Wege und Kontaktzonen. Kunstmobilität in Ostmittel-und Nordosteuropa

Institut für Kunstgeschichte, Ludwig-Maximilians-Universität München, 11. - 13.10.2018

Report by: Bettina Schröder-Bornkampf, Ludwig-Maximilians-Universität München

Wege und Kontaktzonen. Kunstmobilität und -austausch in Ostmittel- und Nordosteuropa // Routes and Contact Zones. Artistic Mobility and Exchange in Central Eastern and North Eastern Europe

26. Tagung des Arbeitskreises deutscher und polnischer Kunsthistoriker und Denkmalpfleger
Homburger Gespräch der Böckler-Mare-Balticum-Stiftung

[Bericht im Auftrag der Veranstalterinnen]

Künstlermobilität und daraus folgender künstlerischer Austausch, regionale und transregionale Netzwerke sowie Kontaktzonen, an denen die Austauschvorgänge stattfinden, werden aktuell in der Kunstgeschichte viel diskutiert. Selten wurden aber bisher die immer noch oft als Peripherien betrachteten Regionen Nordost- und Ostmitteleuropas unter dieser Fragestellung in Betracht gezogen. Dies nahmen sich die Veranstalter der Tagung „Wege und Kontaktzonen“ vor, die vom 11. bis zum 13. Oktober 2018 am Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München stattfand. Die dreitägige Konferenz war erstmals eine gemeinsame Initiative zweier Organisationen, die seit Jahrzehnten einen länderübergreifenden Dialog zur Erforschung der Kulturgüter in Nordost- und Ostmitteleuropa führen: der Arbeitskreis deutscher und polnischer Kunsthistoriker und Denkmalpfleger und die Böckler-Mare-Balticum-Stiftung.

Die erste Tagungssektion beleuchtete die transregionalen Vernetzungen, die dank der Mobilität der Akteure und der Kunstwerke zustande kommen konnten. JAKUB ADAMSKI (Warschau) erläuterte an Beispielen des Kirchenbaus des späten 13. Jh. den Austausch aktuellster architektonischer Ideen zwischen Kleinpolen, Schlesien und südwestdeutschen Kunstregionen. Am Beispiel des Klosters Leubus (Lubiąż) und des dort tätigen Malers Michael Willmann zeigte AGNIESZKA GĄSIOR (Leipzig), dass auch Klöster zu bedeutenden Plattformen des künstlerischen Austausches wurden. Auch die Handelsmetropole Breslau (Wrocław) war im späten Mittelalter eine attraktive ostmitteleuropäische Austauschplattform für auswärtige Künstler, die hier oft weitere Kontakte in die Region knüpften, zeigte AGNIESZKA PATAŁA (Breslau). FRANCISZEK SKIBIŃSKI (Thorn) stellte dagegen das multikulturelle Lemberg (Lviv) in der Zeit von 1550 bis 1620 als Anziehungspunkt für Architekten aus Deutschland, den Niederlanden und Italien vor, die die aus ihren Herkunftsländern mitgebrachte Formensprache an die Wünsche der Auftraggeber verschiedener Konfessionen anzupassen vermochten. Norddeutsche, flämische, holländische und Danziger Künstler zogen überwiegend aus ökonomischen Gründen nach Riga und prägten dort u.a. die Grabskulptur, wie ANNA ANCĀNE (Riga) nachwies. Schließlich wies JULIET SIMPSON (Coventry) auf Anregungspotentiale mittelalterlicher Hansestädte für den Symbolismus hin. In einem Bericht aus der laufenden Forschung thematisierten ANJA KREGELOH und STEPHANIE ARMER (Nürnberg) den Wandel in der Betrachtung anatolischer Teppiche aus der evangelischen Stadtkirche A.B. in Bistritz/Bistrita (Rumänien).

Mit der Sektion „Städtische und höfische Kontaktzonen“ stellte ULRIKE SEEGER (Stuttgart) Prag als Austauschplattform um 1700 vor, wobei sie besonders die Tätigkeit der dort tätigen Stuckateure und Architekten und ihre Vernetzung nach Wien berücksichtigte. Die Künstlerkolonie am Hof der Fürsten von Radziwiłł im 18. Jh. untersuchte AISTĖ PALIUŠTĖ (Vilnius) und wies anhand von Quellen nach, dass für die Neuausstattung der Residenzen oft Künstler und Handwerker aus Preußen, Sachsen und Österreich akquiriert wurden, die eine privilegierte Stellung am Hof besaßen. MARIA NITKAS (Warschau) Vortrag zeigte das Atelier des erfolgreichen Historienmalers Henryk Siemiradzki in Rom als Kontaktzone, in der sich Kollegen aus Ost-, Mittel- und Westeuropa und weitere kunstinteressierte Besucher trafen. Vergleichend stellte NADEZHDA VORONINA (München) die „Münchner Malschule von Anton Ažbe als Bildungsort der russischen Kunstlehrer“ vor. Die fast vergessene deutsch-baltische Malerin und Mäzenin Alexandra von Berckholtz, eine im 19. Jh. international bekannte Porträtistin und Gründerin eines Zirkels deutsch-baltischer Künstler in München, entdeckte NATALIE GUTGESELL (Bad Staffelstein) in ihrem Forschungsprojekt neu. Die Sektion abschließend präsentierte KSENIA STANICKA-BRZEZICKA (Marburg), wie die Netzwerke der Personen, Objekte und Institutionen der Schlesischen Moderne mithilfe digitaler Instrumente erfasst, analysiert und dargestellt werden können.

