degrowth. Künstlerische Strategien im Kontext des Wachstumsparadigmas / Artistic Strategies in the Context of the Growth Paradigm, kritische berichte. Zeitschrift für Kunst- und Kulturwissenschaften, 04/2026, hg. v. Sarah Sigmund & Sabine Weingartner
[English version below]
Der Schwarzweiß-Film La Conta (1967) von Marisa Merz zeigt, wie sie am Küchentisch eine Konservendose öffnet und Erbse für Erbse auf einen Teller sortiert. Vor dem Hintergrund der zunehmenden Verbreitung industriell gefertigter Konsumgüter in den Haushalten der 1960er Jahre kann diese Geste als bewusste Verlangsamung eines an Effizienz und Zeitersparnis orientierten Küchenrituals gelesen werden. Sie problematisiert die Funktionalisierung häuslicher Arbeit und ihre geschlechtsspezifische Aufteilung, wie sie durch Konsumkultur und technische Rationalisierung in den Nachkriegs-Boomjahren propagiert wurde. Caroline A. Jones (1996) analysiert künstlerische Praktiken in den USA der 1960er Jahre als Reaktion auf ökonomische Bedingungen und setzt für die von ihr untersuchten Positionen die Metapher des Künstlers als „Maschine“ zur Verkörperung industrieller Rationalität, Effizienz und Produktivitätssteigerung. Demgegenüber kann die Arbeit von Merz als Beispiel einer materialistischen Kritik am Wachstumsparadigma der Nachkriegszeit verstanden werden. Der Einsatz alltäglicher, teils industrieller Materialien in der Arte Povera, einfache und ressourcenarme Verfahren sowie Strategien der Dematerialisierung (Lippard/Chandler 1968) und der partiellen Verweigerung gegenüber den Mechanismen des Kunstsystems lassen sich als künstlerische Antworten auf wachstumsorientierte Produktions- und Verwertungslogiken deuten. Das Sichtbarmachen von Arbeit und Produktionsbedingungen, wie es insbesondere für künstlerische Positionen seit den 1970er Jahren beschrieben wurde (Sigler 2021; Rottmann/Sigler, kb-Heft 04/2024), erweitert den Blick auf ein breiteres Feld wachstumskritischer Strategien.
Von diesem Befund ausgehend rückt Heft 04/26 der kritischen berichte Positionen ins Zentrum, die die ökonomischen Bedingungen künstlerischen Arbeitens, Ausstellens und Zirkulierens im Sinne einer Wachstumskritik reflektieren. Dabei stellt sich die Frage, inwiefern künstlerische Positionen bereits seit den 1960er/70er Jahren Themen aufgreifen, die später im degrowth-Diskurs der Wirtschafts-, Sozial- und Umweltwissenschaften diskutiert wurden und bis heute relevant sind. Seit etwa 2010 thematisieren zahlreiche Ausstellungen, Veranstaltungen und (Web-)Projekte seine Potenziale, Herausforderungen und Widersprüche für die Kunst und ihre Institutionen, etwa durch degrowth-Toolkits und dekoloniale Perspektiven (Dragone 2022).
Ziel der kb-Ausgabe ist es, degrowth als kunsthistorische Analysekategorie zu erproben, verstanden als kritische Haltung gegenüber dem Wachstumsparadigma, nicht als normative Leitlinie für künstlerische Praxis oder Aktivismus. Im Zentrum steht die Frage, wie künstlerische Praxis innerhalb der Parameter des Kunstsystems wachstumsorientierte Produktions- und Verwertungslogiken formal hinterfragt oder destabilisiert. Positionen aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg als einer vom Wirtschaftswachstum in den Industrienationen und von Globalisierungsprozessen geprägten Phase erscheinen naheliegend; zugleich sind ältere ebenso wie aktuelle Perspektiven ausdrücklich willkommen.
Exemplarische Fragen können sein:
- Wie lassen sich konzeptuell-ephemere, instruktive oder performative Verfahren der Kunst des 20. Jahrhunderts im Kontext einer Wachstumskritik verorten? Welche neuen Spannungsverhältnisse ergeben sich vor dem Hintergrund von Mechanisierung, Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz in der Kunst des 21. Jahrhunderts?
- Inwiefern entwickelten künstlerische Produktionen in internationalen Netzwerken, kollektiven Ökonomien oder alternativen Infrastrukturen Formen von Wachstumskritik, die globale Abhängigkeiten, Machtverhältnisse und Ressourcenzugänge sichtbar machten – insbesondere im Kontrast zur eurozentristischen, demografischen Perspektive des Club-of-Rome-Berichts Die Grenzen des Wachstums (1972)?
- Welche Rolle spielen queer-feministische Bezugnahmen auf Fürsorge-, Pflege- und Instandhaltungsarbeit sowie weiblich markierte Körper als Ort ökonomischer Akkumulation (Silvia Federici) im Rahmen einer Wachstumskritik? Inwiefern kann queer-feministische, klassismuskritische Kunst das Verhältnis zwischen Konsumlogiken und wachstumsorientierten, geschlechtlich codierten Machtverhältnissen offenlegen?
- Welche utopischen und spekulativen Kunst-, Design- oder Architekturpraktiken adressieren soziale Herausforderungen durch wirtschaftliches Wachstum und entwickeln alternative Entwürfe gesellschaftlicher Strukturen?
