Udo Liebelt/Volker Metzger (Hgg.): Vom Geist der Dinge

Reviewed by: Maren Ziese

Vor einiger Zeit erschien im transcript Verlag in der Reihe Kultur- und Museumsmanagement (September 2004) eine Publikation zum Thema Religion und Museum aus religionswissenschaftlicher Sicht.[1] Vor wenigen Wochen folgte nun ein neuer Band (Oktober 2005) unter dem Titel „Vom Geist der Dinge - Das Museum als Forum für Ethik und Religion“. Er führt auf museumspädagogischer Ebene die Diskussion des ersten Bandes weiter fort. Die Publikation geht aus der Jahrestagung des Bundesverbandes für Museumspädagogik e.V. und der Stiftung Deutsches Hygiene-Museum Dresden hervor, die im Oktober 2004 im Hygiene-Museum stattfand.[2] Sie greift Fragen auf, die auch durch die zeitgleich im Museum ausgerichtete Ausstellung „Die Zehn Gebote“ aufgeworfen wurden. Entscheidend für die Themenfindung der Tagung und des daraus hervorgegangenen Bandes war aber nicht nur diese Ausstellung, sondern auch die Debatte um die Vermittlung von gesellschafts- und bildungspolitischen Werten, welche die MuseumspädagogInnen dazu brachte, erneut über grundlegende Fragen ihrer Tätigkeit nachzudenken. Auffällig, so die Herausgeber des Bandes, sei, dass in der Debatte um existentielle und lebensweltliche Fragen die Museen kaum Erwähnung fanden, obwohl eine Renaissance dieses Themenfeldes an deutschen Museumshäusern zu verzeichnen sei. Der sakrale oder rituelle Hintergrund vieler Sammlungen und Objekte bietet eine Vielfalt an Anknüpfungspunkten für eine Auseinandersetzung mit ethischen und religiösen Themen und Fragen zu ihrer Repräsentation und Vermittlung.

Der Band ist in drei Abschnitte unterteilt. Unter der Überschrift „Positionen, Modelle“ enthält er neun Aufsätze zu „Museum und Religion“ sowie „Ethik und Lebenswelten im Museum“. Die Autoren sind TheologInnen, ReligionswissenschaftlerInnen und Museums- und KirchenpädagogInnen. Als eine Art Exkurs präsentiert sich ein Beitrag zum Kirchenraum unter derFragestellung „Kirche als Museum?“. Im Anschluss an die ausführlichen Beiträge sind die Berichte von den sechs Workshops aufgeführt, die im Rahmen der Konferenz stattfanden. Den Abschluss der Publikation bietet ein „Ideenmarkt“ mit Kontaktadressen.