In der Sektion „Konflikte – Konkurrenzen – Verflechtungen“ wurde im gemeinsamen Beitrag von ALEXANDRE KOSTKA (Straßburg) und HANNA GRZESZCZUK-BRENDEL (Posen) die städtebauliche und architektonische Entwicklung der „Residenzstädte“ Posen [Poznań] und Straßburg [Strasbourg] an der Ost- und an der Westgrenze des Kaiserreiches im 19. Jh. vergleichend betrachtet. Danzig als Transferort und Station baltischer Kunstschätze im Zweiten Weltkrieg und dabei insbesondere die Rolle des Kunsthistorikers Niels von Holst, rückte RASAPĀRPUCE-BLAUMA (Berlin) in den Blickpunkt. Der Vortrag leitete zur Paneldiskussion über, die gemeinsam mit dem deutsch-amerikanischen Austauschprogramm Provenance Research Exchange Programm „PREP“ veranstaltet und von CHRISTIAN FUHRMEISTER (München) moderiert wurde. KRISTA KORDES (Tallin), JANE MILOSCH (Washington), MAŁGORZATA OMILANOWSKA (Warschau) und OJĀRS SPĀRĪTIS (Riga) diskutierten zum Thema „Herausforderung transnationale Provenienzforschung“.

Den letzten Tagungstag eröffnete eine Postersektion. In deren Rahmen informierten GABIJA SURDOKAITĖ-VITIENĖ, SVETLANA POLIGIENĖ und SANDRA STOYNTE (Vilnius) über den Forschungsstand zu liturgischen Gewändern in katholischen Kirchen in Litauen im 17. bis 19. Jh.. Massenproduktion der Möbel nach dem Vorbild der Thonetmöbel erforscht EGLĖ BAGUŠINSKAITĖ (Vilnius). Die Marienkirche zu Stargard in Pommern wird von AGNIESZKA LINDENHAYN-FIEDOROWICZ (Berlin) baugeschichtlich, die Hl. Kreuzkirche zu Breslau von ROMANA PETRÁKOVÁ (Freiburg) untersucht. PIOTR KUROCZYŃSKI (Mainz) und KAROLINA JARA (Breslau/Mainz) stellten ihr Forschungsprojekt „Neue Synagoge in Breslau – Vom digitalen 3D-Datensatz zum wissenschaftlichen Informationsmodell“ vor. WERONIKA GROCHOWSKA (Danzig) gab einen Einblick in ihre Forschung über das spätmittelalterliche Altarretabel im Königlichen Preußen. DIETMAR POPP (Marburg) und ULRIKE NÜRNBERGER (Berlin) präsentierten das Dehio-Handbuch der Kunstdenkmäler in Ostmitteleuropa – Polen und baltische Länder. Mit der Biennale Venedig machte EKATERINA VINOGRADOVA (Lyon) auf eine besondere Kontaktzone im Austausch zwischen Ost- und Westeuropa aufmerksam.

Zur letzten Tagungssektion „Netzwerke über den eisernen Vorhang“ schilderte MAŁGORZATA POPIOŁEK (Berlin) die ersten Annäherungen Hannoveraner Architekten mit polnischen Kollegen und dem sozialistischen Städtebau nach dem Zweiten Weltkrieg. CHRISTIAN NAE (Iasi) zeigte am Beispiel der Mail Art kollektive Aktivitäten und kreative Wege des künstlerischen Austauschs zwischen Ost und West. REGINA WENNINGER (München) berichtete über deutsch-polnische Ausstellungsinitiativen des Folkwang Museums in Essen ab den 1960er Jahren, die durch einflussreiche Akteure aus Wirtschaft, Politik und Medien unterstützt wurden.

Abschließend fasste BEATE STÖRTKUHL (Oldenburg) zusammen, dass Netzwerke und Kontaktzonen ohne engagierte Akteure nicht möglich sind. Künstlerischer Austausch durch alle Zeiten sei zwar stets im historischen Kontext zu betrachten, findet aber sehr oft auf persönlicher Ebene statt und ist wichtig, um die Kunstgeschichte als Gesellschaftsgeschichte zu begreifen. Kunstgeschichte sollte nicht ausschließlich durch stilistische Vergleiche geschrieben werden, sondern möglichst durch Biografien und Kontakte der Akteure bereichert werden. Die Tagung leistete mit ihren 18 Referaten und den 8 Posterpräsentationen einen wichtigen Beitrag zur Vernetzung heutiger Wissenschaftler und gab spannende Einblicke in die aktuelle internationale Forschung kunsthistorischer Themen vom Mittelalter bis zur Nachkriegszeit.

Recommended Citation:
Bettina Schröder-Bornkampf: [Conference Report of:] Wege und Kontaktzonen. Kunstmobilität in Ostmittel-und Nordosteuropa (Institut für Kunstgeschichte, Ludwig-Maximilians-Universität München, 11. - 13.10.2018). In: ArtHist.net, May 23, 2019 (accessed Sep 23, 2019), <https://arthist.net/reviews/20905>.

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Report published: May 23, 2019

Editor: Stefanie Stallschus

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