CFP 15.09.2010

Das Kunstprojekt - emanzipatorische Praxis (Bern, 8-9 Apr 11)

Eva Kernbauer

CfP: Das Kunstprojekt - emanzipatorische Praxis und optimiertes
Selbstmanagement

8./9. April 2011, Universität Bern
Verantwortlich: Dr. Eva Kernbauer (Bern) und Dr. Rachel Mader (Zürich)

Der Begriff "Projekt" hat sich heute als Arbeitsmodell und
Organisationsform künstlerischer Praxis nachhaltig durchgesetzt. In
Absetzung zum traditionellen Werkbegriff ermöglicht er die eingängige
und umfassende Bezeichnung unterschiedlichster Arbeitszusammenhänge und
Kollaborationsformen zeitgenössischer Kunstproduktion. Deren aktuelle
Ausformulierungen - Arbeitsteilung, Spezialisierung, Kollaboration,
Partizipation, Prozessualität, Temporalität - werden damit ebenso
erfasst wie interdisziplinäres Vorgehen, Kommunikations- und
Organisationskompetenz und Selbstbestimmung evoziert werden.

Aus Sicht der Sozialwissenschaften kommt dieser aktuelle Hype wenig
überraschend, ist kreatives Arbeiten doch das paradigmatische Vorbild
der spätkapitalistischen "projektbasierten Polis" (Boltanski/Chiapello,
Der neue Geist des Kapitalismus, 1999), in der persönliche und
berufliche Ziele in eins fallen und temporäre, informelle Strukturen und
Kollaborationsmodelle traditionelle Formen von Produktionsarbeit ersetzt
haben. Die Grundthese der Autoren besteht ja in der Übernahme
künstlerischer Organisationsformen, die eigentlich als Kritik an
bürgerlichen und materialistischen Verhältnissen gedacht waren, durch
Managementstrategien, während umgekehrt deren Sprache in der
Kreativwirtschaft heute weitaus mehr Akzeptanz findet als je zuvor.
Tatsächlich sind einige der Leitfiguren und -konzepte der
"projektbasierten Polis", etwa der "Vermittler" oder die
Organisationsform des "Netzwerks", gerade in der zeitgenössischen
Kunstpraxis und -theorie zu grosser Bedeutung gelangt.

Nun beruft sich die kritische, emanzipatorisch gedachte Gegenwartskunst
seltener auf solche Parallelphänomene aus der Wirtschaft, als vielmehr
auf idealistischere, in den 1960er Jahren entwickelte Konzepte der
Projektform als ökonomisches und gesellschaftspolitisches
Alternativmodell selbständigen und eigenverantwortlichen Handelns. Das
"Projekt" steht hier für dynamische Formen der Selbstorganisation und
-ermächtigung. Die Tradition solcher Vorstellungen lebt bis heute in der
künstlerischen Kritik zeitgenössischer Arbeitsbedingungen weiter (vgl.
Sønke Gau/Katharina Schlieben, Work to do! - Selbstorganisation in
prekären Arbeitsbedingungen, 2009).

Diese Ausgangslage bietet vielfache Ansatzpunkte zur kritischen
Diskussion, da die parallele Etablierung des Begriffes und seine
Anwendung in den Feldern Kunst und Ökonomie problematische und paradoxe
Situationen generiert haben. So befindet sich das widerständige
Potential hautnah neben der Optimierung kreativ-innovativen Denkens,
flache Hierarchien neben der Dekonstruktion anerkannter Rollenbilder und
die Autonomie des selbständigen Organisierens neben der neoliberalen
Selbstverwaltung auf eigenes Risiko.

Gerade aus der Perspektive der Kunst und der Kunstschaffenden scheint
die Nähe zu den Mechanismen der vollständigen Ökonomisierung
ausgesprochen problematisch, wird doch dadurch nicht nur ihre
Sonderstellung in der Gesellschaft in Frage gestellt, sondern auch der
damit verbundene Anspruch auf die kritische Reflexion dieser
Verhältnisse. Eine Klärung des Begriffs und seiner aktuellen Anwendung
ist deshalb für die bildende Kunst dringend notwendig. Dabei ist es
interessant, Aspekte der Planungskompetenz und -kontinuität,
Flexibilität und Selbstverwaltung, konstante Innovation oder auch
Nachhaltigkeit, die diese Arbeitsform in anderen Bereichen verspricht,
anhand konkreter Beispiele der Gegenwartskunst zu untersuchen. Von
besonderem Interesse wäre zudem eine Analyse historischer Beispiele,
entlang derer zeitspezifische Konstellationen und ihre Veränderungen
deutlich gemacht werden könnten.

