ANN Jan 24, 2022

20. Frühjahrsakademie/École de Printemps in Kunstgeschichte

University of California, Los Angeles, USA, Jun 12–17, 2022
Deadline: Feb 6, 2022

Wolf Bettina, Katholische Universität Eichstätt

Link zur englischen Version: https://www.proartibus.org/_files/ugd/acd35f_30795a4c5d00415fb45dc661b87c893f.pdf

Making Green Worlds
20. Frühjahrsakademie/École de Printemps in Kunstgeschichte University of California, Los Angeles, USA

Call for Papers
Hiermit bitten wir um Bewerbungen für Vorträge für Making Green Worlds, das Thema des einwöchigen, internationalen Meetings der École de Printemps (EdP) an der UCLA vom 12. bis 17. Juni 2022. Das jährliche Treffen wird vom Réseau International pour la Formation à la Recherche en Histoire de l’Art (RIFHA) organisiert, einem internationalen Netzwerk, welches die Zusammenarbeit und den Dialog zwischen Rechercheinstituten in Europa, Canada, den USA und Japan fördert: 50 Doktorandinnen und Doktoranden sowie Professorinnen und Professoren werden sich in Los Angeles für Workshops, Vorträge und Museumsbesuche zusammenfinden.

Thema
Making Green Worlds befasst sich mit zentralen aktuellen öffentlichen Debatten und akademischen Diskursen zum Klimawandel. Dabei werden die Überschneidungen und Verbindungen zwischen Kunstgeschichte, Naturgewalten und natürlichen Materialien, künstlerischer Invention und Mobilität neu durchdacht. Das Thema versteht sich als Antwort auf brennende Fragen an die Kunstgeschichte, die durch Umweltzerstörung, Aktivismus, ökokritische Studien, dekoloniale Zugänge und das wachsende Interesse an „grünen Welten“ aufgeworfen wurden. “Grüne Welten”, der Begriff geht auf ein in der Literaturwissenschaft vertieft bearbeitetes Konzept zurück (Berger 1988), werden von Künstlern, Dichtern und Dramatikern geschaffen, die phantastische Visionen der natürlichen Welt entworfen haben; ebenso werden sie durch Praktiken geformt wie Landschaftsarchitektur, Gartengestaltung, Agrikultur, Städteplanung und Renaturierung von Landschaften. Diese menschengemachte Umwelt wird als „zweite Welt“ verstanden, deren kunstvoll entworfene Settings mit der Natur selbst in Wettbewerb treten, was die Vorstellung von der Welt als einer menschengemachten fördert.

Die Workshops und Papers dieser EdP werden sich auf die aktuellen, kreativen Auseinandersetzungen mit Erde, Meer und Himmel konzentrieren, um zentrale technologische und imaginative Elemente des Welt- Schaffens-Prozesses herauszustellen. Diese werden gemeinsam mit Welt-Zerstörungs-Prozessen analysiert wie etwa der Umweltzerstörung durch globale Ausbeutung von Menschen und Ressourcen.

Von alpinen Veduten und Plein Air-Malerei über Land Art zu architektonischen Pavillons ist die Natur aus der Kunstgeschichte nicht wegzudenken. In diesen Werken wird das menschliche Verlangen sichtbar, die Natur zu verstehen und mit ihr zu interagieren. Dies können architektonische Konstruktionen, Darstellungen tatsächlicher Orte, wissenschaftliche Repräsentationen, Veränderungen der natürlichen Welt oder Transformationen ins Phantastische sein. All diese künstlerischen Ausdrucksformen führen zu einem besseren Verständnis davon, wie natürliche und künstlich geschaffene Welten miteinander interagieren.

