CFP 22.11.2021

10. Architekturtheoretisches Kolloquium (24 Apr-1 May 22)

Stiftung Bibliothek Werner Oechslin, Einsiedeln, 28.04.–01.05.2022
Eingabeschluss: 20.12.2021

Anja Buschow

[English version below]

10. ARCHITEKTURTHEORETISCHES KOLLOQUIUM
der Stiftung Bibliothek Werner Oechslin

„Bauwissen - praktisch!“

Praxis und Theorie stehen in einem höchst lebendigen Verhältnis zueinander, seitdem Vitruv (I,I,1) die Definition seiner «scientia» der Architektur durch «FABRICA» und «RATIOCINATIO» und diese durch das «demonstrare atque explicare» präzisiert» vorgegeben hat. Doch hier, bei der Übersetzung von «fabrica» und «ratiocinatio» durch ‘Theorie und Praxis’ beginnt schon das Problem. Vitruv stellt nicht zwei gleichwertige, komplementäre Partner vor, sie bilden vielmehr eine Abfolge und Ordnung, die vom Bauen (der „fabrica“) zu der hinzugesetzten „ratiocinatio“ führt, womit das Machen begleitet und erklärt wird. Keine selbständige Theorie, sondern ein Erklären und Begründen, eine Erläuterung und Einführung in die Praxis! Oder einfach: „Praxis mit Köpfchen“! Auch bei Leon Battista Alberti, der umgekehrt mit seien entsprechenden Begriffen bei den „lineamenta“ beginnt, führt dies – die Vorstellung, die Zeichnung, der Entwurf! ¬– zielstrebig zur „structura“, dem Bauwerk.
So ist es schon von Aristoteles vorgegeben, der Kunst generell als „habitus faciendi“, als ein Machen und Hervorbringen definiert, dem er dann das „cum ratione“, dem Vitruvs „ratiocinatio“ entspricht, hinzugibt. Jedes Handeln geschieht auf eine bestimmte Weise, vorzugsweise ‚vernünftig‘, was beinhaltet, dass für dieses Tun auf eine und mehrere Erfahrungen zurückgegriffen wird, die aus dem blossen Machen eine „ars“, eine Kunst – im alten Sinn von τέχνη (Techne) – entwickelt hat; auch dies ist bei Aristoteles zu Beginn der Metaphysik ausgeführt und wird von jemandem wie Daniele Barbaro, Palladios Mentor, aufgenommen: „Nasce ogni Arte dalla Isperienza.“ Daran knüpfen sich dann die Zielsetzungen, die Zwecke und der Nutzen. Natürlich führt das auch zu ‚allgemeineren‘ Einsichten. Doch bezogen auf die Architektur ist alles auf das Herstellen und Machen ausgerichtet und der entsprechenden Kompetenz, dem „mestiere“, dem „mêtier“ zugeordnet. Und das zusätzliche geforderte Wissen, das die Bildung des Architekten ausmacht, wird nach dieser Massgabe – so Vitruv in seiner Argumentation gegen Pytheos – ausgewählt und bestimmt; es richtet sich nach dem Tun, nach dem „operis effectus“ und der Zielsetzung. Wer ‚zuviel‘ von der Mathematik versteht, der werde doch Mathematiker!

Wohin führt das? Welche Zielsetzungen werden so erreicht? Sicherlich erschöpfen sie sich nicht in der Formfindung, in der formalen Gestaltung. Eine solche Einseitigkeit prangert Lukas Voch in seinem Büchlein „Wirkliche Baupraktik der bürgerlichen Baukunst“ 1780 an. Die „förmliche Gestalt eines Gebäudes“ wird dort erst in einem kleineren dritten Teil behandelt, dem die Anliegen der „Bequemlichkeit“ („utilitas“) und insbesondere die der vitruvianischen „firmitas“ zugeordneten Fragen des „wirklichen Bauens“ vorangesetzt sind.
Also wird hier ausführlichst vom Baugrund, von den Materialien, von der Zimmermannskunst gehandelt. Man wähnt sich einer Vorstellung näher, wie sie der Physiker und Freimaurer Laurenz Johann Daniel Succov 1751 in den ersten Paragraphen seiner „Ersten Gründe der Bürgerlichen Baukunst“ gesetzt hat: „Wir bauen, wenn wir Cörper zu einer gewissen Absicht verknüpfen.“
Man sollte nicht übersehen, dass schon der ‚gelehrte‘ Leon Battista Alberti genau diese Sichtweise vertritt, indem er vom Gebäude als „corpus quoddam“, einem Körper spricht und dann das Tun des Architekten mit den – physikalischen – Bewegungen von Körpern im Verschieben und Zusammenfügen („ex ponderum motu corporumque compactione et coagmentatione“) erklärt. In seiner Vitruvübersetzung spricht Hermann Ryff vom „Bauwerck“. Und es ist empfehlenswert, wenn man gelegentlich diesen Gesichtswinkel – und nicht die von der modernen Architektur im Gleichklang mit der Kunstgeschichte propagierten „Erscheinungsformen“ – zum Ausgangspunkt einer Betrachtung nimmt, in einer Zeit, in der das tatsächliche Bauen, die alte τέχνη (techne) und die Kunst des Machens schon wieder längst die Architektur beherrscht.

