CFP Mar 18, 2026

Konstruktion von Unwirklichkeit im Mittelalter (Bielefeld, 19-20 Nov 26)

Universität Bielefeld, Nov 19–20, 2026
Deadline: May 31, 2026

Gion Wallmeyer

Nichtwissen. Die gesellschaftliche Konstruktion von Unwirklichkeit im Mittelalter.
32. Jahrestagung des Brackweder Arbeitskreises für Mittelalterforschung.

Nichtwissen ist in der medialen Öffentlichkeit wie Wissenschaft lange Zeit als Problem oder Defizit wahrgenommen worden. Aus Perspektive der modernen Wissensgesellschaft ist Nichtwissen ein Makel, der umgehend durch den Erwerb neuen Wissens beseitigt werden muss. Wer diesem Handlungsimperativ nicht folgt, läuft Gefahr, als engstirnig oder gar fahrlässig zu gelten. Nichtwissen erzeugt Kontingenz, indem es Handlungserwartungen destabilisiert, und rückt damit in die Nähe von Krise und Unsicherheit. Demgegenüber setzt sich in Sozial- und Politikwissenschaft zunehmend die Ansicht durch, Nichtwissen angesichts der Ausdifferenzierung von Beständen an Spezialwissen und der damit verbundenen Komplexitätssteigerung als Normalzustand zu verstehen. Statt es zu beseitigen, suchen Wissenschaftler:innen verschiedener Fachrichtungen inzwischen nach Ansätzen, mit Phänomenen wie ‚strukturellem Nichtwissen‘ umzugehen und das Wissen darüber in Entscheidungsprozesse zu integrieren. Nichtwissen erscheint aus dieser Warte nicht länger als problembehaftetes Residuum einer unaufgeklärten Vergangenheit, die durch die moderne Wissensgesellschaft abgelöst wurde, sondern als notwendiger Bestandteil aller wissensteilig organisierten Gesellschaften.

Die Tagung knüpft an diese wissensgeschichtlichen Überlegungen an und möchte sie anhand vormoderner Gesellschaften weiter ausloten. Im Zentrum steht dabei die Frage, in welchen Kontexten Nichtwissen von den Zeitgenoss:innen überhaupt zum Thema gemacht wurde. Der raumzeitliche Fokus liegt auf einem Mittelalter mit weichen geographischen und epochalen Grenzen, das sowohl das 5. als auch das 16. Jahrhundert einschließt. Das Mittelalter eröffnet Perspektiven auf vormoderne Wissenskulturen, die sich hinsichtlich ihrer stratifikatorischen Differenzierung, ihrer Kontingenzwahrnehmung und ihrer Auffassung von den Grenzen des Wissens deutlich von modernen Gesellschaften unterscheiden.

Im Anschluss an die Wissenssoziologie versteht die Tagung ‚Wissen‘ als die innerhalb von Gemeinschaften, Diskursen oder sozialen Feldern anerkannten Wahrheiten über die Wirklichkeit, die durch Sozialisation erworben und weitergegeben werden. Dies schließt explizit heterodoxe und historische Wissensformen ein, die umstritten sind oder sich ex post als falsch erwiesen haben, den Zeitgenoss:innen jedoch als real galten. Demzufolge können divinatorische Praktiken wie die Chiromantie im Rückblick ebenso als Wissen gelten wie extinkte theologische Strömungen wie der Arianismus. Wissen reduziert den individuellen wie gesellschaftlichen Möglichkeitsraum auf ein Set an korrekten Optionen und disponiert seine Träger:innen dadurch zu bestimmten Handlungen und Problemlösungen. Ihr nautisches Wissen ermöglichte es beispielsweise spätmittelalterlichen Seefahrern, mithilfe von Instrumenten wie Bussolen, Portolankarten und Stundengläsern auf hoher See zu navigieren und ihre Ziele sicher zu erreichen. Folglich kann Wissen je nach beobachtetem Handlungserfolg, konkurrierenden Wissensformen oder institutioneller Absicherung mehr oder weniger gerechtfertigt bzw. gewiss erschienen. Die Tagung knüpft an diese Überlegungen an und versteht ‚Nichtwissen‘ als die Negation oder Abwesenheit von Wissen. Nichtwissen ist damit von unsicherem oder ungewissem Wissen zu unterscheiden, das umkämpft, nicht weithin anerkannt oder epistemisch nicht hinreichend abgesichert ist.

