrenz. Die neue Konzentration der Macht, das Ende des
dezidierten Konfessionalismus und die Auflösung des Späthumanismus gingen dann
in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts mit einem eher vereinheitlichten
klassizistischen Antikenbild einher.

Anhand selten gelesener Text- und Bildzeugnisse der Kunst- und
Kulturgeschichtsschreibung des 19. und frühen 20. Jahrhunderts dekonstruierte
Werner Oechslin (Zürich/Einsiedeln) die immer noch gängige typologische
Antinomie von "barock" und "klassisch", deren Abgrenzung gerade mit Blick auf
den komplexen und vielfältigen Antikenbezug des 17. Jahrhunderts aufweicht.

Thomas Leinkauf (Münster) analysierte, wie in der Philosophie der Epoche
weniger die sogenannte klassische Antike als vielmehr der Hellenismus
rezipiert wurde. So war der Neuplatonismus der Frühen Neuzeit insgesamt - wie
etwa noch in Leibniz' Vitalismusbegriff - eher durch die Rezeption eines
bereits vermittelten Platonismus gekennzeichnet als durch die direkte
Auseinandersetzung mit Platon selbst.

Ausgehend von der unpublizierten Komödie L'antiquario von Giovanni Battista
Passeri rekonstruierte Ingo Herklotz (Marburg) einen wissenschaftshistorischen
Aspekt der Auflösung und Transformation des normativen Antikenbezugs der
Epoche. Die Antiquarsfigur bot eine Projektionsfläche für eine umfassende
Kritik an einer vermeintlichen Weltfremdheit von Altertumswissenschaft und
Antikenverehrung. Die in Rom angesiedelte Verwechslungskomödie Passeris stellt
den Versuch dar, dem karikierenden Genre mit dessen eigenen Waffen zu begegnen
und so letztlich der verbreiteten Kritik an der antiquarischen Methode durch
die Karikatur des Antiquars entgegenzutreten.

Unter der Leitung von Elisabeth Klecker (Wien) und Dirk Niefanger (Erlangen)
untersuchte eine Sektion, inwieweit die Rezeption antiker Gemeinschaften und
Herrschaftsformen des späten 16. und 17. Jahrhunderts von der doppelten
Kontroversstruktur von antiken und daran anschließenden barocken Konflikten
geprägt war. Vom imperialen bis zum nationalen, vom monarchischen bis zum
republikanischen Prinzip sind Widersprüche frühneuzeitlicher Machtansprüche in
den Kontroversen der antiken Legitimationsbasis vorgezeichnet. Im Zentrum der
Vorträge und Diskussionen stand die Wirkung der Antike und ihrer Deutungen auf
gesellschaftliche und politische Vorstellungen der Barockzeit sowie auf die
Repräsentation dieser Denkweisen in unterschiedlichen kulturellen Medien.
Sowohl bei antiken Protagonisten, die etablierte Ordnungen ganz offensichtlich
in Frage stellen, als auch bei affirmativen Figuren ist eine Akkulturierung
antiker Vorstellungsbereiche an aktuelle Kontexte festzustellen.

Wie Mara Wade (Urbana) zeigte, wählte der dänische König Christian IV.
(1588-1648) bei den Feierlichkeiten zur Hochzeit seines Sohnes 1634
vorkaiserliche Antikenbezüge, um seinem Streben nach einer Schlüsselposition
im Heiligen Römischen Reich durch einen Kontrast zur habsburgisch-kaiserlichen
Legitimationsstrategie Nachdruck zu verleihen. Am Münchner Hof rekurrierten
Opern 1680-91 auf antike Stoffe, die - wie Sebastian Werr (München) darlegte -
herrschaftslegitimierend im Sinne der zeitgenössischen politischen Lage
ausgelegt werden konnten. Susanne Rode-Breymann (Hannover) betonte, daß am
Wiener Kaiserhof im Rückgriff auf hierzu geeignete antike Stoffe etwa aus
Plutarch auch "persönliche" Tugenden thematisiert wurden - möglicherweise
angestoßen durch die hochgebildete dritte Gattin Leopolds I.

