Dieter Roth: Dieter and Dorothy

Reviewed by: Adrian Aebi

Die Loewin und ihre Muse

1971 fotografierte Charles Wilp fuer "Die Zeit" eine Gruppe von Kuenstlern aus dem Umfeld der Staatlichen Kunstakademie Duesseldorf [Abb.]. Der Betrachter erkennt Norbert Tadeusz, Gotthard Graubner, Daniel Spoerri - aber gefangen wird sein Blick von der Schoenheit des eng zusammengerueckten Paares im Hintergrund. Dieter Roth steht hinter Dorothy Iannone, ihr Koerper verdeckt den seinen halb. In der Ausstrahlungskraft ihrer selbstbewusst herausfordernden Pose wirken sie wie einem jener Gemaelde entstiegen, in welchen Iannone sich und ihren Partner seit der schicksalhaften Begegnung 1967 in Island darstellt [Abb.]. Mit der Pelzmuetze und dem stolz erhobenen Kinn ist sie die Loewin, Inkarnation des Leitmotivs, das sich ueber viele Jahre als Koseform durch Briefe und als Chiffre durch Werke der beiden zieht, und Dieter Roth ist ihre Muse [Abb.].

"The truth of the relationship"
Die Geschichte der Loewin und ihrer Muse, des (Kuenstler-)Paares Dorothy Iannone/ Dieter Roth, [1] laesst sich nun anhand ihrer in einem reizvoll gestalteten Bildband publizierten Korrespondenz verfolgen. "Dieter and Dorothy. Dieter Roth, Dorothy Iannone. Their Correspondence in Words and Works 1967-1998" gibt zwar mit dem erklaerten Ziel, "to communicate the truth of the relationship" [2], ein Versprechen, das wohl trotz bester editorischer Absicht kaum einloesbar ist, bietet dafuer aber dank des gluecklich gewaehlten, noch von Roth initiierten Konzeptes einer parallelen Darstellung von Briefen und Werken, die ohnehin oftmals eine Einheit bilden, weit mehr als eine konventionelle Briefausgabe. Mit einer Fuelle von bisher unveroeffentlichten Arbeiten Roths, hauptsaechlich handelt es sich um gestaltete Postkarten, wird das Buch zusammen mit den nun ebenfalls erschienenen Interviews Roths [3], dem auf drei Baende angelegten Katalog der Dieter Roth Foundation [4] und seiner Praesenz auf der Documenta 11 zum Vorboten der grossen Retrospektive, die das "Schaulager" Basel dem Kuenstler im naechsten Jahr ausrichten wird. Es eroeffnet darueber hinaus die Gelegenheit zur Begegnung mit dem faszinierenden Schaffen der trotz wieder zunehmender Ausstellungspraesenz [5] immer noch so gut wie unbekannten Malerin, Buchgestalterin, Videokuenstlerin und Autorin Dorothy Iannone. In erster Linie ist "Dieter and Dorothy" aber das spannende Dokument einer Kuenstlerbeziehung, die waehrend ihrer ersten sieben Jahre als Liebes- und Lebensgemeinschaft gefuehrt wurde. Dass die intim-amouroese Seite dieser Verbindung hier schwaecher zum Ausdruck kommt als ihre eher alltaeglichen Aspekte - die geteilte Organisation der Kuenstlerexistenz und die lebenslange gegenseitige Anteilnahme an Schaffen und Befinden zwischen Reykjavik, Duesseldorf, Berlin und Basel - macht den Band nicht weniger interessant, steht aber in einiger Diskrepanz zu der Einschaetzung, die Iannone/ Roth selbst von ihrem Briefwechsel haben bzw. hatten: "There was, however, one condition which Dieter did seem to set for the publication of our letters", so erzaehlt Iannone in ihrem Vorwort, „He asked me if I had ever written such letters to anyone else. ‚No Dieter, how could I have.'“
Diese Empfindung der Einzigartigkeit der ausgetauschten Worte deutet an, welchen ausserordentlichen Stellenwert die gemeinsame Beziehung im Leben der beiden Kuenstler eingenommen haben muss. Fuer den Leser ihrer Briefe ist dies indessen nicht immer nachvollziehbar. Es scheint, als ob das Paar seine Intimitaet trotz des ihm eigenen Hanges zur oeffentlichen Inszenierung des Privaten, die programmatisch die Verwischung der Trennlinie zwischen Kunst und Leben suchte - und vielleicht gar die Korrespondenz beeinflusst haben mag, in welcher bereits Anfang der siebziger Jahre ueber eine allfaellige spaetere Veroeffentlichung nachgedacht wird -, nur schwer diskursiv auszudruecken vermochte. An dieser Schwelle muss denn auch die angestrebte Offenlegung der "truth of the relationship" ihre Grenze finden.

