REV-CONF Aug 1, 2001

Documenta Platform 1, Vienna March/April, part 2

Wien, Mar 15–Apr 20, 2002

Report by renate woehrer

2. Teil des Konferenzberichts:

"Demokratie als unvollendeter Prozess"
Documenta Plattform 1, Wien, 15. Maerz-20. April 2001
Akademie der schoenen Kuenste
rezensiert fuer ArtHist von Renate Woehrer, Hamburg

"Democracy unrealized"

Die Veranstaltung der zweiten Woche stand unter dem Thema
"Demokratie, Justiz, Minderheiten und Menschenrechte". Upendra Baxi
warf die Frage nach "globaler Gerechtigkeit" auf und forderte, dass
Theorien auch Konsequenzen nach sich ziehen muessten. Ein ganz
konkretes Projekt stellte Jean Nazerali vor, den Versuch einen nicht
territorial bestimmten Staat zu etablieren. Die Roma riefen als auf
viele Laender verteilte Minderheit einen eigenen Staat aus, der sich
als eine Art von Netzwerk versteht und als neue organisatorische
Struktur Vorbildwirkung fuer das gesamte internationale System haben
soll. Entgegen der von vielen Vortragenden geforderten Ueberwindung
des Nationenbegriffs wird hier versucht, das Konzept des
Nationalstaates zu modifizieren. Doch an diesem Beispiel zeigt sich
die Problematik, die auch alternativer Staatsentwuerfe aufwerfen:
Allein die Gruendung eine Zusammenschlusses stuetzt sich auf die
Annahme einer Gemeinsamkeit, die wieder Ausschluss produziert. Der
Wunsch nach einer Staatsbildung resultiert andererseits aus einer
Notwendigkeit einer solchen, um ueberhaupt Rechte einfordern zu
koennen: Da beispielsweise wichtige, bestehende internationale
Institutionen, wie z. B. Gerichtshoefe nur Staaten zur Verfuegung
stehen, aber keiner anderen Ort von Gemeinschaft. Dies zeigt, wie
maechtig der Zwang zur Uebernahme bestehender Strukturen ist und wie
utopisch alternative Konzepte noch scheinen.

Konkreten Interventionen und ihrer Analyse widmete sich die
zweitaegige Veranstaltung der vierten Woche, mit dem Titel "Counter
Politics: Direkte Aktion, Widerstand und Buergerlicher Ungehorsam".
Florian Schneider stellte das Projekt "Kein Mensch ist illegal" vor,
Mark Potok das Poverty Law Center in Montgomery- Alabama und Marta
Calsina sowie Elsa Lopez praesentierten "Arqitectos sin Fronteras".
Oliver Machart stellte in seinem Vortrag den Bezug von aktivistischen
Praktiken zu dem theoretischen Begriff oder der Struktur einer
unvollendeten Demokratie oder einer Demokratie-im-Kommen her. Formen
eines radikaldemokratischen Aktivismus, wie etwa der
Antiglobalisierungsbewegung, versuchten nicht mehr irgendeine
ideologische Schliessung des Ganzen der Gesellschaft, sondern
demonstrieren in ihren Aktionen ex negativo die ideologische Natur
aller Behauptungen einer angeblich "tatsaechlichen" Realisierung von
Demokratie. Die Auswirkungen sozialer Bewegungen und ihren
Ausgangspunkt vom einzelnen Subjekt als Grundlage ihres Handelns
untersuchte Cornelia Klinger in Zusammenhang mit den
Individualisierungsprozessen der Globalisierung. Enrique Dussel
plaedierte fuer eine emanzipatorische Demokratie, d. h. die
unsymmetrische Stellung der Agierenden, also des spezifischen
Andersseins im Zugang zu Buergerrechten von beispielsweise Frauen,
sozial schlechter gestellten Bevoelkerungsgruppen, MigrantInnen etc.
anzuerkennen und in alternativen Prinzipien umzusetzen.

Die letzte Einheit sollte einen Ausblick geben und fand nicht wie die
bisherigen Veranstaltungen in der Aula der Akademie der bildenden
Kuenste, sondern in deren Atelierhaus statt. Michael Hardt und
Antonio Negri forderten statt institutioneller Reformen die
Neuerschaffung globaler demokratischer Politik vom Standpunkt der
revolutionaeren Subjektivitaet der Masse aus. Das heisst, nicht nur
die Vorstellung von der Souveraenitaet moderner Nationalstaaten muss
hinterfragt werden, sondern auch eingreifende politische
Handlungsweisen wie Umsturz und Aufstand. Manuel de Landa versucht
eine Aenderung der Auffassung von Gesellschaft, indem er Foucault,
Braudel und Deleuze fuer ein neues Gesellschaftskonzept heranzog, das
auf Heterogenitaet aufbaut und sich von geschlossenen Systemen
verabschiedet.

Die Wiener Plattform der Dokumenta fand also in der bekannten Gestalt
wissenschaftlicher Symposien statt. Einmal mehr waren dabei die Vor-
und Nachteile dieser Strukturen zu erkennen: festgelegte Hierarchien
durch fachliche Kompetenz und Renomee, wenig
Partizipationsmoeglichkeiten fuer das "Publikum" und eine schon durch
den Ort und den wissenschaftlichen Rahmen sehr speziell eingegrenzte
Oeffentlichkeit. Genau diese Maengel sind es aber auch, die in den
Vortraegen selbst fuer das Konzept der Demokratie thematisiert
wurden. Was also einerseits theoretisch reflektiert und kritisiert
wurde, wurde in der eigenen Praxis fortgeschrieben. Nicht nur die
Inszenierung (das Publikum im Halbdunkel, waehrend die Vortragenden
hell erleuchtet 3 Stufen ueber dem ZuschauerInnenraum stehen, in
einer Kulisse von Arkaden, die sie genau ins Zentrum rueckt) lief
jeglichen Anspruechen auf Gleichberechtigung zuwider, auch die
Sprechpraxis - sowohl durch die Diskussionsleitung strukturiert, als
auch der einzelnen Vortragenden - schrieb die Hierarchien
unmissverstaendlich fest: Der Workshop am Ende der ersten
Tagungseinheit bot die Moeglichkeit, in einem kleineren Rahmen
jenseits der Huerden der Inszenierung zu diskutieren und Inhalte zu
verhandeln. Aber auch hier blieb die Diskussion weitgehend auf die
bereits anerkannten "Experten" beschraenkt, die schon waehrend der
letzten Tage mehr Raum und Zeit hatten, ihre Gedanken zu
praesentieren. Im Sinne einer emanzipatorischen Demokratie nach
Enrique Dussel haette akzeptieren der Alteritaet der
DiskussionsteilnehmerInnen wohl bedeutet: nicht alle haben die
gleiche Uebung im Praesentieren ihrer Ueberlegungen, nicht alle haben
die gleiche fachliche Reputation etc..

Gerade wenn der Kunstbereich fuer sich reklamiert, Alternativen zu
entwerfen, haette sich doch die Moeglichkeit angeboten, vom bekannten
Konzept der Symposien abzuweichen und Theorieproduktion einmal anders
zu verhandeln.
Democracy unrealized.....!

Recommended Citation:
renate woehrer: [Conference Report of:] Documenta Platform 1, Vienna March/April, part 2 (Wien, Mar 15–Apr 20, 2002). In: ArtHist.net, Aug 1, 2001 (accessed May 6, 2021), <https://arthist.net/reviews/24587>.

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