Orte der Demokratiegeschichte. Arenen der Erinnerung zwischen performativer, medialer und räumlicher Aneignung.
Fristeten die Orte der deutschen Demokratiegeschichte in der alten Bundesrepublik vielfach noch ein Schattensein, so stehen sie heute nicht nur im Fokus einer interessierten Öffentlichkeit, sondern auch geschichts- und erinnerungspolitisch unter Druck. Während sich etwa das Hambacher Schloss oder der Friedhof der Märzgefallenen rechtspopulistischer Vereinnahmungsversuche zu erwehren haben, ist in Feuilletons und Zivilgesellschaft eine kontroverse Debatte über die künftige Funktion und Gestaltung der Frankfurter Paulskirche entbrannt.
Die genannten Beispiele deuten es an: Orte der Demokratiegeschichte bewegen sich in einem Spannungsfeld von staatlicher Geschichtspolitik und (partei-)politischen, medialen und gesellschaftlichen Aneignungen. Zugleich unterliegen ihre öffentliche Wahrnehmung sowie die ihnen zugeschriebenen Werte einem dynamischen Wandel, in dem sich erinnerungskulturelle Entwicklungen ebenso widerspiegeln wie gesellschaftliche Konfliktlinien und gegenwartsbezogene Deutungskämpfe um Vergangenheit und Zukunft. Die konfliktive Aneignung von demokratiegeschichtlichen Orten ist kein Phänomen der Gegenwart, sondern begleitet sie seit ihren Anfängen im 19. Jahrhundert. Daher möchte das Hambacher Kolloquium zur Demokratiegeschichte in einem historischen Längsschnitt die an konkreten Orten der Demokratiegeschichte festzumachenden Aneignungsversuche und Deutungskämpfe in den Blick nehmen. Dafür erbitten wir Themenvorschläge insbesondere zu folgenden Modi der Auseinandersetzung:
Ein erster Aspekt ist der Umgang mit den physischen Orten der Demokratiegeschichte. Orte wie etwa der Friedhof der Märzgefallenen in Berlin, das Hambacher Schloss, die Paulskirche oder der Berliner Reichstag sollen in ihren architektonischen Entwicklungen in den Blick genommen werden. Wie eignete man sich ihre bauliche Vergangenheit an, und wer waren die Akteure dieser Veränderung? Welche Umgestaltungen wurden vorgenommen, und welche Wirkungsabsichten standen dahinter? Welche Zeitschichten der Gebäude und Räume sowie ihrer Umgebung wurden dabei betont, welche beseitigt oder überschrieben? Inwiefern hat die architektonische Gestaltung dazu beigetragen, eine hegemoniale Sicht auf die Orte der Demokratiegeschichte durchzusetzen? Welche Gegennarrative oder oppositionellen Sichtweisen wurden dabei ausgeblendet? Inwiefern entstand dabei ein Spannungsfeld zwischen künstlerischen und politischen Interessen? Welchen Einfluss hatten die sich wandelnden Vorstellungen von Demokratie und historischer Erinnerung auf die kollektive Wahrnehmung und bauliche Wandlung der Demokratieorte?
Ein zweiter Aspekt bezieht sich auf die didaktische und mediale Repräsentation der Orte. Wie wurden sie zu Gedenk- und Erinnerungsorten weiterentwickelt? Welche Akteure der Erinnerungspolitik waren in diesen Prozess involviert? Welche Rolle spielte die Darstellung der Orte bei der Integration in geschichtsdidaktische Narrative, z.B. in Schulbüchern oder in geschichtsdidaktischen Filmen auf YouTube? Das führt bereits zu den medialen Aspekten der Aneignung. Wie wurden die Bilder der Orte und der historischen Ereignisse aufgegriffen und zu dominanten Trägern der Erinnerung umfunktioniert? Bildete sich dabei ein Kanon an Darstellungen heraus, der dazu beitrug, eine hegemoniale Deutung der Vergangenheit durchzusetzen? Welchen Einfluss hatten die sich wandelnden Vorstellungen von Demokratie und historischer Erinnerung auf den medialen Umgang mit den Demokratieorten? Inwiefern eröffnete die Pluralisierung kommunikativer Räume im Internet neue Möglichkeiten der Aneignung?
Als dritter Aspekt sollen performative Akte der Aneignung in den Blick genommen werden. Das lässt sich bei den Orten beispielsweise anhand von Reenactment, der Übernahme historischer Symbole, dem Singen historischer Lieder oder etwa Kranzniederlegungen beobachten. Entstanden dabei bestimmte performative Inszenierungen, die regelmäßig wiederholt wurden und sich auf diese Weise zu festen Ritualen entwickelten? Welche Deutungen der Vergangenheit wurden über diese Inszenierungen transportiert? Welche Rolle spielten Jubiläen mit ihren Feierlichkeiten für die Aneignung der Vergangenheit?
Auf diese Weise möchte die Konferenz verschiedene Formen und Praktiken der Aneignung von Demokratiegeschichte unter Berücksichtigung sowohl räumlicher als auch politischer und gesellschaftlicher Veränderungen analysieren. Neben zeitgenössischen jeweils hegemonialen Deutungen sollen deren Herausforderung durch Gegennarrative in den Blick genommen werden. Dadurch kann der „Streitwert“ der Orte der Demokratiegeschichte genauer konturiert werden. In diesem Zusammenhang soll auch über den Analysebegriff der „Aneignung“ und seinen möglichen Mehrwert für die erinnerungskulturelle Forschung diskutiert werden.
Auf der Konferenz wird zwar der deutsche Fall im Zentrum stehen, internationale Seitenblicke sollen jedoch das Herausarbeiten von Ähnlichkeiten und Besonderheiten der deutschen Entwicklung im (mittel-)europäischen Kontext ermöglichen.
Die Konferenz wird auf dem Hambacher Schloss stattfinden und ist durch eine enge Kooperation zwischen dem Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZF), der Stiftung Hambacher Schloss und dem Institut für Kunstgeschichte, Bauforschung und Denkmalpflege an der TU Wien interdisziplinär angelegt. Anknüpfend an das 175jährige Jubiläum der Märzrevolution im Jahr 2023 soll die Konferenz mit diesem interdisziplinären Blickwinkel einen eigenen Beitrag zur Debatte über die Orte der Demokratiegeschichte leisten. Aufgrund des Herbsttermins wird es auch möglich sein, erste Ergebnisse und Erträge aus den vorangegangenen Jubiläumveranstaltungen mit einzubeziehen und zu reflektieren. Die Konferenzergebnisse sollen anschließend in einem Sammelband veröffentlicht werden. Die Konferenz ist Teil des Research Labs „Praktiken der Aneignung“ im Leibniz-Forschungsverbund „Wert der Vergangenheit“ (https://www.leibniz-wert-der-vergangenheit.de/). Die Anreise- und Übernachtungskosten werden übernommen.
Bitte senden Sie ein Abstract von max. 3.000 Zeichen und einen kurzen Lebenslauf (nicht länger als eine Seite) bis zum 30.11.2022 an henning.tuerkuni-due.de, kristian.buchnahambacher-schloss.de, oliver.sukrowtuwien.ac.at
Quellennachweis:
CFP: Orte der Demokratiegeschichte (Neustadt a.d.W., 9-10 Nov 23). In: ArtHist.net, 13.10.2022. Letzter Zugriff 06.04.2026. <https://arthist.net/archive/37667>.