"I don't know the words"
Iannone/ Roth standen in regem Briefverkehr, zumindest in der Phase ihrer Liebesbeziehung. Allerdings ueberwiegen die Briefe Iannones sowohl in der Anzahl, als auch im Umfang, und explizit intim-erotische Inhalte, von der Art: "Dear diter I would like to suck on you and run my fingers through that gigantic bush" etc., finden sich vornehmlich bei ihr. Diese sprachlichen Formulierungen erreichen aber nirgends die Intensitaet der bildlichen Darstellungen der spaeten sechziger und der siebziger Jahre, in welchen sich Iannone mit ihrem Geliebten inszeniert. "I realize I don't know the words", erklaert sie in einem Brief von 1967, "and that's why I make us in my art - to express it somehow". So vermag denn die Korrespondenz auch nicht, dem Leser mehr als eine Ahnung dessen zu vermitteln, was Iannone/ Roth aneinander gehabt haben moegen. Die Vertrautheit und das Misstrauen, die Abhaengigkeit und die Ablehnung, Versprechungen und Verletzungen, all das, was eine Liebesbeziehung zwischen zwei aussergewoehnlich kreativen, so sensiblen wie exzentrischen Menschen mit sich bringt und sie dahin fuehrt, ohne einander nicht sein, aber miteinander nicht leben zu koennen, schwingt in diesen Zeilen mit. Aber zu viel bleibt unausgesprochen oder hinter der fuer Uneingeweihte manchmal kryptischen rothschen Diktion verborgen, zu viel aufgrund der Kommunikation ueber andere Kanaele Leerstelle, als dass sich die in den Briefen, Telegrammen und Notizzetteln erzaehlte und sich vollziehende Liebesgeschichte zu einem Ganzen fuegen koennte. Diesem Manko vermoegen auch die hin und wieder eingestreuten Erlaeuterungen aus der editorischen Feder Iannones kaum abzuhelfen. Aber es bleibt das Bild einer lebenslangen Freundschaft, die gegenseitigen Versicherungen, fuer einander da zu sein, bis zum letzten Geburtstagsgruss an Roth kurz vor dessen Tod am 5. Juni 1998 in Basel, und der Einblick in die privaten Hoehen und Tiefen zweier Kuenstlerexistenzen zwischen Schaffensrausch, Ausstellungsvorbereitungen, Verkaeufen, Geldnot, Alkohol, Depression und Krankheit. Und im Hinblick auf die Bilder Iannones werden die Briefe zur erhellenden Ergaenzung. Natuerlich ist eine biografische Deutung des dort Gezeigten nicht zwingend, obwohl es sich bei den dargestellten Figuren offensichtlich um die Kuenstlerin und ihren Partner handelt. In vorliegendem Band wird eine solche Lesart nun aber nahegelegt und die Entscheidung Briefe und Werke gemeinsam zu veroeffentlichten, erweist sich in dieser Hinsicht als besonders fruchtbar und gelungen.

"What does it mean"
Die Kraft, die Macht und die Bedingungen der Liebe in ihrem sexuellen Vollzug: das sind Dorothy Iannones kuenstlerische Themen, deren scharfsichtige Behandlung in der Rezeption oft von Pornografieverdacht oder dem Vorwurf des Antifeminismus [6] verdeckt wurde. Seit der Begegnung mit Roth in den spaeten sechziger Jahren feiert die in USA gebuertige Kuenstlerin in ihren naiv anmutenden, ornamental strukturierten und sehr bunten Gemaelden die spirituelle Erleuchtung, die sie zunaechst in der sexuellen Vereinigung sucht [Abb.]. Wichtiger als die Darstellung und Thematisierung des (eigenen) Koerpers oder des mechanischen koerperlichen Aktes ist ihr hier der ihn begleitende und bedingende sexuelle Diskurs. Ihre Bild-Text-Korrelationen, die in Serien und Buchprojekten zu ganzen Bildergeschichten werden, buchstabieren das Alphabet der Liebe. Iannone spuert nach den verborgenen Bedeutungen hinter den sexuellen Fakten, wenn sie eine Sammlung von Komplimenten, Beleidigungen und Entschuldigungen anlegt ("75 Complimentary Cards", 1971; "75 Uncomplimentary Cards", 1971; "75 Apologies", 1995), der Darstellung eines a tergo vollzogenen Analverkehrs die Inschrift "What does it mean when we do it this way" beifuegt ("10 Scenes", 1970) [Abb.], oder der Frage des neuen Liebhabers nach seinen Vorgaengern mit einer detailgetreu illustrierten Auflistung in Buchform begegnet ("Lists IV - A much more detailed than requested reconstruction", 1968) [Abb.]. Trotz der expliziten Darstellung sexueller Techniken bleiben die Werke ueber jeden Pornografieverdacht erhaben und sind eher einer religioesen oder rituellen Sphaere zuzurechnen. Dies wird umso deutlicher, als die dargestellte Sexualitaet nach 1980 zunehmend durch Motive aus Mythologie und (buddhistischer) Religion verdraengt wird.

