REV-CONF Jan 12, 2017

Neue Tendenzen der Italienforschung zu Mittelalter und Renaissance

Kunsthistorisches Institut in Florenz, Max-Planck-Institut, Nov 7–09, 2016

Report by Linda Olenburg, Freie Universität Berlin
Editor: Livia Cárdenas

Bericht im Auftrag der Veranstalter

Was ist Italienforschung zu Mittelalter und Renaissance? Und woran arbeiten Promovierende heute? Einen repräsentativen Querschnitt der gegenwärtigen Themenvielfalt präsentierten ausgewählte junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beim äußerst gut besuchten interdisziplinären Workshop „Neue Tendenzen der Italienforschung zu Mittelalter und Renaissance“, der vom 7. bis 9. November 2016 zum zweiten Mal am Kunsthistorischen Institut in Florenz - Max-Planck-Institut stattfand. Unter der Leitung von fünf im Bereich der Italienforschung ausgewiesenen Expertinnen und Experten – seitens der Geschichte Ingrid Baumgärtner (Kassel) und Klaus Herbers (Erlangen-Nürnberg), seitens der Kunstgeschichte Tanja Michalsky (Rom), Alessandro Nova (Florenz/Frankfurt a.M.) und Gerhard Wolf (Florenz/Berlin) – präsentierten Doktorierende und Post-Docs ihre aktuellen Projekte. Im Dialog der Fächer wurden inhaltliche Fragen ebenso wie theoretische und methodische Ansätze diskutiert und auf den Prüfstein gestellt. Zentrales Anliegen war es, die jüngsten Forschungskonzepte zu erfassen und kritisch zu beleuchten, um den (kunst)historischen Italiendiskurs an deutschen Universitäten und Institutionen anzuregen und stärker zu konturieren.

In der Begrüßung betonte Nova den Mehrwert eines engen Austauschs zwischen den Disziplinen sowie der interdisziplinären Kooperation im Allgemeinen. Herbers fragte in seiner Einführung danach, was Italienforschung heute eigentlich bedeuten würde und welche Schwerpunkte zu erkennen wären. Michalsky war es wichtig zu erörtern, welche Innovationen sich abzeichneten und welche Methoden angewandt würden, um ein kritisches Hinterfragen zu ermöglichen. Um die unterschiedlichen Facetten der Italienforschung darzustellen, wurden die Vorträge zu thematischen Blöcken zusammengefasst, die insgesamt fünf große Themenbereiche berührten.[1]

Die erste Sektion widmete sich „Weltbildern“. Den Anfang machte Nadine Holzmeier (Hagen), die Paolino Minoritas Weltchronik ‚Chronologia Magna‘ einer eingehenden Analyse unterzog und die Gattung als Mittel begriff, mit dem verschiedene Faktoren in das spätmittelalterliche Weltbild zu integrieren waren. Maria Aresin (Frankfurt a.M.) erörterte den Mythos der vier Weltzeitalter, welcher die Menschheitsgeschichte gliedert. Am Beispiel des Bronzenen Zeitalters, das mangels schriftlicher Vorgaben den Künstlern eine große künstlerische Gestaltungsfreiheit ließ, untersuchte sie die ikonografische Entwicklung einzelner Szenen.

In der zweiten Sektion „Rom und die Päpste“ beleuchtete David Franz Hobelleitner (Graz) eine Episode der Vita Papst Silvesters I., die, wie Bildprogramme und Darstellungen in Rom und dessen Umgebung zeigen, während der Kirchenreform des 11. Jahrhunderts zur Untermauerung der päpstlichen Suprematie gegenüber der weltlichen Macht eingesetzt wurde. Wendan Li (Berlin) untersuchte die koreale Geschichtsschreibung im ‚Liber Censuum‘, der außer der Vita Gregors IX. auch Urkunden und Zeitzeugnisse ohne narrative Fakten enthält. Das Florentiner Manuskript beschreibt Gregors Reisetätigkeit, die als Ausdruck politischer Konstellationen und Herrschaftspraktiken zu interpretieren ist. Den ersten Tag beschloss die Vorstellung der auf der Basis der 1851 erschienenen Ausgabe von Philipp Jaffé grundlegend überarbeiteten ‚Regesta Pontificum Romanorum‘. Die bis 1198 nachgewiesenen 17.679 Papstkontakte geben Einsicht in die politisch-diplomatischen Geschicke der Kurie. Viktoria Trenkle (Erlangen-Nürnberg) betonte den vielfältigen Nutzen der Neuauflage, die alle Forschungsergebnisse der letzten 130 Jahre über Sachkommentare erschließe und Forschungskontroversen aufdecke.