Natürlich ist im Verlauf der Geschichte ein Praxisbezug von verschiedenster Seite reklamiert worden. Im Umfeld der französischen Architekturakademie treten derlei Probleme besonders klar zutage. Alle behaupten, ihre Bücher, Texte und ‚Theorie‘ sollen der Praxis dienen; was denn sonst! Es ist unbestritten, dass am Ende das Bauen steht. Doch es bleibt ein grosser Raum zwischen blossen Vorschriften oder exemplarischen Vorgaben, einer Faustregel oder aber ganzen Lehrgebäuden und Theorien. Entscheidend ist oft der schnellste und kürzeste Weg und das ist auch nicht unbedingt sehr einfach. Selbst die „Regola“ Vignolas, mit der er die Masssysteme und Proportionen aller Säulenordnungen erklären will, und die ja „semplice“ und „spedita“ sein soll, ist bei genauerem Hinschauen recht anspruchsvoll.

Diese Beschreibung zum praxisbezogenen Bauwissen betrifft hier vorerst die spätere – ‚vitruvianische‘ – Zeit nach 1500/1600. Doch wenn man die Dinge auf diese Weise angeht und stärker auf die Empirie – gegen den (später oftmals) angestrebten Primat von Regeln und deren implizite Anwendung in deduktiver Weise – bezieht, öffnet sich auch der historische Raum. Die Probleme von Bauwissen und Praxis und deren Zusammenführung in empirischen Prozessen stellen sich beispielsweise auch in durchaus ähnlicher Weise in ‚spätgotischer‘ Zeit dar und führen zu Bauwerken von höchster architektonischer Virtuosität. Vergleiche von Arnold von Westfalen und Guarino Guarini oder Benedikt Ried und Johann Blasius Santini-Aichel mögen – für einmal über historische Kontexte hinweg – zu erweiterter und noch differenzierterer Betrachtung anregen.

Die Veranstaltung richtet sich an Architekturtheoretiker, Architekten, Kunsthistoriker, Technik- und Wissenschaftshistoriker u.a.m. und möchte ausgewiesene Kenner der Materie und insbesondere jüngere Forscher aus verschiedenen Ländern zusammenführen.

Um viel Zeit für gemeinsame Diskussionen zu haben, sollten die Referate nicht länger als 20 Minuten dauern. Sie können deutsch, englisch, französisch und italienisch vorgetragen werden. Passive Deutschkenntnisse werden vorausgesetzt.

Bedingungen: Die Stiftung übernimmt die Kosten für die Übernachtung und z.T. die Verköstigung der Referenten. Reisespesen können nicht erstattet werden.

Wir bitten um Bewerbungen mit einem kurzen Exposé und CV bis spätestens 20. Dezember 2021 per e-mail an: anja.buschowbibliothek-oechslin.ch