Nils Büttner (Dortmund) betonte, daß im niederländischen Bürgerkrieg
Legitimationsmodelle des klassischen Altertums, der biblischen Vorzeit und der
lokalen Frühgeschichte auf beiden Seiten der Front nebeneinander standen.
Kornee van der Haven (Utrecht) zeigte, daß man mit der antiken Rebellengestalt
des Brutus in den Niederlanden zugleich das Recht auf Widerstand und den neuen
Machtanspruch der städtischen Regenten untermauerte - was Thorsten Fitzon
(Freiburg) an Beispielen aus dem deutschen Sprachraum bestätigte -, während
man in Hamburg den Tyrannemord des Brutus als privat motivierte
"Staatstorheit" verurteilte. Die Visualisierung der Königswürde, der sich
Lubomir Konecný (Prag) widmete, rekurrierte im 17. Jahrhundert etwa mit der
Schilderhebung des Fürsten auf altertumswissenschaftlich rekonstruierte
Formen, durch die sich Machtansprüche vom Wahlkönigtum bis zur genealogischen
Herleitung absolutistischer Legitimität symbolisch kommunizieren ließen.
Caroline Callard (Paris) zeigte, wie die - gelegentlich bis zur
altertumskundlichen Fälschung getriebene - Rekonstruktion der etruskischen
Tradition im 17. Jahrhundert ein Gegenleitbild zum Expansionsdrang des
päpstlichen Roms und ein Medium toskanischer Selbstvergewisserung werden
konnte.

Naima Ghermani (Paris) demonstrierte die Antikenbezüge der politischen
Ikonographie von Frontispizporträts protestantischer Reichsfürsten zu Beginn
des 17. Jahrhunderts als Medium des politisch-konfessionellen Kampfes.
Christof Ginzel (Bonn) erläuterte anhand der um 1603/04 hierzu verfaßten
Traktatliteratur die Inszenierung der Inthronisierung Jakob VI. als Rückkehr
Kaiser Konstantins des Großen und die neue Einheit der Königreiche als
Wiedergeburt eines imaginierten urchristlichen Britannien. Zrinka Blazevic
(Zagreb) zeigte anhand des Konzeptes des Imperium Illyricum redivivum eine
ähnliche identitäts- und einheitsstiftende Rückbesinnung auf ein politisches
Idealgebilde des Altertums als Konvergenz einer dynastischen Anbindungen und
eines kulturell-religiösen Raumkonzeptes zur Rechtfertigung militärischer und
missionarischer Expansionspolitik. Ein auf "sarmatische" Abstammung
gegründetes Selbstverständnis manifestierte sich - wie Isabella Woldt
(Hamburg) darlegte - etwa in der polnisch-litauischen Residenzarchitektur des
17. und 18. Jahrhunderts in einer als Antikenbezug verstandenen Orientierung
an italienischen Modellen.

Wie Martin Opitz mit der am Hof Bethlen Gábors verfaßte Dacia antiqua (um
1622/23) durch Verknüpfung antiker und zeitgenössischer Texte die Konstitution
des Raumes Walachei betrieb und sich zugleich Zugang zu den
Gelehrtennetzwerken verschaffte, zeigte Harald Bollbuck (Wolfenbüttel). In
seinen Apophthegmata (1626) hat Julius Wilhelm Zincgref die von ihm
(re)konstruierte "Klugredenheit" "teutscher" Sprecher gleichrangig neben
Griechen und Römer gestellt und - wie Werner Wilhelm Schnabel (Erlangen)
betonte - auf eine von den mediterranen Kulturen unabhängige, eigenen Normen
verpflichtete "alte Teutsche" Tradition begründet.

