REV May 30, 2001

GREY ROOM. Quarterly Journal

Reviewed by Daniel Herrmann

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GREY ROOM. Architecture and Design Quarterly Journal, MIT-Press http://mitpress.mit.edu/GREY

Erscheint vierteljährlich, Jeweils ca. 140 Seiten, Broschiert, S/W Abbildungen

„Cut word lines...shift linguals...vibrate tourists...free doorways...Word falling...Photo falling...Breakthrough in Grey Room...Towers, open Fire“ - William S. Burroughs, „Breakthrough in Grey Room“, Sub Rosa Records, 1986

Mitte der 60er Jahre begann William Burroughs damit, seine Literatur in andere Medien zu uebersetzen. In der Malerei fuehrte das zu etlichen zerschossenen Farbtoepfen und entsprechend behandelten Leinwaenden, die zu recht wenig beachtet blieben. Burroughs Experimente, die Cut-Up Verfahren seiner Literatur in Audio zu uebertragen, erbrachten da um einiges interessantere Ergebnisse: Tonspuren wurden parallel geschaltet, rueckwaerts abgespielt, in alternierenden Geschwindigkeiten wiedergegeben. Die Technik der „Tape-Recorder Mutations“ zielte darauf ab, gewohnte und unbesehen uebernommene Verstaendnissysteme in Frage zu stellen und zu demontieren. Der herkoemmliche, offizielle Textapparat wurde als Zwangsmechanismus begriffen, dessen Kontrollfunktion darin bestand, die Rezipienten, wie Carl Weissner es 1969 formulierte, „auf ein starres, vorherbestimmtes System von Verstehen und Handeln zu fixieren, das [...] Narkotisierung und Manipulation ermoeglicht“. Die Cut-Ups und Fold-Ins trachteten danach, diesen Zwangsapparat zu dekonstruieren und zu zerstoeren.

Mit ihrem an Burroughs Arbeiten angelehnten Titel setzt sich die im Winter 2000 in ihrer Erstausgabe erschienene Zeitschrift „Grey Room“ in diese Tradition der Infragestellung und Dekonstruktion. Nicht nur das. Mit dem programmatisch dem Vorwort beigefuegten Zitat aus den Tonbandaufzeichnungen des Kuenstlers positionieren sich die Herausgeber an der Verwurfslinie zwischen kritischer Analyse von Bild/Text Konstruktionen und daraus folgender Aktion: Word falling...Photo falling...Breakthrough in Grey Room...Towers, open Fire. Ein Gefechtsturm, „bildmaechtig an der medialen Front“? Die erste Ausgabe der Zeitschrift faehrt nicht nur schwere Geschuetze auf, sondern laesst diese auch von diskurserprobten Veteranen bedienen. Die Erstausgabe eroeffnet mit einem Beitrag von Gayatri Chakravorty Spivak: „Megacity“. Die Typographie des Titels ist hier Praeambel fuer den Inhalt: das Wort „Megacity“ ist durchgestrichen. Dennoch sichtbar, ist es als in Ausloeschung begriffen markiert. Die „feministische, dekonstruktivistische Marxistin“ (Spivak ueber Spivak) stellt diesen Zwischenzustand der „Interdiktion“ von Begriffen wie auch politischen Einheiten (z.B. Stadt-Land) als einer Globalisierung der kapitalistischen Interessen entgegengesetzt dar. Dort, wo Stadt und Land in Interdiktion gesetzt wuerden, sei die „Nation“ in Ausloeschung begriffen. Spivak analysiert Interessen und Wirklichkeiten eines Kapitalismus, in dem Termini wie „'Real und virtuell' einer frueheren Semiotik angehoeren.“

Spivaks Position als erster Beitrag in der ersten Ausgabe von „Grey Room“ ist programmatisch zu werten. Spivaks „Reisebericht“, wie sie ihren Artikel beschreibt, ist Gallionsfigur einer Auswahl von kritischen, unbequemen Texten[DH1]. So zum Beispiel die Untersuchung des Arts & Architecture Buildings der Yale University in New Haven von Timothy M. Rohan. Dieser richtet sein Augenmerk materialikonografisch auf die zerkluefteten, dezidiert bearbeiteten Betonoberflaechen des Gebaeudes. Der Schluss, in dem Material eine Auseinandersetzung mit Louis Sullivan zu sehen, wird weniger Diskussionsstoff bieten, als seine Interpretation des Materials als subtiles Ornament unterdrueckter Homosexualitaet.

Der Ausgabe ist eine Bildstrecke beigefuegt: In der Rubrik „Grey Matter“ belassen es Andrew Herscher und Andras Riedlmayer nicht bei blosser Dokumentation von Kriegsschaeden und Zerstoerungen historischer Architektur im Kosovo. Die zerstoerten Moscheen und Marktplaetze werden in den Kontext einer Kriegfuehrung kultureller Identitaet gesetzt, in der Architektur als Wesensmerkmal des Anderen strategisch wichtiges Ziel der Vernichtung wird. Was „Grey Room“ an dieser Stelle vollkommen ausspart, ist die Rolle der NATO und ihrer Bombardements. Auch den Begriff des „Kollateralschadens“ hier so unbekuemmert benutzt zu sehen, scheint - unabhaengig von spezifisch deutschem Sprachgebrauch und „Unwort“-Debatten - in einer klar und aktiv in der politischen Linken positionierten Zeitschrift schwer verstaendlich.

