Meistersiegel der Nürnberger Steinmetzen - eine neue Wiki-Datenbank
https://meistersiegel.tibwiki.io/wiki/Main_Page
In der Ende des 19. Jahrhunderts zusammengetragenen Sammlung des Hannoveraner Bauhistorikers und Architekten Albrecht Haupt (1852-1932) hat sich ein Konvolut mit sogenannten Proberissen erhalten. Diese Zeichnungen entstanden im Rahmen des Meisterstücks, das der Geselle zur Erlangung des Meisterstatus anzufertigen hatte und zeigen musterhafte Entwürfe und Konstruktionen von Gewölbeanlagen und Gebäuden. Schon früh wurden diese Blätter in das Umfeld der Nürnberger Steinmetzbruderschaft eingeordnet, ohne jedoch im Hinblick auf ihre Provenienz und Zusammensetzung genauer betrachtet worden zu sein. Als Architektur- und Werkzeichnungen, die im Kontext der Steinmetzlehre angefertigt wurden, sind sie besondere Zeugnisse der handwerklichen Ausbildung im Bauwesen in der Übergangszeit ab dem Spätmittelalter bis zur Auflösung des Zunftwesens Ende des 18. Jahrhunderts. Die zahlreichen, auf den Blättern oft kaum sichtbaren Blindsiegel der prüfenden Meister machen sie zu einem besonderen Studienobjekt, zumal es sich um ein individuelles – bislang nur für die Nürnberger Steinmetzbruderschaft nachweisbares − Phänomen handelt.
Im Rahmen des von der DFG geförderten Projekts zur Erschließung der umfangreichen, heute in der Technischen Universitätsbibliothek Hannover (TIB) aufbewahrten Sammlung Haupts (GESAH) war das Konvolut der Proberisse Bestandteil einer Tiefenerschließung und diente mit seinen Meistersiegel- bzw. Meisterstempelabdrücken als Fallstudie zur Verknüpfung mit der Forschungsdateninfrastruktur von NFDI4Culture. In einer an der TIB im Open Science Lab in Zusammenarbeit mit dem Fachgebiet Bau- und Stadtbaugeschichte der Leibniz Universität Hannover entwickelten Wikibase-Instanz, dem Meistersiegel-Wiki (https://meistersiegel.tibwiki.io/wiki/Main_Page), werden nun erstmals solche Siegel erfasst und systematisch beschrieben. Über die neue Wissensdatenbank werden die gesammelten Daten im Linked-Data-Format öffentlich zugänglich und verknüpfbar gemacht und können in Zukunft weiter kollaborativ bearbeitet und erweitert werden.
Die neue Wikibase-Datenbank zu den Meistersiegeln erfasst und beschreibt sämtliche Siegelmotive, die sich als Blindsiegel-Prägungen auf den Blättern erhalten haben. Mit ihrer Erfassung lassen sich Beziehungen der Siegler untereinander und zeitliche Entstehungszusammenhänge innerhalb der Blätter, aber auch zu darüber hinaus vorhandenen Quellenmaterialien nachvollziehen. Insgesamt ließen sich auf diese Weise 18 unterschiedliche Siegel auf den Blättern identifizieren und beschreiben, drei weitere konnten nur im rudimentären Zustand erfasst werden. Weitere neun Siegelmotive wurden aus der historischen Literatur in die Aufstellung übernommen. Im Abgleich mit den im Zuge der Archiv- und Literaturquellen ermittelten über 150 belegbaren Meister konnte ein Großteil der Siegler identifiziert werden. Über die überlieferte Kombination der Siegel wurden so genauere entstehungsgeschichtliche Zusammenhänge sichtbar, die u.a. zur Korrektur der zeitlichen Einordnung und Reihenfolge von bislang nur über die Wasserzeichen grob datierbaren Zeichnungen führte.
Eine Besonderheit ist das mit Piktogrammen unterstützte Glossar (https://meistersiegel.tibwiki.io/wiki/Glossar), das als begleitendes Corpus zu den beschreibenden Feldern der Siegelmotive und der Zusammensetzung der jeweiligen Marken herangezogen werden kann. Es beruht auf einem vereinheitlichten Fachvokabular (angelehnt an das Vokabular der Blasonierung für Hausmarken), auf das nun zusätzlich zu den Siegeln und ihren Sieglern referenziert werden kann.
Das Meistersiegel-Wiki ist ein Teilprojekt der zweiten Förderphase des DFG-Projekts „Digitalisierung und fachliche Erschließung der Sammlung des Architekten Albrecht Haupt“ (GESAH+, Laufzeit 1/2023-2/2026) in Kooperation zwischen der Technischen Informationsbibliothek – Leibniz-Informationszentrum Technik und Naturwissenschaften und Universitätsbibliothek Hannover (TIB) und dem Lehrstuhl für Bau- und Stadtbaugeschichte, Institut für Geschichte und Theorie der Architektur, Leibniz Universität Hannover (LUH).
Wissenschaftliche Bearbeitung, Grafiken und Texte: PD Dr.-Ing. habil. Simon Paulus (LUH/TIB)
Technische Umsetzung: Lucia Sohmen M.A., Sören Wachsmuth M.A. (Open Science Lab, TIB)
Projektleitung Open Science Lab (TIB): Prof. Dr. Ina Blümel
Gesamtprojektleitung: Dr. Irina Sens (TIB), Prof. Dr. Markus Jager (LUH)
Quellennachweis:
WWW: New Art-Historical Resource on the Web. In: ArtHist.net, 10.05.2026. Letzter Zugriff 11.05.2026. <https://arthist.net/archive/52383>.