Die kontroverse Rezeption spätantiker Religionen - vom frühen Christentum bis
zum Judentum und den heidnischen Religionen - in den Konfessionen des 17.
Jahrhunderts war Thema einer von Wilhelm Schmidt-Biggemann (Berlin) und Johann
Anselm Steiger (Hamburg) geleiteten Sektion. Im oft polemischen inter- und
intrakonfessionellen Ringen um Identität und Hegemonie griff man gleichermaßen
auf patristische Schriften und spätantike Apokryphen, die Zeugnisse des
spätantiken christlichen Bildgebrauchs und den frühchristlichen Märtyrerkult,
auf spätantiken Neuplatonismus, auf Hermetismus und Kabbala, auf die Tradition
der rabbinischen Schriftauslegung wie auf heidnische antike Mythologeme oder
auf die keltische Religion als vermeintliche Vorstufe idealen Christentums
bzw. auf die germanische als deren Gegenbild zurück. So bildeten sich
vielfältige konfessionsspezifische Konstruktionen der Spätantike. Steiger
skizzierte die Vielfalt konkurrierender antiker Konzepte im lutherischen
Protestantismus, die von der neuaristotelischen Philosophie über die Rezeption
antiker Rhetorik, Diätetik und Medizin sowie der rabbinischen Tradition und
der Kirchenväter reichte.

Silke-Petra Bergjan (Zürich) widmete sich der kontroversen Rezeption
heterogener patristischer Quellen über den Ursprung des Sabbats. Ähnlich
zeigte Susan Boettcher (Austin) an Beispielen aus den Luthermemorien, wie die
christliche Antike der lutherischen Theologie als konfessionelles Argument
diente. Progymnasmata, deren Antikenbezug Bartosz Awianowicz (Torun)
behandelte, erhielten in den konfessionellen Polemiken aktuellen Bezug und
boten Protestanten wie Katholiken Gelegenheit, Argumente gegen die jeweils
andere Konfession konfessionsdidaktisch zusammenzustellen. Das Drama Christeis
sive drama sacrum (1646) von Johann Conrad Dannhauer präsentierte Daniel
Bolliger (Montpellier) als gelehrte Allegorie auf die frühchristliche
Ekklesia, die Hoffnung auf eine Aufhebung der konfessionellen Spaltung
entwickelte.

Schmidt-Biggemann wies auf die Ambitionen zur Ausbildung einer
transkonfessionellen Theologie bei den christlichen Kabbalisten hin. Hieran
knüpfte Yosseff Schwartz (Tel Aviv) die differenzierten Annahmen des 17.
Jahrhunderts über den Ursprung der eng in die rabbinische Tradition
eingebundenen Kabbala an. Ausgehend von Jacob Thomasius, der das christliche
Trinitätsdogma als originären Glaubensinhalt des Christentums begriff,
erörterte Anne Eusterschulte (Berlin) kontroverse Neuplatonismusrezeptionen in
der Theologie des 17. Jahrhunderts. Hanns-Peter Neumann (Berlin) stellte dar,
wie die historisch-philologische Diskreditierung des Hermetismus durch Isaac
Casaubon bei Ralph Cudworth mit zum Teil überzeugenden Argumenten relativiert
wurde.

Nadja Horsch (Köln) erklärte an Gregory Martins Roma sancta (1581) das
verstärkte Interesse der katholischen Kirche an ihren frühchristlichen
Ursprüngen als Resultat innerkatholischer Reformbestrebungen. Ähnlich wie
Martin Zitate in die Schilderung gegenwärtiger Frömmigkeit einfügte, verhalten
sich die neuen rahmenden Dekorationszyklen, deren visuelle Argumentation David
Ganz (Münster) analysierte, zu den in ihnen erhaltenen frühchristlichen
Bildern in Rom. In einer neuen, humanistisch geprägten Wirkungsästhetik
aktivierte das ornamentale System die aus ihrer alten Umgebung herausgebrochen
frühchristlichen Zeugnisse als typologische Urbilder für die Gegenwart. An der
Entwicklung der Reliquienverehrung im Petersdom zu Rom zeigte Hubertus Günther
(Zürich), wie während der Gegenreformation der Skeptizismus der Renaissance
gegenüber überlieferten Traditionen durch die Reaktivierung des
Frühchristentums revidiert wurde. Für die Satire über das Ideal der Magerkeit
in Jacob Baldes S.J. Agathyrsus Deutsch (1647) mußte Stefanie Arend (Erlangen)
Antikenbezüge, die etwa einen Anschluß an den platonischen Leib-Seele-Diskurs
hätten erwarten lassen, allerdings zugunsten einer rein ästhetischen
Körperanschauung verneinen.