In seinem Beitrag „Sakrale Objekte im Museum“ legt der Frankfurter Ethnologe Karl-Heinz Kohl dar, was den Umgang mit sakralen Gegenständen im Museum problematisch macht. Er spannt den Bogen von einer besonderen Form der Aufbewahrung zu ethischen Überlegungen über den Sinn der Präsentation sakraler Objekte. Nach einer sehr konkreten und kenntnisreichen Schilderung, was solche Gegenstände von anderen Museumsstücken unterscheidet und mit welchen Schwierigkeiten Sammlungen durch sie konfrontiert sind, fasst er zusammen, dass sakrale Objekte im Museum dennoch einen passenden Aufbewahrungsort vorfinden würden. Diskussionswürdig bleibt jedoch dabei, wie diese Gegenstände überhaupt vermittelbar sind. Ein Problem sieht Kohl darin, dass die Museumsaura der Aura der Objekte entgegenläuft. Er fordert, die Würde und Eigenständigkeit der Objekt zu erhalten, die ihnen oft durch die Einordnung in den Museumskontext verloren gingen. Doch lässt er offen, wie eine entsprechende Umsetzung erfolgen könnte. Fragen des Umganges mit anderen Religionen und Zeugnissen – also Sammlungspolitiken und Aufbewahrungsverfahren im weitesten Sinne - behandelt auch Jean-Hubert Martin, Direktor des museum kunst palastes Düsseldorf. Seine Aufmerksamkeit gilt dem Kunstmuseum und der außereuropäischen Kunst. Seiner Meinung nach kann sich das Museum aus dem „humanistischen Wertesystem lösen“ und sich dem öffnen, was andere religiöse Gemeinschaften als „heilig“ definieren. Er schlägt vor, dass sich das Museum für religiöse Praktiken und Gegenstände aus anderen Kulturen, eingeschlossen „heiliger“ Objekte, öffnen und nicht mehr eine rein weltliche Institution bleiben sollte. Damit wäre es möglich, bislang ausgeschlossene Gruppen ins Kunstmuseum zu holen und die Institution insbesondere durch religiöse Praktiken zu vitalisieren. Vage bleibt allerdings der Vorschlag, wie die Art der Präsentation aussehen könnte. Eine Kontextualisierung von Objekten lehnt er ab, da Kunst sich selber das Referenzsystem sei. Martin rekurriert auf drei Ausstellungen, die er selbst kuratierte, dazu zählt unter anderem „Altäre – Kunst zum Niederknien“, 2001, in der er 66 zeitgenössische geweihte Altäre aus allen Kontinenten als Kunst präsentierte.[3] In diesem Zusammenhang ist es bemerkenswert, dass die Tagungsleitung Jean-Hubert Martin zu dieser Konferenz einlud bzw. sein Betrag auch Teil des Tagungsbandes ist. Denn gerade für sein kuratorisches Vorgehen bei der Ausstellung „Altäre“ ist er in der Vergangenheit stark kritisiert worden, unter anderem auch in dem Band, auf den die Herausgeber als Vorgängerpublikation verweisen. Dort problematisierte Susan Kamel Präsentationsformen, die Religion als Kunst darstellen. Sie kritisierte, dass durch eine rein ästhetische Präsentation Kunst zum einen dekontextualisiert und enthistorisiert wird, zum anderen die Konstruiertheit von Wahrnehmung ignoriert, eine kritische Betrachtung verstellt sowie universale Sichtweisen und Gefühle vorausgesetzt werden. Hinzu kommt, dass das Museum dadurch selbst quasisakral wird, nämlich zu einem Übermittler des vermeintlich Absoluten.[4] Weiterführenden Fragen dieser Art oder eine Wiederaufnahme jener Anregungen sind leider im vorliegenden Band nicht zu finden.

Das Interesse der Theologin Susanne Natrup gilt dem postmodernen Museum für Gegenwartskunst als religiös inszeniertem Ort.[5] Die Theologin fragt nach den Voraussetzungen, die aus einer säkularen Institution einen implizit religiösen Ort machen und dort die Auseinandersetzung mit Sinnfragen ermöglichen. Natrup geht auf viele Aspekte von der Entstehungsgeschichte des Museums bis zu den implizit religiösen Potentialen des Museums ein, wie z.B. den Ritualen beim Betreten des Baus: das Ablegen der Mäntel und Taschen und den Aufenthalt im Verkaufsbereichs des Foyers. Hier sieht sie eine Einstimmung auf die Begegnung mit dem "Allerheiligsten", eine Art "religiöses Reinigungsritual". Sie lenkt dann den Blick auf ein spezielles Milieu, um ihre Argumentation zu untermauern, und zwar auf das „Selbstverwirklichungsmilieu“ (Schulze) der Urbanen, Jüngeren und Gebildeten, angeblich vornehmlich in schwarz gekleidet und mit einer „Ich-Zentrierung“ ausgestattet. Aufschlussreich ist ihre „Anmerkung zur Museumspädagogik“ im Anschluss des Textes. Hier kritisiert die Autorin, dass der Aspekt der „Kunstreligion“ in der museumspädagogischen Literatur nahezu unbeachtet bliebe, die sich ganz auf die Vermittlung von kunsthistorischem Wissen konzentriere, um Kunstwerke verständlich zu machen. Natrup fordert hier eine Methodik des Befremdens, um von dieser „gefühlten Befremdlichkeit“ ausgehend, sich mit den ausgestellten Objekten auseinander zu setzen. Mit diesem Appell erinnert sie an Peter J. Bräunlein, der auch von der Gestaltung des Museums als „Ort des Befremdens“ spricht.[6] In Anlehnung an Michael Parmentier weist Natrup darauf hin, dass die Auseinandersetzung mit Gegenwartskunst oft ein quasireligiöses Geschehen darstelle. Wie könnte Museumspädagogik angemessen darauf reagieren, wenn sie dies anerkennen würde? Offen bleibt allerdings bei Natrup die (ethische) Frage, ob sie Möglichkeiten sieht, der von ihr geschilderten Entwicklung gegenzusteuern und die Inklusion anderer sozialer Klassen bzw. Milieus zu fördern. Auch wäre es interessant zu diskutieren, ob die Gleichsetzung von Sinnfragen mit religiösen Fragen tatsächlich hilfreich ist. Herbert Schnädelbach hat jüngst auf elementare Unterschiede zwischen dem, was früher als „existentielle Fragen“ galt und dem, was heute unter „religiöse“ Beschäftigung verstanden wird hingewiesen.[7]

