ANN 11.03.2026

Summer School Ungewöhnliche Bildmedien (Gießen, 14-18 Sep 26)

Institut für Kunstgeschichte, Justus-Liebig-Universität, Gießen, 14.–18.09.2026
Deadline/Anmeldeschluss: 27.04.2026

Tristan Schaub

Summer School – Ungewöhnliche Bildmedien: Künstlerische Gestaltung zwischen Adaption und Innovation.
Verantwortliche: Tristan Schaub, M.A.; Prof. Dr. Sigrid Ruby

Jenseits der ‚klassischen‘ zweidimensionalen Bildträger (Holz, Leinwand, Papier etc.) existiert in der Kunstgeschichte eine große Vielfalt von Bildmedien, die bislang viel zu wenig Beachtung fanden. Hierzu zählen u. a. ursprünglich für den Gebrauch entworfene Gegenstände, die durch eine dezidiert künstlerische Bearbeitung eine neue Prägung erhalten. In der Folge verändert sich ihre Wahrnehmung und changiert nun zwischen Gebrauch und Kunstbetrachtung. Die Gießener Summer School stellt Artefakte in den Fokus, die sich durch eine derart hybride Erfahrungsweise auszeichnen, und hinterfragt zugleich die Anlässe, Beweggründe und Prozessverläufe von künstlerischen Gestaltungen solch ungewöhnlicher Bildmedien.
Eine Annäherung erlaubt das Beispiel der »Art Cars«. Im 20. Jahrhundert transferierten verschiedene Automobilhersteller die Arbeiten zeitgenössischer Künstler_innen auf ihre Autos. So entstand beispielsweise ab 1975 das Projekt der »BMW-Art Cars« aus der Zusammenarbeit zwischen dem französischen Auktionator Hervé Poulain und der Motorsportleitung des bayerischen Unternehmens. Für das erste »Art Car« gewann man den US-amerikanischen Künstler Alexander Calder. Seine Aufgabe war es, einem Rennwagen eine persönliche künstlerische Gestaltung zu verleihen, ehe dieser bei dem Langstreckenrennen der 24h von Le Mans zum Einsatz kam. In Weiterführung des Projektes waren es Künstler_innen wie Roy Lichtenstein (1977), Andy Warhol (1979), Robert Rauschenberg (1986), Esther Mahlangu (1991), David Hockney (1995), Jenny Holzer (1999), Jeff Koons (2010) oder jüngst die US-amerikanische Malerin Julie Mehretu (2024), die in Auseinandersetzung mit dem ungewöhnlichen Bildmedium ihre Kunst auf das Automobil übertrugen. Im Ergebnis entstanden hybride Werke, bei denen das Zusammenspiel respektive Wechselverhältnis zwischen dem Bildträger und seiner künstlerischen Gestaltung noch genauer zu untersuchen ist.

Phänomene solch ungewöhnlicher Bildmedien finden sich nicht erst in der Postmoderne oder der zeitgenössischen Kunst. Ein spannungsvolles Mit- und Gegeneinander von Gebrauchs- und Kunstwert ist bereits in der griechischen Frühzeit bekannt, z. B. bei künstlerisch gestalteten Rüstungen. Das ambivalente Zusammenspiel von Schutzbekleidung und Kunstwerk setzte sich über das Mittelalter bis in die Frühe Neuzeit fort, als sich Rüstungen immer mehr zu theatralischen Requisiten sowie zu Trägern teils komplexer Bildprogramme entwickelten und sich ihrem ursprünglichen Nutzungsfeld sukzessive entzogen. Die metallenen Bildmedien stellten die Künstler_innen vor die Herausforderung, den (vormaligen) Gebrauchscharakter des Mediums bei seiner Transformation in ein hybrides Kunstwerk mitzudenken. Allerdings ging es nicht nur um Aspekte der Funktionalität und der Ästhetik, sondern auch um Fragen der Materialbehandlung, der plastischen Werte und der performativen Einsatzfähigkeit respektive Wirkung.

