REV-CONF May 26, 2006

Siegel – Bild – Gruppe ( Giessen, Jan 2006)

Report by Markus Späth

korporativer Siegel im Spätmittelalter

x-post: H-Soz-u-Kult

Siegel – Bild – Gruppe. Visualisierungsstrategien
korporativer Siegel im Spätmittelalter
13.01.2006-14.01.2006, Gießen

Bericht von Markus Späth, Institut für Kunstgeschichte,
Justus-Liebig-Universität Gießen
<markus.spaethkunst.geschichte.uni-giessen.de>

(Tagungsbericht des Veranstalters)

English Version:
http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=1137

Auf der Gießener Konferenz haben erstmals Wissenschaftlerinnen und
Wissenschaftler aus der Kunstgeschichte und der Geschichtswissenschaft
gemeinsam über die Bildlichkeit mittelalterlicher Siegel diskutiert. Der
Focus der Tagung lag dabei auf korporativen Siegeln, die eine
grundlegende Neuerung im europäischen Siegelwesen seit dem 11.
Jahrhundert darstellen, das bis zu diesem Zeitpunkt nur Siegel als
persönliche Zeichen kannte. Zeigten die Personensiegel die Bildnisse
ihrer Inhaberinnen oder Inhaber, so war diese Äquivalenz zwischen
Besiegler und dessen Bildrepräsentation für die Gruppensiegel obsolet
geworden. Die Frage, wie eine communitas mit den Möglichkeiten eines
Siegelbildes darstellbar war, stellt Forschungsdesiderat der
mediävistischen Kulturwissenschaften dar und bildete folglich den
Ausgangspunkt dieses interdisziplinären Gesprächs.

Die drei Vorträge der einleitenden Sektion setzten sich mit den
Grundlagen und Anfängen des korporativen Siegelwesens im Mittelalter
auseinander. Brigitte Miriam Bedos-Rezak (New York) hat das grundlegende
Paradox zwischen den Siegeln von Personen und Gruppen definiert: Während
sich die Inhaberin oder der Inhaber eines Personensiegels durch die
Beachtung der strikten Bildkonventionen in einen ordo gemäß seiner
sozialen Funktion gestellt habe, waren Korporationen um die
Einzigartigkeit ihres Siegelbildes bemüht. Am Beispiel französischer und
englischer Siegel der Zeit zwischen 1200 und 1350 zeigte Bedos-Rezak
auf, wie Gruppen das Siegel als Medium einer „individuation” nutzten, um
sich gegenüber anderen herauszustellen. Franz-Josef Arlinghaus (Kassel)
betrachtete das Siegelwesen städtischer Genossenschaften unter einem
systemtheoretischen Ansatz: Ebenso wie ein Teil einer Korporation für
alle ihre Glieder agieren konnte, vermochte auch ihr Siegelbildmotiv die
Gemeinschaft über eine abgebildete pars pro toto zu repräsentieren. Er
stellte dabei die viel diskutierte These auf, dass in den Bildern nicht
die innere Verfasstheit der Gruppe visualisiert wurde, sondern vielmehr
Bildlösungen gefunden wurden, die sowohl innerhalb und außerhalb der
Korporation ein konsensfähiges Image darstellten. Manfred Groten (Bonn)
beleuchtete die Entstehung korporativer Siegel vor dem Hintergrund eines
Wandels der Rechtsmentalität in der Frühscholastik. Dadurch dass Gruppen
rechtsfähig wurden, qualifizierten sie sich zur Siegelführung. Am
Beispiel der Wiederverwendung westfälischer Bischofssiegel durch die
örtlichen Domkapitel konnte er den langen Entstehungsprozess hin zu der
Besiegelungsform aufzeigen, die wir heute als korporativ wahrnehmen.