Einen anti-affirmativen Zugang zur Antike aus pietistischer Sicht
demonstrierte Dietrich Hakelberg (Wolfenbüttel) bei David Sigmund Büttner
(1660-1719), der anhand des archäologischen Fundes heidnischer Urnen bei
Querfurt die Bestattungsrituale der eigenen germanischen Vorfahren der eigenen
Gegenwart als abschreckendes Exempel einer durch das Christentum überwundenen
heidnischen Frühgeschichte vorführte. Wie Alfred Noe (Wien) zeigte, begegnet
im französischen Schäferroman L'Astrée (1607-1627) von Honoré d'Urfé das von
nationalistischen und utopistischen Implikationen getragene Antikenideal einer
gallischen Schäfergesellschaft, die ihre keltischen Traditionen in friedlicher
Koexistenz mit den römischen Göttern lebt.

Eine von Hartmut Laufhütte (Passau) und Barbara Mahlmann-Bauer (Bern)
geleitete Sektion richtete sich auf die kontrovers diskutierte Vielfalt antik
geprägter Lebensweisen und Welthaltungen im Barock. Als wirksame und doch
problematische Antikenorientierungen barocker Lebens-, Erziehungs- und
Darstellungskonzepte wurden etwa die neu etablierte weibliche
Memoria-Tradition, die Entfaltung höfischer Ethik als Erneuerung antiker
urbanitas, die antike Metaphorik barocker Ethiken etwa in die christliche
Erbauung untersucht, begleitet und vertieft durch Beiträge zur epistemischen
Grundlegungen antik begründeter barocker Ethik in der frühneuzeitlichen
Auseinandersetzung mit antiker Philosophie, Ethik und Poetik.

Barbara Mahlmann (Bern) stellte bislang ungedruckte geistliche Gedichte
Heinrich Glareans (1488-1563) vor, deren heterogene Frömmigkeitstraditionen -
zum einen eine Christus-zentrierte Frömmigkeit reformatorischer Provenienz,
zum anderen spätmittelalterliche Spiritualität - durch antike Formen
zusammengehalten wurden. Ulrich G. Leinsle (Regensburg) setzte sich mit einem
bisher nicht bekannten Manuskript des späthumanistischen Grammaticus und
Dichters Jakob Pontanus S.J. auseinander, in deren antiken Lebenskonzepten
sich Pontanus erstmals als Philosoph zeigte. Die Modellierung des Bildes
protestantischer Märtyrer setzte Ferdinand van Ingen (Zeist) in den Kontext
humanistischer Antikenrezeption. Vanessa von der Lieth (Hamburg) betonte, daß
Catharina Regina von Greiffenberg anders als von Birken und Georg Philipp
Harsdörffer antike Mythologeme verwendet, um mythologische und biblische
Gestalten in ein von Kontrast und Überbietung gekennzeichnetes
Auslegungsverhältnis zu setzen.