Auch werden natürliche Materialien verwendet und zu Kunstwerken verarbeitet. Darstellungen in Mosaiken der Villa Romana del Casale in Piazza Armerina, Sizilien (4. Jh. n. Chr.) oder Marmorböden der Hagia Sophia, Konstantinopel, (6. Jh. n. Chr.) machen durch Veränderung und Bearbeitung des Steins sichtbar, wie Architektur in “grüne Welten” transformiert wird in Fußböden und Wandverkleidungen. In der Villa del Casale erschaffen kleine farbige Mosaiksteine eine zweite Welt, die von spielenden Kindern bevölkert ist, die Jagdszenen und wilde Tiere zeigt, aber auch weibliche Figuren, über die uns die gelebten Erfahrungen der Villenbewohner nahegebracht werden. Sobald die Platten aus prokonnesischem Marmor in der Hagia Sophia angebracht wurden, hatte man die Maserung ihres Marmors mit dem Meer verglichen. An diesen Orten wird natürlich vorkommendes Material bearbeitet, weg von seiner ursprünglichen Form in etwas Anderes, Neues transformiert. Durch diesen Prozeß wird die Natur in die Struktur und Erfahrungsgeschichte von Gebäuden integriert.

Das Sammeln von Artefakten, Lebewesen und Pflanzen bezeugt die menschliche Neugier gegenüber der Natur wie den Drang, sie zu kontrollieren und zu ordnen. In seiner Heimatstadt Bologna förderte Ulisse Aldrovandi (1522-1605) die Schaffung botanischer Gärten; Luigi Ferdinando Marsili (1658-1730), Kartograph, Geograph und Militär, folgte seinem Beispiel ein Jahrhundert später. Er gründete die Accademia delle Scienze dell’Istituto di Bologna, um dort seine beeindruckende Kollektion an Karten, Manuskripten und Funden präsentieren zu können. Das Sammeln und Zurschaustellen von Objekten und Pflanzen aus fernen Kolonien wurde ein erstrebenswertes Unterfangen für britische, spanische und französische Monarchen und Eliten. Das 19. Jahrhundert wurde Zeuge des Aufschwungs von botanischen Gärten und Museen, wodurch der Öffentlichkeit ein breiterer Zugang zu Räumen und Formen des Wissens ermöglicht wurde. Archäologen, Botaniker, Präparatoren und Künstler extrahierten und sammelten natürliche Ressourcen, wodurch sie gleichzeitig Welten auflösten und neue erschufen.

„Grüne Welten“ sind nicht nur grün. Bewohnbare und unbewohnbare Landschaften werden in der Vorstellung von Künstlern und Architekten sichtbar. Die Hängenden Gärten von Babylon gaben Zeugnis ab von der Innovationskraft des Menschen. Die mesopotamische Wüste war in eine Gartenoase verwandelt worden, eine grüne Welt konnte gedeihen, wo sie ursprünglich nicht gedeihen sollte. Der zeitgenössische Künstler Murakami Takashi dagegen verweist in seinen Gemälden mit traditioneller japanischer Zeichenkunst auf den Abwurf der Atombomben über Hiroshima und Nagasaki. Die Pilze in seinen Werken stehen in direkter Verbindung zu den Atompilzen, durch welche die Städte ausgelöscht wurden. In beiden Fällen wurden – auf diametral entgegengesetzte Weise – Welten transformiert.

Fiktionale grüne Welten finden sich auch in Museen und Ausstellungsräumen wieder. 1974, in der Ausstellung im Guggenheim Museum in New York, implantierte Nam June Paik lebende Pflanzen in Röhrenmonitore in seinem TV Garden. Paik verband ein organisches, lebendes Element mit einer damals gebräuchlichen Technologie, um ein Kunstwerk zu erschaffen, mit welchem auf die Konditionen natürlicher und künstlich geschaffener Welten verwiesen wird. Im Gegensatz dazu versuchte Anicka Yi in Life is Cheap (2016) die Natur in den ihr von Yi vorgegebenen Grenzen zu kontrollieren. 40 Jahre nach Paiks Ausstellung und im selben Museum stellte Yi in kontrollierten Räumen Bakterien aus verschiedenen Orten von New York City aus und ließ diese dort wachsen. Für eine Ameisenkolonie wurde auf einer spiegelnden Oberfläche ein vorgegebener Weg geschaffen, wodurch der Betrachter zur Auseinandersetzung mit der Produktivität dieser Kolonie gedrängt wurde. Beide Installationen im Guggenheim Museum rekurrieren auf die Möglichkeit, Natur in Museen und Ausstellungsräume zu inkorporieren.