In der Sektion „Stadt, Raum und Bild im Quattrocento“ erörterte Christoph Stei (Berlin) anhand ausgewählter Beispiele des Stadtraums von Assisi, inwieweit Bilder über ihren religiösen Gehalt hinaus soziale und politische Vorstellungen der Auftraggeber und/oder künstlerische Ideen der Maler übermittelten und welche Wirkmacht den Medien zugesprochen werden könne. Im Vordergrund stand die Rezeptionsforschung, verbunden mit der Frage, wie sich die (historische) Öffentlichkeit zur kunsthistorischen Annahme des Betrachters verhalte. Andreas Huth (Berlin) schaffte in seinem Vortrag den Sprung von einer gemalten Idealstadt zu realen Florentiner Bauwerken des 15. Jahrhunderts. Da die Forschung die Fassaden bisher nicht als Bild, sondern der Begrifflichkeit nach als Teil eines Bauwerks wahrnehme, entgingen ihr die nicht plastischen Fassadengestaltungen. Dies betreffe insbesondere die Florentiner ‚Sgraffito’-Dekorationen, deren Qualitäten bislang kaum wissenschaftliches Interesse fanden. Gegen Ende des Workshops veranschaulichte Huth bei einem gemeinsamen Rundgang die ‚Sgraffito’-Technik anhand ausgewählter Beispiele im Architektur- und Stadtbild von Florenz. Tanja Hinterholz (Salzburg) stellte zur Diskussion, ob und inwiefern aktuelle Forschungsansätze zu Raum und Perspektive in der Malerei und Skulptur des Spätmittelalters für die Erforschung der Trecento-Malerei am päpstlichen Hof von Avignon fruchtbar gemacht werden können. Eileen Bergmann (Trier) referierte über das Konzept der Resilienz beim ‚Consiglio dei Dieci‘ in Venedig, dessen städtischer Mythos auf Frieden, Gerechtigkeit und Einheit der Bürger gründete. Dazu untersuchte sie einige Ereignisse, die dem Rat der Zehn im ersten Drittel des 15. Jahrhunderts als instabil erschienen und die Planungen erforderten, um die Krise zu bewältigen bzw. im Vorfeld zu verhindern.