Zwei Arten von Nichtwissen lassen sich unterscheiden: ‚nicht-gewusstes‘ und ‚gewusstes‘ Nichtwissen. ‚Nicht-gewusstes Nichtwissen‘ bezeichnet Wissensformen, die einzelnen Akteur:innen oder Gemeinschaften gänzlich unbekannt und deshalb für sie nicht verfügbar sind. Kurz gesagt wissen sie nicht, dass sie etwas nicht wissen. Der Raum des nicht-gewussten Nichtwissens ist prinzipiell unendlich und insofern für die historische Analyse von untergeordneter Bedeutung. ‚Gewusstes Nichtwissen‘ hingegen umfasst alle Wissensformen, die Akteur:innen oder Gemeinschaften zwar grundsätzlich bekannt, aber nicht verfügbar oder zuhanden sind. Die Gründe hierfür sind vielfältig und vom jeweiligen soziokulturellen Kontext abhängig; dazu zählen einerseits die klassischen Wissenslücken oder Forschungsdesiderate, denen Akteur:innen üblicherweise durch Befragung des gesellschaftlichen Wissensvorrats oder der Wissensproduktion zu begegnen versuchen. So veranlasste die Mongoleninvasion des 13. Jahrhunderts Päpste und Könige, Gesandte wie Johannes von Plano Carpini nach Asien zu schicken, um Wissen über das zuvor unbekannte Volk zu gewinnen. Auf der anderen Seite stehen die verschiedenen Ausprägungen von Ignoranz, sprich der begründeten Ablehnung von Wissen, das prinzipiell zugänglich wäre, weil es Teil des gesellschaftlichen Wissensvorrats ist. Eine solche Ablehnung kann moralisch oder epistemisch fundiert sein oder darauf beruhen, dass Akteur:innen dem betreffenden Wissen keine Relevanz für ihre alltägliche Lebenswelt beimessen. Viele hochmittelalterliche Weltadelige lehnten die Beschäftigung mit Gelehrtenwissen etwa nicht deshalb ab, weil sie es nicht als Wissen anerkannten, sondern weil sie es für ihren Alltag als irrelevant erachteten. Gewusstes Nichtwissen ist damit selbst eine Form von Wissen zweiter Ordnung – nämlich das Wissen darum, etwas nicht zu wissen. Dieses Wissen über Nichtwissen scheint für die historisch arbeitenden Disziplinen besonders fruchtbar zu sein, weil es einen neuen Zugang zur zeitgenössischen Selbstbeobachtung gesellschaftlich konstruierter Wirklichkeit eröffnet.

Ausgehend von diesen Begriffsbestimmungen soll die Tagung der Frage nachgehen, in welchen sozialen, kulturellen, künstlerischen oder diskursiven Kontexten gewusstes Nichtwissen im Mittelalter beobachtet und zum Gegenstand von Kommunikation gemacht wurde. Unter welchen Umständen sahen die Zeitgenoss:innen sich veranlasst, Nichtwissen zu explizieren, zu problematisieren und zu reflektieren? Wann entschieden sie sich, Nichtwissen zu ignorieren? Welchen Handlungsbedarf leiteten sie aus dem Wissen über Nichtwissen ab? Inwiefern trug dieses offene Nachdenken über Nichtwissen zur gesellschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit bei? Und welche Spezifika vormoderner Gesellschaften lassen sich erkennen, die möglicherweise einen Unterschied zum modernen Umgang mit Nichtwissen markieren? Zur Beantwortung dieser Fragen erscheinen insbesondere (jedoch nicht ausschließlich) die folgenden thematischen Schwerpunkte geeignet:

Nichtwissen und Unsicherheit:
In welchen Handlungs- und Diskurszusammenhängen erzeugt Nichtwissen bei den Zeitgenoss:innen eine als problematisch empfundene Unsicherheit, in welchen Fällen bleibt das Handeln unter lückenhaftem oder unvollständigem Wissen unproblematisch? In welchen Kontexten beginnen etwa mittelalterliche Herrscher damit, die Gegenseite im Vorfeld militärischer Auseinandersetzungen gezielt auszuspähen und welches Ausmaß an Aufklärung erachten sie als erforderlich, um eine Entscheidung zu treffen? Wie wird das Nichtwissen der eigenen Abstammung für die adligen Helden der höfischen Romane als handlungslösender Unsicherheitsfaktor narrativ inszeniert?

Nichtwissen und epistemische Konkurrenz:
Welche Rolle spielen epistemische Auseinandersetzungen um die richtige Deutung der Wirklichkeit für die Beobachtung von Nichtwissen? Wird Nichtwissen von den Zeitgenoss:innen möglicherweise vor allem dann wahrgenommen, wenn die Auslegung der Wirklichkeit zwischen verschiedenen Gruppen oder Akteur:innen besonders umstritten ist? Zwingt die Herausforderung durch heterodoxe Bewegungen wie die Katharer oder Waldenser die Gegenseite beispielsweise dazu, über Nichtwissen (neu) nachzudenken? Und welchen Einfluss hat der ständische Rang, der im Mittelalter alle sozialen Felder durchdrang, auf diese Problematisierungen von Nichtwissen in Konfliktsituationen? Fungiert die Notwenigkeit zur ständischen Abgrenzung als Triebfeder für die Auseinandersetzung mit Nichtwissen, etwa im Rahmen der Wappen- und Ahnenproben bei den Teilnehmern spätmittelalterlicher Turniere?