Die Unwägbarkeiten des Meeres erforderten die Kontrolle und Aufrechterhaltung der Handelsverbindungen entlang der Küsten sowie über weitere Land- und Wasserwege. Antike und mittelalterliche Wahrnehmungen des Meeres als eines Ortes der Gefahr einerseits und eines Mediums für die Erlangung von Ressourcen und Möglichkeiten zur Eroberung andererseits bestanden bis in das 16. und 17. Jahrhundert und deren schnelle, globale und noch nie dagewesene maritime Expansion fort. Über die Weltmeere hinweg wurden immer mehr komplexe Kommunikationsnetzwerke geschaffen, Technologien und Wohlstand. Dies führte zu kolonialen Begegnungen mit sehr bald unterjochten Völkern und dem Export versklavter Menschen, um so weitere natürliche Ressourcen auszubeuten. Seehandel führte zu wissenschaftlichen Entdeckungen, zu neuen Erkenntnissen in Nautik und Kartographie wie auch zu Sammlung und Ordnung neu entdeckter Ressourcen. Von mythologischen Darstellungen von Meeresnymphen bis zu Reisetagebüchern der Frühen Neuzeit und darüber hinaus inspirierten das Meer und seine Küstenlinien die Vorstellungskraft von Künstlern.

Um die materielle und visuelle Auseinandersetzung mit Erde, Wasser und Himmel zu untersuchen, können Workshops und Vorträge auch die Auswirkungen und Repräsentationen elementarer Kräfte (Straten, Wellen, Wind), weitere materielle Konsistenzen (Flüssigkeit, Transparenz, Undurchsichtigkeit) und Prozesse (Schneiden, Spalten, Kultivieren) thematisieren.

Der Call for Paper dieser EdP richtet sich an Interessierte, deren Recherchearbeit sich auf die ein oder andere Weise mit Making Green Worlds auseinandersetzt. Potentielle Themen können sich mit einem oder mehreren der folgenden Punkte befassen:

Sammeln, studieren, illustrieren und kurieren natürlicher Welten
Landschaften, Gärten, architektonische grüne Räume
Indigenes Wissen und Leben
Ikonographie von Umwelt und Naturgewalten
Design ecologies
Transkulturelle Räume: Gärten, Plantagen, Wasserwege, Küstenlinien, Schiffsrouten, maritime Architektur, Utopien
Transkulturelle und transgeographische Interaktionen: Güter, Rohstoffe, kulturelle Praktiken, Krankheiten
Meereslandschaften, kosmologische Diagramme, Kartographie und astronomische Bildprogramme
Ortsspezifische ökologische Projekte, design ecologies

Materialien und natürliche Prozesse, die Elemente
Wissenschaftliche Zeichnungen und Druckgraphiken
Ressourcengewinnung und -verarbeitung – Minen, Steinbrüche, Fischerei, Jagd, Agrikultur, Landrückgewinnung
Arbeit, Werkzeuge, Anleitungen
Versklavte Körper, rassistisch aufgeladene Vorstellungen von Umwelt
Visuelle und materielle Formen, die zu Degradation und Erneuerung entweder beitragen, diese verkörpern oder diese fördern
Phänomene, die die menschliche Erfahrung herausfordern: Berge, Wasserfälle, Eis, Höhlen, Stürme, Regenbögen, Erdbeben
Prozesse und Systeme, nach denen Land und Materialien organisiert und klassifiziert werden
Neue methodologische und epistemologische Grundlagen

Praktische Hinweise und Deadlines
Die EdP ermöglicht es Promotions- und Post-Doc-Studierenden mit unterschiedlichen Hintergründen und Spezialisierungen, ihre Recherche, ihre Ansätze und ihre Erfahrungen im Rahmen der Workshops auszutauschen, in denen sie auch mit weiter fortgeschrittenen Forschenden zusammenarbeiten. Die Teilnahme an der EdP in ihrer internationalen Ausrichtung fördert den Umgang mit Kunstgeschichte aus unterschiedlichsten Perspektiven. Allen Interessierten steht es frei, zum Thema Abstracts aus sämtlichen Epochen, geographischen Regionen oder dem eigenen inhaltlichen Schwerpunkt einzureichen. Die Vorträge, die eine Länge von 15 Minuten nicht überschreiten sollen, werden jeweils im Rahmen einer halbtägigen Sektion mit jeweiligem Themenschwerpunkt mit allen Teilnehmenden und Mitgliedern der EdP besprochen. Die Anwesenheit während der gesamten Veranstaltung ist für die Teilnehmenden obligatorisch.