Weitgehend unabhängig von der Wahl der Motive durch Auftraggeber_innen und Künstler_innen bewegte sich die künstlerische Gestaltung zwischen Adaption an das jeweilige Bildmedium und der Behauptung ihrer selbst als innovative Kraft. Dahingehend sind in ihrer alltäglichen Zirkulation auch Münzen und ihre genuine Medienspezifik genauer zu betrachten. Gerade bei einem solchen »Massenmedium« ist unter anderem nach dem Stellenwert der Abweichung zu fragen: Ist sie ein bewusst gewähltes Mittel künstlerischer Gestaltung? Geht es hier um die Wahrnehmung des Anderen als Kunst? Und zwar nicht nur auf visueller Ebene, sondern auch im Hinblick auf die haptische Erfahrung der Motive, Ornamente und ihrer Materialität? Auch kleinformatige Siegel, die primär juristische und heraldische Funktionen zu erfüllen hatten, waren oftmals künstlerisch gestaltet. Ihre hybride Bild- und Zeichensprache dehnte sich auf andere Artefakte wie Glocken, Geschirr, Kostüme, Rüstungen, Mobiliar und Ähnliches aus. Dabei spielte man häufig mit der spezifischen Siegel-Ästhetik, um sie in Abhängigkeit des jeweiligen Mediums mit weiteren künstlerischen Ideen zu verbinden.

Grundsätzlich stellt sich die Frage nach den Affordanzen dieser ungewöhnlichen Bildträger sowie danach, welche Veränderung die künstlerische Gestaltung für die Wahrnehmung dieser Objekte und deren potenziellen Gebrauch bedeutet. Geschnitzte Elfenbeinkämme etwa weisen oft weniger auf eine alltägliche Nutzung hin als auf einen sparsamen, beinahe ritualisierten Gebrauch. Manches Mobiliar sowohl im profanen als auch sakralen Raum erscheint mitunter in einer auratischen Unbenutztheit überliefert, als habe die künstlerische Gestaltung bei der Wahrnehmung des Objekts überwogen und eine Ingebrauchnahme vereitelt. Als ungewöhnliche Bildmedien erweisen sich auch kunstvoll gestaltete Schilde aus Krötenpanzern. Die Form und Symbolik des tierischen Ausgangsmaterials machte man sich zunutze und beeinflusste zugleich sprachliche sowie kulturelle Vorstellungen von Wehrhaftigkeit.

In ihrer bewusst interdisziplinären Ausrichtung bietet die Gießener Summer School an fünf Tagen eine Plattform für den akademischen Austausch. An den Vormittagen erfolgen jeweils in zwei Abschnitten Fachvorträge, die einen Eindruck von der thematischen Breite geben. Im Fokus stehen dabei Aspekte der Besonderheit der künstlerischen Gestaltung ungewöhnlicher Bildmedien: Was macht die Kunst mit dem (Gebrauchs)Objekt? Welche Formen nimmt sie in Auseinandersetzung mit ihm an, und wie reagiert sie auf seine je spezifische Beschaffenheit und Funktionalität? Wie kommt die Kunst auf das Objekt, und wer ist in den künstlerischen Prozess involviert bzw. wer hat daran welchen Anteil? Und schließlich, wie verändert die Kunst den überformten Gegenstand hinsichtlich seiner Wahrnehmung und seines Gebrauchs? Nach den Vorträgen der Tagessektion gibt es jeweils eine Podiumsdiskussion, die in Kleingruppenarbeit vorbereitet wird, zum Teil unter Einbezug weiteren Materials. An den Nachmittagen liegt der Fokus auf der praktischen Auseinandersetzung mit den Themen des Vormittags. Zu diesem Zweck sind Besichtigungen der universitätseigenen Sammlungen und des Universitätsarchivs organisiert ebenso wie der Besuch städtischer Bestände und von Sammlungen in der Region.

Die Gießener Summer School lädt insbesondere Student_innen und Doktorand_innen ein, sich zu bewerben, um an einem interdisziplinären Austausch teilzunehmen, bei dem ein besonderer Wert auf eine objektnahe Reflexion gelegt wird.