Nicht inhaltlich, aber aus anderen Gruenden verwunderlich ist der Beitrag Hubert Damischs. Ebenfalls mit der Funktion des Ornaments beschaeftigt, widmet sich Damisch den Entwuerfen von Adolf Loos. Das liest sich vertraut, wartet mit hervorragenden Abbildungen auf, ist in sich schluessig - und erschien erstmals 1975 in der Zeitschrift Critique. Soll die historische Kontextualisierung des Architekturdiskurses durch historische Debatten selber erreicht werden? Viel eher wird dadurch ein anderes Problem von „Grey Room“ deutlich. Wirft man einen Blick auf die Herausgeber, den redaktionellen Beirat und die Autoren der ersten beiden Ausgaben, so kommen einem viele Namen bekannt vor: „Grey Room“ wird verlegt in der MIT-Press, herausgegeben von Branden W. Joseph, Reinhold Martin, Felicity D. Scott. Mitglieder des 16-koepfigen Editorial Boards sind unter anderem Yve-Alain Bois, Thomas Keenan, Thomas Y. Levin, Pamela M. Lee. Saesse noch Rosalind Krauss dabei, man glaubte, October in den Haenden zu halten. „October“ nennt als Themen „Art - Theory - Criticism - Politics“ auf dem Cover. „Grey Room“ verschreibt sich der „Architecture - Art - Media - Politics“. Die Herausgeber setzen sich zum Ziel, „Grey Room“ an der „Kreuzung zwischen Architektur, Kunst und Medien“ zu verorten. Die juengeren Debatten ueber Architektur haetten vor allem auf Feldern wie Philosophie, poststrukturalistischer und postmodernistischer Theorie oder der Massenkultur stattgefunden, aber nachhaltig die Architekturgeschichte und -theorie selber vernachlaessigt.

Dieses Defizit zu beheben sowie die Abhaengigkeiten und Mittelbarkeiten zwischen Architektur, Kunst wie auch medialen und politischen Praktiken zu untersuchen, saehe „Grey Room“ sich verpflichtet. Die Erstausgabe wartet dabei mit kontroversen Beitraegen und klaren Stellungnahmen auf. Die zweite Ausgabe von „Grey Room“ versammelt als Autoren ein aehnlich schwergewichtiges Konglomerat von bekannten Namen - von Rosalyn Deutsche ueber Pamela M. Lee bis hin zu Friedrich A. Kittler. Pamela M. Lee untersucht in ihrem Text die Rolle des Buches „The Shape of Time: Remarks on the History of Things“ von George Kubler und dessen Einfluss auf die bildende Kunst der sechziger Jahre. Kittlers Beitrag verhandelt verschiedene Methoden elektronischer Bilderzeugung. Sehr gelehrt dabei die historische Herleitung der Darstellungskonventionen, technische Bedingtheit, literarische Einschuebe und schriftstellerische Bonmots. Sehr skurril bis aergerlich dafuer Renommiersaetze wie die Information, dass „Katzenfelle und Schaefchenwolken eine Hausdorff-Dimension von 2,37“ besitzen.

Fuer das deutschsprachige Publikum duerfte das in der zweiten Ausgabe gefuehrte Interview von besonderem Interesse sein. Rosalyn Deutsche, Thomas Keenan und Branden W. Joseph sprechen mit der Londoner Demokratieforscherin Chantal Mouffe unter anderem ueber die Haacke'sche Reichstagsarbeit. Das der Fokus des Gespraechs dabei weniger auf einer - in Deutschland gefuehrten - Eroerterung des Materials „Erde“ und des Bedeutungszuwachses ihrer kompositen Schuettung liegt, sondern sich mit der Oberflaeche der Textbotschaft „Der Bevoelkerung“ begnuegt, verwundert nicht. Beginnend mit der Diskussion ueber die Differenz von Menschen-und Buergerrechten entwickelt sich eine Debatte zur Kapitalismus- und Institutionenkritik.

Inhaltlich bietet „Grey Room“ kritische Artikel, die bei hoher Wissenschaftlichkeit ihre politische Stellungnahme nicht hinter dieser verstecken. Gerade darin aehnelt die Zeitschrift aber October zum Verwechseln. Da hilft es nichts, dass Grey Room in zeitgenoessischem - aeusserst US-Amerikanischem - Layout daherkommt. Es wird auch bei hervorragenden Artikeln schwer sein, sich hier ein eigenstaendiges Profil zu erarbeiten.

