REV-CONF Apr 1, 2001

Tagungsbericht 26. Kunsthistorikertag

Tagungsbericht: XXVI. Kunsthistorikertag, Universitaet Hamburg
21.-25.3.01

Angst, in der Bilderflut baden zu gehen
In Hamburg wurde der 26. Kunsthistorikertag abgehalten

Um die Kunstgeschichte steht es derzeit nicht zum Besten. Hans
Belting, einer der bedeutendsten Repraesentanten des Fachs, fuehlte
sich waehrend des 26. Kunsthistorikertags, der am Sonntag in Hamburg
zu Ende ging, wie auf der Krisensitzung einer Partei, die eine
Wahlniederlage erlitten hat. Waehrend Gerhard Wolf, der
Kunstgeschichte in Trier lehrt, dafuer die "miserable
Aussendarstellung" des Fachs verantwortlich machte, schimpfte Horst
Bredekamp aus Berlin ueber den "Wissenschaftsimperialismus" der
Informations- und Biotechnologien, die sich auf teils "unertraegliche
Weise" mit medialen Bildern auseinander setzten, ohne die dafuer
kompetente Kunstgeschichte zu konsultieren.

In Zeiten der Krise erinnert man sich gerne besserer Zeiten: "Was war
Kunstgeschichte im 20. Jahrhundert?", lautete demgemaess das Motto
der fuenftaegigen Veranstaltung. Und da man in Hamburg war, der
Wirkungsstaette Aby Warburgs, dachte man fast sehnsuechtig an die
Zeiten, als eine kulturwissenschaftlich erweiterte Kunstgeschichte
sich den Herausforderungen der Gegenwart stellte. "Die ideologischen
Vorlaeufer des Rolls-Royce-Kuehlers" ist einer der dann meist
zitierten Aufsaetze ueberschrieben; sein Verfasser, Erwin Panofsky,
musste 1934 in die USA emigrieren.

Vom Terror des Nationalsozialismus hat sich die deutsche
Kunstgeschichte nie erholt. Ueber 200 Kunsthistoriker flohen aus
Deutschland und Oesterreich. Eine studentische Arbeitsgruppe an der
Humboldt-Universitaet stellte ihr ambitioniertes Vorhaben vor, die
Vorgaenge in der universitaeren Kunstgeschichte 1930-1950 empirisch
zu erschliessen. Die personellen Veraenderungen der Zeit sollen
ebenso untersucht werden wie die Ausgestaltung der herrschenden
Lehre. Dass sich dieses Projekt in der Diskussion mit dem Vorwurf des
Positivismus konfrontiert sah, hing mit dem auf Widerspruch
stossenden Vortrag der Wiener Kunsthistorikerin Birgit Schwarz
zusammen.

Nicht ihr Vorhaben, den Sammlungsbestand des Linzer "Fuehrermuseums"
zu rekonstruieren, wurde kritisiert, sondern wie sie ueber den fuer
dieses Projekt verantwortlichen "Sonderbeauftragten" Hitlers, Hans
Posse, sprach. Der ehemalige Direktor der Dresdener Gemaeldegalerie
habe Hitlers Sammeltaetigkeit "professionalisiert und
entideologisiert". Zwar revidierte sie diese Formulierung in der
Diskussion, doch den Vorwurf, sie leiste einer Verharmlosung des
megalomanen Projekts Vorschub, wenn sie sich nur auf die
kunsthistorische Arbeit konzentriere, konnte sie nicht entkraeften.
Das fuer die Frage, was Kunstgeschichte im 20. Jahrhundert gewesen
war, aeusserst interessante Phaenomen, warum Hitler sich ueberhaupt
fuer solch einen Tempel der Kunsthistorie begeisterte, blieb
uneroertert.

In der Diskussion um die nach 1945 nicht zurueckgekehrten Emigranten
zeigte sich ein Forschungsdefizit: Zu wenig ist noch bekannt, was
sich genau an den deutschen Universitaeten abspielte, wo fast
ueberall die Professoren der Nazizeit in Amt und Wuerden blieben. Ein
offensichtliches Versaeumnis des Kunsthistorikertags war es, das
derzeit in die Kritik geratene Jahr 1968 nicht zu thematisieren und
die so gerne als "Vatermord" titulierte Auseinandersetzung junger
Wissenschaftler mit ihren akademischen Lehrern. Exponenten dieser
Zeit, wie Martin Warnke oder Otto Karl Werckmeister sassen im
Auditorium, ebenso die Mitbegruender des "Ulmer Vereins" Thomas W.
Gaehtgens und Hans-Ernst Mittig. Was haetten sie nicht von ihrem
Marsch durch die Institutionen zu erzaehlen gehabt. Aber vermutlich
ist der noch zu sehr im Gange, als dass man sich an dessen
Historisierung wagte.

Ein solcher Marsch bleibt dem heutigen Nachwuchs hingegen verwehrt.
Stellen an den Universitaeten gibt es fast keine. Und selbst am
Kunsthistorikertag durften die Nachwuchswissenschaftler in der Regel
nur durch die Praesentation eines ihrem Forschungsvorhaben gewidmeten
Posters teilhaben. Dass in Hamburg wieder die "big names"
dominierten, erklaerte die scheidende Vorsitzende des Verbands
Deutscher Kunsthistoriker Sybille Ebert-Schifferer (Nachfolgerin ist
die Berliner Denkmalpflegerin Gabi Dolff-Bonekaemper) mit dem Wunsch
der Studierenden, die Koryphaeen des Faches bestaunen zu duerfen -
ohne einzugestehen, wie sehr dies einer um "Aussenwirkung" bemuehten
Wissenschaft geschuldet ist.

Natuerlich ging das Konzept auf: Mit rund 1 200 Besuchern ist ein
neuer Teilnehmerrekord zu vermelden. Es gab anregende Vortraege zu
hoeren und allein Walter Grasskamps Bonmot, Kuenstler arbeiteten ja
nicht deshalb visuell, weil sie verbal besonders gut seien, lohnte
den Besuch. Doch auch wenn nicht einmal mehr auf den Treppenstufen
Platz war, als die ueblichen Verdaechtigen – Belting, Bredekamp und
Wolf sowie Gerhard Boehm aus Basel und der Berliner Michael Diers -
ueber die Erweiterung der Kunstgeschichte zur historischen
Bildwissenschaft disputierten, blieb das Publikum seltsam muede.

Die nicht gerade neuen Absichtserklaerungen, man muesse sich den
Neuen Medien und den Naturwissenschaften oeffnen, klingen wenig
ueberzeugend, solange Professoren noch immer Dias schieben lassen und
kaum ein Wort darueber verlieren, wie denn konkret der zukuenftige
Beitrag einer sich auch den profanen Alltagsbildern widmenden
Kunstgeschichte aussehen koennte. Man hatte in Hamburg den Eindruck,
als stuende das altehrwuerdige Fach zitternd auf dem Dreimeterbrett
und hielte forsche Reden, nur um nicht den Sprung hinab zu wagen und
lustvoll in den Bilderfluten baden zu gehen.

Kai Michel

Dieser Artikel erschien zuerst in der Berliner Zeitung:

Berliner Zeitung
Datum: 26.03.2001
Ressort: Feuilleton

http://www.berlinonline.de/suche/.bin/mark.cgi/aktuelles/berliner_zeitung/bildung_und_hochschule/.html/23868.html?keywords=kunsthistorikertags

Recommended Citation:
: [Conference Report of:] Tagungsbericht 26. Kunsthistorikertag. In: ArtHist.net, Apr 1, 2001 (accessed May 6, 2021), <https://arthist.net/reviews/24449>.

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