Rosmarie Zeller (Basel) stellte Veit Ludwig von Seckendorffs Übersetzung von
Lucans Pharsalia als moralische Auseinandersetzung mit dem antiken Text der
Lucan-Rezeption Pierre Corneilles in der Tragödie La mort de Pompée gegenüber.
Die Funktion antiker Motivik in der Herrscherpanegyrik Sigmund von Birkens sah
Laufhütte in der kontrastiven Hervorhebung christlicher Herrschertugenden. Mit
der konkurrierenden Imagination der Figur Neros als der Personifikation des
Bösen in den Trauerspielen Daniel Casper von Lohensteins, einem
Singspiellibretto Christian Feustkings und in dem Roman Römische Octavia von
Herzog Anton Ulrich von Braunschweig-Wolfenbüttel beschäftigte sich Gilbert
Heß (Göttingen). Annett Volmer (Berlin) rekonstruierte in den Texten
italienischer Autorinnen um 1600 eine antik begründete weibliche
Memoria-Konzeption.

Thomas Schirren (Tübingen) untersuchte die Commentarii Rhetoricii (1630) von
Johann Gerhard Vossius am Beispiel des Statusbegriffes unter dem neuartigen
Blickwinkel einer bisher übersehenen Aristotelesrezeption. Boethius als
Lebensmodell in den konkurrierenden Übersetzungen von Christian Knorr von
Rosenroth, der sich hier in erster Linie um eine individuelle Lebensanleitung
bemühte, und Johann Helwig, der in seiner Übersetzung vor allem nach einer
Emanzipation der deutschen Sprache strebte, behandelte Guillaume van Gemert
(Nijmegen). Ulrich Heinen (Wuppertal) ging anhand der Gartenarchitektur von
Rubens' Haus in Antwerpen und Jacob Jordaens' "Amor und Psyche" der
Revitalisierung antiker Gartenethiken in der Konstruktion frühbarocker
Gartenkonzepte nach. Die Neubegründung des urbanitas-Begriffes im Siècle
classique als urbanité ist das Ergebnis konkurrierender Rezeptionen von
antiken Lebensentwürfen in der höfischen Gesellschaft Frankreichs, wie Jörn
Steigerwald (Bochum) zeigte.

Simone De Angelis (Bern) erkannte anhand der Diskurse der Medizin die
entscheidende Bedeutung eines harmonisierten Wechselspiels von Autopsie und
Autorität für die Formation einer frühneuzeitlichen "Wissenschaft vom
Menschen". Erhard Weigel entwickelte in engem Anschluß an den zeitgenössisch
dominierenden Aristotelismus - wie Thomas Behme (Berlin), darlegte - eine
eigenständige Lehre, welche die geometrische Methode als die der wahren
Philosophie begreift.

Unter der Leitung von Sandra Pott (Hamburg) behandelte eine Sektion heterogene
Antikenrezeptionen in den Theorien und der Praxis der Künste des 17.
Jahrhunderts. In der neuen Vielfalt der aufgerufenen Quellen und Zeugnisse der
Antike lag offenbar ein wichtiger Antrieb zur Entwicklung der Gattungs-,
Formen- und Stilvielfalt in den Künsten des 17. Jahrhunderts. Die in der
Sektion erkennbar gewordenen Strategien des Antikenrekurses reichen von der
legitimatorischen Aneignung bis zur antilegitimatorischen Verschleierung
antiker Quellen; von der Katalogisierung der nicht mehr zu bewältigenden
Detailfülle des Wissens um die Antike und ihre authentischen Bestände bis zur
Rezeption einer über frühere Antikenrezeptionen vermittelten oder einer
aufgrund literarischer Beschreibung imaginierten Antike; von der Affirmation
bis zu ironischer Selektion oder transformierender Ironie.