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GREY ROOM. Architecture and Design Quarterly Journal, MIT-Press http://mitpress.mit.edu/GREY

„Cut word lines...shift linguals...vibrate tourists...free doorways...Word falling...Photo falling...Breakthrough in Grey Room...Towers, open Fire“ - William S. Burroughs, „Breakthrough in Grey Room“, Sub Rosa Records, 1986

So it's William Burroughs again. Somewhen in the 60ies the Grand Old Man of the Beat-Generation sat down to translate his literature into different media. 20 years later, this led to his „shot-gun paintings“, to which critics reacted for good reason with merely a yawn. His experiments to apply the cut-up technique of his literature to audio, however, brought much more interesting results: tracks were simultaneously recorded, played backwards, put into alternating loops. Those „Tape-Recorder Mutations“ intended to question and antagonize traditional hermeneutic systems. These established, official systems were understood as a means of exercising force, whose function was to limit the recipient, as Carl Weissner put it in 1969, „to a rigid, forecast set of methods of reasoning and actions which makes him prone to control and manipulation“. Burroughs' Cut-ups and Fold-Ins intended to question, deconstruct and destroy this forced set of hermeneutical methods.

With its title reminiscent of Burroughs' Works, the Journal „Grey Room“ puts itself in this tradition of questioning and deconstruction. Even more so, with Burroughs' audioquote programmatically set aside the editorial, „Grey Room“ is being positioned as the watchtower along the trench between critical analysis of image/text constructions and consequent action: Word falling...Photo falling...Breakthrough in Grey Room...Towers, open Fire.

The journal's first issue then opens with discursive furor. In Gayatri Chakravorty Spivaks „Megacity“, the title's typography is the message. Crossed out yet visible, the term of the spatial unit is marked as being in the process of eradication. Spivak thereby already illustrates her thesis about the „interdiction“ of terms which she develops throughout her paper. Wherever the Rural and the Urban are put in an interdiction, the „Nation“ is being questioned. Spivak analyses interests and performance of a globalization of capitalism in which terms such as „'real and virtual' belong to an earlier semiotics“.

To find Spivaks Text in the first position in the first issue of „Grey Room“ can be viewed programmatically. Her „travellougue“, as she describes her essay, is the figurehead of a critical, challenging selection of texts. Timothy M. Rohan is linking the corrugated surface of the Yale A&A Building to the ornament of Louis Sullivan. With this traditional comparison of styles he much less touches on controversial topics then with his interpretation of the iconography of material as indicator for suppressed homosexuality.

The issue is accompanied by the „Grey Matter“ section. Andrew Herscher and Andras Riedlmayer don't leave their pictures of Damages of War in the Kosovo at the point of documentation. The destroyed mosques and marketplaces are put in the context of a warfare of cultural identity, in which architecture as determinator of the Other becomes the strategically important target of eradication. Yet the article completely leaves out the role of NATO and its bombings. And to see the term „collateral damage“ - used in western media to euphemise deaths in the civilian population - raises more than one brow in a journal which positions itself actively in the political left.

No frown in terms of content, rather in methodology comes on ones face regarding the selection of a text by Hubert Damisch. Also investigating ornament, Damisch recurs on Adolf Loos. The text is flawless, interesting, witty - and was first published in 1975 in Critique. Should historical contextualization be attempted by historical debates themselves? Much rather, a different problem surfaces here. „Grey Room“ is being published at MIT-Press. Editors are Branden W. Joseph, Reinhold Martin, Felicity D. Scott. Amongst others, Yve-Alain Bois, Thomas Keenan, Thomas Y. Levin, Pamela M. Lee are members of the editorial board. If Rosalind Krauss were named in the journal, one would think to hold „October“ in one's hands. October has „Art - Theory - Criticism - Politics“ on the cover and, since 25 years, inside. „Grey Room“ is going for „Architecture - Art - Media - Politics“.

The editors are aiming to locate „Grey Room“ at the „intersection of Architecture, Art and Media“. The recent debates on architecture, they claim, were held in disciplines such as philosophy, mass-cultural studies or post-structuralist and postmodernist theory, while neglecting architectural history and -theory itself. Thus, the task of „Grey Room“, would be to promote and sustain „critical investigation into each of the named fields seperately and into the historical forces that mediate their interactions“.

The first issue comes up with controversial essays and astute positions. The second issue gathers a similarly impressive conglomeration of major-leaguers from Rosalyn Deutsche and Pamela M. Lee to Friedrich A. Kittler. Lee is taking a close look at George Kubler's book „The Shape of Time: Remarks on the History of Things“ and its impact on sixties art. Kittler is dealing with different methods of electronical image representation. The text illustrates the historical development of such images, gives technical as well as aesthetic information, conjoles into reading with conclusions evoked by literature and witticisms. It also comes up with grotesque phrases such as the information that „cat fur and lambs-wool clouds have a Hausdorff-dimension of 2.37“.

„Grey Room“ offers the reader critical articles which don't hide political statements behind their high academic level. But it is this very quality in which the journal is very much alike „October“. This will make it hard to develop an independent profile.

Recommended Citation:
Daniel Herrmann: [Review of:] . In: ArtHist.net, May 30, 2001 (accessed Jul 31, 2021), <https://arthist.net/reviews/24487>.

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