Nichtwissen als Strategie:
Auf welche Weise und in welchen Zusammenhängen nutzten die Zeitgenoss:innen den Verweis auf Nichtwissen als rhetorische, ästhetische, epistemische oder religiöse Strategie? Wie wurde Nichtwissen dabei künstlerisch oder literarisch medialisiert? Inwiefern zeigt sich dies etwa in Nichtwissensfiguren, die wie der Schelm Nichtwissen prätendieren, um ihre Umgebung zu täuschen, oder wie der idiota in den Dialogen des Nikolaus von Kues die Unwissenheit ihrer Zeitgenoss:innen bloßstellen? Welche Rolle spielen solche Nicht-Ratgeber:innen, Nicht-Kundigen, und Nicht-Deuten-Könnenden auf der Ebene des Erzählten? Und wie wird Nichtwissen auf der Ebene des Erzählens wirksam, wenn der „allwissende Erzähler“ sich selbst als nichtall(es)wissend inszeniert – sei es als Polemik, als Fiktionalitätsdiskussion oder als Rechtfertigung für abgeschnittene Handlungsstränge?

Nichtwissen und Ignoranz:
In welchen Handlungs- und Diskurszusammenhängen wird Ignoranz routinemäßig praktiziert, wann wird sie für die Zeitgenoss:innen zu einem Problem? Wann können die Zeitgenoss:innen beispielsweise das Spezialwissen von institutionalisierten Expert:innen wie Theologen oder zünftisch organsierten Handwerker:innen ignorieren, wann wird es für ihre alltägliche Lebenswelt relevant? Inwiefern trägt etwa das Verhüllen und Verschleiern von Bildelementen dazu bei, Ignoranz künstlerisch zu legitimieren oder zu delegitimieren?

Nichtwissen und verlorenes oder vergessenes Wissen:
Welche Funktion hat der Verweis auf verlorengegangenes oder vergessenes Wissen im Umgang mit Nichtwissen? Inwiefern kann etwa die Bezugnahme auf die Antikenüberlieferung als Kommentar zum bedauernswerten Zustand der (vergangenen) Gegenwart gedeutet werden oder dazu dienen, das eigene Wissen als knappes Gut zu profilieren? Lässt sich gezieltes Vergessen als eine Form des Nachdenkens über Nichtwissen begreifen, die zugleich als machtpolitisches Instrument fungiert, etwa bei der damnatio memoriae von Herrscherfiguren oder dem Auslöschen des Wissens paganer Kulte im Zuge der christlichen Mission des Frühmittelalters?

Nichtwissen und die Grenzen des Wissbaren:
Was sagt das Nachdenken über Nichtwissen über die zeitgenössischen Vorstellungen von den Grenzen des Wissbaren und des Gewussten aus? Sind die Grenzen des Wissens als statisch fixiert zu denken, oder werden sie temporalisiert als ein Noch‑Nicht‑Gewusstes? Gehen die Zeitgenoss:innen davon aus, dass Wissen immer unvollständig ist und es daher notwendigerweise einen (mehr oder weniger großen) Raum des Nichtwissens gibt? Oder gilt Wissen als prinzipiell vollständig erfass- und systematisierbar, wie es etwa die spätmittelalterliche Enzyklopädistik nahelegt? Und inwiefern waren die Grenzen des Wissbaren mit zeitgenössischen Differenzkategorien wie Stand, Geschlecht und Alter verbunden? Verschoben Mystikerinnen wie Mechthild von Hackeborn oder Katharina von Siena etwa die Grenzen des (Nicht-)Wissens über das Transzendente in einer Weise, die Klerikern verwehrt blieb?

Der Brackweder Arbeitskreis für Mittelalterforschung lädt zwecks Diskussion dieser Fragekomplexe zu einer interdisziplinären Tagung ein, die am 19. und 20. November 2026 an der Universität Bielefeld stattfinden wird.

Die Tagung ist fachöffentlich und bedarf keiner persönlichen Einladung. Wir freuen uns auf Vortragsvorschläge von Wissenschaftler:innen aus allen Teildisziplinen der Mediävistik (Anglistik, Archäologie, Byzantinistik, Germanistik, Geschichte, Islamwissenschaft, Jüdische Studien, Kunstgeschichte, Mittellatein, Musikwissenschaft, Philosophie, Rechtsgeschichte, Romanistik, Skandinavistik, Theologie usw.) in allen Karrierestufen, insbesondere von Nachwuchswissenschaftler:innen. Die Vorträge können in deutscher oder englischer Sprache gehalten werden und sollten 25–30 Minuten nicht überschreiten. Für alle Vortragenden werden Übernachtungs- und Reisekosten übernommen.

Bei Interesse senden Sie bitte ein Vortragsexposé im Umfang von ca. 300 Wörtern sowie einen kurzen Lebenslauf mit Publikationsverzeichnis bis zum 31. Mai 2026 an gion.wallmeyeruni-bielefeld.de.

Reference:
CFP: Konstruktion von Unwirklichkeit im Mittelalter (Bielefeld, 19-20 Nov 26). In: ArtHist.net, Mar 18, 2026 (accessed Mar 19, 2026), <https://arthist.net/archive/52010>.

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