In der vierten Sektion „Humanistische Konzepte“ beschäftigte sich Philippa Sissis (Hamburg/München) mit der humanistischen Minuskel als ästhetischem Konzept. Ausgehend von Jeffrey Hamburgers These (2014), dass gestaltende Elemente über die Schrift hinausgingen, fragte sie danach, wann Schrift zu Bild wurde. Die Wiederentdeckung antiker Schriften um 1400 in Florenz führte dazu, dass viele dieser Texte von Hand kopiert wurden. Poggio Bracciolini, der zwischen 1397 und 1425 etwa 30 Manuskripte abschrieb, aktualisierte die überwiegend antiken Werke visuell und schuf damit einen Paratext, der dem Leser eine weitere Sinnebene vermittelte. Schrift wurde zum visuellen Manifest. Nele De Raedt (Gent) untersuchte die humanistische Interpretation von Aristoteles, der Pracht als ein ästhetisches Merkmal definiert hatte, durch das politische Autorität geschaffen und aufrechterhalten werden könne. Leon Battista Alberti (De Re Aedificatoria, 1443–1452) behauptete, dass „Würde und Anmut der Form“ am effektivsten vor dem Angriff auf die Gebäude schützen würden; analog erklärte auch Paolo Cortesi (De Cardinalatu Libri Tres, 1510), dass eine gut gestaltete und prächtig ausgeführte Außenverzierung die beste Schutzgarantie wäre. Die Zweideutigkeit der Pracht sei also die von der zeitgenössischen Gelehrsamkeit weitgehend übersehene Rechtfertigung für Kunst und Patronage gewesen. Jennifer Trauschke (Freiburg i.Br.) beleuchtete das Staunen und (Er)Schrecken in den Künstlerviten Vasaris anhand der Begriffe ‚maraviglia‘ und ‚terribilità‘. Die Referentin untersuchte Vitentexte mit dem Ziel, den inszenierten Status von Künstlern näher zu fassen. Innerhalb dieser narratologischen Konstrukte gilt es die Charismatisierungsprozesse, die sich aus der Zuschreibung von spezifischen kunsttheoretischen Begriffen ergeben, nachzuzeichnen. Von besonderem Interesse sind in diesem Zusammenhang mögliche Entwicklungen und Transformationen der kunstliterarischen Schlüsselbegriffe über Zeiten- und Ländergrenzen hinaus, sowie die Frage, in welcher Form sie einer Kanonisierung der Kunstgeschichte dienen. Anna Magnago Lampugnani (Berlin/Rom) befasste sich mit der Frage, ob innerhalb der verschiedenen Konzepte der Bildfindung und -genese, die im 16. Jahrhundert diskutiert werden, auch jenes der ‚Inspiration‘ eine Rolle spielt und wie die ursprünglich dichtungstheoretische und christlich geprägte Vorstellung der ‚in-spiratio’ für Künstler fruchtbar gemacht wurde.

Die letzte Sektion behandelte Fragen um „Herrschaft, Religion und Objekt“. Andreas Obenaus (Wien) analysierte muslimische Kleinstherrschaften des 9. und 10. Jahrhunderts im Süden der Apenninenhalbinsel und am Löwengolf. Die expansiv eingestellten Herrschaften gingen mitunter Bündnisse und Kooperationen mit christlichen Regionalmächten ein; ihre Wirtschaft basierte auf einer Beuteökonomie. Rahel Meier (Zürich) lenkte das Augenmerk auf das kommunale Bestattungsverbot im und um den Dom von Pisa aus dem Jahr 1349. Unter Berücksichtigung des Bauprozesses und der damit einhergehenden Finanzierung des neuen Stadtfriedhofs von Pisa kam sie zu dem Schluss, dass es sich um eine Strategie zur Sicherung der Baufinanzierung handelte, weniger um eine Maßnahme in Folge der Akzeptanzschwierigkeiten des Camposanto als Grablege bei der Bevölkerung.

Der interdisziplinäre Background der Teilnehmenden führte zu einer Fülle von inhaltlichen und methodischen Diskussionen. Deutlich wurde, wie wichtig und bereichernd dieser disziplinübergreifende Austausch innerhalb der Italienforschung ist. Unter den Diskutanden waren erfahrene Kollegen und Kolleginnen, die u.a. aus Berlin, Freiburg, Rom und Zürich angereist waren. Auch dieses Mal bekundeten alle Beteiligten großes Interesse an der Fortführung des Workshop-Formats, dem sich zukünftig auch das Deutsche Historische Institut in Rom anschließen wird. Ziel wird es weiterhin sein, ein Netzwerk zu schaffen, um die Kontakte unter den Doktoranden der verschiedenen Fachrichtungen zu etablieren und zu stärken, die Konturen der Italienforschung im internationalen Setting zu schärfen und zu neuen Perspektiven und Denkansätzen zu gelangen.

Recommended Citation:
Linda Olenburg: [Conference Report of:] Neue Tendenzen der Italienforschung zu Mittelalter und Renaissance (Kunsthistorisches Institut in Florenz, Max-Planck-Institut, Nov 7–09, 2016). In: ArtHist.net, Jan 12, 2017 (accessed May 16, 2021), <https://arthist.net/reviews/14443>.

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