"Miss my muse"
Wie eine Klammer umfasst Iannones Besingung ihres fuer die Kunst des 20. Jahrhunderts so ungemein viel wichtigeren und erfolgreicheren Partners und Freundes Dieter Roth als Muse die Korrespondenz, von der fruehen Anrede "Hello dear fantastic love + muse"15 bis zum ruehrenden Brief an den Verstorbenen vom August 1998 und dem mit "Miss my muse"(2000) betitelten Werk, das den Band beschliesst. Es ist vielleicht gerade diese ungewohnt anmutende Konstellation des Abhaengigkeitsverhaeltnisses oder der Rollenzuordnung, die Iannone/ Roth, die Loewin und die Muse, als eines der interessanteren Paare der Kunstwelt des 20. Jahrhunderts erscheinen lassen. Und als Dokument dieser Beziehung vermag der angezeigte Band auch eine bislang eher unbekannte Seite Dieter Roths zu beleuchten.

[1] Da aus ihrer Beziehung kaum gemeinsame Werke hervorgegangen sind, koennen Iannone/ Roth wohl nicht als echtes Kuenstlerpaar bezeichnet werden. Vgl. zum Thema Kuenstlerpaare: Kunstforum International, 106/107 (1990) und die Kataloge zur Ausstellungsreihe "Kuenstlerpaare, Kuenstlerfreunde" des Kunstmuseums Bern.
[2] Introduction. In: Dieter and Dorothy. Dieter Roth, Dorothy Iannone. Their Correspondence in Words and Works 1967-1998. Ed. by Dorothy Iannone. Zuerich: Bilgerverlag 2001. S. 9.
[3] Roth, Dieter: Gesammelte Interviews. Hrsg. von Barbara Wien. London: Edition Hansjoerg Mayer 2002.
[4] Roth, Dieter: Originale. Hrsg. von der Dieter Roth Foundation. Bearbeitet von Dirk Dobke. Mit einer Einfuehrung von Laszlo Glozer. Hamburg, London: Edition Hansjoerg Mayer 2002.
[5] Zuletzt etwa die Retrospektive in der Galerie Andy Jllien, Zuerich, und die Ausstellung mit Buechern und dem Bilderzyklus "Eros" bei Barbara Wien, Berlin.
[6] Zum Pornografieverdacht und zur Zensur vgl. Iannone, Dorothy: Censorship and the irrepressible drive toward love and divinity. 4. Aufl. (1. Aufl. Berlin: Edition Ars Viva 1982). Berlin: Iannone Editions 2001 und Abel, Ulrike: "'Ich zeige Ihnen meine Poesie und meine Leidenschaft und entnerve Sie mit der Einfachheit meiner Sprache...'. Sexuelle und erotische Motive in fruehen Werken Dorothy Iannones und deren Zensur". In: Iannone, Dorothy: Love is forever, isn't it? Berlin: Neue Gesellschaft fuer Bildende Kunst 1997. S. 52-59.

Recommended Citation:
Adrian Aebi: [Review of:] Roth, Dieter: Dieter and Dorothy. Their Correspondence in Words and Works 1967 - 1998, Zürich 2001. In: ArtHist.net, Sep 4, 2002 (accessed Jul 19, 2019), <https://arthist.net/reviews/203>.

Creative Commons BY-NC-NDThis work is licensed under a Creative Commons Attribution-Noncommercial-No Derivative Works 4.0 International License. For the conditions under which you may distribute, copy and transmit the work, please go to https://creativecommons.org/licenses/by-nc-nd/4.0/

Roth, Dieter: Dieter and Dorothy. Their Correspondence in Words and Works 1967 - 1998, Zürich: Bilger 2001
ISBN-10: 3-908010-53-5, 256 S

Review published: Sep 4, 2002

Editor: Claudia Sedlarz

Recommended Citation

Add to Facebook