---

Tenth Colloquium on Architectural Theory at the Werner Oechslin Library

Practical Construction Knowledge

Practice and theory stand in an extremely lively relation to each other, since Vitruvius (I,I,1) asserted the definition of his “scientia” of architecture with “FABRICA” and “RATIOCINATIO” and specified this with “demonstrare atque explicare”. But here, in the translation of “fabrica” and “ratiocinatio” with theory and practice, the problems begin already. Vitruvius does not present two equal, complementary partners, they rather form a sequence and order that leads from building (the “fabrica”) to the added “ratiocinatio”, which accompanies and explains making. No independent theory, but an explaining and justifying, an elucidation and introduction to practice! Or simply: “practice using your brains”! For Leon Battista Alberti, too, who begins his appropriate terms the other way around with the “lineamenta”, this - the conception, the drawing, the design! – leads purposefully to the “structura”, the building.
This is already asserted by Aristotle, who defines art in general as “habitus faciendi”, as a making and producing, to which he then adds the “cum ratione”, which correspnds to Vitruvius' “ratiocinatio”. Every action happens in a certain way, preferably ‘rationally’, which means that for this action one or more experiences are resorted to, which, from mere making, develop an “ars”, an art - in the ancient sense of τέχνη (techne); this is also elaborated by Aristotle at the beginning of the Metaphysics and is taken up by someone like Daniele Barbaro, Palladio's mentor: “Nasce ogni Arte dalla Isperienza.” The objectives, the purposes and the uses then tie into this. Of course, this also leads to insights that are more ‘general’. But in relation to architecture, everything is oriented towards making and doing and assigned to the corresponding competence, the “mestiere”, the “mêtier”. And the additional required knowledge, which constitutes the education of the architect, is selected and determined according to this measure - according to Vitruvius in his argumentation against Pytheos; it is based on the doing, on the “operis effectus” and the objective. Whoever understands ‘too much’ of mathematics, let him become a mathematician!

Where does this lead? Which objectives are achieved in this way? Certainly they are not exhausted in determining the form, in the formal design. Lukas Voch denounces such one-sidedness in his booklet Wirkliche Baupraktik der bürgerlichen Baukunst (Real Building Practice in Civil Architecture) in 1780.
One imagines oneself closer to an idea such as the physicist and Freemason Laurenz Johann Daniel Succov put it in 1751 in the first paragraph of his “Ersten Gründe der Bürgerlichen Baukunst” (First Principles of Civil Architecture): “We build when we link bodies to a certain purpose.”
One should not overlook that already the ‘learned’ Leon Battista Alberti represented exactly this view by speaking of the building as a “corpus quoddam”, a body, and then explaining the architect's actions with the - physical - movements of bodies in shifting and joining together (“ex ponderum motu corporumque compactione et coagmentatione”). In his Vitruvius translation Hermann Ryff speaks of the “Bauwerck”. And it is advisable to occasionally take this point of view - and not the “forms of appearance” propagated by modern architecture in unison with art history - as the starting point of a consideration, in a time when actual building, the old τέχνη (techne) and the art of making have long since come to dominate architecture again.
Naturally, in the course of history, relevance to practice has been claimed from various quarters. Such problems are particularly evident in the context of the French architecture academy. Everyone claims that their books, texts and ‘theory’ should serve practice - what else! It is undisputed that in the end there is the act of building. But there remains a large space between mere regulations or exemplary guidelines, a rule of thumb or entire doctrinal systems and theories. The quickest and shortest way is often decisive, and this is not necessarily very easy. Even Vignola‘s “Regola”, with which he seeks to explain the systems of measure and proportions of all orders of columns, and which is supposed to be “semplice” and “spedita”, is quite demanding on closer inspection.

This description of practice-related construction knowledge here concerns the later – Vitruvian – period after 1500/1600 first of all. But if one approaches things this way and refers more strongly to empiricism – in contrast to the (later often) sought-after primacy of rules and their implicit application in a deductive manner - the historical space also opens up. The problems of construction knowledge and practice and their combination in empirical processes also present themselves in a thoroughly similar way in the late Gothic period, for example, and lead to buildings of the greatest architectural virtuosity. Comparisons of Arnold von Westfalen and Guarino Guarini or Benedikt Ried and Santini-Aichel may inspire - for once across historical contexts - an extended and even more differentiated consideration.

The event addresses architectural theoreticians, architects, art historians, historians of technology and science, and others, and seeks to bring together leading experts on the topics as well as, in particular, young researchers from various countries.

Papers should be limited to twenty-minute presentations.

Languages for paper proposals and presentations: German, English, French, Italian. At least a passive knowledge of German is expected of all participants.

The Foundation assumes the hotel costs for course participants, as well as for some group meals. Travel costs cannot be reimbursed.

Please send short paper proposals and CVs by e-mail to: anja.buschowbibliothek-oechslin.ch

Deadline: 20 December 2021

Stiftung Bibliothek Werner Oechslin
Luegetenstrasse 11
8840 Einsiedeln
https://www.bibliothek-oechslin.ch

Quellennachweis:
CFP: 10. Architekturtheoretisches Kolloquium (24 Apr-1 May 22). In: ArtHist.net, 22.11.2021. Letzter Zugriff 03.12.2021. <https://arthist.net/archive/35399>.

^