Necker, Sylvia: hamburger bauheft 09

Rezensiert von: Barbara Uppenkamp

Die Vermittlung von Architektur ist das Hauptanliegen des 2012 von Jörg Schilling und Florian Afflerbach gegründeten Schaff-Verlags. Die ästhetisch ansprechenden Hefte im A5-Format sind mit einem Editorial versehen, das die jeweiligen Bauten in einem größeren Kontext verortet und Bezüge zu aktuellen Diskussionen herstellt. Die gut recherchierten Texte werden durch eingefügte Kästen mit sachlichen Informationen zu Personen und historischen Fakten ergänzt. Jedes Bauheft ist individuell gestaltet und mit Architekturzeichnungen von Florian Afflerbach sowie mit historischen Fotografien, Grund- und Aufrissen bebildert. Eine Bibliographie befindet sich jeweils am Ende des Heftes.

Den Auftakt der Reihe der hamburger bauhefte (neben der es auch die Reihe der martin elsaesser bauhefte zu Bauten gibt, die sich Werken des Architekten in Frankfurt und Baden Württemberg widmet) bildet das 2012 erschienene Heft über das Hanseatische Oberlandesgericht. Das zweite Bauheft befasst sich mit dem Bismarckdenkmal, das den berühmten Kunsthistoriker Aby Warburg begeisterte und heute einen Sanierungsfall darstellt. Die Bauhefte 3 bis 5 behandeln das ehemalige Gewerkschaftshaus des umstrittenen Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verbands (heute Brahms-Kontor), die Bauten der Ringbahn und die sogenannten 50er Schuppen im Hafen. Diese Auswahl macht deutlich, dass sich der Verlag nicht nur um die nach allgemeinen Begriffen schönen Bauwerke der Hamburger Innenstadt kümmert, sondern auch Industrie- und Infrastrukturbauten einer eingehenden Betrachtung wert erachtet. Die Herausgeber widersprechen damit dem im Jahre 2000 von Dieter Hoffmann-Axthelm für die Bundestagsfraktion der Grünen erstellten, viel diskutierten Gutachten zur Denkmalpflege, das lediglich Bauten aus vorindustrieller Zeit einen Denkmalwert zuerkennen will. Demgegenüber stellen die hamburger bauhefte Baudenkmale des neunzehnten und zwanzigsten Jahrhunderts vor, die oftmals der Alltagswahrnehmung entrückt sind. Es handelt sich dabei nicht selten um Bauten, deren öffentliches Image trotz Denkmalstatus ihrer tatsächlichen Bedeutung nicht gerecht wird und die vom Abriss bedroht sind oder gar bereits abgerissen wurden.

Bauheft 6 nimmt die Wohnhäuser in den Blick, die der 1938 ins Exil gezwungene Hamburger Architekt Karl Schneider 1927 für den Architekturkritiker Rudolf Spörhase und 1928 für seine eigene Familie erbaut hat. Diese konsequent modernen Häuser fanden früh internationale Beachtung. Allerdings ist das Wohnhaus Schneider, dessen Grundstück heute unmittelbar an die Einfahrt des Elbtunnels grenzt, in einem bedauerlichen, jedoch nicht hoffnungslosen Zustand. Daher plädiert Ulrich Garbe in einem abschließenden Resümee für eine denkmalgerechte Instandsetzung und eine seiner Bedeutung gerechte Nutzung, beispielsweise als Sitz des Karl Schneider-Archivs.

Bauheft 7 rückt mit den 1960-61 erbauten Esso-Häusern an der Reeperbahn einen inzwischen abgerissenen Großwohnblock der Nachkriegsmoderne in den Focus. Die Esso-Häuser bargen neben einer Tankstelle und einem Parkhaus, auch ein Hotel, beliebte Clubs und günstige Mietwohnungen für Arbeiter, Künstler, Studenten und Migranten. In seinem Editorial macht Jörg Schilling auf die Problematik der Gentrifizierung aufmerksam. Das subkulturelle Flair des Stadtteils St. Pauli wird auch für einkommensstärkere Bewohner attraktiv und renditeorientierte Investoren halten Einzug. Dieser Prozess ist mit sozialer Verdrängung, einer Umwälzung des Stadtbildes und dem Verlust urbaner Lebensqualität verbunden. Die Event- und Imagekultur wird zu einem Wirtschaftsfaktor, demgegenüber die Bewohner zunehmend in den Hintergrund rücken. So machten viele in St. Pauli ansässige Kulturschaffende bereits mit der Kampagne „Not in our name“ auf die Problematik aufmerksam, zwar als Statisten eines lebendigen und kreativen Stadtteils herhalten zu müssen, von der Wertschöpfungskette, die mit einer solchen Kulisse wirbt, jedoch ausgeschlossen zu sein. Gegenüber den geplanten Neustrukturierungen, die ohne Partizipation der Bewohner vor allem Investoreninteressen berücksichtigen, fordern die aus ihrem Stadtteil Verdrängten entsprechend der Maxime von Henri Lefebvre ein „Recht auf Stadt“.