Katrin Kohl (Oxford) verdeutlichte, daß sich die Kunsttheorie des 17.
Jahrhunderts des reichen Fundus' antiker Topoi vor allem zur Legitimation der
eigenen Kunst bediente, ohne jedoch um die Darstellung einer "wahren" Antike
bemüht zu sein. Für den Mimesis-Begriff des Aristoteles erörterte Ulrike Zeuch
(Wolfenbüttel), daß dessen Poetik vermittelt durch Horaz und die
Renaissance-Kommentatoren gelesen wurde, ohne daß man sich ihres Ursprungs
noch bewußt war. Die Vermitteltheit und Vielschichtigkeit der Antikenrezeption
betonte anhand der Rezeption der sogenannten Ars poetica des Horaz, die wegen
ihrer nicht völlig konsistenten Struktur zugleich Anlaß zu widersprüchlicher
Vielfalt bot und doch Autorität entfaltete, auch Sandra Pott (Hamburg). Indem
Opitz in seinem Erstlingswerk Aristarchus (1617) die deutsche Sprache als
Natursprache deklarierte, die im Gegensatz zum Griechischen oder Lateinischen
ohne den Zusammenbruch einer Hochkultur überliefert sei, schuf er - wie Jörg
Robert (München) betonte - einen autoritativen Gegenentwurf zur mediterranen
Antike der Humanisten.

Für die Bühnenkünste zeigten Elisabeth Rothmund (Paris) anhand von
Opernlibretti sowie deren Beziehung zum Sonett und Laure Gauthier (Reims) mit
Blick auf die Stellung der Oper innerhalb des Hamburger Opernstreits
Legitimation als Zweck von Antikenrekursen. Als neue Kunstform der Frühen
Neuzeit stand für den Kunsttanz - wie Marie-Therese Mourey (Paris) zeigte -
nur eine in sich kontroverse Berufung auf antike Vorbilder zur Verfügung, die
einerseits von der Autorität alles Antiken zu profitieren suchte, andererseits
den Vorwurf einer verwerflichen antik-heidnischen Tradition befürchten mußte.
Marie Theres Stauffer (Zürich) widmete sich der naturphilosophischen
Einordnung von Spiegelmaschinen im 17. Jahrhundert und suchte dabei die
spezifische Differenz zwischen der antiken und der neuzeitlichen Episteme der
Spiegel herauszuarbeiten.

Valeska von Rosen (Berlin/Jena) trug zusammen, wie der schon früh als bloßer
Normbrecher verkannte Michelangelo Merisi da Caravaggio antike Skulptur
rezipierte, und zeigte, daß er dabei vor allem eine unkanonische Seite der
Antike aufleben ließ und so den Antikendiskurs seiner Zeit ironisierte. Eine
ähnliche ironische Zielsetzung der Antikenrezeption verfolgte - wie Jürgen
Müller (Dresden) anhand von Laokoon-Paraphrasen demonstrierte - auch Rembrandt
van Rijn, der hierbei nicht nur den gelehrten Antikendiskurs seiner Zeit,
sondern auch seine italienischen Vorbilder parodierte. Nicht als
parodistische, sondern als kreative Aneignung deutete Damian Dombrowski
(Würzburg) das Zitat des Laokoon-Sohnes, das Gian Lorenzo Berninis an den
Beginn eines lebendigen Werkprozesses gestellt habe, in der Caritas-Gruppe vom
Grabmal Urbans VIII. Am Beispiel der komplexen imaginären Genealogie der
männlichen Stützfigur barocker Architekturen als stilprägender innovativer und
zugleich antik verankerter architektonischer Ordnung thematisierte Stefan
Schweizer (Düsseldorf) das kreative Potential der Rezeption imaginierter
Antike. Anna Schreurs-Morét (Frankfurt am Main) zeigte, daß Joachim von
Sandrart die Antike in seiner Malerei nur vermittelt durch italienische und
nordeuropäische Künstler aufgriff und dabei weittragende politische
Implikationen verfolgte.

Daß die neue Fülle des frühneuzeitlichen Wissens von der Antike neue
Herausforderungen an die Wissenspräsentation darstellte, zeigte Martin
Disselkamp (Berlin) im Vergleich zweier Rom-Topographien, der Mirabilia Romae
(1140) und der Roma Vetus von Famiano Nardini (1660). Die Fülle an
Quellenmaterial ließ dabei immer weniger das antike Rom aufleben, sondern
zunehmend die nicht zu bewältigende Komplexität der überlieferten Antike als
Ergebnis und unlösbare Aufgabe aller Antikenrezeption demonstrieren.