In der zweiten Sektion wurde je ein aktuelles Forschungsprojekt zu
mittelalterlichen Siegeln aus der Kunst- sowie der
Geschichtswissenschaft vorgestellt. Dabei traten die jeweils
spezifischen Erkenntnisinteressen beider Disziplinen hervor. Ruth Wolff
(Florenz) untersuchte das Auftauchen bestimmter Motive, so Darstellungen
von Heiligen und Rechtsgelehrten, auf spätmittelalterlichen Siegeln in
Italien. Sie verwies darauf, dass die Adaption einer Ikonographie
unabhängig davon war, ob es sich um einen individuellen oder
korporativen Siegelführer handelte. Zudem konnte Wolff zeigen, dass das
Motiv der Stigmatisation des heiligen Franziskus in Siegeln deutlich
früher auftaucht als in anderen Bildmedien. Wolfgang Krauth (Tübingen)
präsentierte sein Projekt zu frühen westfälischen Stadtsiegeln vor 1275.
Er warf für diesen Raum die Frage nach der Motivation einer
Stadtgemeinde für die Wahl oder auch den Wechsel ihres Siegelbildes auf.
Zugleich plädierte er dafür, Siegel stärker als Medien symbolischer
Kommunikation zu betrachten.

Die Sektion Siegelbilder im Verhältnis zu anderen Bildmedien richtete
den Blick über die Siegel hinaus auf andere, darunter auch reproduktive
Bildmedien des Spätmittelalters: Peter Schmidt (Bamberg) ging in seinem
Beitrag der forschungsgeschichtlichen Frage nach, wieso die
reproduktiven Bildmedien des Spätmittelalters, darunter auch die Siegel,
in der kunstgeschichtlichen Forschung bislang fast völlig ignoriert
worden sind. Zudem konnte er die von der historischen Siegelforschung
kaum wahrgenommenen Rezeptionsformen und -wege von Siegeln in anderen
Bereichen der bildenden Kunst nachweisen: So ahmten Pilgerzeichen die
Form und Gestaltungsweise von spitzovalen Siegeln nach und bezeichneten
sich in ihrer Umschrift selbst als sigilli, um somit die Authentizität
einer Wallfahrt zu bezeugen. Andrea Lermer (Paderborn) untersuchte am
Beispiel des Veneçia-Tondos an der Fassade des venezianischen
Dogenpalastes die Rezeption siegelbildlicher Motive in anderen Gattungen
der bildenden Kunst: Die um 1340/50 entstandene weibliche
Personifikation der Seerepublik zeigt deutliche ikonographische
Ähnlichkeiten mit der zeitgleichen Goldbulle Kaiser Ludwigs des Bayern.
Die Bullen der venezianischen Dogen griffen dagegen niemals auf diese
imperiale Legitimationsstrategie zurück, sondern zeigten stets die
Investitur des Dogen durch den Stadtpatron Markus.

In der ersten von zwei Sektion zur Funktion der Siegel als Medien der
Gruppenrepräsentation standen Stadtsiegel im Mittelpunkt. Antje
Diener-Staeckling (Münster) arbeitete am Beispiel der Bischofsstädte
Naumburg und Halberstadt den Wandel in der kommunalen Siegelpraxis
heraus: Während für die jeweils ersten Stadtsiegel kaum zu klären ist,
wer sie eigentlich führte, ist erst mit der Einführung neuer Siegel im
14. Jahrhundert nachweisbar, dass dadurch die Kontrolle über das
Stadtsiegel an den jeweiligen Rat überging. Der Grad der Autonomie einer
Gemeinde war dabei kein Kriterium für die Wahl eines neuen Sigelbildes,
vielmehr wurde sie von der Gruppe bestimmt, welche die kommunalen Organe
dominierte. Winfried Schich (Berlin) analysierte exemplarisch für die
Landgrafschaft Hessen und die Mark Brandenburg die dort häufig
anzutreffenden sogenannten „redenden Siegel“. Er konnte aufzeigen, dass
solche Siegelbilder, die den lautlichen Bestand eines Ortsnamens
unabhängig von seinem etymologischen Gehalt in ein Bild transformieren
konnten, insbesondere in jüngeren Stadtgründungen ohne eigene,
identitätsstiftende Traditionen zu finden sind. Gerade in dieser Gruppe
der Stadtsiegel kam vielfältiger Einfluss des Stadtherren im Bild zum
Tragen.

