»Clear the Air«
Künstlermanifeste in Choreographie, Performance Art und bildender Kunst seit den 1960er Jahren
Interdisziplinäres Symposium des Departments Kunstwissenschaften, LMU München
in Kooperation mit Access to Dance – Tanzbasis München, dem Bayerischen Staatsballett und der Städtischen Galerie im Lenbachhaus
1965 formulierte die amerikanische Tänzerin und Choreographin Yvonne Rainer ihr No-Manifesto. Der kurze Text beginnt mit den Worten »NO to spectacle« und verneint in 13 radikalen Zeilen alles, was bis dahin auf dem Theater und der Tanzbühne üblich und vertraut war: von Virtuosität über das Heroische bis zur Bewegung selbst, sowohl der physischen als auch der psychischen. Die provokativen Negationen der Protagonistin des Judson Dance Theatre und späteren Filmemacherin wurden zu einem der wirkmächtigsten Texte des zeitgenössischen Tanzes, vieldiskutiert und buchstäblicher Anstoß für künstlerische Auseinandersetzungen. Das No-Manifesto sollte »die Luft klären«, wie Yvonne Rainer retrospektiv erläuterte.
Im Rahmen des geplanten interdisziplinären Symposiums geht es darum, 50 Jahre nach dem No-Manifesto Theorie und Praxis von Künstlermanifesten zu untersuchen. Schwerpunkte werden sein:
1. No-Manifesto damals und heute: Inwieweit erfüllt Rainers »strategy of denial« (Sally Banes) Funktionen eines Manifestes in der Tradition der Gattung? Auf welche Aspekte des Textes wird heute von Künstlern und Theoretikern Bezug genommen? Welche Programmatiken werden behandelt? In welcher Form?
2. Manifeste des 21. Jahrhunderts: Inwieweit konturieren Manifeste des 21. Jahrhunderts – z.B. manifest pour (2009) von Boris Charmatz – spezifische künstlerische Positionen? Welche Rolle spielen dabei Institutionalisierung des Tanzes und die Vernetzungen innerhalb der community?
3. Rahmungen und Übergänge zwischen Manifest und Kunstpraxis: Seit der konzeptuellen Kunst kann Kunst/Performance auch als oder an Stelle von »Manifest« agieren. Inzwischen sind die Kategorien von Werk und Autorschaft relativiert worden, demgegenüber rückten Kollaboration, Kuratorenschaft, Agency sowie Partizipation in den Vordergrund. Damit stellt sich Frage nach Funktion und Pragmatik von Manifesten in einem veränderten, globalisierten Kunstdiskurs.
4. Genealogien der Manifeste: Wie inspirieren sich Manifeste gegenseitig? Nachvollziehbar ist diese Filiation an Manifesten aus dem Umfeld von Fluxus: George Maciunas’ Manifest (1963, »Purge the world of bourgeois sickness…«) wird reflektiert und weitergedacht von Ben Vautier (Fluxmanifesto, 1965) und von Joseph Beuys (Manifesto, 1970). Wie verbinden Manifeste Künstler und ihre Überzeugungen?
5. Medien der Manifeste: Wie wurden und werden Manifeste verbreitet und popularisiert? Manifeste erreichen die Öffentlichkeit als Buch, in Zeitschriften, als Flugblatt, Plakat, Postkarte (Beuys), als »Erklärung vor dem Fernsehen« (SPUR).
Abstracts (300 Wörter) bitte bis 15. März 2015 an die Veranstalterinnen:
Prof. Dr. Burcu Dogramaci, Institut für Kunstgeschichte, LMU München, burcu.dogramacilmu.de
PD Dr. Katja Schneider, Institut für Theaterwissenschaft, LMU München, Katja.Schneiderlmu.de
Quellennachweis:
CFP: Clear the Air (München, 3-6 Dec 15). In: ArtHist.net, 02.02.2015. Letzter Zugriff 05.04.2026. <https://arthist.net/archive/9382>.