Die beiden Abschlußvorträge lenkten die Aufmerksamkeit auf Justus Lipsius, in
dessen 400. Todesjahr der Kongreß stattfand. Anhand der in Leiden verfaßten
Schriften De Constantia und Politica fokussierte Nicolette Mout (Leiden) auf
die Reaktivierung antiker Quellen in Lipsius' Entwurf militärischer und
politischer Theorie. In beiden Schriften argumentiert Lipsius unter Rekurs auf
antike Autoren zum Nutzen der eigenen Gegenwart. Dabei entwickelt Lipsius aus
der Rezeption antiker Quellen ein normatives Gerüst als moralisches und
funktionales Vorbild sowohl für das Gemeinwesen wie auch für den Einzelnen. Da
Lipsius' Plädoyer für eine einheitliche Religion im Staat keine Position zu
der virulenten konfessionellen Frage nach dem wahren Glauben entwickelte,
geriet Lipsius zwischen Protestanten und Katholiken ins Kreuzfeuer der Kritik.
Wie Jeanine de Landtsheer (Leuven) zeigte, verband Lipsius den Anspruch,
Antike zur Lösung aktueller Fragen fruchtbar zu machen, mit größtmöglicher
philologischer Gewissenhaftigkeit. Die Leistung von Lipsius als Philologe,
Antiquar und Philosoph besteht vor allem darin, ein System rekonstruiert zu
haben, das verstreute Fragmente der Antike mit größtmöglicher
Quellengenauigkeit zu einer Rekonstruktion ihres ursprünglichen Konnexes
zusammenzuführen, um das so rekonstruierte antike System der Politik, der
Kriegsführung oder der Ethik wieder lebenspraktisch nutzbar zu machen.

Ertrag der Tagung
Der Wolfenbütteler Barockkongreß zeigte die Brüche und Widersprüche der
barocken Kontroversen als Spiegel der Multiplizität antiker Welten sowie der
unterschiedlichen Methoden und Zwecke konkurrierender Antikenrezeptionen,
-rekonstruktionen, -konstruktionen und -imaginationen. Die doppelte
Kontroversstruktur von antiken und damit verbundenen barocken Konflikten wurde
dabei als Paradigma barocker Antikenrezeption und antik begründeter
Identitätsbildungen im späten 16. und im 17. Jahrhundert erkennbar. So zeigte
sich, daß die Autorität antiker Bezüge trotz oder vielleicht sogar wegen ihrer
widersprüchlichen Vielfalt und selbst in der Ironisierung verengter
Antikenbegriffe und antiquarischer Verstiegenheiten ihre Verbindlichkeit bis
weit ins 17. Jahrhundert kaum einbüßte. In den kontroversen Antikenrezeptionen
des Barock konnten Autorität, Identität und Alterität einander durchaus
implizieren. Mit der Analyse der kontroversen Rezeptionen des Altertums im
Barock entdeckte der Kongreß für den Umgang mit Vielfalt und Autorität noch
vor der Aufklärung und dieser hierin vielleicht sogar überlegen eine bisher
nicht erkannte spezifisch europäische Tradition. Im Sinne einer zugleich
vielfältigen und autoritativen Antike erhält der Plural in dem von Ennius
entlehnten Wahlspruch des Lipsius ganz neue Bedeutung: moribus antiquis
(Ennius, Ann., 1.5.156). Die Tagungsakten werden als Band der Wolfenbütteler
Arbeiten zur Barockforschung publiziert.

Anmerkungen:
[1] Leitung Ulrich Heinen (Wuppertal). Gefördert durch die DFG und das Land
Niedersachsen.

Recommended Citation:
Ulrich Heinen: [Conference Report of:] Welche Antike? (May 4–Aug 4, 2006). In: ArtHist.net, Jul 10, 2006 (accessed May 16, 2021), <https://arthist.net/reviews/28428>.

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