Udo Liebelt - zusammen mit Folker Metzger Herausgeber des Bandes - Theologe und Kunsthistoriker, stellt in seinem bebilderten Beitrag anhand zahlreicher Beispiele einen besonderen Veranstaltungstypus vor, der seit den 1980er Jahren in einigen westdeutschen Kunstmuseen praktiziert wird, nämlich den christlichen Gottesdienst. Liebelt sieht hinter der Aura eines Werkes oft eine religiöse Dimension und bezieht sich damit auf Wieland Schmieds universalisierende und stark kritisierte Behauptung, dass sich Religion in Kunst ausdrücke, bzw. moderne Kunst insgesamt von religiösen Einflüssen durchdrungen sei. Liebelt weist den Kunstgottesdienst als ein erfolgreiches Unterfangen aus und argumentiert, dass dieses Vermittlungskonzept die zeitgenössische Kunst in ihrer Bedeutungsvielfalt ernster nimmt. Dabei ist er sich aller Einwände gegen gewaltsame Vereinnahmung der künstlerischen Positionen bewusst und verweist zuversichtlich auf die kritischen Geistlichen, die dies berücksichtigen könnten. Im Rahmen der Tagung gab dieser Beitrag Anlass für einigeDiskussion, verwehrten sich doch einige TeilnehmerInnen ganz allgemein gegen eine Vereinnahmung öffentlicher Räume durch Ideologien jeglicher Art. Hier tauchte die ethische Frage auf, ob derlei Bedürfnisse im Museum überhaupt befriedigt werden sollten. Interessant ist hier, dass sich Verbindungslinien zur Frage der „Ersatzreligion“ ziehen lassen, wie sie von Susanne Natrup aufgeworfen werden. Gleichzeitig wird an dieser Stelle ein Manko der gesamten Publikation deutlich, nämlich die geringe Aufmerksamkeit für „andere“ Religionsgemeinschaften bei dieser Thematik. Hier hätte es sich angeboten, den Fokus zu erweitern und auch RepräsentantInnen anderer Museen und ihren Erfahrungen mit der Vermittlung ethischer und religiöser Fragestellungen Gehör zu verschaffen. Naheliegend wäre beispielsweise ein zentraler Beitrag (statt lediglich eines Workshopberichts) des Jüdischen Museums Berlins gewesen oder auch des Museums für Islamische Kunst.

Zusammenfassend ist zu sagen, dass der Band neben vielen Stärken auch einige Schwächen aufweist. So ist zu kritisieren, dass die Beiträge streckenweise sehr vage bleiben, teilweise alte Ergebnisse präsentieren und spannende Fragen, wie z.B. eine kritische Auseinandersetzung mit dem Säkularisierungstheorem auslassen. Teilweise hätte man sich konkretere Handlungsanweisungen und Konzepte gewünscht, beispielweise dazu, wie mit religiösen Minderheiten im Museum umzugehen sei. Nimmt man die Herausgeber beim Wort, die in ihrer Einleitung postulierten, dass es zu den Aufgaben der Museumspädagogik im Umgang mit ethischen Fragen auch gehört, die Auseinandersetzung mit „fremden“ Kulturen und Religionen zu suchen, fällt doch, wie oben bereits angedeutet, die Exklusion von verschiedenen religiösen Gruppen sowie ein abschnittsweise gering ausgeprägtes Problembewusstsein für Fragen der Repräsentation und Hybridität auf. Da helfen auch nicht Jean-Huberts Beitrag zur außereuropäischen Kunst, zwei Workshops zur Synagoge und zum Museum der Weltkulturen sowie als Titelbild ein Geisterpfahl aus Korea, denn es fehlen die Beiträge an zentraler Stelle in dem Abschnitt „Positionen, Modelle“. Auch scheint die Publikation an einigen Stellen zu wenig selbstreflexiv, die deutsche und christliche Perspektive ist nicht genügend problematisiert. Sehr bedauerlich ist, dass kaum Bezüge zwischen den Beiträgen untereinander hergestellt wurden, die einen spannenden Dialog ermöglicht hätten. Dabei hätte zur Sprache kommen können, dass teilweise mit unterschiedlichen Religionsbegriffen gearbeitet wurde, von Thomas Luckmanns Definition von Religion als anthropologischer Konstante bis zu Wieland Schmieds universellem Ansatz, der mit „überzeitlichen Wahrheiten“ arbeitet.