PROGRAMM

Montag, 14.09.2026

10.00 Uhr
Begrüßung und Einführung
(Prof. Dr. Sigrid Ruby, JLU Gießen)

10.20 Uhr
Verhüllen und Verkörpern. Sakramentshäuser zwischen Gebrauchsmobiliar und Bildmedium (Céline Harder M.A., Johannes Gutenberg-Universität Mainz)

10.50 Uhr
Hörbilder. Mittelalterliche Glocken als Bildträger
(Prof. Dr. Markus Späth, JLU Gießen)

11.15 Uhr
Kaffeepause

11.45 Uhr
Kleingruppenarbeit

12.40 Uhr
Podiumsdiskussion mit den Tagesreferent_innen

13.15 Uhr
Mittagspause

14.15 Uhr
Besuch der Siegelsammlung
(Prof. Dr. Stefan Tebruck und Dr. Joachim Hendel, JLU Gießen)

16.30 Uhr
Ende des Veranstaltungstages

Dienstag, 15.09.2026

10.00 Uhr
Reflexion des Vortags

10.20 Uhr
Vom Zahlungsmittel zum Bedeutungsträger: Friedensmotive auf römischen Münzen und ihr Aussagepotenzial
(Johanna Diehl M.A., JLU Gießen)

10.50 Uhr
Mikrokosmos in Glas und Gold: Mittelalterliche Emailbilder als Medien verdichteter politisch-theologischer Repräsentation
(Dr. Antje Bosselmann-Ruickbie, JLU Gießen)

11.15 Uhr
Kaffeepause

11.45 Uhr
Kleingruppenarbeit

12.40 Uhr
Podiumsdiskussion mit den Tagesreferent_innen

13.15 Uhr
Mittagspause

14.15 Uhr
Besuch der Antikensammlung (Dr. Michaela Stark, JLU Gießen)

16.30 Uhr
Ende des Veranstaltungstages

Mittwoch, 16.09.2026

9.00 Uhr
Anreise Schloss Braunfels

10.20 Uhr
Reflexion des Vortags

10.50 Uhr
Einführung in die Braunfelser (Sammlungs)Geschichte
(Dr. Silvia Kepsch, Braunfels)

11.15 Uhr
Kaffeepause

11.45 Uhr
Schlossführung inkl. Diskussion an den Objekten
(Dr. Silvia Kepsch & Tristan Schaub)

13.15 Uhr
Ende des offiziellen Programms / Möglichkeit zur Erkundung der Region

Donnerstag, 17.09.2026

10.00 Uhr
Reflexion des Vortags

10.20 Uhr
Tischlein deck Dich: Schau- und Essenslust in der Vormoderne
(PD Dr. Cornelia Logemann, Ludwig-Maximilians-Universität München)

10.50 Uhr
SCHILDkröten
(PD Dr. Julia Saviello, Goethe-Universität Frankfurt am Main)

11.15 Uhr
Kaffeepause

11.45 Uhr
Kleingruppenarbeit

12.40 Uhr
Podiumsdiskussion mit den Tagesreferent_innen

13.15 Uhr
Mittagspause

14.15 Uhr
Rundgang durch das Depot des »Museum für Gießen«: Die Stadt als Dekor. Gießener Porzellansouvenirs (Dr. Katharina Weick-Joch und Mário Jorge Alves, Museum für Gießen)

16.30 Uhr
Ende des Veranstaltungstages

Freitag, 18.09.2026

10.00 Uhr
Reflexion des Vortags

10.20 Uhr
N.N.
(Prof. Dr. Nicole Immig, JLU Gießen)

10.50 Uhr
Lichtenstein - Warhol - Koons. Zur Gestaltung und Wahrnehmung mobiler Bildmedien zwischen Rennstrecke und Museum
(Tristan Schaub M.A., JLU Gießen)

11.15 Uhr
Kaffeepause

11.45 Uhr
Kleingruppenarbeit

12.40 Uhr
Podiumsdiskussion mit den Tagesreferent_innen

13.30 Uhr
Ende des Veranstaltungstages und der Summer School / Abreise

Interessierte Bewerber_innen senden bitte bis zum 27.04.2026 eine Anmeldung mit kurzem Lebenslauf und Motivationsschreiben an Tristan Schaub (tristan.schaubkunstgeschichte.uni-giessen.de; Betreff: »Summer School 2026«). Die Teilnahme ist auf 20 Personen beschränkt und kostenlos.

Kosten für Reise und Unterkunft können leider nicht übernommen werden. Gerne helfen wir aber bei der Suche nach einer passenden Unterkunft weiter.

Quellennachweis:
ANN: Summer School Ungewöhnliche Bildmedien (Gießen, 14-18 Sep 26). In: ArtHist.net, 11.03.2026. Letzter Zugriff 11.03.2026. <https://arthist.net/archive/51930>.

^