CFP 21.01.2022

Navigieren, Sammeln und Kuratieren fotografischer Daten (München, 27-28 May 22)

Münchner Stadtmuseum, 27.–28.05.2022
Eingabeschluss: 13.02.2022

Stipendiat:innen "Museumskurator:innen für Fotografie"

Symposium:

Looking for Photography.
Navigieren, Sammeln und Kuratieren fotografischer Daten

Die Herausforderung, komplexe technische Prozesse zu verfolgen und zu durchdringen, erweitert die kuratorische Arbeit im Feld der Fotografie heute grundlegend. KI-generierte Bilder und synthetische Medien sind längst Bestandteil fotografischer Sammlungen geworden und erfordern ein neues Verständnis für die Prozesse “hinter” dem Bild. An dieser Schnittstelle von Fotografieforschung, kuratorischer Praxis, Datenmanagement und technischen Entwicklungen möchte das Symposium ansetzen und Forschende, Kurator:innen, Künstler:innen und Datenbank-System-Entwickler:innen in Austausch bringen.
Im musealen Alltag und der kuratorischen Praxis sind Suchprozesse mit Hilfe von Datenbanken im Umgang mit der Fotografie maßgeblich mit den resultierenden Präsentationen verknüpft und beeinflussen Ideenfindungen und Auswahlprozesse. Häufig werden die zugrundeliegenden Strukturen, Organisationssysteme und Softwares jedoch nur oberflächlich verstanden und als digitales Double analoger Archive behandelt.
Das Symposium fragt ausgehend von Bezugspunkten wie David Joselits “Epistemologie der Suche” (After Art, 2013) nach Strategien, potenziellen Chancen, aber auch den Biases und Herausforderungen des Navigierens, Filterns und Sammelns, sowie der Vernetzung im Umgang mit fotografischen Daten. Unter fotografischen Daten verstehen wir solche, die sich aus Fotografien speisen oder diese wahrnehmungsästhetisch imitieren, z.B. Abzüge, Digitalisate, maschinell generierte Bilder, digitale Kunstwerke und die Software, mit der sie verarbeitet werden. Mit Fokus auf die kuratorische Praxis betrachten wir das Thema aus den folgenden drei Perspektiven:

Die Suche nach dem Wesen der Fotografie

Wie Lev Manovich vor zwanzig Jahren schrieb, erweitert das Computerzeitalter die vorherrschende kulturelle Form der Erzählung um die Infrastruktur der Datenbank, bei der die Bedeutung von Informationen weniger aus einem vorgegebenen Narrativ entsteht, als vielmehr durch neue Verknüpfungen generiert wird (The Language of New Media, 2001). Dadurch ist die Fotografie Teil des Informationsmanagements und der Informatik geworden, in denen die Rezeption des Bildes untrennbar mit der kulturellen Dynamik von Software, visuellen Ökonomien und ästhetischen Paradigmen verbunden ist. Diese Form wird in Begriffen wie Augmented Photography, Automated Photography, oder weiter gefasst Post-Fotografie, beschrieben und als ein komplexes Phänomen mit menschlichen und nicht-menschlichen Akteur:innen verstanden.
Die Erweiterung der Fotografie von der Imitation des menschlichen Auges hin zu maschinellem Sehen und von künstlichen Intelligenzen generierten Bildern erfordert die Anpassung des Selbstverständnisses fotografischer Sammlungen, die (nicht ausschließlich) in folgenden Fragen diskutiert werden kann:

- Was nehmen wir als fotografisches Objekt wahr und wann ist es nicht mehr als solches zu bestimmen (indexikalisch, technisch, wahrnehmungsästhetisch)?
- Wie verhält sich die vorherrschende Idee der Autor:innenschaft zur automatisierten Produktion fotografischer Daten sowie kollektiven Bildprozessen?
- Welche dekolonialen und dehierarchisierenden Potenziale bieten sich dynamisch verändernde und zirkulierende fotografische Daten?
- Über welche technischen Kenntnisse und Kompetenzen müssen Sammlungsleiter:innen und Kurator:innen verfügen, um fotografische Daten zu verstehen, zu ordnen, zu archivieren, auszustellen und zu vermitteln?