Trotz aller Kritik versammelt die Publikation viele anregende Einzelgedanken zum Themenfeld „Religion, Ethik und Museum“. Eine Hauptleistung besteht darin, die Schwierigkeiten der Ausstellungspraxis und Vermittlungsarbeit im Hinblick auf Religion und Ethik aufzuzeigen. Interessant sind auch all jene Stellen, wo die Institution Museum an sich problematisiert wird, Sammlungspolitiken und Sammlungsverwahrung zur Diskussion stehen und Beispiele aus der Praxis genannt werden. Auf die Eingangsfrage, wie das Museum als Wertevermittler stärker in die bildungspolitische Debatte einbezogen werden könnte, und wie das Museum aktuellen gesellschaftlichen Herausforderungen - von Migration bis zur Sakralisierung profaner Bereiche - begegnen kann, gibt der Band mehrere Antworten. Insgesamt liefert die Publikation eine Grundlage für weitere Diskussionen. Sie ermöglicht gedankliche Verknüpfungen und unerwartete Einblicke, die aufgeworfenen Fragen bieten viel Denkstoff.

[1] Peter J. Bräunlein (Hg.): Religion und Museum. Zur visuellen Repräsentation von Religion/en im öffentlichen Raum, Bielefeld 2004. Dieser sehr materialreiche Sammelband mit internationalem Fokus bietet Analysen musealer Inszenierungen. Insbesondere das kulturelle Umfeld, in dem Religionen oder (religiöse) Objekte präsentiert werden, findet hier Beachtung.
[2] An der Fachtagung waren zudem die regionalen Arbeitskreise des BVMP und der Bundesverband Kirchenpädagogik e.V. beteiligt.
[3] Martin kommt zudem auf seine Ausstellung „La mort n’en saura rien“ („Der Tod wird nichts davon erfahren“), 1999, zu sprechen, in der er christliche und „heidnische“ (Martin) Reliquien gegenüberstellte, um einen eurozentrischen Blickwinkel zu vermeiden, sowie auf „Magiciens de la terre“ (1989) im Centre Georges Pompidou, Paris, die seinerzeit viel diskutiert wurde.
[4] Vgl. Kamel, S.: „Museen als Agenten Gottes oder `0:0 unentschieden`“? in: Bräunlein, a.a.O., S. 97-118. Siehe auch den Beitrag von Susanne Lanwerd im gleichen Band betitelt „Religion in Ausstellungen – Perspektiven einer kunstgeschichtlichen Kulturwissenschaft“.
[5] Erstaunlicherweise verweist die Autorin nicht auf Carol Duncan, die schon 1995 am Beispiel europäischer und nordamerikanischer Kunstmuseen beschreibt, wie in Museen Rituale inszeniert werden. Vgl. Duncan, C.: Civilizing Rituals inside public art museums, London, New York 1995.
[6] Vgl. Bräunlein, P. J.: „Shiva und der Teufel – Museale Vermittlung von Religion als religionswissenschaftliche Herausforderung“, in: Bräunlein, a.a.O., S. 55-72.
[7] Vgl. Schnädelbach, H.: Wiederkehr der Religion, in: DIE ZEIT, 11.08.2005, Nr. 33.

Recommended Citation:
Maren Ziese: [Review of:] Liebelt, Udo; Metzger, Folker (Hrsg.): Vom Geist der Dinge. Das Museum als Forum für Ethik und Religion ; [Dokumentation der Fachtagung "Vom Geist der Dinge : das Museum als Forum für Ethik und Religion", 28. bis 30. Oktober 2004 in Dresden] (= Kultur- und Museumsmanagement), Bielefeld 2005. In: ArtHist.net, Dec 14, 2005 (accessed Jan 17, 2020), <https://arthist.net/reviews/109>.

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Liebelt, Udo; Metzger, Folker (Hrsg.): Vom Geist der Dinge. Das Museum als Forum für Ethik und Religion ; [Dokumentation der Fachtagung "Vom Geist der Dinge : das Museum als Forum für Ethik und Religion", 28. bis 30. Oktober 2004 in Dresden] (= Kultur- und Museumsmanagement), Bielefeld: Transcript - Verlag für Kommunikation, Kultur und soziale Praxis 2005
ISBN-10: 3-89942-398-4, 195 S.

Review published: Dec 14, 2005

Editor: Claudia Sedlarz

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