Dieser Bewerbungsaufruf wird auf der Website von RIFHA (www.proartibus.org) und Partnerinstitutionen veröffentlicht. Interessierte Promotionsstudierende werden gebeten, einen Vorschlag für einen Vortrag mit einer Dauer von maximal 15 Minuten sowie einen kurzen Lebenslauf mit Angaben zu den jeweiligen Sprachkenntnissen vor Sonntag, dem 6. Februar 2022 an folgende Adresse zu schicken: contactproartibus.org

Es gibt für Post-doc-Studierende auch die Möglichkeit, eine Sitzung zu moderieren. Dafür sind sie ebenfalls angehalten, Informationen über ihre eigenen Recherchen zum Thema und einen kurzen Lebenslauf zu übermitteln.

Die Vorschläge sollen eine Länge von 2000 Zeichen oder 300 Wörtern nicht überschreiten und können auf Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch oder Spanisch verfasst sein. Der Vorschlag muss
E-Mailadresse, die institutionelle Anbindung und den Wohnort enthalten. Der Vorschlag und der Lebenslauf sollen in einem einzigen Dokument zusammengefasst sein mit folgender Betitelung:
„Vorschlagstitel_Name_Vorname_Institution“ (zum Beispiel: Vorschlagtitel_Miron_Chloe_UdM“). Der Betreff der E-Mail muss den Namen der oder des Kandidaten/in sowie das jeweilige Land beinhalten (beispielsweise Chloé Miron Canada).

Das Organisationsteam wird in Zusammenarbeit mit den Repräsentanten der jeweiligen Länder des Netzwerks ein definitives Programm erstellen. Die Auswahl wird im März 2022 bekanntgegeben.
In den zwei Wochen nach der Annahme müssen die Partizipierenden eine Übersetzung ihres Abstracts in eine der anderen offiziellen Sprachen des Netzwerks einreichen. Einen Monat vor Beginn der Frühjahrsakademie müssen sie darüber hinaus das Manuskript ihres Vortrags einreichen. PowerPoint- Präsentation müssen bis zum 5. Juni 2022 über einen dafür bereitgestellten Link hochgeladen werden.

Für weitere Informationen zum RIHFA und der École de Printemps: https://www.proartibus.org

Besuche folgender Institutionen sind geplant: Hammer Museum, Fowler Museum, Getty Center, Clark Library.

Die UCLA École de Printemps wird ermöglicht durch die großzügige Unterstützung für Europäische Kunst von Hannah und Edward W. Carter, das Department of Art History und Clark Library & Center at UCLA.

Making Green World wird unterstützt durch das Social Sciences and Humanities Research Council von Canada. https://www.makinggreenworlds.net

Übernachtungs- und Verpflegungskosten vor Ort werden von den
Veranstaltern übernommen.

Die Flugkosten werden in der Regel von den Teilnehmenden oder ihren
Universitäten bzw. Institutionen getragen. Interessentinnen
und Interessenten werden in jedem Falle ermutigt, sich zu bewerben.
Möglichkeiten einer Bezuschussung können nach Aufnahme in die
Frühjahrsakademie mit Unterstützung der jeweiligen Nationalkomitees eruiert werden.

Link zur ausführlichen Auschreibung (dt.): https://dd89e2b1-598f-4017-b803-fb036fa3897d.filesusr.com/ugd/acd35f_e31c37e2375d48afb35a887c6e2b2569.pdf.

Reference:
ANN: 20. Frühjahrsakademie/École de Printemps in Kunstgeschichte. In: ArtHist.net, Jan 24, 2022 (accessed Apr 6, 2026), <https://arthist.net/archive/35709>.

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