Gegenöffentlichkeit generieren? – Kunst, KI und rechte Dynamiken.
Millionenfach verbreitete KI-Bilder – etwa von der angeblichen Verhaftung Donald Trumps oder dem Papst in einer Designerjacke – zeigen, wie sich die Bedingungen von Öffentlichkeit gegenwärtig verschieben. Digitale Öffentlichkeiten werden zunehmend durch massenhaft produzierte Inhalte geprägt, die Stimmungen verstärken, Desorientierung fördern oder Aufmerksamkeit binden – Praktiken, die unter Begriffen wie „Sloppaganda“ oder „AI-Flooding“ diskutiert werden. Digitale Medien, Plattformen und KI prägen heute, was sichtbar wird, was zirkuliert und welche Deutungen sich durchsetzen. In privat organisierten, algorithmisch strukturierten Öffentlichkeiten verändern sich damit auch die Möglichkeiten, Gegenöffentlichkeiten zu bilden und politische Konflikte öffentlich auszutragen.
Die bekannte Medienkünstlerin Hito Steyerl machte schon 2008 in ihrem Essayband Die Farbe der Wahrheit darauf aufmerksam, dass sich Machtverhältnisse in digitalen Gesellschaften nicht nur inhaltlich, sondern auch in den technischen und ökonomischen Strukturen der Bildproduktion und -verbreitung ausdrücken. Zugleich werden zentrale Entscheidungen über die Entwicklung und den Einsatz von KI zunehmend von privaten Akteur:innen getroffen und entziehen sich damit oft demokratischer Kontrolle (so Steyerl in ihrem neusten Buch „Medium Hot“, 2025). Auch Jürgen Habermas beschreibt in „Ein neuer Strukturwandel der Öffentlichkeit“, wie diese Entwicklungen grundlegende Fragen nach demokratischer Willensbildung und politischer Teilhabe aufwerfen (Habermas, 2022).
Wenn Öffentlichkeit selbst zunehmend privatisiert, automatisiert und affektiv gesteuert wird, verändern sich die Möglichkeiten, dominante Narrative zu kritisieren, alternative Perspektiven sichtbar zu machen und politische Konflikte öffentlich zu verhandeln. Daher muss im Anschluss an Negt und Kluge mit Bezug auf den Text „Öffentlichkeit und Erfahrung“ (1974) gefragt werden, ob und wie Gegenöffentlichkeiten heute im Kontext von KI-Technologien und Informationskapitalismus überhaupt entstehen können und welche Rolle Kunst und Medien dabei spielen. Haben Gegenöffentlichkeiten heute noch den radikalen, transformativen und emanzipatorischen Charakter, den Negt und Kluge beschrieben haben? Oder bringt die Privatisierung von Öffentlichkeit vor allem regressive Gegenöffentlichkeiten hervor?
Ausgehend von diesen Fragen untersucht der Workshop die politischen, ästhetischen und technischen Bedingungen kritischer Gegenöffentlichkeit in Zeiten von KI und Informationskapitalismus. Ein besonderer Fokus liegt dabei auf der Rolle widerständiger künstlerischer und medialer Praxen. Dass Kunst relevant für die Produktion von Gegenöffentlichkeiten sein kann, wird u. a. daran deutlich, dass politische Performances, kritische Aktionen oder konzeptuelle Interventionen oft gerade dann sanktioniert werden, wenn sie eine große mediale Öffentlichkeit erreichen. In staatlichen Kontexten werden sie teilweise als sicherheitsrelevantes Problem eingestuft und strafrechtlich verfolgt, wie am Beispiel von Pussy Riot, dem Peng-Kollektiv oder dem Zentrum für Politische Schönheit deutlich wird. Dies verweist darauf, dass die Wirksamkeit politischer Kunst eng mit ihren Möglichkeiten zur Produktion von Gegenöffentlichkeiten verbunden ist.
Welche Möglichkeiten des Widerstands und der Produktion von Gegenöffentlichkeiten hat Kunst im Zeitalter der Automatisierung, Technisierung und Maschinisierung von Bildern, Texten und Gedanken, der Privatisierung von Öffentlichkeit, des Umschlagens von Cyberlibertarianism in Cyberfaschismus, der Aushöhlung und Entmachtung demokratischer Institutionen bei gleichzeitiger Machtkonzentration von „Big-Tech-Unternehmen“ im ökonomischen Bereich? Wie kann dieser Entwicklung mit künstlerischen Mitteln begegnet werden? Gibt es künstlerische Techniken oder Verfahren, die sich gegen die Technologien, die diese Entwicklungen tragen, einsetzen lassen? Oder sieht sich die Kunst gezwungen, ähnliche Mittel zur Bekämpfung dieser Entwicklungen zu verwenden? Wie verändert dies künstlerische Praxis? Kann Kunst kritische Gegenöffentlichkeiten jenseits privatisierter Öffentlichkeit und damit verbundener ideologischer Blasen ermöglichen? Wie ist in diesem Zusammenhang die Kriminalisierung von Künstler:innen zu bewerten und wie ist dem zu begegnen? – Das Forschungsprojekt „Die Kunst der Gegenuntersuchung“ am Institut für Sozialforschung (IfS) und der Hochschule für Gestaltung Offenbach (HfG) und das Netzwerk Terrorismusforschung (NTF) laden dazu ein, diese und weitere Fragen im Rahmen des Workshops „Gegenöffentlichkeit generieren? – Kunst, KI und rechte Dynamiken“ am 20. und 21. Juli 2026 in Frankfurt im Studio der Schirn Kunsthalle Frankfurt zu diskutieren.
Der Workshop richtet sich an Wissenschaftler:innen aller Fachbereiche und Künstler:innen aller Sparten. Besonders Nachwuchskräfte werden ermutigt, ihre Projekte, Arbeiten und Thesen vorzustellen. Interessierte sind aufgerufen, ein Abstract (max. 2.000 Zeichen inkl. Leerzeichen) einzureichen. Präsentationen sollten 20 bis max. 30 Minuten dauern und im Anschluss Gelegenheit zur Diskussion bieten. Die ausgewählten Beiträge werden in einem interdisziplinären Rahmen präsentiert und diskutiert. Es können auch Vorschläge für Panels oder andere Gruppenformate eingereicht werden.
Neben klassischen wissenschaftlichen Vorträgen und Austauschformaten sind ausdrücklich auch künstlerische Beiträge, wie Performance-Lectures, Screenings und ähnliche Formate, willkommen.
Senden Sie Ihr Abstract zusammen mit einer Kurzbiographie bitte bis zum 11. Mai 2026 an: isabelle.holznetzwerk-terrorismusforschung.de.
Feedback erhalten alle Einsendungen bis zum 20. Mai 2026. Eine verbindliche Anmeldung (ohne Vortrag) wird bis 22. Juni 2026 unter der genannten Emailadresse erbeten. Bei Fragen können Sie sich ebenfalls gerne an isabelle.holznetzwerk-terrorismusforschung.de wenden.
Quellennachweis:
CFP: Kunst, KI und rechte Dynamiken (Frankfurt a. M., 20-21 Jul 26). In: ArtHist.net, 04.04.2026. Letzter Zugriff 05.04.2026. <https://arthist.net/archive/52156>.