Die Beiträge der abschließenden Sektion erweiterten den Blick auf die
repräsentative Funktion der Siegelbilder über das städtische Umfeld
hinaus. Andrea Stieldorf (Bonn) untersuchte die Siegelführung von
Frauenkommunitäten: Für die deutschsprachigen Gebiete des Reiches
stellte sie bei Frauenklöstern eine noch stärkere Konventionalisierung
des Siegelbildes fest als bei männlichen Religiosengruppen. Seit dem 11.
Jahrhundert war zumeist die Patronin oder der Patron des Klosters das
gängige Siegelmotiv. Selbst die Heraldisierung der spätmittelalterlichen
Siegelbilder blieb ohne Wirkung auf die Zeichen von Frauenklöstern und
-stiften. Thomas Krüger (Augsburg) brachte den Aspekt des synchronen
Siegelgebrauchs unterschiedlicher kommunaler und geistlicher
Korporationen innerhalb einer Stadt am Beispiel Augsburgs in die
Diskussion ein: Anhand der Augsburger Urkundenüberlieferung untersuchte
Krüger den konkreten Siegelgebrauch des Domkapitels und des Stadtrates
und konnte dabei zeigen, wie durch die Anordnung von deren Siegeln unter
gemeinsame Dokumente die Rangansprüche zum Ausdruck gebracht wurden.

Im konstruktiven und intensiven Dialog vermochten beide Disziplinen, die
Aufmerksamkeit der jeweils anderen für die eigenen methodischen Anliegen
und Fragestellungen zu erzielen. Von kunstwissenschaftlicher Seite
konnte insbesondere gezeigt werden, dass die authentifizierende Funktion
von Siegeln in anderen Bildmedien des Spätmittelalters reflektiert
wurde. Zugleich wurde die Frage aufgeworfen, in welchem ästhetischen
Rahmen Gruppensiegel neben anderen Bildmedien korporativer
Repräsentation situiert waren. Gerade im Interesse für die Räume der
Aufbewahrung des Siegelstempels und die der Besiegelung trafen sich
beide Disziplinen. Die geschichtswissenschaftlichen Beiträge arbeiten
den rechtlichen Gebrauchskontext der Siegel heraus und konnten dadurch
für die Alterität der Siegelbilder gegenüber anderen Formen und Medien
spätmittelalterlicher Gruppenrepräsentation sensibilisieren. So prägte
sich beispielsweise in den spätmittelalterlichen Frauenklöstern eine
sehr spezifische und damit identitätsstiftende Bildkultur im Rahmen der
dortigen Frömmigkeitskonzepte aus, wohingegen bei der Gestaltung ihrer
Siegelbilder eine starke Konformität mit allgemeinen Standards
vorherrschte. Damit konnte eine wichtige methodische Feindifferenzierung
für die Erforschung der Bildrepräsentation vorgenommen werden, die
zugleich hilft, ein historisch fundierteres Verständnis für die
Wahrnehmung und den Gebrauch von Siegelbildern zu gewinnen.

Eng verknüpft mit diesem Aspekt wurde der des identitätsstiftenden
Charakters korporativer Siegelbilder diskutiert. Angesichts der in
bestimmten Regionen im Verlauf des 13. Jahrhunderts erkennbaren
ikonographischen Konventionenbildung bestimmter korporativer Siegeltypen
wurde die Ansicht vertreten, dass sich in deren Bildern nicht die eigene
institutionelle Verfasstheit im Sinn moderner Identitätsvorstellungen
widerspiegelt, sondern vielmehr Bilder so geschaffen wurden, wie die
siegelführenden Gruppen von ihrer Umwelt wahrgenommen werden wollten.
Durch die Integration offensichtlich identitätsstiftender Bildelemente,
wie etwa prominenter Gebäude einer Stadt, besaßen die einzelnen
korporativen Siegelbilder dennoch einen distinktiven Charakter, der sie
von allen anderen unterscheidbar machte. Es bleibt nun die Aufgabe der
zukünftigen Forschung, noch präziser die bildgeschichtlichen Quellen und
die Gestaltungsmuster dieser oft komposithaften Bilder auszuloten.

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Recommended Citation:
Markus Späth: [Conference Report of:] Siegel – Bild – Gruppe ( Giessen, Jan 2006). In: ArtHist.net, May 26, 2006 (accessed May 16, 2021), <https://arthist.net/reviews/28230>.

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