CONF May 19, 2026

Die ambivalente Macht der Phantasie (Jena, 10-12 Jun 26)

Jena, Volkshaus Jena, Clara und Eduard Rosenthal Raum, Jun 10–12, 2026
Registration deadline: Jun 7, 2026

Britta Hochkirchen, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Die ambivalente Macht der Phantasie. Historische und aktuelle Debatten.

Die Phantasie (griech. φαντασία; lat. phantasia, imaginatio) gilt in der philosophischen Tradition als ein ambivalentes Phänomen. Von Aristoteles wird sie in De anima zwischen der Erklärung der menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit und der des Denkvermögens behandelt. Im 18. Jahrhundert kommt es zu einer Neubewertung der Leistung der Einbildungskraft. Immanuel Kant unterscheidet in der Kritik der reinen Vernunft epochemachend zwischen der „reproduktiven Einbildungskraft“ und ihrer „produktiven“ Variante, die als ein Vermögen a priori gefasst wird. Kants Aufwertung der produktiv-schöpferischen Einbildungskraft ist wirkungsmächtig. In seiner Anthropologie klingt aber auch eine Skepsis an, die sich seit Platon fortschreibt: „Wir spielen oft und gern mit der Einbildungskraft; aber die Einbildungskraft (als Phantasie) spielt eben so oft und bisweilen sehr ungelegen auch mit uns“ (Akad.-Ausgabe 7, 175).

Um die Wende hin zu einer Konzeption von Einbildungskraft und Imagination, in der diese als Produktivkräfte neu entdeckt, zugleich aber auch problematisiert werden, geht es im Sommersemester 2026 in einer Ringvorlesung und in einer das Semester beschließenden internationalen Tagung. Denn selbst auf dem Höhepunkt ihrer Affirmation bleiben Phantasie und Einbildungskraft umstritten. Um 1800 findet sich neben dem Enthusiasmus der Romantik für die Leistungen der Imagination auch eine zugespitzte Reflexion der Gefahren ihrer Entfesselung. Dies zeigt sich in konträren Einschätzungen ihrer Qualität: als ultimatives Erkenntnis- oder als Illusionsmittel, als Handlungsstimulans oder als träumerische Kompensation.

Der Tagung vorausgegangen ist eine Ringvorlesung, in der „die ambivalente Macht der Phantasie“ auf Gegenwartsphänomene bezogen wurde. Die Tagung wird sich den historischen Entwicklungen widmen. Systematisch zeichnen sich verschiedene Bereiche ab, in denen die Neuvermessung von Phantasie und Einbildungskraft ihre Wirkung entfaltet: Im Mittelpunkt des Interesses stehen neben der Erkenntnistheorie, der Ästhetik und den Künsten die psycho-sozialen und politischen Funktionen des imaginativen Entwurfsvermögens.

Programm

10. Juni: Historische Grundlagen

16.00 Uhr: Begrüßung und Auftakt

16.30 Uhr: Dr. habil. Johannes-Georg Schülein, Bochum (Philosophie)
Von der Konstitution der Erfahrung zur Antizipation der Zukunft: Die Freisetzung der Einbildungskraft um 1800

17.30 Uhr: Prof. (apl.) Dr. Benjamin Specht, Erlangen (Germanistik)
Eingebildet? Die Phantasie der ‚Schwärmer‘, die ‚Transzendentalisierung der Einbildungskraft‘ und Ludwig Tiecks „Der getreue Eckart und der Tannenhäuser“

Pause

19.00 Uhr: Prof. Dr. Cordula Grewe, Bloomington (Kunstgeschichte)
Fantasia als dunkle Macht, oder Über die Höhen und Untiefen des Überphantasierens

11. Juni: Historische Grundlagen und ihre Fortschreibungen

9.00 Uhr: Prof. Dr. Sebastian Domsch, Greifswald (Anglistik)
What does ChatGPT say about the Romantic Imagination?

10.00 Uhr: Prof. Dr. Karin Westerwelle, Münster (Romanistik)
„Königin der menschlichen Vermögen“ („la reine des facultés“). Imagination, Phantasie und Phantasmagorie im Werk von Charles Baudelaire

Pause

11.30 Uhr: Prof. Dr. Friedrich Weltzien, Hannover (Kunstgeschichte/Wahrnehmungspsychologie)
Zur Körperlichkeit der Einbildungskraft. Romantische Schwingungslehren und agentieller Realismus

Mittagspause

14.00 Uhr: Prof. Dr. Jennifer Gosetti-Ferencei, Baltimore (Philosophie)
Elsewhere and Otherwise, Here and Now: the Ambivalent Ecology of Literary Imagination

15.00 Uhr: Prof. Dr. Samantha Matherne, Boston (Philosophie)
Beauty and the Promise of Imagination

Pause

16.30 Uhr: Prof. Dr. Meike Sophia Baader, Hildesheim (Pädagogik)
Ambivalenzen der Phantasie in pädagogischen Konzepten der Moderne

Abendspause

18.30 Uhr: Ist literarisches Imaginieren lehr- und lernbar?
Podiumsgespräch mit Prof. Dr. Martin Hielscher, Dr. Thomas Klupp und Prof. Kathrin Röggla

12. Juni: Blick in die Gegenwart

9.00 Uhr: Prof. Dr. Henning Schmidgen, Weimar (Medienwissenschaft)
Täuschung oder Gestaltung? Für eine Neubetrachtung des Spiegelstadiums

Pause

10.30 Uhr: Prof. Dr. Tilman Reitz, Jena (Soziologie)
Die Phantasie an der Macht: Politische und epistemologische Probleme des kollektiven Imaginären

11.15 Uhr: Prof. Dr. Oliver Marchart, Wien (Politikwissenschaft)
„Concrete Fantasy“. Toward a Realist Theory of Political Imagination
Abschlussdiskussion mit Prof. Dr. Oliver Marchart und Prof. Dr. Tilman Reitz

Ort: Volkshaus Jena, Clara und Eduard Rosenthal Raum, Carl-Zeiß-Platz 15, Jena

Die Tagung wird veranstaltet vom Zentrum für Romantikforschung in Kooperation mit dem Exzellenzcluster „Imaginamics“ der Friedrich-Schiller-Universität Jena.

Anmeldungen erbeten unter: romantikzentrumuni-jena.de

Ausführliche Exposés zu den Vorträgen und weitere Informationen zur Tagung finden Sie auf der Website:
https://romantik-zentrum.uni-jena.de/die-ambivalente-macht-der-phantasie-historische-und-aktuelle-debatten.html

Reference:
CONF: Die ambivalente Macht der Phantasie (Jena, 10-12 Jun 26). In: ArtHist.net, May 19, 2026 (accessed May 20, 2026), <https://arthist.net/archive/52498>.

^