Verlustgeschichten. Verlieren und Verlorensein als kulturelle Praktiken im Mittelalter, veranstaltet von Christoph Mauntel (Universität Osnabrück) und Anja-Rathmann-Lutz (Universität Tübingen)
Das Anliegen der Tagung ist es, das Phänomen des Verlusts sowie die damit verbundenen Praktiken und Diskurse in ihrer historischen Dimension fassbar zu machen. Dazu werden Momente des Verlierens, des Verlorenseins und -gehens sowie des Verlusts mit Blick auf das europäische Mittelalter (ca. 8.–15. Jahrhundert) in interdisziplinärer Perspektive analysiert.
Verlustgeschichten. Verlieren und Verlorensein als kulturelle Praktiken im Mittelalter
Verluste scheinen allgegenwärtig und werden auf zahlreichen Feldern konstatiert: Das Vertrauen in die Demokratie schwindet, ebenso wie die weltweite Biodiversität; kollektiv wie individuell wirksam sind Sorgen um den Verlust des Arbeitsplatzes, die öffentliche Sicherheit und die menschliche Handlungsmacht angesichts des Klimawandels.
Verlust ist jedoch mehr als einfach nur das Verschwinden von Phänomenen, Dingen oder Gewissheiten – Verlust ist ein Verschwinden, das bemerkt und (zumeist negativ) bewertet wird und damit oft auch emotional wirksam ist. Verlusterfahrungen lassen sich so-mit klar von ‚Vergessen‘ abgrenzen, weil das Ver(lorenge)gangene als Verlust in der Gegenwart wirksam bleibt und potentiell relevant für die Zukunft ist.
Der Soziologe Andreas Reckwitz hat Verluste jüngst als „Grundproblem der Moderne“ beschrieben. Das Fortschrittsnarrativ der Moderne bedinge einerseits, dass verschwindende Phänomene oder Dinge eher nicht als negativer Verlust aufgefasst werden, weil Vergangenes als überholt gewertet werde und durch das Neue, Bessere überwunden werden soll; andererseits potenziere das Fortschrittsmodell durch Rationalisierung, Säkularisierung und Beschleunigung aber auch Verlusterfahrungen. Der Verlust einer positiven Zukunftserwartung in der Spätmoderne potenziere nun sowohl Verlusterfahrungen als auch Verlustängste, so Reckwitz. In bzw. nach der Postmoderne seien sicher geglaubte Gewissheiten, die das Verhältnis von Individuen und Gesellschaften zu Wahrheit und Wirklichkeit definierten, verloren gegangen und ihr Fehlen führe zu verschiedensten Reaktionen zwischen Resignation und Gewalttätigkeit.
Aus historischer Sicht ist hier zu intervenieren: zwar mag die Spätmoderne ihre spezielle Beziehung zu Verlusten haben, unbestreitbar ist aber auch, dass Verlust eine menschliche Grunderfahrung ist, die in allen Epochen beobachtbar ist. Der Umgang mit Verlusten, ihre Bewertung und Bewältigung ist dabei immer auch zeitlichem und kulturellem Wandel unterworfen, den es je spezifisch zu analysieren und zu historisieren gilt.
Die soziologischen Thesen von Andreas Reckwitz zu historisieren bedeutet auch, die Herausforderungen der Moderne nicht schon im Vorfeld als einzigartig und überwältigend zu verstehen, sondern ihnen historische Tiefenschärfe zu verleihen. Verlusterfahrungen und -ängste mögen eng mit dem Ende des modernen Fortschrittsdenkens verbunden sein, sind aber kein neues Phänomen für menschliche Gesellschaften.
Die Tagung zielt darauf, das bisher v.a. soziologisch konkreter gefasste Konzept des ‚Verlusts‘ auch für die geisteswissenschaftliche Forschung analytisch fruchtbar zu machen.
Programm
Donnerstag, 22. Mai 2025
13.30 Uhr Christoph Mauntel und Anja Rathmann-Lutz
Begrüßung und Einführung
Sektion 1: Verloren gehen – 8. und 20. Jahrhundert
Moderation: Christian Heitzmann (HAB)
14.00 Uhr Eva Maria Butz (Hagen)
Den Verlust des politischen Einflusses verhandeln. Die Klagebriefe Bischof Viktors III. von Chur
14:50 Uhr Henrike Haug (Köln)
Zum Problem der Großplastik in karolingischer Zeit. Vor und nach Christian Beutlers „Bildwerke zwischen Antike und Mittelalter“ von 1964
15:40 Uhr Kaffeepause
Sektion 2: Verlieren verhindern?
Moderation: Sven Limbeck (HAB)
16:10 Uhr Uta Kleine (Hamburg)
Verlieren und (Er)finden. Die Suche nach der Euklidübersetzung des Boethius und der lange Schatten der römischen Agrimensorenliteratur
17:00 Uhr Christina Lechtermann (Bochum)
Verloren im Raum, Verlust von Raum
17:50 Uhr Romedio Schmitz-Esser (Heidelberg)
Verlust der Toten: Vom Umgang mit der verblassenden Erinnerung an die Verstorbenen im Mittelalter
Freitag, 23. Mai 2025
Sektion 3: Verlorenes verarbeiten und mit Verlust umgehen
Moderation: Hole Rößler (HAB)
09:00 Uhr Christoph Pretzer (Chemnitz)
Transformation durch Trauer. Die Klagen um den Verlust Akkons (1291) und des Heiligen Landes im östlichen Mittelmeerraum und im lateinischen Westen
09:50 Uhr Rike Szill (Tübingen)
Heiße Ware. Postkoloniale Lesarten des mittelalterlichen Reliquienraubs
10.40 Uhr Kaffeepause
11.10 Uhr Carla Meyer-Schlenkrich (Münster)
Leicht vergänglich oder unbemerkt entsorgt? Zur Geschichte des mittelalterlichen Papiers als Verlustgeschichte
12.00 Uhr Patrizia Carmassi (Wolfenbüttel)
Zwischen Verlust und Rettung: Transformative Prozesse in mittelalterlichen Handschriften
12.50 Uhr Mittagspause
Moderation: Christoph Mauntel und Anja Rathmann-Lutz
14.30 Uhr Jan-Hendryk de Boer (Duisburg-Essen)
Auf der Suche nach dem Ursprünglichen. Humanistische Geschichten vom Verlust des Menschheitswissens
15.20 Uhr Kaffeepause & HAB
16.30 Uhr Frank Rexroth (Göttingen) und Martin Clauss (Chemnitz)
Schlusskommentare und Zusammenfassung
17.30 Uhr Abschlussdiskussion
Reference:
CONF: Verlustgeschichten (Wolfenbüttel, 22-23 May 25). In: ArtHist.net, Mar 9, 2025 (accessed Apr 3, 2025), <https://arthist.net/archive/44758>.