Bauheft 7 hat mit dem jüngst erschienenen Bauheft 9, das dem Cityhof gewidmet ist, gemeinsam, dass hier Bauten aus der Zeit des Wiederaufbaus vorgestellt werden. Sie haben im Kontext des aktuellen Stadtumbaus das Nachsehen. So soll der in städtischem Besitz befindliche Cityhof trotz bestehenden Denkmalschutzes Investoreninteressen geopfert werden.

Für die Enkelgeneration der Moderne symbolisiert die Architektur der Nachkriegszeit das Wirtschaftswunder und den demokratischen Neuanfang. An die 1920er Jahre anknüpfend vertreten die Bauten der Nachkriegsmoderne die Doktrin von der gegliederten und aufgelockerten Stadt. Sie steht im Gegensatz zu der heute favorisierten Blockrandbebauung, die jeden Quadratzentimeter Bruttogeschossfläche einer intensiven, renditeorientierten Nutzung unterwirft. Auch die Hamburger Baubehörde spricht sich für eine Blockrandbebauung als Neuinterpretation des Kontorhaustyps anstelle des City-Hofes aus. Die heute als hässlich deklassierten Gebäude sind Denkmäler des politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Neubeginns nach dem Zweiten Weltkrieg. Mit ihrer baulichen Integration von Tankstelle, Parkhaus, Ladenzeile und Wohnungen oder Büroeinheiten sind sowohl die abgerissenen Esso-Häuser als auch der Cityhof beispielhafte Zeugnisse der Utopie einer autogerechten Stadt.

In ihrem Text zum Cityhof geht Sylvia Necker ausführlich auf den Architekten Rudolf Klophaus ein, der in drei politischen Systemen arbeitete und dessen Bauten das Hamburger Kontorhausviertel prägen. Bereits 1924 nahm er an einem Wettbewerb für ein Messehaus teil, das auf dem Grundstück des heutigen Cityhofs entstehen sollte. Schon in diesem Entwurf sah Klophaus eine Reihung von Hochhaustürmen vor, die durch einen Riegel verbunden sein sollten. Der dann 1955-57 ausgeführte Gebäudekomplex besteht aus vier hintereinander gestaffelten Hochhausscheiben, die durch eine zentrale Ladenpassage verbunden sind. Die ursprünglich weiße Fassade aus Keramikplatten wurde durch bündig eingesetzte Fenster gegliedert. Seit 1977 ist sie unter grauen Eternitplatten verborgen. Da die Fassade durch Staub und Rußpartikel stark verschmutzt ist, bietet der Cityhof heute einen unerfreulichen und heruntergekommenen Anblick. Sylvia Neckers Text regt dazu an, sich die weißen, auf konische Pfeiler aufgestelzten Hochhäuser in ihrer einstigen Eleganz vorzustellen. Als Abschluss des Kontorhausviertels bildeten sie am Deichtorplatz einen hellen Kontrapunkt zu den Backsteinfassaden der übrigen Bauten. Eine mit einem sinnvollen Nutzungskonzept verbundene Sanierung des Cityhofs wäre durchaus möglich. So behandelt Sylvia Necker ausführlich und kenntnisreich die aktuelle Debatte um den Abriss einer vorgeblichen Bausünde oder den Erhalt eines geschützten Baudenkmals, für den sich auch eine Bürgerinitiative einsetzt.

Abschließend ist anzumerken, dass der von Dieter Hoffmann-Axthelm angeführte Begriff der Schönheit als Hauptkriterium des Denkmalschutzes durchaus relativierbar ist. In dieser denkmalpolitischen Debatte beziehen die hamburger bauhefte eine eindeutige Stellung.

Empfohlene Zitation:
Barbara Uppenkamp: [Rezension zu:] Necker, Sylvia: hamburger bauheft 09. Cityhof, 2015. In: H-ArtHist, 22.04.2015. Letzter Zugriff 27.04.2017. <https://arthist.net/reviews/10093>.

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Necker, Sylvia: hamburger bauheft 09. Cityhof, Schaff-Verlag 2015
ISBN-13: 978-3-944405-12-4, 43 p., EUR 7,00

Rezension veröffentlicht am: 22.04.2015

Redaktion: Rainer Donandt

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