Die Suchbarkeit von Fotografie in der Sammlung

Die Erweiterung des Fotografischen betrifft unmittelbar die Institutionen, die fotografische Daten verwalten. Waren sie bis Ende des 20. Jahrhunderts separate Systeme der Ordnung und Bewahrung, überlappen digitale Archive in ihrer Technologie heute mit dem, was sie beinhalten, z.B. mit Arbeiten, die sich in Form von Suchfunktionen, Algorithmen und Datensammlungen manifestieren. Dies führt in der praktischen Arbeit potenziell zu einer Spannung, da sich die Sammlungsobjekte stetig weiterentwickeln, Sammlungen dagegen tendenziell in ihrer Struktur statisch bleiben. Vor allem die Zusammensetzung aus Dataset, Software, Zwischenprodukt und möglichen künftigen Versionen verlangt neue Terminologien und Dokumentationsstrategien. Auch eine bestehende Sammlung erfordert und ermöglicht die Revision von tradierten Ordnungsprinzipien. Untrennbar damit verbunden sind soziopolitische Korrekturen, vor allem im Abbau eurozentristischer und heteronormativer Erzählperspektiven. Hierzu stellen sich folgende Fragen:

- Wie kann die Deutungshoheit der Institution demokratisiert werden und wie können Veränderungen im gesellschaftlichen Diskurs in die Ordnungsstruktur der Sammlung einfließen?
- Welche Komponenten oder Versionen fotografischer Daten sollen gesammelt werden und wie? Welche Bedeutung hat eine Auswahl dieser Elemente und Manifestationen auf die heutige und zukünftige Nutzung, Interpretation und Verschlagwortung der Objekte?
- Wie sehen Katalogisierungen fotografischer Daten aus, vor allem in Hinblick auf Autor:innenschaft, technische Beschreibungen und Hinweise zur Präsentation?
- Wie können Autor:innen/Künstler:innen in diesen Prozess eingebunden werden, was können wir von ihnen im Umgang mit ihren Arbeiten lernen?
- Die Autor:innenschaft fotografischer Daten verteilt sich potenziell auf verschiedene Instanzen, wie etwa Nutzer:innen-generierter Content, Softwarefirmen oder Künstler:innen. Wie werden Erwerbungen und Nutzungen der datenbasierten Werke bzw. Teile davon, z.B. bei proprietärer Hilfssoftware, möglich?

Die Suche als Form der Präsentation

Eine Sammlung fotografischer Daten beinhaltet Objekte, die aus Datasets generiert wurden, ist in ihrer Summe aber gleichzeitig das Rohmaterial für weitere Anwendungen, bzw. in Joselits Worten, Formatierungen und Filter. Diese permanente Spirale der Sammlungsaktivierung geht über gängige punktuelle Ausstellungsformate hinaus und benötigt eine eigene flexible und offene Infrastruktur.

- Wie werden einzelne Datensätze verknüpft und wie kann neues Wissen aus ihnen generiert werden?
- Wie können einzelne Objekte sowie Suchwerkzeuge für Benutzer:innen zugänglich gemacht werden? Welche Strategien braucht es, um eine solide Medienkompetenz zu vermitteln?
- Welche Infrastruktur braucht es, um fotografische Daten (z.B. interaktive Simulationen oder zirkulationsbasierte Werke) online und im Ausstellungsraum erfahrbar zu machen? Wie gestaltet sich die Sichtbarmachung von Werken und Werkteilen, die nicht visuell erfassbar sind (z.B. Software oder Algorithmen)?
- Inwiefern kann eine Sammlung gleichzeitig als Archiv und Präsentationsraum funktionieren, die eine fortschreitende Mutation der Objekte zulässt?

Wir richten uns mit diesem Open Call vorrangig an Kurator:innen, Sammlungsbetreuer:innen, Künstler:innen, Forscher:innen und Informatiker:innen.

Wir freuen uns über ein Exposé von ca. 300 Wörtern / 2500 Zeichen für ausführliche Beiträge (25 Minuten) oder Präsentationen von Case Studies (10-20 Minuten), die die genannten im Detail oder auch in ihren strukturell miteinander verbundenen Thematiken behandeln.
Daneben laden wir die Vortragenden und das Publikum in spontanen, offenen Roundtables zum Austausch über konkrete Ideen und Probleme ein.

Wir vergüten die Beiträge mit einem symbolischen Honorar, erstatten die anfallenden Reisekosten (bei Bahnfahrten 2. Klasse) gegen Beleg und reservieren für die Vortragenden ein Einzelzimmer im Hotel vom 27. auf den 28. Mai 2022.

Das Symposium findet im Rahmen des Alumni Treffens des Stipendienprogramms “Museumskurator:innen für Fotografie” statt und wird gefördert von der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung. Die Beiträge und Diskussionen werden aufgezeichnet und online gestellt, das Symposium vor Ort ist pandemiebedingt jedoch nicht öffentlich.

Wir freuen uns auf Ihre Vorschläge bis 13. Februar 2022 an: kruppsymposium22gmail.com

Konzept und Organisation:
Nadine Isabelle Henrich, Marie-Luise Mayer, Matthias Johannes Pfaller

Quellennachweis:
CFP: Navigieren, Sammeln und Kuratieren fotografischer Daten (München, 27-28 May 22). In: ArtHist.net, 21.01.2022. Letzter Zugriff 07.07.2022. <https://arthist.net/archive/35750>.

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