Wir laden textbasierte und visuelle Beiträge von Wissenschaftler:innen, Kurator:innen und Künstler:innen ein, die sich in diesem Themenfeld bewegen. Uns interessieren insbesondere, aber nicht ausschließlich, transkulturelle, queer-feministische, postkoloniale, materialwissenschaftliche, postmaterielle, kapitalismus-, klassismus- sowie institutionskritische Perspektiven.
Die kritischen berichte sind das Mitteilungsorgan des Ulmer Vereins (Verein für Kunst- und Kulturwissenschaften e. V.) und erscheinen im Open Access. Weitere Informationen: https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/kb
Hinweise zur Einreichung:
- Abstracts mit einem Umfang von bis zu 300 Wörtern sowie ein kurzer CV sind bis zum 6. Februar 2026 per E-Mail an weingartneradbk.mhn.de und sigmundadbk.mhn.de zu senden.
- Beiträge in deutscher und englischer Sprache sind willkommen, ebenso wie künstlerische, visuelle oder poetische Beiträge.
- Die Autor:innen der ausgewählten Vorschläge werden bis zum 13. Februar 2026 benachrichtigt.
- Die Artikel sollen einen Umfang von 25.000 bis 30.000 Zeichen (inkl. Leerzeichen) haben und sind bis spätestens 1. Juni 2026 einzureichen.
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The black-and-white film La Conta (1967) by Marisa Merz shows the artist sitting at her kitchen table, opening a tin can and sorting peas onto a plate one by one. Against the backdrop of the increasing circulation of industrially produced consumer goods in the households of the 1960s, this gesture can be read as a deliberate slowing down of a kitchen ritual oriented toward efficiency and time-saving. It problematizes the functionalization of domestic labor and its gendered division, as promoted by consumer culture and technological rationalization during the postwar economic boom. Caroline A. Jones (1996) analyzes artistic practices in the United States of the 1960s as responses to economic conditions and, for the positions she examines, introduces the metaphor of the artist as a “machine” as an embodiment of industrial rationality, efficiency, and increased productivity. By contrast, Merz’s work can be understood as an example of a materialist critique of the postwar growth paradigm. The use of everyday, partly industrial materials in Arte Povera, simple and resource-poor procedures, as well as strategies of dematerialization (Lippard/Chandler 1968) and partial refusal of the mechanisms of the art system, may be interpreted as artistic responses to growth-oriented modes of production and valorization. The visualization of labor and conditions of production—described particularly for artistic positions since the 1970s (Sigler 2021; Rottmann/Sigler, kb issue 04/2024)—broadens the perspective toward a wider field of growth-critical strategies.
Building on these observations, issue 04/26 of kritische berichte foregrounds artistic positions that reflect the economic conditions of artistic production, exhibition, and circulation from the perspective of growth critique. Central questions include the extent to which artists have engaged, since the 1960s and 1970s, with themes that were later articulated within the degrowth discourse in the economic, social, and environmental sciences and that remain relevant today. Since around 2010, numerous exhibitions, events, and (web-based) projects have addressed the potentials, challenges, and contradictions of degrowth for art and its institutions, for example through degrowth toolkits and decolonial perspectives (Dragone 2022).
The aim of this issue is to test degrowth as an art-historical analytical category—understood as a critical stance toward the growth paradigm rather than as a normative guideline for artistic practice or activism. At its core is the question of how artistic practice, operating within the parameters of the art system, formally interrogates or destabilizes growth-oriented logics of production and valorization. Positions from the period after the Second World War—¬a phase characterized by economic growth in industrialized nations and globalization processes—appear particularly relevant; at the same time, both earlier and contemporary perspectives are explicitly welcome.
Exemplary questions may include:
- How can conceptually ephemeral, instructional, or performative artistic practices of the twentieth century be situated within the context of growth critique? What new tensions emerge in light of mechanization, digitalization, and artificial intelligence in twenty-first-century art?
- To what extent did artistic productions within international networks, collective economies, or alternative infrastructures develop forms of growth critique that made global dependencies, power relations, and access to resources visible—particularly in contrast to the Eurocentric, demographic perspective of the Club of Rome report The Limits to Growth (1972)?
- What role do queer-feminist engagements with care, maintenance, and repair work, as well as female-marked bodies as sites of economic accumulation (Silvia Federici), play within a growth-critical framework? To what extent can queer-feminist and class-critical art expose the relationship between consumer logics and growth-oriented, gender-coded power relations?
- Which utopian and speculative artistic, design, or architectural practices address social challenges posed by economic growth and develop alternative models of social organization?
We invite text-based and visual contributions by scholars, curators, and artists working within this field. We are particularly interested—though not exclusively—in transcultural, queer-feminist, postcolonial, material-science-based, post-material, capitalism-critical, class-critical, and institution-critical perspectives.
kritische berichte is the official journal of the Ulmer Verein (Verein für Kunst- und Kulturwissenschaften e. V.) and is published open access. Further information:
https://journals.ub.uni-heidelberg.de/index.php/kb
Submission Guidelines:
- Abstracts of up to 300 words and a short CV should be submitted by 6 February 2026 via email to weingartneradbk.mhn.de and sigmundadbk.mhn.de.
- Contributions in German and English are welcome, as are artistic, visual, or poetic submissions.
- Authors of selected proposals will be notified by 13 February 2026.
- Articles should comprise 25,000–30,000 characters (including spaces) and must be submitted by 1 June 2026.
Quellennachweis:
CFP: kritische berichte, 4/2026: degrowth. In: ArtHist.net, 20.01.2026. Letzter Zugriff 21.01.2026. <https://arthist.net/archive/51530>.