Denn möglicherweise stellt die aktuelle Verwendung in der
Managementliteratur nur eine zeitweilige und einseitige Überformung
eines deutlich komplexeren Begriffs dar, der ebenso die "Produktivität
der Unvollkommenheit" wie die "Geschichte des Scheiterns" (Markus
Krajewski, Projektemacher. Zur Produktion von Wissen in der Vorform des
Scheiterns, 2008) umfasst. Einen Hinweis darauf gibt der Umstand, dass
auch die Geschichte der künstlerischen Avantgarden höchst
unterschiedliche Stationen der Verwendung des Begriffs kennt, vom
russischen Konstruktivismus zur Konzeptkunst der 1960er Jahre bis hin zu
aktivistischen und interventionistischen Kunstformen. Ein Blick weiter
zurück zur frühmodernen und aufklärerischen Tradition, etwa zu Daniel
Defoes Essay upon Projects (1697), entdeckt nicht nur Unternehmertum,
sondern ebenso Waghalsigkeit, Betrügerei und Weltverbesserungsansprüche.
Gegenüber der gegenwärtigen Rhetorik kontrollierter Kreativität und
vollständiger Planbarkeit wird dort die etymologische Tradition des
"hingeworfenen" ("projectus") Entwurfs offenbar, der ebenso
Potentialität wie Ungewissheit enthält.

Die Tagung dient der Herausarbeitung der Spezifität des Projektbegriffes
in der Kunst sowohl in seiner aktuellen Ausformulierung wie auch in
historischer Perspektive. Dabei zielt sie nicht nur auf eine Analyse
einzelner Fallbeispiele, anhand derer die unterschiedlichen Funktionen
und Anwendungen der Werkform des "Projekts" untersucht werden können.
Genauso zentral sind genaue Überlegungen zur Positionierung
projektbasierter Bestrebungen zwischen Selbstmanagement und alternativer
Organisationsform.

Die Beiträge zielen auf folgende thematische Schwerpunkte (keine
abschliessende Aufzählung):

- Anwendungen: Formen des Projekts in der Gegenwartskunst;
Visualisierungen von Projekten und Modellen zwischen Potentialität und
Eigenständigkeit
- Versprechungen: Implikationen, Projektionen und Probleme des
Projektbegriffs in der Gegenwart
- Herleitungen: Referenzen auf den Projektbegriff seit seinem Aufkommen
in der Kunst im frühen 20. Jahrhundert; Anwendungen des aktuellen
Projektbegriffes auf ältere Beispiele der Kunstproduktion
- Interpretation: Folgen für die kunstwissenschaftliche Analyse und für
die Verwendung von Begriffen wie "Entwurf", "Studie", "Modell" in der
Gegenwartskunst; Beziehung zwischen Werk- und Projektbegriff
- Verortungen: Das Projekt in Künstlerförderung und Organisation
künstlerischer Produktion
- Problematisierung: kritische Diskussion der im Umfeld des Projekts
genutzten Rhetorik, der damit vorgenommenen Selbstverortung oder auch
der aktuellen Ambivalenzen dieser Arbeitsweise

Wir bitten um Zusendungen von Abstracts für mögliche Vorträge in
deutscher, englischer oder französischer Sprache (max. 400 Worte) bis 1.
Dezember 2010 an: eva.kernbauerikg.unibe.ch und rachel.maderzhdk.ch.
Die ReferentInnen werden bis Ende Dezember 2010 benachrichtigt.
Die Tagung wird von der Universität Bern finanziell unterstützt. Reise-
und Übernachtungskosten werden übernommen.

Quellennachweis:
CFP: Das Kunstprojekt - emanzipatorische Praxis (Bern, 8-9 Apr 11). In: ArtHist.net, 15.09.2010. Letzter Zugriff 18.04.2026. <https://arthist.net/archive/32908>.

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